BERLIN. Bund und Länder haben ihre weitreichenden Lockerungen in der Corona-Krise aus Sicht von Epidemiologen womöglich zu früh getroffen. In den vergangenen Tagen sei die Zahl der Neuinfektionen wieder gestiegen, erläuterte der Leiter der Abteilung System-Immunologie am Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung am Donnerstag, Prof. Michael Meyer-Hermann. Die genauen Ursachen seien noch ungewiss. Prof. Christian Drosten von der Berliner Charité berichtete von einer Studie aus Frankreich, in der ein Corona-Ausbruch in einer französischen Schule untersucht wurde – mehr als 40 Prozent aller Schüler und Lehrer hätten sich danach infiziert.
Der Frankfurter Virologe Dr. med. Martin Stürmer kritisierte: «Wir wollen zu viel auf einmal.» Er sagte «hessenschau.de»: «Das kann gewaltig nach hinten losgehen.» Er habe große Zweifel, ob die Sicherheitsmaßnahmen in der Gastronomie bei allen Bemühungen ausreichend eingehalten werden können. «Beim Essen muss man eben den Mundschutz abnehmen.»
Mit Blick auf die Öffnung von Grundschulen und Kitas sagte Stürmer: «Gerade hinsichtlich der Kleinsten sind die wissenschaftlichen Daten leider nicht eindeutig. Beim derzeitigen Wissensstand tendiere ich dazu, dass die Kinder doch einen ernstzunehmenden Teil dazu beitragen, das Virus zu verbreiten. Und die Kontrolle von Abständen und Hygieneregeln ist hier einfach am schwierigsten.»
Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Bundesländer hatten am Mittwoch Corona-Lockerungen beschlossen wie die schrittweise Rückkehr aller Schüler an die Schulen, die Öffnung der Gastronomie und aller Geschäfte und Training im Freizeitsport. Grundlage dafür waren Infektionsdaten mit Stand Dienstag.
Infektionen durch Schulöffnungen?
Der Anstieg der Zahlen von Neuinfizierten in den Folgetagen korreliere zeitlich mit der vorherigen Öffnung erster Geschäfte, sagte Meyer-Hermann bei einer Veranstaltung des Science Media Center Germany. Ob dies auch der Grund sei, sei aber unklar. Wenige Tage später waren bereits die ersten weiterführenden Schulen für die Abschlussklassen geöffnet worden. Um eventuelle Verzögerungen bei der Datenübermittlung abzuwarten, wäre es aus seiner Sicht auch besser gewesen, erst Ende dieser Woche oder gar kommende Woche Lockerungen der Anti-Pandemie-Maßnahmen zu besprechen.
«Ich weiß nicht, wie schlimm das ist», sagte er. Doch hat die Politik aus seiner Sicht «wahrscheinlich» eine Chance vertan, in relativ kurzer Zeit zu so niedrigen Zahlen zu kommen, dass bei Infizierten eine Kontaktverfolgung und eine Lockerung möglich gewesen wären.
Viola Priesemann, Leiterin der Forschungsgruppe Theorie neuronaler Systeme am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen begrüßte es zwar, den Regionen – wie auf dem Bund-Länder-Gipfel beschlossen – Verantwortung zu geben. Das könne aber nur funktionieren, wenn die Mobilität zwischen den Regionen gering bleibe. Dafür müssten sie die Kontrolle darüber haben, ob das Virus eingeschleppt wird, sagte Priesemann. Ansonsten bekomme ein Landkreis, der sich viel Mühe gebe, mitunter die Folgen zu spüren, wenn im Nachbar-Landkreis die Infektionen hoch bleiben. dpa
Der Virologe Prof. Christian Drosten hat in einem Podcast des NDR von einer neuen französischen Studie berichtet, die den Infektionsverlauf an einer französischen Schule untersucht hat. Er berichtet:
„Die Grundsituation war folgende: Es hatte in dieser Region schon relativ früh Fälle gegeben, wie man im Nachhinein festgestellt hat. Ungefähr für fünf Wochen lief in dieser Schule ein sich langsam hochschaukelnder Ausbruch. Den hat man zunächst mal nicht so richtig bemerkt. Man sieht auf der Zeitanalyse, dass es vom ersten Fall in der Schule bis die Schule geschlossen wurde fünf Wochen gedauert hat.“ Das sei eine interessante natürliche Situation, die man im Nachhinein in der jetzigen Situation gar nicht mehr beobachten könne. „Und da haben wir einen interessanten Referenzwert. Man hat hier untersucht, wie viele Schüler infizieren sich? Wie viele Lehrer infizieren sich?“
“… dann darf man Schulen nicht öffnen”
Drosten weiter: „Da sehen wir, dass sich 38,3 Prozent der Schüler infiziert haben, außerdem 43,4 Prozent der Lehrer und 60 Prozent der sonstigen Mitarbeiter vom Kantinenpersonal über den Hausmeister bis zu Schulpsychologen. Das sind Zahlen, da muss man schon sagen, wenn das in Schulen passiert, dann darf man Schulen nicht öffnen. Da infizieren sich wirklich im Mittel über 40 Prozent.“
„Jetzt muss man da noch mal genauer hinschauen. Ist das wirklich so dramatisch in Schulen? Eine Sache, die man hier dazusagen muss, ist, das ist hier eine Art Gymnasium. Das ist keine Schule für kleine Kinder, sondern das ist eine Schule, in der der Schwerpunkt der Altersgruppen im Bereich zwischen 15 Jahren und 18 Jahren ungefähr liegt. (…) Das sind keine kleinen Kinder mehr. Aber immerhin haben sich 40 Prozent der gesamten Schule infiziert. Das ist schon erheblich. So ein großes Gymnasium in einer Stadt hat dann schon mal 1500 Schüler. Wenn man dann innerhalb von ein paar Wochen plötzlich etwa 800 neue Fälle hätte – in der Stadt und in allen Familien, die dazugehören – dann kann man sich vorstellen, dass das einen Ausbruch treibt.“
Die Schulöffnungen werden anders ablaufen
Drosten schränkt ein, dass die Studie auf der Grundlage von Daten von lediglich 37 Prozent der Schüler erhoben wurde – ob sie tatsächlich repräsentativ ist, sei offen. Und: „Natürlich muss man auch dazusagen, das entspricht auch nicht der Realität der jetzigen Pläne zur schrittweisen Schulöffnung. In der jetzigen Realität sollen die Schüler eine Maske tragen, es soll Abstand in den Klassen geben, ausgedünnte Jahrgänge, zum Teil nicht jeden Tag Unterricht, sondern an versetzten Tagen, sodass weniger Schüler in der Schule sind. Pausenregelungen anders gestalten, dass die große Pause nicht so aussieht, dass alle Schüler auf dem Schulhof durcheinanderlaufen. Alle diese Dinge werden das Geschehen in der heutigen Schulöffnung ganz anders aussehen lassen.“
Hier geht es zum vollständigen Podcast des NDR mit Christian Drosten.
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Charité-Studie: Kinder übertragen das Coronavirus wohl genauso wie Erwachsene
