BERLIN. Im Dezember erscheint die neue Ausgabe der PISA-Studie – und Deutschland wird einmal mehr attestiert bekommen, dass es an der Qualität der Bildung, insbesondere an der Chancengleichheit, hapert. Das jedenfalls lässt sich aus einem Gastbeitrag herauslesen, den PISA-Koordinator Prof. Andreas Schleicher in der Online-Ausgabe des ZDF-Wissensmagazins „Terra X“ veröffentlicht hat. „Andere Länder wie Portugal und Finnland machen es vor: Man kann Schulsysteme umbauen, so dass sie modern und gerecht werden. Das ist auch in Deutschland machbar“, so schreibt Schleicher.
Was machen Portugal und Finnland besser in der Bildung? Portugal, so der PISA-Chef, sei ein spannendes Beispiel, das zeige: Wenn Schülerinnen und Schüler mitbestimmen, entstehen neue Dynamiken. Tatsächlich hängen Mitwirkung und Motivation laut Schleicher eng zusammen. Mit Blick auf Deutschland meint der OECD-Bildungsdirektor: „Die meisten Schülerinnen und Schüler sind heute Konsumenten vorgefertigter Lerninhalte, Lehrkräfte sind zu Dienstleistern, Kinder und Eltern zu Kunden geworden. Das Herz der Bildungsidee ist verloren gegangen.“ In vielen anderen Ländern würden gleichzeitig alte, verkrustete Lernsysteme radikal verändert.
Das gilt Schleicher zufolge eben auch für Portugal. „Portugals Schulsystem war sehr vertikal ausgerichtet und überaus bürokratisch. Dann hat man beschlossen: Wir machen einen Versuch und geben Schulen einen Euro pro Schüler extra und dieser Euro wird von den Schülern ausgegeben, sie konnten selbst entscheiden, wie sie diese Ressourcen einsetzen.“ Dies habe zu einem grundlegenden Mentalitätswandel geführt. „Plötzlich waren die Schüler Akteure, nicht mehr Konsumenten, und sie haben dann zum Beispiel auch bei der Schulleitung nachgefragt: Warum leckt hier das Dach? Warum haben einzelne Schüler nicht die Mittel für eine Teilhabe an schulischen Aktivitäten? So kann man Dinge verändern, es ist tatsächlich gar nicht so schwer.“
Schleicher fordert für Deutschland: „Schulen brauchen mehr Entscheidungsfreiheit!“ Er betont: „An deutschen Schulen herrscht oft noch ein falsch verstandener Konformismus, nicht zuletzt durch eine erdrückende Bürokratie, die über das Schulsystem entscheidet. Nur 17 Prozent der Entscheidungen darüber werden in Deutschland in den Schulen selbst getroffen. Daher braucht es mehr Entscheidungsfreiheit. Im Nachbarland Niederlande sind es neun von zehn Entscheidungen, um genau zu sein 93 Prozent.“
„Dieser Glaube an die Bürokratie ist eigentlich schlimmer als die Bürokratie selber“
Das Problem: In Deutschland ist die Politik in die entgegengesetzte Richtung unterwegs – noch mehr Zentralismus, noch mehr Vorgaben, noch mehr bürokratische Kontrolle. So schlug Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) unlängst den Kultusministern vor, die Deutschkenntnisse der Schülerinnen und Schülern alle zwei Jahre zentral testen zu lassen (News4teachers berichtete). Eine Reihe von Bundesländern reagiert auf die niederschmetternden Ergebnisse der jüngsten IGLU-Studie, indem den Grundschulen zeitliche Vorgaben fürs Lesen gemacht werden. Die nordrhein-westfälische Schulministerin Dorothee Feller (CDU) will den Grundschul-Lehrkräften künftig sogar vorschreiben, welche Materialien sie im Unterricht einzusetzen haben (News4teachers berichtete auch darüber).
Schleicher macht den Lehrkräften trotzdem Mut: „Ich glaube, wir können vor Ort viel mehr Dinge verändern, als uns das oft bewusst ist. Dieser Glaube an die Bürokratie ist eigentlich schlimmer als die Bürokratie selber.“
Der Blick nach Finnland wiederum zeige: „Gute Bildung beginnt mit der Ausbildung guter Lehrer“. Alle jungen Menschen, die Lehramt studieren wollen, machen dort laut Schleicher einen Zulassungstest. „Die Auswahl aber findet erst im zweiten Studienjahr statt, wo die Studierenden sich in der Praxis bewähren und unter Beweis stellen müssen, dass sie erfolgreich mit Kindern und Jugendlichen und mit dem Kollegium zusammenarbeiten können. Von zehn Bewerbungen wird im Schnitt nur eine ausgewählt.“
Das größte akute Problem in Deutschlands Bildungssystem ist allerdings der Lehrkräftemangel – es gibt schlicht nicht genügend Bewerberinnen und Bewerber. In der Folge werden die Zugangshürden in den Beruf immer weiter herabgesenkt. Immer öfter kommen Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger in den Schuldienst, denen die pädagogische Qualifikation fehlt. In einzelnen Bundesländern werden nicht mal mehr Abitur und Studium vorausgesetzt – Sachsen-Anhalt zum Beispiel stellt mittlerweile Erzieherinnen und Erzieher als Grundschullehrkräfte ein (News4teachers berichtete).
„Wir sehen in der heutigen Gesellschaft, dass sich die Menschen wirtschaftlich, kulturell und politisch immer stärker polarisieren und voneinander unterscheiden. Um eine gemeinsame Grundlage für mehr Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu schaffen, gibt es nur eine Lösung: gute Bildung. Wir haben viele Instrumente, um Ressourcen umzuverteilen, aber an den Ursachen von Ungleichheit können wir nur durch bessere Bildung arbeiten und deswegen ist dieses Thema so wichtig“, erklärt Schleicher – um dann einen Ausblick auf die zu erwartenden Ergebnisse der PISA-Studie, die im Dezember veröffentlicht wird, zu geben: „Soziale Beteiligung ist das große Thema unserer Zeit und tatsächlich sind die spannendsten Ergebnisse der aktuellen PISA-Studie für mich, dass wir das erreichen können, dass wir das Potenzial aller jungen Menschen wirklich einbringen können in dieser Gesellschaft. Was man dafür braucht, ist wirkliches ‚Leadership‘, Menschen, die bereit sind, das Richtige zu tun und sich einzusetzen, auf jeder Ebene des Systems.“
Heißt offensichtlich: Deutschland scheitert einmal mehr an dem Anspruch, Kinder und Jugendliche, die von ihren Eltern nicht unterstützt werden können, so zu fördern, dass sie keine gravierenden Nachteile in der Bildung erleiden müssen. Kein Wunder: Die Kommunen, in denen die Armut groß ist, haben die am schlechtesten ausgestatteten Schulen. In den Brennpunkten ist auch der Lehrermangel am größten, weil die pädagogische Arbeit dort als besonders herausfordernd gilt.
„Als Politiker gewinnt man meist auch keine Wahlen mit Bildungsreformen, weil es mitunter sehr lange dauern kann, gute Ideen umzusetzen“
„Was wäre, wenn wir Schulen finanzielle Ressourcen zur Verfügung stellen, die sich vorrangig daran bemessen, vor welchen Herausforderungen sie im Einzelnen stehen? Plötzlich würde es interessant, sich in diesen Schulen um die schwierigsten Kinder und Jugendlichen zu kümmern“, so schlägt Schleicher vor. „Schweden hat das genauso gemacht und dort werden sogar die Lehrkräfte individuell bezahlt. Mit finanziellen Anreizen gewinnt man die engagiertesten und erfolgreichsten Lehrkräfte für besonders problembelastete Schulen.“
Schleicher räumt allerdings ein: „Man muss aber auch ehrlich sein, ganz einfach ist ein solcher Wandel nicht. Teilweise sind auch wir als Eltern Teil des Problems. Wir werden sehr schnell nervös, wenn unsere Kinder nicht mehr das lernen, was früher einmal wichtig für uns war oder wenn sie Dinge lernen, die wir nicht verstehen. Und als Politiker gewinnt man meist auch keine Wahlen mit Bildungsreformen, weil es mitunter sehr lange dauern kann, gute Ideen umzusetzen.“
Zu ergänzen wäre: Noch schlimmer ist allerdings, wenn es in der Bildungspolitik kaum gute Ideen gibt. News4teachers
Hier geht es zum vollständigen Gastbeitrag von Andreas Schleicher.
