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Fast 50.000 Jugendliche verlassen die Schule ohne Abschluss – jedes Jahr. Lehrerverbände streiten über die Ursachen

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GÜTERSLOH. Menschen ohne Abschluss landen häufig in prekären Beschäftigungsverhältnissen – und fehlen der Wirtschaft als Fachkräfte. Besonders gefährdete Gruppen: Jungen, Ausländer, Förderschüler. Eine Studie zeigt, dass die Zahl der Schulabbrecher – die Bund und Länder schon vor 15 Jahren auf vier Prozent senken wollten – in den vergangenen Jahren sogar noch leicht gestiegen ist. Wie kann das sein? Lehrerverbände streiten über die Ursachen.

Die Absturzgefahr ist für Jugendliche ohne Abschluss groß (Symbolfoto). Foto: Shutterstock

Die Schulabbrecher standen schon einmal im Fokus – 2008, beim Bildungsgipfel der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel und der Ministerpräsidenten der Länder. Auf maximal vier Prozent, so lautete das damalige Versprechen, sollte die Zahl der Schulabbrecher (die damals bei rund acht Prozent lag) gesenkt werden. Tatsächlich gelang es binnen fünf Jahren, auf 5,7 Prozent herunterzukommen. Seitdem allerdings geht es wieder aufwärts.

Zehntausende Jugendliche beenden Jahr für Jahr ihre Schulzeit, ohne zumindest einen Hauptschulabschluss in der Tasche zu haben. Obwohl einige Bundesländer Fortschritte gemacht haben, stagniert der Anteil der Schulabgänger ohne Abschluss insgesamt seit Jahren bei etwa sechs Prozent. Das geht aus einer Studie des Bildungsforschers Klaus Klemm im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hervor, die am Montag veröffentlicht wurde. «Unsere Gesellschaft kann es sich angesichts des wachsenden Fachkräftemangels nicht leisten, diese Personen durchs Raster fallen zu lassen», wird Klemm von der Stiftung zitiert.

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„Die aktuellen gestiegenen Zahlen der jungen Menschen ohne Schulabschluss in unserem Land sind ein Schlag ins Gesicht eines jeden Pädagogen”

Der Bildungsforscher macht einen Zehn-Jahres-Vergleich von 2011 bis 2021 – neuere Daten lagen demnach nicht vor, als die Studie erstellt wurde. 2021 standen rund 47.500 Schülerinnen und Schüler am Ende ohne Hauptschulabschluss da, das entspricht einem Anteil von 6,2 Prozent. 2011 waren es 6,1 Prozent gewesen. Bis 2013 sank die Quote auf 5,7 Prozent, seitdem stieg sie wieder an – bis auf einen «Knick» im Jahr 2020, der laut der Studie einem «zurückhaltenden Umgang mit Schulleistungen» während der belastenden Pandemie geschuldet ist.

Jungen und Heranwachsende mit ausländischer Staatsangehörigkeit sind demnach besonders gefährdet. Laut der Studie machten Mädchen Stand 2020 nur 38 Prozent der Schulabgängerinnen ohne Abschluss aus. In der Gruppe der Ausländer lag die Quote der Abgänger ohne Abschluss 2020 bei 13,4 Prozent, bei den Deutschen bei 4,6 Prozent. 49 Prozent aller Jugendlichen ohne Abschluss waren 2020 auf einer Förderschule, 20 Prozent auf einer Gesamtschule, 13 Prozent auf einer Hauptschule.

Einige Bundesländer konnten ihre vergleichsweise hohen Quoten im Untersuchungszeitraum nach unten drücken, etwa Mecklenburg-Vorpommern (von 13,3 auf 8,1 Prozent), Sachsen-Anhalt (von 12,1 auf 9,6 Prozent) und Berlin (von 9,7 auf 6,7 Prozent). In Bremen stieg sie dagegen an, dort war 2021 die Quote mit 10,0 Prozent am höchsten. In Baden-Württemberg (5,8 Prozent), Hessen (5,3) und Bayern (5,1) war der Anteil im Jahr 2021 am niedrigsten.

Menschen ohne Abschluss haben ein höheres Risiko, in prekären Beschäftigungsverhältnissen zu landen. Laut der Studie droht vielen der jetzigen Abgänger ohne Abschluss, als «Nachwuchs» zu den rund 1,7 Millionen jungen Erwachsenen im Alter von 20 bis 30 ohne Ausbildung zu stoßen, die Stand 2021 in Deutschland lebten.

Angesichts der «erschreckend hohen Zahlen» seien Maßnahmen zum Abbau der Quote unverzichtbar, im Mittelpunkt der Anstrengungen sollten Jungen sowie Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund stehen, heißt es in der Studie. Die Bertelsmann Stiftung empfiehlt zudem, über das klassische Abschlusszeugnis hinaus zu dokumentieren, welche Kompetenzen die Jugendlichen erlernt haben: Das würde die Chance auf eine Ausbildung auch ohne formalen Abschluss erhöhen. Ein weiterer Hebel sei die Ausbildungsgarantie. Die Ampelparteien haben diese in ihrem Koalitionsvertrag verankert.

„Wir dürfen es gar nicht dazu kommen lassen, dass so viele Jugendliche nicht adäquat gefördert werden können”

Dass fast 50 Prozent der Schulabgängerinnen und -abgänger ohne Abschluss von Förderschulen kommen, die häufig keinen allgemeinbildenden Abschluss vorsehen, alarmiert die GEW. Auch deshalb muss die Inklusion an den Schulen gestärkt werden – meint jedenfalls die Gewerkschaft. „Der gemeinsame Unterricht aller Kinder und Jugendlichen in einem inklusiven Schulsystem muss dringend ausgebaut werden. Dafür müssen die allgemeinbildenden Schulen mehr personelle und materielle Ressourcen erhalten. Wir dürfen nicht weiter tatenlos zusehen, dass so viele junge Menschen die Schule ohne Abschluss verlassen – und damit kaum Berufs- und Lebensperspektiven haben“, sagt Ralf Becker, GEW-Vorstandsmitglied Berufliche Bildung und Weiterbildung.

Der Deutsche Realschullehrerverband VDR sieht die Ursache für die Situation hingegen in zu viel Inklusion. „Die aktuellen gestiegenen Zahlen der jungen Menschen ohne Schulabschluss in unserem Land sind ein Schlag ins Gesicht eines jeden Pädagogen und spiegeln vor allem eine verfehlte Schulstrukturpolitik der vergangenen Jahre wieder. Wer differenzierte Schulformen auflöst oder zusammenlegt, wer Förderschulen abschafft, wer abschlussbezogene Bildungsgänge einebnet, der muss sich nicht wundern, wenn man am Ende vor dem Scherbenhaufen steht. Leidtragende sind die jungen Menschen, die spezifisch gefördert und begleitet werden müssen“, erklärt VDR-Bundesvorsitzender Jürgen Böhm.

Der VBE macht die schlechten Arbeitsbedingungen für Lehrkräfte an den Schulen für die hohe Zahl von Schulabbrechern („beschämend für den Bildungsstandort Deutschland“) verantwortlich. „Wir dürfen es gar nicht dazu kommen lassen, dass so viele Jugendliche nicht adäquat gefördert werden können. Dafür braucht es Entlastung der Lehrkräfte von Verwaltungsarbeiten und die multiprofessionelle Zusammenarbeit in entsprechenden Teams an der Schule. Psychologen und Logopädinnen, Schulbegleitung und Sozialarbeit – alle müssen Hand in Hand für den Bildungserfolg arbeiten und die Möglichkeit erhalten, die Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern. Dafür braucht es Investitionen in das Bildungssystem”, sagt VBE-Bundesvorsitzender Gerhard Brand.

Er betont: „Wer weiß, dass jede Person ohne Abschluss den Staat Hunderttausende Euro kostet, kann sich leicht ausrechnen, dass Prävention immer günstiger sein wird als die Akutbehandlung.”

Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) bezeichnet die Befunde der Studie als «dramatisch». «Wir müssen stärker auf die einzelne Schülerin und den einzelnen Schüler schauen und Bildungschancen für alle Jugendlichen ermöglichen. Das Ziel muss eine individuelle Förderung und Begleitung sein, gerade sozial benachteiligter Kinder und Jugendlicher», sagt sie. SPD-Chefin Saskia Esken erklärt: «Es muss der Anspruch des Bildungssystems sein, dass alle jungen Menschen im Rahmen der Schulpflicht die Kompetenzen und Qualifikationen erlangen, die sie zu einem selbstbestimmten Leben und zur Aufnahme einer Berufsausbildung befähigen.» Gerade in Zeiten des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels müsse man Potenziale aller jungen Menschen in Deutschland entwickeln. News4teachers / mit Material der dpa

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