BONN. In Deutschlands Klassenzimmern wird aussortiert – noch immer fallen Kinder mit Behinderung, einem anderem Lerntempo oder schlechten Deutschkenntnissen durch das Bildungsraster. Das kritisieren Vivian Breucker, Lehrerin und Transformationsanstifterin an der inklusiven Offenen Schule Köln, und Joachim Kottmann, Kulturagent und Mitglied im Bürgerrat Bildung und Lernen. Im Bürgerrat-Podcast „Bildung, bitte!“ diskutieren sie mit Moderator Andreas Bursche, – warum die Forderung „Bildung für alle“ nicht nur die Schulen betrifft, sondern die ganze Gesellschaft.
Lehrerin Vivian Breucker macht gleich zu Beginn deutlich, wie tief die strukturelle Ausgrenzung im deutschen Bildungssystem verankert ist. Deutschland sei nicht eher exklusiv, sondern ganz klar exklusiv – mit dem dreigliedrigen Schulsystem und den parallel existierenden Gesamtschul- und Förderschulsystem. Genau vor diesem Hintergrund sei 2012 die Offene Schule Köln (OSK) entstanden, an der sie arbeitet: gegründet von Eltern von Kindern mit Förderbedarf, die eine neue Normalität schaffen wollten. „Sie haben gesagt: ‚Wir möchten eine Norm gestalten, in der alle Menschen so sein dürfen, wie sie sind oder werden wollen‘“, so Breucker.
Erweiterter Inklusionsbegriff
Deshalb reduziere die OSK Inklusion auch nicht auf die klassische sonderpädagogische Förderung. Stattdessen arbeite die Schule mit einem „erweiterten Inklusionsbegriff“. Dieser orientiere sich am Begriff der Intersektionalität, erklärt Breucker: „Menschen sind unterschiedlich und brauchen unterschiedliche Dinge.“
Joachim Kottmann sieht das ähnlich. Auf die Frage, wer besonders viel Aufmerksamkeit brauche, antwortet er knapp: „Eigentlich alle.“ Entscheidend sei ein grundlegendes Verständnis dafür, wie Menschen funktionieren, lernen und leben. Gerade angesichts gesellschaftlicher Spannungen sei dieses Verständnis wichtiger denn je. „Insofern finde ich auch die Idee des erweiterten Inklusionsbegriffes hervorragend für Schulen.“
„Wenn wir jedem Kind ermöglichen, sein Potenzial auszuschöpfen, dann steigt auch das gesamte Leistungsniveau“
Doch beide wissen: Zwischen Anspruch und Alltag klafft eine Lücke. Es fehle eine breite gesellschaftliche Unterstützung für Inklusion. Aus Sicht von Vivian Breucker eine durchaus nachvollziehbare Entwicklung: „Solange wir in einer leistungsorientierten Gesellschaft leben, in der man dafür sorgen muss, dass sein Kind darin einen Platz findet, ist es nicht zu verteufeln, dass Menschen sich fragen: Was bedeutet das für mein Kind?“ Gleichzeitig betont sie: Inklusion müsse gesellschaftlich gedacht und verankert werden, nicht nur auf schulischer Ebene.
Allerdings: Weder Breucker noch Kottmann wollen die Leistungsgesellschaft abschaffen, sehr wohl aber neu definieren. So schließen sich aus Kottmanns Perspektive Inklusion und Leistung nicht aus: „Wenn wir jedem Kind ermöglichen, sein Potenzial auszuschöpfen, dann steigt auch das gesamte Leistungsniveau, das wir als Gesellschaft erreichen“, betont der Kulturagent.
„Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, die gar nicht Leistung wertschätzt“
Lehrerin Breucker stellt die Normen infrage, an denen die Gesellschaft bislang Leistung misst. Wer nicht für die Norm gemacht sei, verliere automatisch. „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, die gar nicht Leistung wertschätzt. Ich glaube, dass ganz viele Menschen eine viel größere Leistung erbringen bei den Dingen, die sie leisten, in dieser Welt, die nicht für sie gebaut ist, als andere Menschen.“ Sie plädiert dafür, Vielfalt ganz praktisch mitzudenken – etwa, indem Gebärdensprache als erste Fremdsprache angeboten würde: „Warum müssen sich andere in unserer Welt zurechtfinden, statt dass wir uns einander annähern?“
Wie Inklusion praktisch funktionieren kann, zeigen beide anhand eigener Erfahrungen. Kottmann erzählt von Musikprojekten, in denen selbst verhaltensauffällige Kinder gemeinsam für Minuten in Konzentration und Verbindung kommen: Musik schaffe Zusammenhalt und mache Selbstwirksamkeit erfahrbar. Breucker verweist auf Konzepte der OSK – jahrgangsgemischte Gruppen, Verzicht auf Noten bis Klasse 8, individuelle Zielarbeit –, macht aber auch klar, dass selbst ein innovatives Schulmodell stetig weiterentwickelt werden müsse.
Inklusion als Grundlage der Empfehlungen des Bürgerrats Bildung und Lernen
In den Forderungen des Bürgerrats Bildung und Lernen sehen beide wichtige Impulse: längeres gemeinsames Lernen, Stärkung von Selbstwirksamkeit, multiprofessionelle Teams, neue Formen von Unterstützung in Schulen. Kottmann betont, dass Inklusion dort nicht als Einzelthema auftauche – weil sie überall mitgedacht sei.
Breucker weitet den Blick erneut. Schule sei immer ein Spiegel der Gesellschaft gewesen, sagt sie, und müsse sich deshalb verändern, wenn die Wirklichkeit sich verändere. KI, vernetzte Krisen und neue Anforderungen an Kompetenzen machten ein Festhalten an rein kognitiver Wissensvermittlung unmöglich. Gefragt seien Future Skills, Transformationsfähigkeit – und Räume, in denen Menschen einander wirklich begegnen.
„Wir haben lange geglaubt, dass wir alle gleich sind“, sagt Breucker. „Jetzt müssen wir anerkennen, dass Menschen Unterschiedliches brauchen – und miteinander darüber sprechen.“ Für Joachim Kottmann liegt die Hoffnung darin, dass überzeugende Beispiele und demokratische Prozesse wie der Bürgerrat genügend Rückenwind erzeugen, um notwendige Veränderungen unumgänglich zu machen. News4teachers
Mehr als 700 zufällig ausgewählte Menschen aus allen Teilen der Republik haben im Rahmen des Bürgerrats Bildung und Lernen in den zurückliegenden fünf Jahren Empfehlungen für eine zukunftsfähige und gerechte Bildung erarbeitet. Was diesen Bürgerrat von vielen anderen unterscheidet: Gemeinsam mit den Erwachsenen saßen hier auch Kinder und Jugendliche (U16) gleichberechtigt mit am Tisch. Ins Leben gerufen wurde der Bürgerrat von der unabhängigen und gemeinnützigen Montag Stiftung Denkwerkstatt in Bonn. Sie hat auch den vorliegenden Podcast bereitgestellt.
Im Sinne einer lebendigen Demokratie diskutierten die Mitglieder des Bürgerrats gemeinsam über gesellschaftliche und bildungspolitische Fragen. Welche Probleme und Herausforderungen müssen im Bildungsbereich dringend bearbeitet werden? Wie könnten bildungspolitische Reformen aussehen, die Probleme lösen und gleichzeitig in der Gesellschaft mehrheitsfähig sind? Und: Wie soll gerechte Bildung in Zukunft aussehen?
Ein umfassendes Papier mit Empfehlungen wurde in diesem Jahr veröffentlicht (News4teachers berichtete). Leitthema dabei: „Chancengerechtigkeit: Wie viel Freiheit braucht das Lernen?“
Weitere Informationen zum Bürgerrat: www.buergerrat-bildung-lernen.de
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