Die hessische Landesregierung will in den kommenden beiden Jahren insgesamt 4.000 neue Stellen für Lehrkräfte schaffen. Sie sollen vorrangig für den Unterricht von zugewanderten und geflüchteten Kindern etwa aus der Ukraine sowie den Ausbau von Ganztagsangeboten eingesetzt werden, wie Kultusminister Alexander Lorz (CDU) am Montag in Wiesbaden mitteilte. Die zusätzlichen Stellen seien zudem für die durch mehr Geburten gestiegenen Schülerzahlen sowie für die sozialpädagogische Unterstützung im Unterricht eingeplant.
Ob die Stellen aber auch besetzt werden können? Das ist überaus fraglich. Zum Schuljahresbeginn fehlten an den Schulen in Deutschland nach Einschätzung des Deutschen Lehrerverbands bis zu 40.000 Lehrerinnen und Lehrer. Die Unterrichtsversorgung habe sich in allen Bundesländern verschlechtert, sagte Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger noch Ende August (News4teachers berichtete). «Bundesweit gehen wir von einer echten Lücke von mindestens 30.000, vielleicht sogar bis zu 40.000 unbesetzten Stellen aus.» Und der Lehrermangel wird sich Prognosen zufolge in den nächsten Jahren sogar noch ausweiten.
«Die 4.000 Stellen, die nun noch zu diesen bereits greifenden Maßnahmen hinzukommen, bedeuten eine Rekordversorgung für unsere Schulen»
Lorz ficht das nicht an. «Mit den seit dem Jahr 2017 ergriffenen zusätzlichen Maßnahmen zur Lehrkräftegewinnung wie der erheblichen Ausweitung der Studienplatzkapazitäten liegen wir auf dem richtigen Weg für eine weiterhin adäquate Lehrkräfteversorgung», sagt er. Darüber hinaus trügen insbesondere die Programme zur Weiterqualifikation von Lehrkräften für den Einsatz in anderen Lehrämtern, verschiedene Quereinstiegsprogramme und die hohe Bereitschaft zur Unterstützung von Lehrkräften im Ruhestand, zur Verlängerung der Dienstzeit, zur Aufstockung in Teilzeit oder Arbeit in Elternzeit im neuen Schuljahr zur Deckung des personellen Bedarfs bei.
Lorz: «Die 4.000 Stellen, die nun noch zu diesen bereits greifenden Maßnahmen hinzukommen, bedeuten eine Rekordversorgung für unsere Schulen und eine wichtige Grundlage in herausfordernden Zeiten. Keine neuen Stellen zu schaffen, weil derzeit der Fachkräftemangel überall für Engpässe sorgt, ist keine Option. Wir wollen weiterhin flexibel reagieren können.»
Die Not ist allerdings groß. Die aktuelle Werbekampagne werde weiter verstärkt, kündigt deshalb der Kultusminister an. Am kommenden Freitag würden überall in Hessen, an Bahnhöfen, im Umkreis von Schulen und an Verkehrsknotenpunkten, neue Plakate sichtbar sein. Hinzu kämen gezielte Ansprachen an die junge Zielgruppe in sozialen Medien und im nächsten Jahr weitere Aktionen zur Beratung direkt an Schulen. In den nächsten Monaten und Jahren sollen Schülerinnen und Schüler damit Lorz zufolge «noch intensiver» für den Beruf als Lehrkraft begeistert werden.
Mit dem Doppelhaushalt 2023/2024 übersteige der Bildungsetat erstmals in der Geschichte Hessens die Grenze von fünf Milliarden Euro, erklärte Lorz. Im Haushaltsjahr 2023 werde sich die Summe auf rund 4,9 Milliarden Euro belaufen. Das seien 96 Millionen Euro mehr als im laufenden Jahr. 2024 liege der Etat dann bei 5,1 Milliarden Euro. «Von 2019 bis 2024 steigen die Bildungsausgaben damit um mehr als eine Milliarde Euro», betonte Lorz. Die Verabschiedung des Doppelhaushalts im hessischen Landtag ist für Anfang nächsten Jahres vorgesehen.
Der Kultusminister rechnet mit einem höheren Krankenstand unter den Lehrkräften in den kommenden Monaten
Trotzdem ist in nächster Zeit mit Unterrichtsausfall zu rechnen: Auch wenn die Corona-Pandemie diesen Herbst nach Angaben von Lorz bislang an den Schulen eine kleinere Rolle spielt als erwartet, rechnet der Kultusminister mit einem höheren Krankenstand in den kommenden Monaten. Die Ausfälle würden voraussichtlich ein anderes Ausmaß erreichen, als in den Jahren vor der Pandemie, sagte er voraus. Dies liege nicht nur an Corona-Erkrankungen, sondern auch daran, dass viele andere Infekte unterwegs seien.
Lorz erläuterte, dass laut Einschätzung von Experten das Immunsystem vieler Menschen derzeit nicht so trainiert sei, da in den zurückliegenden Wintern viel Maske getragen wurde. Bei den Vertretungsstunden für kranke Kollegen müssten dann voraussichtlich häufig Kräfte eingesetzt werden, die keine voll ausgebildeten Lehrer sind. News4teachers / mit Material der dpa
Lehrermangel: Bundesland bekommt nicht mal ein Viertel seiner freien Stellen besetzt
