Kommen die Lockerungen zu früh? Studie beschreibt Corona-Ausbruch an französischer Schule – über 40 % der Schüler und Lehrer infiziert

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BERLIN. Bund und Länder haben ihre weitreichenden Lockerungen in der Corona-Krise aus Sicht von Epidemiologen womöglich zu früh getroffen. In den vergangenen Tagen sei die Zahl der Neuinfektionen wieder gestiegen, erläuterte der Leiter der Abteilung System-Immunologie am Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung am Donnerstag, Prof. Michael Meyer-Hermann. Die genauen Ursachen seien noch ungewiss. Prof. Christian Drosten von der Berliner Charité berichtete von einer Studie aus Frankreich, in der ein Corona-Ausbruch in einer französischen Schule untersucht wurde – mehr als 40 Prozent aller Schüler und Lehrer hätten sich danach infiziert.  

Ist das Coronavirus eingedämmt? Wissenschaftler sind skeptisch. Illustration: Shutterstock

Der Frankfurter Virologe Dr. med. Martin Stürmer kritisierte: «Wir wollen zu viel auf einmal.» Er sagte «hessenschau.de»: «Das kann gewaltig nach hinten losgehen.» Er habe große Zweifel, ob die Sicherheitsmaßnahmen in der Gastronomie bei allen Bemühungen ausreichend eingehalten werden können. «Beim Essen muss man eben den Mundschutz abnehmen.»

Mit Blick auf die Öffnung von Grundschulen und Kitas sagte Stürmer: «Gerade hinsichtlich der Kleinsten sind die wissenschaftlichen Daten leider nicht eindeutig. Beim derzeitigen Wissensstand tendiere ich dazu, dass die Kinder doch einen ernstzunehmenden Teil dazu beitragen, das Virus zu verbreiten. Und die Kontrolle von Abständen und Hygieneregeln ist hier einfach am schwierigsten.»

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Bundesländer hatten am Mittwoch Corona-Lockerungen beschlossen wie die schrittweise Rückkehr aller Schüler an die Schulen, die Öffnung der Gastronomie und aller Geschäfte und Training im Freizeitsport. Grundlage dafür waren Infektionsdaten mit Stand Dienstag.

Infektionen durch Schulöffnungen?

Der Anstieg der Zahlen von Neuinfizierten in den Folgetagen korreliere zeitlich mit der vorherigen Öffnung erster Geschäfte, sagte Meyer-Hermann bei einer Veranstaltung des Science Media Center Germany. Ob dies auch der Grund sei, sei aber unklar. Wenige Tage später waren bereits die ersten weiterführenden Schulen für die Abschlussklassen geöffnet worden. Um eventuelle Verzögerungen bei der Datenübermittlung abzuwarten, wäre es aus seiner Sicht auch besser gewesen, erst Ende dieser Woche oder gar kommende Woche Lockerungen der Anti-Pandemie-Maßnahmen zu besprechen.

«Ich weiß nicht, wie schlimm das ist», sagte er. Doch hat die Politik aus seiner Sicht «wahrscheinlich» eine Chance vertan, in relativ kurzer Zeit zu so niedrigen Zahlen zu kommen, dass bei Infizierten eine Kontaktverfolgung und eine Lockerung möglich gewesen wären.

Viola Priesemann, Leiterin der Forschungsgruppe Theorie neuronaler Systeme am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen begrüßte es zwar, den Regionen – wie auf dem Bund-Länder-Gipfel beschlossen – Verantwortung zu geben. Das könne aber nur funktionieren, wenn die Mobilität zwischen den Regionen gering bleibe. Dafür müssten sie die Kontrolle darüber haben, ob das Virus eingeschleppt wird, sagte Priesemann. Ansonsten bekomme ein Landkreis, der sich viel Mühe gebe, mitunter die Folgen zu spüren, wenn im Nachbar-Landkreis die Infektionen hoch bleiben. dpa

Die Studie aus Frankreich

Der Virologe Prof. Christian Drosten hat in einem Podcast des NDR von einer neuen französischen Studie berichtet, die den Infektionsverlauf an einer französischen Schule untersucht hat. Er berichtet:

„Die Grundsituation war folgende: Es hatte in dieser Region schon relativ früh Fälle gegeben, wie man im Nachhinein festgestellt hat. Ungefähr für fünf Wochen lief in dieser Schule ein sich langsam hochschaukelnder Ausbruch. Den hat man zunächst mal nicht so richtig bemerkt. Man sieht auf der Zeitanalyse, dass es vom ersten Fall in der Schule bis die Schule geschlossen wurde fünf Wochen gedauert hat.“ Das sei eine interessante natürliche Situation, die man im Nachhinein in der jetzigen Situation gar nicht mehr beobachten könne. „Und da haben wir einen interessanten Referenzwert. Man hat hier untersucht, wie viele Schüler infizieren sich? Wie viele Lehrer infizieren sich?“

„… dann darf man Schulen nicht öffnen“

Drosten weiter: „Da sehen wir, dass sich 38,3 Prozent der Schüler infiziert haben, außerdem 43,4 Prozent der Lehrer und 60 Prozent der sonstigen Mitarbeiter vom Kantinenpersonal über den Hausmeister bis zu Schulpsychologen. Das sind Zahlen, da muss man schon sagen, wenn das in Schulen passiert, dann darf man Schulen nicht öffnen. Da infizieren sich wirklich im Mittel über 40 Prozent.“

„Jetzt muss man da noch mal genauer hinschauen. Ist das wirklich so dramatisch in Schulen? Eine Sache, die man hier dazusagen muss, ist, das ist hier eine Art Gymnasium. Das ist keine Schule für kleine Kinder, sondern das ist eine Schule, in der der Schwerpunkt der Altersgruppen im Bereich zwischen 15 Jahren und 18 Jahren ungefähr liegt. (…) Das sind keine kleinen Kinder mehr. Aber immerhin haben sich 40 Prozent der gesamten Schule infiziert. Das ist schon erheblich. So ein großes Gymnasium in einer Stadt hat dann schon mal 1500 Schüler. Wenn man dann innerhalb von ein paar Wochen plötzlich etwa 800 neue Fälle hätte – in der Stadt und in allen Familien, die dazugehören – dann kann man sich vorstellen, dass das einen Ausbruch treibt.“

Die Schulöffnungen werden anders ablaufen

Drosten schränkt ein, dass die Studie auf der Grundlage von Daten von lediglich 37 Prozent der Schüler erhoben wurde – ob sie tatsächlich repräsentativ ist, sei offen. Und: „Natürlich muss man auch dazusagen, das entspricht auch nicht der Realität der jetzigen Pläne zur schrittweisen Schulöffnung. In der jetzigen Realität sollen die Schüler eine Maske tragen, es soll Abstand in den Klassen geben, ausgedünnte Jahrgänge, zum Teil nicht jeden Tag Unterricht, sondern an versetzten Tagen, sodass weniger Schüler in der Schule sind. Pausenregelungen anders gestalten, dass die große Pause nicht so aussieht, dass alle Schüler auf dem Schulhof durcheinanderlaufen. Alle diese Dinge werden das Geschehen in der heutigen Schulöffnung ganz anders aussehen lassen.“

Hier geht es zum vollständigen Podcast des NDR mit Christian Drosten.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Charité-Studie: Kinder übertragen das Coronavirus wohl genauso wie Erwachsene

 

 

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20 KOMMENTARE

  1. Leider bestätigt dies meine Vermutung, dass durch Öffnungsorgien am Ende alle verlieren werden. Spätestens im Herbst wird alles geschlossen.
    Das Anspruchsdenken, welches sich hier in vielen Beiträgen ausdrückt, wird am Ende nicht zielführend sein. Jetzt schelltet man hier oftmals die Lehrer und im Herbst? Die Öffnungsschreier !

    DIE TSCHECHISCHE STUDIE ZEIGT EINE EXTREM NIEDRIGE KOLLEKTIVE IMMUNITÄT GEGEN DAS COVID 19-VIRUS

    Eine von der Regierung in Auftrag gegebene kollektive Immunitätsstudie zur Ermittlung des Ausmaßes der Covid-19-Infektion in der Bevölkerung zeigt, dass die Prävalenz des Virus in der Größenordnung von „Einheiten pro Mille“ liegt. Das Ergebnis schließt die Möglichkeit aus, sich im Falle einer zweiten Welle der Pandemie auf die „Herdenimmunität“ zu verlassen.

    Will heißen…nix Herdenimmunität und bedeutet in der zweiten Welle wird alles ganz hart geschlossen und es werden absolut große Beschränkungen folgen…..was dies bedeutet, kann sich hoffentlich jeder selbst ausmalen…es ist zu früh geöffnet worden!!

    https://www.radio.cz/en/section/curraffrs/czech-study-shows-extremely-low-level-of-collective-immunity-to-covid-19-virus

    Virologe rechnet im Herbst mit „viralem Orkan….

    https://www.heute.at/s/virologe-rechnet-im-herbst-mit-viralem-orkan–55266053

    • Ich würde nicht so schwarz sehen. Andere Fachleute, auch Virologen, sehen keinen „viralen Orkan“, sondern finden die Lockerungen im Großen und Ganzen vertretbar.
      Das Virus ist eben neu und Prophezeihungen schwer. Man wird erst im Rückblick sehen, wer mit seiner Sicht Recht hatte.

    • Wann ist denn dann der beste Zeitpunkt für Schulöffnungen? Wenn ein Impfstoff da ist, in 1Jahr, in 2 Jahren oder vielleicht niemals?
      Fristen hat übrigens darauf hingewiesen, dass das Beispiel der französischen Schule aus der Zeit ohne Abstandsregelung und ohne Mundschutz stammt!

  2. Ja …klar. es werden sich immer Infektionen finden wo Menschen zusammen kommen…auch in Schulen. Heute gibt es 109 positive Mitarbeiter in einem Schlachtereibetrieb. Sollen wir deshalb alle Fleschereien und Wurstfabriken schließen bis es eine Impfung gibt?

    • Es handelt sich aber eben nicht um eine Studie sondern nur um eine Fallbeschreibung.
      Damit kommt man noch nicht einmal in das Deutsche Ärzteblatt.

  3. Hört sich gut an: Wir öffnen hier, wir lockern da, wir schicken unsere Kinder wieder in die Schule, wir treffen uns mit anderen, wir wollen verreisen, uns wird schon nichts passieren. Solange leider viele aus eigener Erfahrung noch nicht mal die Abstandsregeln einhalten können, sehe ich schwarz für die nächsten Monate.

    • @Geli
      Lesen sie einfach die von H.J. oben eingestellte Übersichtsarbeit aus dem Deutschen Ärzteblatt/19 vom 8.5.2020 von Tillmann Schober et. all von der Kinderklinik und Polyklinik der LMU München.
      Da erhält man einen sachlich verfassten Überblick über die gesamte Problematik.

  4. Wie nur kommt Herr Drosten darauf, dass Schüler Masken tragen würden?
    Quadratmeterzahlen pro Person?
    Maskenpflicht?
    Vorgaben zur Anzahl von Waschgelegenheiten?
    Gilt in Schulen nicht!

    • 1. Fallbeispiel:
      Bei diesem größeren Ausbruch an einem französischen Gymnasium wurden nachträglich serologische Untersuchungen auf SARS-Covid-2 vorgenommen: 40 % der 15 bis 17jährigen und 43 % der Lehrer wurden dabei positiv getestet, aber nur 2,3 % der unter 15jährigen.

      2.Fallbeispiel:
      In einem australischen Bundesstaat erkrankten 18 Schüler an 15 verschiedenen Schulen.
      Nur bei 0,23 Prozent (2/863) der engen Kontaktpersonen an der Schule konnte SARS-CoV-2 nachgewiesen werden.
      3. Beispiel:
      In den Niederlanden wurde in einer Untersuchung der altersspezifische Anteil der Übertragung von SARS-CoV-2 analysiert.
      Hier haben Kinder und Jugendliche keine (0/43) Kontaktpersonen angesteckt., bei erkrankten Erwachsenen hingegen infizierten sich neun Prozent (55/611) aller Kontakte.
      3.Beispiel:
      Das Joint Mission Team der Weltgesundheitsorganisation berichtete im Februar 2020 nach einer Untersuchung vor Ort, dass keine Ansteckungen von Erwachsenen durch Kinder beobachtet wurden.
      Um diese Vermutung zu überprüfen wurde die Übertragung in Haushaltsclustern untersucht, da im Rahmen der weltweit bestehenden Isolationsmaßnahmen die Infektionen vor allem innerhalb der Familien stattfinden.In mehreren Studien wurde untersucht, ob Kinder als Indexpatienten in Haushaltsclustern fungieren oder ob sie durch Erwachsene infiziert werden. Nur 1 % (6/590) der Kinder stellten Indexpatienten dar.

      Zusammenfassend unterstützt eine zunehmende Anzahl an Studien die Annahme, dass Kinder unter 15 Jahren seltener und milder erkranken und zudem die Erkrankung auch seltener übertragen.
      Der Nutzen der Schließung von Schulen und Kitas ist deshalb kritisch zu hinterfragen.

      • Die mir bekannten Untersuchungen zur Virenlast von Kindern und Jugendlichen im Vergleich zu Erwachsenen zeigen aber keine deutlichen Unterschiede.

        Die Tatsache, dass bei Betrachtung von Alterskohorten die durchschnitlichen Krankheitsverläufe bei Kindern und Jugendlichen andere sind als bei Erwachsenen, sagt doch nichts über die Übertragungswege aus. Wenn Kinder und Jugendliche, die einen asymptotischen Krankheitsverlauf haben, dennoch andere – eben auch Erwachsene – anstecken /infizieren können, dann sind die Länder als Dienstherren/Arbeitgeber der Lehrkräfte gut beraten, ihrer Fürsorgepflicht nachzukommen. Warum müssen Prüfungen und (alibi-)Unterricht stattfinden, während die Schulmensen weiterhin geschlossen bleiben, die Gastronomie aber öffnen darf?

        • Aus den Untersuchungen zur Viruslast den Schluss zu ziehen, dass Kinder unter 10 Jahren Erwachsene anstecken ist unseriös spekulativ,
          siehe auch wieder den Übersichtsartikel im Deutschen Ärzteblatt 19 vom 8.5.2020.
          Die obigen Quellen sind korrekt wiedergegeben und diese widersprechen sich nicht. Sie legen die begründete Vermutung nahe, dass von Kindern und jugendlichen weniger Gefahren ausgehen.
          Es geht nicht an, dass man sich die Studie heraussucht und diese dann noch deren Untersuchungsinhalt willkürlich uminterpretiert.
          Man kann das Virus auch in Stuhlproben der Kinder nachweisen, allerdings konnten aus den gewonnen Proben keine Viren gezüchtet werden.
          Es ist unseriös zu behaupten, der Virusnachweis im Rachen der Kinder beweise deren Übertragungsfähigkeit ,siehe Deutsches Ärzteblatt Nr. 19.
          Ihr Redaktionskollege ist unsachlich,er zitiert einseitig und ist erfrischend polemisch.

          • Es ist doch ebenso spekulativ, anzunehmen, dass Kinder unter 10 Jharen Erwachsene nicht anstecken.

            Sie sagen doch selbst, es sei eine _Vermutung_, belegen können Sie es nicht.

            Sofern die Datenlage uneindeutig ist, sollte man dies genau so darstellen und Vermutungen als solche transparent machen und nicht die eigene Meinung als wissenschaftlich belegte Wahrheit darstellen.

      • Wollen Sie nun Fallbeispiele heranziehen, die es „nicht mal ins Ärzteblatt schaffen“ (Ihre Aussage), wo Sie doch gestern noch selbst auf Studien bestanden haben?

        Warum gilt Maskenpflicht in Geschäften auch für Kinder ab 6 Jahren, in Klassenräumen aber nicht?
        Warum werden anderswo qm-Zahlen pro Person vorgegeben, in Schulgebäuden aber nicht?
        Warum müssen benutzte Behelfsmasken luftdicht verschlossen transportiert und später ausgekocht werden, wenn doch Händewachsen ausreicht?
        Müssen sie überhaupt ausgekocht werden, wenn sich doch Viren auf Gegenständen nicht halten? Oder halten sich diese Viren länger als gedacht? Was sollte dann z.B. im Schulbetrieb noch beachtet werden?
        Warum werden Flächen desinfiziert, wenn darüber doch keine Ansteckung erfolgen kann?
        Warum werden auf den Schulhöfen Spielgeräte abgesperrt, während Spielplätze wieder öffnen dürfen?
        Warum dürfen sich Menschen nicht in Gruppen treffen, Schüler aber in geschlossenen, engen Klassenräumen?
        Warum schaffen Erwachsene es nicht, 2m Abstand zu halten, also eine Zollstocklänge, erwarten dies aber von Kindern, denen die Maßangaben oder Referenzgrößen noch gar nicht geläufig sind?

        Ängste entstehen durch Unsicherheiten und Intransparenz.
        Natürlich wäre es schöner und einfacher, wenn man auf alle Fragen eine einheitliche und sichere Antwort geben könnte. Kann man aber in diesem Fall bisher noch nicht,
        selbst wenn man ggf. Maßnahmen besser abstimmen könnte.

        Im Übrigen nimmt man Ängste nicht durch Behauptungen und einseitige Verzerrungen, sondern ggf. durch seriöses Heranziehen unterschiedlicher Expertisen sowie deren Abwägung.
        Sie verlangen ja auch sonst gern valide Studien und begreifen diese dann als alleinige, allumfassende Wahrheit. Dann warten wir darauf, dass Sie, AvL, diese zum Thema Ansteckungsvermögen von mit Covid-19 infizierten Kindern und Jugendlichen vorlegen können und die oben gestellten Fragen eindeutig und mit für alle nachvollziehbaren wissenschaftlichen Belegen untermauert beantworten können.

        Bis dahin halte ich es für angemessen, Vorsicht walten zu lassen.

      • Was bedeutet es, Vorsicht walten zu lassen?

        Dazu gehört der Schutz aller in Schule Anwesenden, SchülerInnen, Lehrkräfte und weitere notwendige Personen, wenn der Schulbetrieb aufgenommen wird.
        Und dieser wird nicht zu erreichen sein, wenn sich Kostenträger ums Geld streiten oder die Vorgaben gleich so formulieren, dass niemand Mehrkosten eingehen muss.

        Dieses Vorgehen ist auch sonst beim Arbeitsschutz zu sehen, wenn der Beauftrage für Arbeitsschutz der finanziell zuständigen Kommune alles negiert, was derjenige der Landesbehörde, die als Arbeitgeber für die Lehrkräfte Fürsorge hat, moniert. Dann darf das Land keine klaren Vorgaben machen, damit die Kommune keine finanziellen Forderungen an das Land stellen kann… und am Ende passiert in den Schulen nichts. Die Sicherheit war dann doch nicht so wichtig und das Konnexitätsprinzip bremst den Arbeitsschutz aus.

        Lehrkräfte sind aus genau dieser Erfahrung heraus aufmerksam. Sie erkennen in den Vorgaben die geschönten Passagen, die niemanden in die Pflicht nehmen, die Verantwortung aber den Schulleitungen und Lehrkräften geben, nicht aber die notwendigen Mittel.
        An Stellen, an denen Selbstverwaltung an die Schulen gegeben wird, können jedoch die Vorgaben plötzlich besonders dezidiert sein, sodass kaum Handlungsmöglichkeiten entstehen, der Kostenrahmen zusammengestrichen werden kann und lediglich die Arbeit in die Schulen verlagert wird. Gerne wird die letzte Entscheidung dann doch von der Landesschulbehörde getroffen.

        Bei allem, wonach laut gerufen wird, muss man sich Umstände und Folgen vor Augen führen.
        Dies scheint in Hinblick auf Schule nur schwer möglich, wenn der Schulbetrieb so intransparent ist, dass Kommentatoren trotz umfassender Arbeitszeitstudien weiterhin auf die viele Freizeit verweisen, die Lehrkräfte nicht haben, sie erhalten häufig nicht einmal ihren Urlaubsanspruch, ein Ausgleich für Mehrarbeit wird nicht gewährt.

        Für das derzeitige Geschehen steht anderes im Vordergrund.
        Die Infektionslage ist unklar, da nicht genug Tests erfolgen können.
        Die Möglichkeiten von Ansteckungen auch durch infizierte, aber nicht sichtbar erkrankte Kinder sind noch nicht hinreichend transparent.
        Die Eindämmung kann derzeit offenbar nur durch das Vermeiden physischer Kontakte erreicht werden.

        Schulen können geöffnet werden, klar. Forderungen danach sind nachvollziehbar, da trotz vielfältiger Anstrengungen seitens der Lehrkräfte das Lernen zu Hause den Unterricht nicht vollumfänglich ersetzen kann.
        Aber niemand sollte erwarten, dass Schulen angemessen ausgestattet wären, weil sie geöffnet sind. Über das Wie und die notwendigen Umsetzungen wird weit weniger gestritten als über das OB, also die Öffnung selbst.
        Wer nach Schulöffnungen ruft, sollte zugleich nach angemessenen Umständen schreien!

        Schulen sollen geöffnet sein, sie sollen aber zugleich größtmöglichen Schutz gewähren.
        Unterricht soll unter anderen Umständen erfolgen, es sollen aber gleichzeitig alle Fächer im üblichen Maß berücksichtig und alle Erwartungen erfüllt werden.
        Die Distanz soll im Klassenraum gewahrt werden, gleichzeitig soll die Arbeit der SchülerInnen wie üblich begleitet sein.
        Pausen und Aufsichten müssen zeitlich entzerrt erfolgen, gleichzeitig sollen Lehrkräfte an Toiletten Einlasskontrollen gewähren und an weit geöffneten Fenstern Unfälle verhindern.
        Lehrkräfte sollen nicht an unterschiedlichen Schulen eingesetzt sein, wodurch eine Vielzahl von Abordnungen ruhen muss, gleichzeitig muss die ohnehin durch Lehrkräftemangel und Abordnungen in ihrer Arbeit bestimmte Schule nun dennoch den Unterricht mit Personal besetzen.

        Und wenn beim Lesen die Erwartungshaltung entsteht, dass Lehrkräfte dies in den letzten Wochen alles hätten organisieren können, kann man natürlich zustimmen, dass dies neben der plötzlich zu leistenden Digitalisierung, der Einarbeitung in nun doch zur Verfügung stehenden Möglichkeiten unter Nutzung von Privatgeräten und ohne vorherige Fortbildung, der Versorgung der Schülerschaft beim häuslichen Lernen sowie den Kontaktanrufen, der Abstimmung mit den Schulträgern und den neu zu verfassenden Plänen und Konzepten, die Weitergabe von neuen Erlassen und Vorgaben, die sich am gleichen Tag wieder ändern, an KollgeInnen und Erziehungsberechtigte, natürlich alles in der Freizeit zu schaffen war.

        Man kann aber auch darauf verweisen, dass Arbeitsschutz vom Land vorgegeben und von den Kommunen umgesetzt werden müsste, und (s.o.) schon vorher durch das Konnexitätsprinzip ausgehebelt wurde,

        dass das Curriculum vom Land gegeben ist, viele Lehrkräfte die Pläne längst überfrachtet finden, aber das Land die Streichungen vornehmen sollte,

        dass die Lehrkräfteversorgung Aufgabe des Landes und nicht der einzelnen Schule ist und zuvor schon unzureichend war.

        Darüber kann man sich dann gerne aufregen.
        Das machen Lehrkräfte auch und stellen seit Jahren Forderungen. Diese werden aber nicht berücksichtigt, denn Bildung und die dafür notwendigen Bedingungen sind nicht wichtig genug, als dass deren VertreterInnen Gehör finden.

        Was seit Jahren verschleppt oder vernachlässigt wurde, wird in Zeiten der Krise nicht einfach erledigt sein.
        Was auch sonst durch vielfaches Engagement und unbezahlte Mehrarbeit durch Lehrkräfte aufgefangen wird, sodass diese schon lange ankündigen, dass das System nicht mehr lange zu tragen ist, wird in der Krise noch weitaus stärker an die Grenzen gelangen, da jegliche Reserven längst eingespart und aufgebraucht sind.
        Es gleicht ein wenig den Hamsterkäufen: Diejenigen, die stets einige Lebensmittel in den Schränken bevorraten, halten diese für unnötig, da sie auf die Reserven zurückgreifen können.
        Andere, die nur Salz und Pfeffer im Schrank vorhalten, benötigen für eine 14tägige Quarantäne plötzlich mehr, als sie bisher dachten.

      • Die im Deutschen Ärzteblatt abgedruckt Artikel und beschriebenen Studienergebnisse erweisen sich nach polemischer Lesart als „Verschwörungstheorien“, weil diese weltweit gewonnenen epidemiologischen Grundlagenergebnisse nicht in das kleinkarierte Weltbild von radikalen Anhängern eines totalen shut-down passen.
        Die öffentlichen Unterstellungen und Diffamierungen verdeutlichen nur deren Hilflosigkeit und Ohnmacht gegenüber Daten, die eine andere Umgangsform mit Kinder in der Krise auch rechtfertigen und wissenschaftlich stützen.

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