Wenn Rechtsextremismus eine Schule fest im Griff hat – Fall Burg: Weitere demokratische Lehrerin kapituliert

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BURG. Vor einem Jahr hatten zwei Lehrkräfte der Grund- und Oberschule im brandenburgischen Städtchen Burg rechtsextreme Übergriffe in einem Brandbrief öffentlich gemacht. Nach Drohungen und Anfeindungen verließen sie die Schule. Einige Kolleginnen und Kollegen der beiden nahmen sich viel vor, um das Klima an dem Standort zu verbessern und die Demokratiebildung voranzubringen. Nun kapituliert eine weitere Lehrkraft. Offensichtlich hat der Rechtsextremismus die Schule fest im Griff.

Osterfeuer in Burg. Foto: Shutterstock / Vladimir Wrangel

Ein Jahr nach Bekanntwerden rechtsextremer Übergriffe an der Schule in Burg hat eine weitere Lehrkraft genug – sie kündigt den Weggang von der Schule an. Die Politiklehrerin Jette Schega, die an der Grund- und Oberschule in dem Touristenort im Spreewald unterrichtet, wird die Schule im Sommer verlassen, wie sie im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur betont. Sie brauche mehr positive Energie.  Diese wolle sie dorthin geben, wo «Veränderung im Ganzen» erwünscht sei und das Schulkonzept passe. Das war in Burg offensichtlich nicht der Fall.

Den Weggang ihrer Kollegen Laura Nickel und Max Teske vor einem Jahr hatte Schega seinerzeit als «beschämende Reaktion» bezeichnet, der sich Schulamt, Schulleitung, aber auch das Lehrerkollegium stellen müssten. Die Lehrkräfte hatten in einem Brandbrief tägliche rechtsextremistische Übergriffe an ihrer Schule öffentlich gemacht. Danach waren sie zunehmend Anfeindungen und Drohungen von Rechtsaußen ausgesetzt. Im Sommer verließen sie die Schule.

«Politikbildung wird aber zu Hause betrieben, ohne Elternhäuser wird das nur Stückwerk»

«Ihr Weggang ist eine Reaktion auf Nichthandeln, Ohnmacht und Anfeindungen», erklärte Schega damals. Sie und andere Lehrkräfte, darunter Nickel und Teske, hatten sich zusammengeschlossen, um unter anderem mit Projekten zur Demokratiebildung eine Veränderung des Klimas an der Schule anzustoßen. So wurde zum Ende des vergangenen Schuljahres ein Demokratiefest mit Workshops organisiert. Darin ging es um Fragestellungen wie: «Warum fliehen Menschen?» oder «Schule, ein schöner Ort zum Leben?»

Nach dem Brandbrief hätte es mehr praktische Unterstützung und Ergebnisse von Schulleitung und Schulträger gebraucht, kritisierte Schega damals. Das Mindeste wäre ein «geschlossenes Wording» der Lehrerschaft in Burg beim Umgang mit solchen Vorfällen gewesen. «Es ist wichtig, dass wir ins Handeln und Umsetzen kommen und Verantwortung übernehmen.» Der Lehrerin fehlte überdies ein genaueres Hinschauen auf die Eltern der Schülerinnen und Schüler.

Gegenüber der «Zeit» berichtet sie nun von Schülern, die Opfer des Nationalsozialismus verhöhnen, von Jugendlichen, die von Rechtsextremen eingeschüchtert werden – noch immer. Und sie redet von Kollegen, die ihre Ruhe haben wollen und all das achselzuckend hinnehmen. «Da hat sich eigentlich nichts verändert», sagt Schega.

Ein beliebtes Thema unter vielen Schülerinnen und Schülern sei die angebliche linksradikale Unterwanderung, erklärt sie. Obwohl das durch nichts belegt sei, würde überall die Antifa vermutet. Kinder und Jugendliche würden als «linke Zecken» bezeichnet und gemobbt. Ein hingezischtes «Hier stinkt’s» im Vorbeigehen, ein aggressives «Hey, Zecke» über den Hof, das sei Alltag für diese Schülerinnen und Schüler. «Das geht morgens los und endet erst beim Aussteigen aus dem Schulbus», sagt Schega. Dabei seien diese Schülerinnen und Schüler weit davon entfernt, linksradikal zu sein: «Das sind junge Demokraten, die auf Demos gegen die AfD gehen und versuchen, Freunde zu haben, die nicht rechtsradikal sind.»

Eine Schülerin hatte das Klima an der Schule so beschrieben: «In den Pausen kommen uns Schüler:innen mit gehobener Hand, dem sogenannten Hitlergruß entgegen, doch die meisten Lehrer:innen schauen nur weg und unternehmen nichts. Auch im Unterricht macht man sich über Schüler:innen, die die rechtsradikale Einstellung nicht vertreten, lustig und man bekommt Sätze wie zum Beispiel ‚Ihr scheiß linken Zecken, geht ’nen N*gga ficken und frisst seine Scheiße‘ zu hören. Mittlerweile ist dieses Verhalten schon so weit, dass Schüler:innen Angst haben, denn sie wissen nicht, wozu diese Leute an ihrer Schule noch fähig sind.»

«Alle reden über Demokratiebildung, so einfach ist das nicht», betont Politiklehrerin Schega. Menschen, die sehr viel Kraft in ein neues «Schulklima» investierten, bräuchten mehr Unterstützung. «Die sehe ich in diesem System der Schule nicht», sagt sie. Zudem fehle eine Verbindung zu den Elternhäusern. Sie könne Wissen und Haltung vermitteln, Fragen stellen. «Politikbildung wird aber zu Hause betrieben, ohne Elternhäuser wird das nur Stückwerk.»

„In Burg und der gesamten Region bis hin nach Cottbus hat sich eine bestens organisierte und hoch aggressive Szene aus Neonazis, Hooligans, organisierter Kriminalität und rechtsextremen Unternehmern etabliert“

Als Konsequenz aus den Vorfällen beschloss der Landtag in Potsdam Anfang Januar mit einem neuen Schulgesetz, dass Brandenburger Schulen schneller als bisher auf Rechtsextremismus reagieren müssen. Zudem erhalten Schulen eigene Finanzmittel, etwa für die Ausweitung von Ganztagsangeboten oder Demokratiebildung. An die Oberschule in Burg kam ein neuer Schulleiter, der sich darum bemüht, Kollegium und Schülerschaft zu befrieden – dabei allerdings einen schweren Stand hat (News4teachers berichtete).

Die Amadeu Antonio Stiftung verglich die rechtsextreme Szene im Spreewald mit organisierter Kriminalität. «In Burg und der gesamten Region bis hin nach Cottbus hat sich eine bestens organisierte und hoch aggressive Szene aus Neonazis, Hooligans, organisierter Kriminalität und rechtsextremen Unternehmern etabliert. Wir müssen hier bereits von einer rechten Mafiaregion sprechen», sagte ein Sprecher im vergangenen Jahr. Die Stiftung zeichnete ein düsteres Bild: «Um die Hoheit zu gewinnen und zu behalten, schrecken Rechtsextreme hier nicht vor Gewalt zurück. Wer hier über Rechtsextremismus spricht und diesen als Problem benennt, macht sich selbst zum Ziel von Anfeindungen, Drohungen und Gewalt.»

Konsequenzen hat das aber praktisch keine – im Fall der Burger Grund- und Oberschule jedenfalls nicht. Ein Großteil der polizeilichen Ermittlungen ist mittlerweile eingestellt worden, obwohl es sich beim Gros der Vorwürfe immerhin um das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen handelte. Auf einem Foto, das im Netz kursiert, zeigen Schülerinnen und Schüler den sogenannten Hitlergruß.

«Wir hatten insgesamt sieben Verfahren im Kontext mit Burg», erklärte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Cottbus in dieser Woche. Davon seien drei Verfahren eingestellt worden, weil die Beschuldigten zum Zeitpunkt des Vergehens nicht strafmündig gewesen seien. In einem Verfahren konnten den Angaben zufolge keine Verdächtigen ermittelt werden, ein anderes Verfahren wurde zuständigkeitshalber an die Staatsanwaltschaft in Chemnitz abgegeben. Eine Entscheidung zu einem verbliebenen Verfahren stehe noch aus. Es werde hier demnächst eine Entscheidung getroffen, erklärte die Sprecherin.

Ein weiteres Verfahren mit insgesamt zwölf Beschuldigten wurde laut Staatsanwaltschaft ebenfalls eingestellt. Beim Großteil der Beschuldigten habe «ein jugendtypisches, unreflektiertes und gruppendynamisches Verhalten zugrunde gelegen». Da sie auch noch nicht strafauffällig geworden waren, wurde die Schuld laut Staatsanwaltschaft als gering angesehen. News4teachers / mit Material der dpa

„Offen gezeigte Hitlergrüße“: Schülervertretungen fordern mehr Engagement gegen Rechtsextremismus an Schulen

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RainerZufall
2 Monate zuvor

Krass!
„Davon seien drei Verfahren eingestellt worden, weil die Beschuldigten zum Zeitpunkt des Vergehens nicht strafmündig gewesen seien.“ Was ist mit den Erziehungsberechtigten? Ich hoffe, die Schule findet entsprechende Konsequenzen für diese SchülerInnen

Besseranonym
2 Monate zuvor

Die Kollegin spricht einen sehr wahren Satz
«Politikbildung wird aber zu Hause betrieben, ohne Elternhäuser wird das nur Stückwerk» ( zumal bei einigen ja nicht einmal das Jugendstrafrecht anwendbar war, müssen diese verflixt jung sein. Da glaubt man Mama und Papa noch und machts den Vorbildern nach ) Schule hat da wenig Chancen, besonders, wenn sehr viele ‚Freunde‘ mitmachen oder auch einfach aus Angst mitlaufen.

Dass die Staatsanwaltschaft dies auch noch unterstützt, eigentlich fördert, zeugt nur noch von Verharmlosungsversuchen und hört sich dann so an:
“ Beim Großteil der Beschuldigten habe «ein jugendtypisches, unreflektiertes und gruppendynamisches Verhalten zugrunde gelegen». Da sie auch noch nicht strafauffällig geworden waren, wurde die Schuld laut Staatsanwaltschaft als gering angesehen. “
“ Die geringe Schuld“ führte immerhin dazu, dass Kollegen, die die verfassungsfeindlichen Vorgehensweisen nicht so stehen lassen wollten, gehen mussten und weiterhin Schüler, die anders denken, bedroht und gemobbt werden.

«In Burg und der gesamten Region bis hin nach Cottbus hat sich eine bestens organisierte und hoch aggressive Szene aus Neonazis, Hooligans, organisierter Kriminalität und rechtsextremen Unternehmern etabliert. Wir müssen hier bereits von einer rechten Mafiaregion sprechen», sagte ein Sprecher im vergangenen Jahr. “
> sagte ein Sprecher im vergangenen ! Jahr schon! !

Na denn, das gibt’s doch nur in Burg ? 🙂
Haben Juristen/ Staatsanwälte Geschichtsvorlesungen ?
Vielleicht sollte man ( z.B das BVG ) auch bei ihnen ein Schützt – die-Demokratie-programm auflegen/ anordnen, – wie bei uns an den Schulen.

Individualist
2 Monate zuvor

„Das Mindeste wäre ein «geschlossenes Wording» der Lehrerschaft in Burg beim Umgang mit solchen Vorfällen gewesen.“
Was bitte ist denn ein „geschlossenes Wording“ der Lehrerschaft? Eine festgelegte Terminologie? Die üblichen Phrasen? Eine von oben verordnete oder per Mehrheit beschlossene Einheitsmeinung? Da möchte ich lieber nicht Lehrer sein. In einer Demokratie kann es keine Einheitsmeinung geben, es gibt unterschiedliche Meinungen im Rahmen des Grundgesetzes. Man sollte offen miteinander über alles reden. Wenn aber jemand nicht reden will, wie soll man den zwingen? Ich lasse mir höchst ungern eine Phraseologie vorschreiben, sondern formuliere lieber selbst.

Übrigens: Wenn Schüler nazifreundliche Äußerungen von sich geben, dann sollte man sie fragen, was sie damit bezwecken. Ob sie gerne die Sitten aus den 1930er Jahren haben wollen wie Zwangsmitgliedschaft in der HJ, Verbot von allerlei „Unzucht“ (also sexuelle Sünden), Verbot von Jazz und anderem („Negermusik“), Führerprinzip bei allen Kleinigkeiten (auch mit unfähigen Parteigenossen als Vorgesetzten), Ariernachweis bis zu den Großeltern, die ständige Gefahr, ohne triftigen Grund von der Gestapo abgeholt zu werden, „wer Jude ist, bestimme ich“, Wehrdienst mit anschließendem Krieg usw. usw.

Unfassbar
2 Monate zuvor

Ich kann die Lehrer, die ihre Ruhe haben wollen, irgendwo verstehen. Die haben vor den Zuständen sehr wahrscheinlich resigniert. Es ist halt ein Problem, wenn mehr als eine kritische Masse von Menschen mit einer zu extremen Anschauung dauerhaft an einem Ort sind. Mit Maßnahmen aus dem anderen Extrem erreicht man nicht viel, die Alphatiere aus den Gruppierungen sowieso nicht. Politisch, kulturell oder religiös spielt dabei keine Rolle.