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Wahlen in Sachsen und Thüringen: AfD unter Kindern und Jugendlichen beliebteste Partei – breite rechtsextreme Jugendkultur?

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DRESDEN. Am Sonntag stehen in Sachsen und Thüringen Landtagswahlen an. Einen Sieger bei Kindern und Jugendlichen gibt es schon in beiden Freistaaten: die AfD, deren dortige Landesverbände vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft werden. Sie ging bei den U18 Wahlen als klare Gewinnerin hervor. Der Magdeburger Sozialwissenschaftler David Begrich sieht eine breite neonazistische Jugendkultur in Ostdeutschland heraufziehen.

Aufmarsch jugendlicher Neonazis in Leipzig – Szenen aus einem Video des Vereins democ (hier geht es hin). Screenshot

Der vom sächsischen Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestufte Landesverband hat bei der simulierten U18-Wahl in Sachsen im Rennen um den Landtag am besten abgeschnitten. Mehr als jeder dritte Jugendliche stimmte für die AfD, die damit auf 34,5 Prozent der Stimmen kam. Den Wert der zweitplatzierten CDU (16,2 Prozent) konnte die Partei in der Gunst der Jüngsten damit mehr als verdoppeln. Auf Rang drei folgte derweil die Linke mit 11,8 Prozent.

Für die Ampel-Regierungsparteien in Berlin gab es ein ernüchterndes Ergebnis. Während die SPD mit 8,5 Prozent der Stimmen noch am besten wegkam, würden die Grünen bei den Kindern und Jugendlichen in Sachsen mit 5,7 Prozent gerade so den Einzug in das Parlament bewerkstelligen. Davon kann Sachsens FDP bei der U18-Wahl nur träumen. Nur 2,2 Prozent der Kinder und Jugendlichen stimmten für die Liberalen. Das neu gegründete Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) erreichte dagegen 4,8 Prozent und Satire-Partei „Die Partei“ kam auf 4,6 Prozent.

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Ein ähnliches Bild zeigt sich in Thüringen: Dort hat ebenfalls die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestufte AfD mit 37,4 Prozent des Gesamtergebnisses die meisten Stimmen erhalten. Danach folgen die CDU mit 17,8 Prozent, die SPD mit 10,6 Prozent, Die Linke mit 8,9 Prozent und das BSW mit 7 Prozent. 18,3 Prozent entfallen auf die weiteren Parteien.

„An uns und alle demokratischen Akteure geht der klare Auftrag, weiterhin demokratische Werte zu fördern und für diese einzutreten“

„Das Abschneiden der AfD ist natürlich besorgniserregend, zeigt es doch, dass deren Ideen auch bei jungen Menschen verfangen“, sagte der Vorsitzende des sächsischen Kinder- und Jugendrings, Vincent Drews. „An uns und alle demokratischen Akteure geht der klare Auftrag, weiterhin demokratische Werte zu fördern und für diese einzutreten.“

Insgesamt wurden mehr als 9.000 Stimmen bei der U18-Landtagswahl in Sachsen abgegeben. Die Wahl stellt dabei keine repräsentative Umfrage dar, sondern wird als Projekt für politische Bildung verstanden. Für das Jahr 2023 wies Statista eine Zahl von über 660.000 Kindern und Jugendlichen im Freistaat aus. Jugendliche konnten vom 19. bis 23. August ihre Stimmen in 150 Wahllokalen in ganz Sachsen abgeben. In Thüringen stimmten währenddessen 2.000 junge Menschen in 29 Wahllokalen ab.

Trotz der fehlenden Repräsentativität sollten die Ergebnisse nicht als „Spaß-Wahl“ betrachtet werden. Das Akquirieren der jüngsten Generationen hat bei der AfD Methode. Vor allem in den sozialen Medien, unter anderem auf TikTok, läuft die Partei den demokratischen Parteien den Rang ab, verbreitet ideologisch und subjektiv aufgeladene Postings, die Kinder und Jugendliche ungefiltert und ohne Faktencheck präsentiert bekommen.

Die am Montag vorgestellte „Jugendwahlstudie 2024 Ost“ vom Augsburger Institut für Generationen-Forschung bekräftigte, dass für Jugendliche in Ostdeutschland die Trennung des politischen Spektrums in linke und rechte Parteien dadurch immer weniger von Bedeutung sei und Grenzen auch fließend verschwimmen würden. 26 Prozent der mehr als 1.000 Befragten sträuben sich demnach vor einer Einordnung der Parteien in Lager. 33 Prozent der befragten Erstwählerinnen und Erstwähler ordneten sich der politischen Mitte zu. Von diesen würden aber wiederum 17 Prozent die rechte AfD und 18 Prozent das linke BSW wählen – zwei Extreme an den politischen Rändern.

Das sei aber nicht mit „Protestwählen“ erklärbar, unterstreicht das Ergebnis der Studie. 74 Prozent der Befragten gaben demnach zu Protokoll, die AfD wegen der „inhaltlichen Positionen“ zu wählen. Den viel zitierten „Denkzettel“ an die anderen Parteien wollen nur rund 16 Prozent verpassen. 41 Prozent gaben ferner an, sie glauben, dass die politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern sich für die Belange von normalen Bürgerinnen und Bürgern nicht interessieren würden. 32 Prozent waren sogar der Meinung, dass diese der Bevölkerung schaden wollen.

„Was wir da sehen, ist die Wiederkehr eines jugendkulturellen und zugleich gewaltbereiten Neonazismus”

Der Soziologe David Begrich, Mitarbeiter der Arbeitsstelle Rechtsextremismus beim Verein Miteinander in Magdeburg, bringt den Aufstieg der AfD mit dem Erstarken des Rechtsextremismus in Ostdeutschland zusammen.

Mit Blick auf die jüngsten rechtsextremen Aufmärsche in Leipzig und Bautzen, wo viele sehr junge Menschen zu sehen waren, erklärt er in einem Interview mit der „Zeit“: „Die Proteste werden organisiert von einem Netzwerk rechtsextremer Gruppen, die ostdeutschlandweit zur Teilnahme aufrufen. Dazu gehören die Freien Sachsen oder die Jugendorganisation der früheren NPD, der heutigen Heimat-Partei. Sie richten sich an eine neue, erlebnisorientierte Generation von jungen Leuten, die gerade erst beginnt, sich in die rechtsextreme Szene zu sozialisieren. Ja, und manche sind erst 14.“

“Rechtsextreme Erlebniswelten”: Szene aus einem Video des Vereins democ (hier geht es hin). Screenshot

Angezogen würden die Kinder und Jugendlichen „vor allem über die rechtsextremen Erlebniswelten in den sozialen Netzwerken. Man kann sich bei Instagram, TikTok und vor allem Telegram problemlos binnen kurzem vernetzen, in Politisierungsprozesse einsteigen und radikalisieren.“ Dabei handele es sich nicht um sozial Benachteiligte. „Abgehängt sind die allermeisten bestimmt nicht. Dazu sind sie zu gut gekleidet und haben zu teure Handys.“

Begrich: „Was wir da sehen, ist die Wiederkehr eines jugendkulturellen und zugleich gewaltbereiten Neonazismus. Diese Aufzüge haben heute immer zwei Handlungsebenen: Da ist das Ereignis an sich, bei dem man für einige Stunden den Sozialraum okkupiert, anderen Angst macht. Mindestens genauso wichtig ist die Reproduktion dieses Verhaltens im Internet, wo sie eine Wirkung auf andere haben, Stärke und Attraktivität ausstrahlen. Natürlich ist das für einige Jugendliche spannend.“ Rechtsextreme Symboliken würden vielerorts längst hingenommen, nicht nur in den Elternhäusern, sondern auch im öffentlichen Raum – an den Schulen. Jugendliche müssten es kaum mehr rechtfertigen, wenn sie rechtsextreme Musik hörten oder Neonazi-Klamotten trügen.

Und was ist mit den Eltern? „In manchen Elternhäusern gibt es auch stillschweigende oder ausgesprochene Zustimmung. Man erkennt da die Normalisierung des Rechtsextremismus im Alltag – etwas, das durch den Aufstieg der AfD zu einer etablierten politischen Kraft kam.“ News4teachers / mit Material der dpa

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