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Grundschullehrer klagen über Entwicklungsdefizite bei immer mehr Kindern

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LONDON. Klagen über Entwicklungsdefizite von Kindern bei der Einschulung häufen sich – nicht nur in Deutschland, wie eine aktuelle Umfrage unter Grundschullehrkräften in England und Wales zeigt. Bezogen auf Vierjährige, einer Altersstufe also, in der Kinder in Großbritannien in „reception classes“ in der Grundschule aufgenommen werden (also eine Art Vorschule), stellen immer mehr Pädagoginnen und Pädagogen motorische und sprachliche Rückstände fest.  

Bei jedem dritten Kind zeigen sich Auffälligkeiten (Symbolfoto). Foto: Shutterstock

Die britische Regierung hat mangelnde Schulreife als Problem erkannt – und das Ziel gesetzt, dass mindestens 75 Prozent der Kinder bis zum Eintritt in die Vorschule ein „gutes“ Entwicklungsniveau erreichen. Derzeit seien das lediglich 68 Prozent. Was das in der Praxis heißt, illustriert nun eine Umfrage unter 1.000 Grundschullehrkräften in England und Wales, durchgeführt von der Marktforschungsgruppe Savanta im Auftrag der Frühförderorganisation Kindred2. Die Umfrage ergab laut einem Bericht des „Guardian“, dass die Hälfte (49 Prozent) der Lehrkräfte der Meinung waren, die Probleme hätten sich in jüngster Zeit deutlich verschärft.

Neben Kindern, die mit Windeln in die Vorschule kommen – ein Viertel der Kinder, die im vergangenen September aufgenommen wurden, war noch nicht sauber –, berichteten die Lehrkräfte von Kindern mit schlechten motorischen Grundfertigkeiten und unterentwickelten Muskeln, was mit übermäßigem Bildschirmkonsum in Verbindung gebracht wurde. „Ich habe zwei Kinder in meiner Klasse, die physisch nicht auf dem Teppich sitzen können. Sie haben keine Rumpfmuskulatur“, erklärte eine Vorschullehrkraft aus Nordwestengland gegenüber den Forschern.

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Ein stellvertretender Schulleiter aus derselben Region berichtete von einer Zunahme „verspäteter Läufer“ mit „ungeschickten Bewegungen, die Dinge fallen lassen und keine Treppe hinaufsteigen können“. Eine Vorschullehrkraft stellte zudem fest, dass Schülerinnen und Schüler amerikanische (statt englische) Begriffe wie „trash“ (Müll) und „vacation“ (Urlaub) verwendeten, die sie offensichtlich online aufgeschnappt hatten. Fast zwei von fünf (39 Prozent) der Befragten gaben an, dass „weniger Zeit für frühkindliche Bildung aufgrund der Lockdown-Beschränkungen“ ein zentraler Faktor für mangelnde Schulreife sei. Doch nicht alle sehen das so. Ein Schulleiter aus den East Midlands meinte: „Man kann nicht ewig Covid dafür verantwortlich machen. Es tut mir leid, aber vieles hängt auch von der Erziehung ab.“

„Zu viele Eltern unterstützen die Entwicklung ihrer Kinder nicht ausreichend, obwohl sie zweifellos deren bestes Interesse im Sinn haben“

Eine begleitende Umfrage unter Eltern von Vorschulkindern scheint das zu bestätigen. Weniger als die Hälfte (44 Prozent) waren der Meinung, dass Kinder vor Schulbeginn wissen sollten, wie man Bücher richtig benutzt – also die Seiten umblättert, anstatt zu wischen oder zu tippen, wie bei einem elektronischen Gerät. Lediglich drei von vier Eltern (76 Prozent) hielten Sauberkeit für eine Fähigkeit, die ein Kind vor dem Schulbeginn beherrschen sollte.

Felicity Gillespie, Direktorin von Kindred2, sagte, die Ergebnisse des Berichts deuteten darauf hin, dass „zu viele Eltern die Entwicklung ihrer Kinder nicht ausreichend unterstützen, obwohl sie zweifellos deren bestes Interesse im Sinn haben“.#

Während neun von zehn Eltern ihr Kind als schulreif ansahen, berichteten Lehrkräfte, dass ein Drittel der Kinder nicht ausreichend vorbereitet sei. Tiffnie Harris, Grundschulexpertin beim Verband der Schul- und Collegeleiter, sagte: „Diese Studie zeigt eine alarmierende Diskrepanz zwischen einigen Eltern und Schulen hinsichtlich dessen, was Schulreife eigentlich bedeutet. Wir vermuten, dass viele Familien selbst mit wirtschaftlichen und sozialen Belastungen zu kämpfen haben und es an Unterstützung für sie fehlt.“

„Eltern sind mit der Arbeit beschäftigt, und ich glaube nicht, dass sie viel Quality Time mit den Kindern verbringen“

Tatsächlich scheinen die zunehmenden sozialen Schwierigkeiten im vom Brexit wirtschaftlich geschwächten Großbritannien einen Einfluss zu haben. Vier von fünf Lehrkräften (83 Prozent) nehmen war, dass die steigenden Lebenshaltungskosten auch in diesem Jahr erheblichen Einfluss auf die Schulreife haben werden. „Eltern sind mit der Arbeit beschäftigt, und ich glaube nicht, dass sie viel Quality Time mit den Kindern verbringen – Zeit, in der grundlegende spielerische Fähigkeiten und Gespräche gefördert werden“, sagte eine Vorschullehrkraft aus Nordwestengland.

Die Regierung versucht gegenzusteuern. Der Staatssekretär für frühkindliche Bildung, Stephen Morgan (Labour), erklärte: „Wenn Kinder nicht schulbereit sind, lenkt das die Aufmerksamkeit der Lehrkräfte von ihrer eigentlichen Aufgabe ab. Deshalb haben wir bereits damit begonnen, die frühe Sprachförderung auszubauen, Tausende von schulbasierten Kindergarten-Plätzen bereitzustellen und die Familienangebote durch weitere Investitionen in Familienzentren und Start-fürs-Leben-Programme zu stärken.“ News4teachers / mit Material der dpa

Einschulung: Deutlich mehr verhaltensauffällige und sprachlich förderbedürftige Kinder

 

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