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Studie: “Willkommensklassen” hemmen (Sprach-)Lernerfolg von Flüchtlingskindern

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HALLE. Berlins Integrationsbeauftragte Katarina Niewiedzial weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, die deutsche Sprache in einer Klasse zu lernen, in der niemand Deutsch spricht. Nun belegt eine neue Untersuchung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg wissenschaftlich, was sie schon als Zwölfjährige ahnte – und was auch die GEW bundesweit kritisiert: dass die Aussonderung bei Flüchtlingskindern zu deutlich schlechteren Ergebnissen führt als die Integration.

Integration hilft (Symbolfoto). Foto: Shutterstock

„Schon als Zwölfjährige habe ich nicht verstanden, wie ich die Sprache in einer Klasse lernen soll, in der alle anderen auch kein Deutsch sprechen“, erzählt Katarina Niewiedzial. Die heute 48-Jährige kam Anfang der 1990er Jahre aus Polen nach Deutschland und wurde zunächst in einer sogenannten Willkommensklasse unterrichtet. Erst nach einem Schulwechsel in eine reguläre Klasse – mit separatem Sprachförderunterricht während der Deutschstunden, aber gemeinsamem Unterricht in allen anderen Fächern – machte sie schnelle Fortschritte. „Dass dieser Ansatz wirksamer ist, bestätigt auch die Bildungsforschung“, sagte sie gegenüber der Deutschen Presseagentur im vergangenen Jahr.

Aktuelle Studie: Direkter Kontakt zu deutschsprachigen Mitschülern entscheidend

Wie groß der Einfluss des Unterrichtssettings auf den Spracherwerb ist, zeigt nun eine neue Studie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, veröffentlicht im Fachmagazin Acta Sociologica. Die Autoren Oliver Winkler und Anne-Kathrin Carwehl werteten dafür Daten von 1.097 geflüchteten Jugendlichen aus Bayern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Sachsen aus. Diese Jugendlichen waren zum Befragungszeitpunkt zwischen 14 und 16 Jahre alt und hatten alle eine Regelklasse besucht – teils nach einer Wartezeit, teils nach dem vorherigen Besuch einer Willkommensklasse, teils direkt ab ihrer Einschulung in Deutschland.  Grundlage der Untersuchung sind Erhebungen des Panels „Refugees in the German Educational System“ (ReGES) aus den Jahren 2016 bis 2021, bei denen auch standardisierte Tests zur Überprüfung der Deutschkenntnisse durchgeführt wurden.

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Die Forschenden fanden deutliche Unterschiede: Kinder, die lange auf ihre Einschulung warten mussten – oft mehr als ein halbes Jahr – hatten auch Jahre später noch schlechtere Deutschkenntnisse. „In dieser Zeit fehlt der tägliche Kontakt zu deutschsprachigen Gleichaltrigen, und dieser ist für den Spracherwerb entscheidend“, erklärt Winkler.

Ähnlich problematisch wirken sich Willkommensklassen aus. Ehemalige Schülerinnen und Schüler solcher separierenden Klassen verfügten im Schnitt noch Jahre später über geringere Sprachkompetenzen als Geflüchtete, die sofort in eine Regelklasse integriert wurden. „In den Vorbereitungsklassen gelingt es offenbar nicht ausreichend, Anfangsunterschiede beim Sprachniveau auszugleichen“, so der Wissenschaftler.

Auch der Aufenthaltsstatus spielt eine Rolle: Wer unter der ständigen Unsicherheit lebt, möglicherweise abgeschoben zu werden, investiert laut Winkler oft weniger in das Erlernen der deutschen Sprache. Seine Schlussfolgerung fällt eindeutig aus: „Eine möglichst schnelle Einschulung, eine rasche Integration in den Fachunterricht und ein sicherer Asylstatus sind gute Voraussetzungen für das Erlernen der deutschen Sprache. Insbesondere in den Grundschulen sollte auf separierende Vorbereitungsklassen verzichtet werden.“

Für die Integrationsbeauftragte Niewiedzial dürften diese Ergebnisse eine Bestätigung sein. Sie warnt seit Langem vor den Folgen der Aussonderung: „Wenn wir die Kinder segregieren, verliert die Schule ihre integrative Wirkung. Das dürfen wir nicht zulassen.“ Gerade an einer regulären Schule entstehe der tägliche Kontakt zu anderen Kindern, dort lernten Geflüchtete nicht nur die Sprache, sondern auch „viel über das Land, in dem ich jetzt lebe“.

Das Problem betrifft nicht nur Berlin. In Mecklenburg-Vorpommern kritisierte GEW-Landesvorsitzender Nico Leschinski im vergangenen Jahr, dass zahlreiche geflüchtete Schülerinnen und Schüler weiterhin in sogenannten Vorklassen unterrichtet würden – oft bis zu zwei Jahre lang. „Sie erhalten nur ein eingeschränktes Unterrichtsangebot, ein Großteil ihrer Lehrkräfte hat nicht einmal eine Lehrbefähigung, und ihr Übergang in den regulären, gemeinsamen Unterricht hängt nicht allein von ihren erworbenen Deutschkenntnissen ab, sondern auch von räumlichen und sächlichen Ressourcen der jeweiligen Schule“, so Leschinski. „Ihr Recht auf Bildung wird damit beschnitten. So darf es nicht weitergehen!“

Auch GEW-Bundesvorsitzende Maike Finnern machte schon im Oktober 2023, dass die Praxis ein weiträumiges Problem ist: „Viele Tausend geflüchtete Kinder und Jugendliche warten in Deutschland noch auf einen Schulplatz, gerade in den Erstaufnahmen. Eigentlich müsste es von Anfang an Bildung geben, damit Integration möglichst schnell erfolgen kann. Bildung ist der Schlüssel – nicht erst nach Monaten, sondern sofort.“ Finnern betonte, dass schnelles Ankommen im regulären Unterricht nicht nur sprachlich, sondern auch sozial entscheidend sei: „Es geht darum, Freundschaften zu schließen, Routinen zu entwickeln und sich als Teil der Klassengemeinschaft zu fühlen.“

Frühere Forschung: Deutliche Leistungseinbußen nach Willkommensklassen

Dass separierende Vorbereitungsklassen nicht nur den Spracherwerb bremsen, sondern auch den allgemeinen Bildungserfolg mindern, zeigte bereits eine Untersuchung des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung aus dem Jahr 2022. Die Forschenden nutzten Individualdaten der Hamburger Schulbehörde aus den Jahren 2013 bis 2019, verknüpft mit den Ergebnissen der standardisierten Tests Vera und KERMIT. Die Analyse ergab: Kinder, die zunächst eine Willkommensklasse besuchten, schnitten in der fünften Klasse in Mathematik und Deutsch deutlich schlechter ab als Geflüchtete, die von Anfang an in einer Regelklasse lernten – selbst wenn diese parallel zusätzlichen Deutschunterricht erhielten. Besonders gravierend: Schülerinnen und Schüler aus Vorbereitungsklassen schafften deutlich seltener den Sprung aufs Gymnasium.

RWI-Wissenschaftlerin Lisa Sofie Höckel fasste die Befunde damals so zusammen: „Unsere Studienergebnisse deuten darauf hin, dass die direkte Integration von neu zugewanderten Grundschulkindern in Regelklassen ihre schulischen Leistungen stärker fördert als der Besuch von Vorbereitungsklassen.“ News4teachers

Flüchtlingskinder: Besuch einer “Willkommensklasse” führt zu deutlich schlechteren Leistungen als die sofortige Integration

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