BERLIN. Die saarländische Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot (SPD) hat das Amt der Präsidentin der Kultusministerkonferenz übernommen. „Bildung in Zeiten des Wandels – Transformation mutig gemeinsam gestalten“, so lautet die Leitidee, unter die sie ihre Amtszeit bis zum 31. Dezember 2024 gestellt hat. Streichert-Clivot hat dabei durchaus etwas vorzuweisen: Der Bildungsmonitor der wirtschaftsnahen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft setzte das Saarland in seinem Dynamikranking auf Platz eins aller Bundesländer. Der Philologenverband gibt der SPD-Politikerin schon mal Hausaufgaben mit auf den Weg.
In einer Zeit tiefer Veränderungen brauche es mehr als nur die Aneinanderreihung von Einzelthemen. Erforderlich sei ein System, „das auf wissenschaftliche Expertise setzt, das eigenes Handeln mutig und kritisch hinterfragt und nach nützlichen und positiven Formen des Miteinanders strebt“, sagt Streichert-Clivot.
„Stellen wir gemeinsam die Bildung unserer Kinder und Jugendlichen, unabhängig von ihrer Herkunft in den Mittelpunkt unseres Handelns. Nur mit starken Kindern und Jugendlichen können wir alle auch auf eine starke Zukunft bauen. Eine Zukunft, in der die Menschen die analoge Welt und das digitale Miteinander gestalten. Dazu brauchte es ein vernetztes Denken. Bildungsgerechtigkeit gelingt dann, wenn alle an einem Strang ziehen“, so die neue KMK-Präsidentin. „Was wir brauchen, ist mehr Teilhabe und Partizipation junger Menschen an Entscheidungen in Schule und Gesellschaft. Was wir brauchen, sind Transformationskompetenzen für die Zukunft. Wir brauchen Bildungsorte, an denen alle gerne lernen, starke Fachkräfte für einen echten Bildungsaufbruch und eine KMK, die unverändert die Interessen von jungen Menschen verteidigt. Die agil agiert, nicht nur reagiert.“
Als wichtigste Handlungsfelder hatte Streichert-Clivot nach ihrer Wahl im Dezember Fachkräftemangel, Lehrkräftegewinnung und -qualifizierung, die digitale Transformation des Lehrens und Lernens sowie den Umgang mit Künstlicher Intelligenz an Schulen benannt.
Streichert-Clivot hat in ihrem Beritt durchaus eine gute Bilanz vorzuweisen. Das Saarland verbesserte sich in der wissenschaftlichen Bildungsstudie „Bildungsmonitor 2023“, die vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft alljährlich erstellt wird, zwischen 2013 und 2023 um 7,1 Punkte – und belegt damit (noch vor Hamburg) im Dynamikranking-Platz eins. Minuspunkt: Im Saarland besteht ebenfalls ein enger Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg in Klasse 4. Pluspunkte dagegen: Nur wenige Kinder wiederholen eine Klasse. Es gibt eine gute Schüler-Lehrkräfte-Relation an den Grundschulen.
„Es geht darum, die Strukturen der KMK an die Erfordernisse der neuen Zeit anzupassen“
Der saarländische Minister der Finanzen und für Wissenschaft, Jakob von Weizsäcker (SPD), wird als zuständiger Ressortkollege der Präsidentin für den Bereich Wissenschaft und als Mitglied des KMK-Präsidiums die entsprechenden Sitzungen während des Präsidentschaftsjahres leiten. Von Weizsäcker: „Es geht darum, die Strukturen der KMK an die Erfordernisse der neuen Zeit anzupassen.“
Hintergrund: Die Unternehmensberatung Prognos hatte die internen Strukturen der Kultusministerkonferenz (KMK) durchleuchtet – und kam zu erschreckenden Ergebnissen: Das höchste deutsche Bildungsgremium erscheint in dem unter Verschluss gehaltenen Bericht, der News4teachers vorliegt und über den wir berichteten, als bürokratischer Riesenapparat, der jede Menge Papier ausstößt, aber kaum zu relevanten Entscheidungen kommt.
Der Philologenverband gratuliert Streichert-Clivot – und mahnt gleichzeitig schnelles Handeln an. „Dass sie Themen wie Lehrkräftegewinnung und -qualifizierung in den Blick nimmt, begrüßen wir. In diesem Zusammenhang fragen wir: Was kann es Wichtigeres in Zeiten von Lehrkräftemangel geben, als gerade die erfahrenen Lehrkräfte möglichst lange im Dienst zu halten? Setzen Sie sich in der KMK dazu konstruktiv mit unserem Vorschlag auseinander!“, forderte Bundesvorsitzende Susanne Lin-Klitzing in Richtung der SPD-Politikerin.
Der Blick des Verbands fällt auf die erfahrenen Kollegen und Kolleginnen, unter anderem auf die sog. „Babyboomer“, auf diejenigen, die das Bildungssystem stabilisieren, die solide ausgebildet wurden, die unterrichten können und die für die Schülerinnen und Schüler möglichst lange erhalten bleiben sollten – ebenso wie für die nachfolgenden Lehrkräfte, die sie unterstützen und beraten können, wenn ihnen die Gelegenheit dazu gegeben wird. Lin-Klitzing: „Es wäre geradezu fahrlässig, ihr Potential nicht länger auszuschöpfen!“
Deutschlandweit wurden zuletzt 17 Prozent der pensionierten Lehrkräfte wegen Dienstunfähigkeit in den Ruhestand entlassen. 59 Prozent ließen sich vorzeitig pensionieren und nur 21 Prozent erreichten die gesetzliche Altersgrenze. Damit der Großteil der Lehrkräfte länger im aktiven Dienst bleiben kann, müsse die Altersermäßigung deutlich erhöht werden, so Lin-Klitzing: „Wenn Lehrkräfte ab 55 Jahren zwei Stunden, ab 60 vier Stunden und ab 62 sechs Stunden Altersermäßigung bekämen, ist meine Hypothese, dass eine große Anzahl deutlich länger im Dienst bleiben würde. Wer also bis zur Regelaltersgrenze arbeitet, muss ab 63 für dasselbe Geld nur noch mit einem Dreivierteldeputat unterrichten.“
In der verbleibenden vollen Arbeitszeit sollten diese Lehrkräfte neue Kollegen und Kolleginnen, Quer- und Seiteneinsteiger unterstützen, immer noch nötige Verwaltungsaufgaben übernehmen oder beispielsweise Klassenreisen und Veranstaltungen vorbereiten. Jüngere Lehrkräfte bekämen dadurch mehr Zeit für ihre eigentliche Kernaufgabe: den Unterricht.
Lin-Klitzing: „Darüber hinaus muss in Zeiten des Lehrkräftemangels den 21 Prozent der Lehrkräfte, die mit Erreichen der Altersgrenze in den Ruhestand versetzt wurden, die Möglichkeit eingeräumt werden, freiwillig weiter unterrichten zu können. Deshalb sollte es keine Höchstgrenze für Zuverdienst geben. Dementsprechend ist umgehend die Zuverdienstgrenze für pensionierte Lehrkräfte auszusetzen, damit diese mit genau dem Stundenmaß eingesetzt werden können, mit dem es ihnen selbst möglich und der aktuell notwendigen Unterrichtsversorgung dienlich ist, ohne dass die Pensionäre deshalb finanzielle Einbußen erleiden. Und selbstverständlich darf es keinen Ausschluss von Rentnern und Pensionären bei Sonderzahlungen für Lehrkräfte geben.“ News4teachers
