BERLIN. Immer mehr Schulen leiden unter den langfristigen Ausfällen von Kolleginnen und Kollegen. Dies ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa für die Bildungsgewerkschaft VBE unter rund 1.300 Schulleitungen bundesweit. „Die anhaltende Überlastung bereits vor Corona und der enorme Mehraufwand in der Pandemie machen die Lehrkräfte zunehmend krank“, so stellt VBE-Bundesvorsitzender Udo Beckmann fest.
„Leider war das zu erwarten, was wir nun Schwarz auf Weiß vorliegen haben, wenn auch nicht in diesem Ausmaß“, erklärte Beckmann bei der Vorstellung der Studie. Fast alle Schulleitungen in Deutschland berichten demnach von zusätzlichen Belastungen der Lehrkräfte durch die Corona-Pandemie – und viele sind der Ansicht, dass krankheitsbedingte Ausfälle des Personals an Schulen in den vergangenen Jahren zugenommen haben. 97 Prozent der Schulleiterinnen und Schulleiter gaben an, dass sich ihrer Ansicht nach in der Zeit der Corona-Pandemie die Anforderungen an das Kollegium nochmals gesteigert hätten.
Mehr Schulleitungen als noch bei der letzten Befragung 2019 waren außerdem der Ansicht, dass längere Krankheitsausfälle bei Lehrkräften zugenommen haben. 50 Prozent hatten demnach den Eindruck, die Zahl der Kolleginnen und Kollegen, die langfristig wegen psychischer oder physischer Erkrankungen ausgefallen sind, habe in den vergangenen Jahren zugenommen. 2019 waren 36 Prozent der Meinung, Ausfälle wegen physischer Erkrankungen hätten zugenommen und 37 Prozent sahen eine Zunahme bei Ausfällen wegen psychischer Erkrankungen.
«Wenn nicht schleunigst ein Umdenken stattfindet, wird das “Kartenhaus Schule” über kurz oder lang zusammenbrechen»
Von 84 auf 89 Prozent gestiegen ist auch der Anteil der Schulleiterinnen und Schulleiter, die für «fast alle» oder «die meisten» Lehrkräfte Mehrbelastungen durch «neue Herausforderungen und Anforderungen im Schulalltag, z. B. durch Inklusion, Integration oder andere Entwicklungen» sahen. «Wenn nicht schleunigst ein Umdenken stattfindet, die Schulen bedarfsgerecht finanziert werden und der Lehrkräftemangel angegangen wird, wird das “Kartenhaus Schule” über kurz oder lang zusammenbrechen», so Beckmann
Und weiter: „Für uns ist der Gedanke unerträglich, dass Menschen, die ihr Herzblut in die Bildung unserer Kinder stecken, unter Bedingungen arbeiten müssen, die sie krank machen. Jede zweite Schulleitung sieht, dass Lehrkräfte der Überlastung nicht mehr standhalten können. Einige Schulformen, wie zum Beispiel Grund- oder Haupt-, Real und Gesamtschulen, sind besonders stark betroffen.“
Die Überlastung und Lehrkräftemangel würden nicht nur ein Gesundheitsrisiko für die Betroffenen bergen, sie bedrohten auch den Erfolg wichtiger pädagogischer Weiterentwicklungen.
Hierzu Beckmann: „Die Politik lädt seit Jahren Projekte zur Weiterentwicklung von Schule auf die Lehrkräfte ab, ohne sie mit angemessenen Ressourcen auszustatten, getreu dem Motto: Die an Schulen Beschäftigten werden das Problem schon lösen. Egal ob Inklusion, Integration oder Demokratisierung: Sie finden in der alltäglichen Umsetzung auf dem Rücken der Lehrkräfte statt. Knapp zwei Drittel der Schulleitungen sehen Mehrbelastung für fast alle Lehrkräfte in ihren Schulen. An den Grundschulen sind es sogar 70 Prozent. Wenn die Schulen für die an sie gestellten Herausforderungen nicht entsprechend ausgerüstet werden, lassen sich diese wichtigen und notwendigen Projekte nicht umsetzen.“
Neben der Lösung des Lehrkräftemangels fordert der VBE multiprofessionelle Teams zur Unterstützung der Lehrkräfte im Schulalltag.
«Sollte der Dienstherr hier nicht endlich konsequent gegensteuern, so nimmt er Erkrankungen des Schulpersonals sehenden Auges in Kauf», sagt auch Gerhard Brand, Landeschef des VBE in Baden-Württemberg.
Die dortige Kultusministerin Theresia Schopper (Grüne) räumt ein, dass die Pandemie und die Schutzmaßnahmen die Schulen noch einmal belastet hätten, «da diese immer auch einen organisatorischen Aufwand mit sich bringen». Sie nehme die Studie ernst, versichert sie. Schopper verweist auf Angebote des Landes zur Gesundheitsförderung – etwa für Schulleitungen, Berufseinsteiger und Lehrkräfte, die schon zehn Dienstjahre erreicht haben. Die Schulen könnten sich außerdem Hilfe von den 28 schulpsychologischen Beratungsstellen holen. Auch arbeite man an Konzepten, wie man den Lehrermangel perspektivisch beheben könne.
«Die hohe Arbeitsbelastung führt zu langfristigen Krankheitsausfällen, wodurch die Belastung an den Schulen weiter ansteigt.»
Brand sagt dazu, die Schulen hätten in dieser Zeit zahlreiche Zusatzaufgaben aufgebürdet bekommen. «Man denke nur an die Notbetreuung, den Digital- und Fernunterricht, den Wechselunterricht, die drei Not-Nachhilfeprogramme: “Lernbrücken”, “Bridge the Gap” und “Lernen mit Rückenwind” oder die Corona-Testungen und ganz neu noch an einigen Einrichtungen die Überwachung des Impfstatus und die Nachverfolgung.» Hinzu komme der gravierende Personalmangel. Es sei ein «Teufelskreis»: «Die hohe Arbeitsbelastung führt zu langfristigen Krankheitsausfällen und verstärkt damit den Lehrkräftemangel, wodurch die Belastung an den Schulen weiter ansteigt.» Die Schulleitungen wünschten sich zur Entlastung in erster Linie eine Senkung der Stundenzahlen und mehr Personal. News4teachers / mit Material der dpa
Lehrer sehen sich durch Corona zusätzlich belastet – GEW fordert Ausgleich
