DÜSSELDORF. Gestern erschien der erste Teil des Interviews und sorgte für hitzige Diskussionen im Leserforum. Hier ist nun der zweite Teil: Raúl Krauthausen, Mitgründer der Organisation „Sozialhelden“, Autor und gefragter Speaker in Sachen Barrierefreiheit und Inklusion, bezieht pointiert Stellung, wenn es um die Rechte von Menschen mit Behinderungen geht. Im Folgenden nimmt er sich das Gymnasium vor – und kritisiert elitäres Denken.
Hier geht es zurück zum ersten Teil des Interviews.
News4teachers: Du hast einmal gesagt, eine Schule für alle wäre die Lösung. Das heißt also, es ist nicht damit getan, die Förderschulen abzuschaffen, solange es noch ein Gymnasium gibt und eine Realschule?
Raúl Krauthausen: Nach der UN-Behindertenrechtskonvention, die ja Deutschland unterschrieben hat, und übertragen auf das deutsch Schulsystem bedeutet es, dass das Gymnasium auch eine Sonderschule ist – und zwar für Eliten. Deswegen müssten auch die Gymnasien abgeschafft werden. Und da gibt es Widerstand. Man sagt ja, dass das Bildungssystem in Deutschland schwerer zu reformieren ist als die Kirche. Das liegt nicht an der Hauptschule, nicht an der Realschule und nicht an der Gesamtschule. Es liegt auch nicht an der Sonderschule. Es liegt wirklich am Gymnasium. Diesem Glauben an Eliten. Zu glauben, dass ein Kind an einer Gesamtschule mit gymnasialer Empfehlung schlechtere Abschlüsse macht, das stimmt eben nicht.
Ich meine, das deutsche Bildungssystem ist schon auch ein geiles System. Das muss man mal sagen. Ich will es nicht komplett schlecht reden. Bei uns ist die Ausbildung umsonst bis hin zur Doktorarbeit. Das ist schon krass und in anderen Ländern nicht so. Das System könnte super durchlässig sein, aber trotzdem siebt es aus wie kaum ein anderes System. Ich finde das erstaunlich. Mir fallen jetzt spontan zwei Menschen mit Downsyndrom ein, die in Spanien ihre Studiengänge abgeschlossenen haben. Hier in Deutschland fällt mir noch nicht mal jemand ein mit Abitur. Würde das bedeuten, dass das spanische Bildungssystem so schlecht ist, dass jeder studieren kann? Wahrscheinlich nicht, sondern das würde bedeuten, dass das spanische Bildungssystem durchlässiger ist.
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News4teachers: Bei uns hängen die Bildungschancen zudem ja auch stark vom Elternhaus und Bundesland ab, so die letzte Studie des ifo-Instituts. Apropos Chancengleichheit: Ende Juni tritt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz in Kraft, das auch digitale Medien, die an Schulen im Einsatz sind, barrierefreier machen soll. Ist das aus Deiner Sicht eine gute Sache oder einfach nur ein weiterer Tropfen auf den heißen Stein?
Raúl Krauthausen: Beides. Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein, insofern, dass dieses Barrierefreiheitsstärkungsgesetz ja vor allem Medien meint. Digitale Medien, Apps, Automaten, aber nicht Gebäude. Also die Schule muss keinen Aufzug haben, aber die digitale Tafel muss barrierefrei sein, auch im Bezug auf verschiedene Behinderungsarten. Es ist also hauptsächlich eine Verbesserung für sinnesbehinderte Menschen und nicht für mobilitätseingeschränkte. Es ist aber wichtig, dass man das macht.
“Wenn man am Anfang über Barrierefreiheit spricht, denken alle an Rollstuhl und Aufzug. Aber wenn man weiter eintaucht in die Materie, dann meint es so viel mehr”
Die meisten Systeme, die wir inzwischen benutzen, also Android, Windows, macOS und so weiter, die sind in ihrer DNA schon barrierefrei. Bei der Programmierung und Entwicklung von Lehrmaterialien wird das noch nicht automatisch mitbedacht und umgesetzt. Zum Beispiel haben die Bilder nicht immer eine Bildbeschreibung oder die Tools lassen sich nicht mit der Tastatur steuern. KI kann inzwischen viel Arbeit abnehmen, wie zum Beispiel das Bild beschreiben und untertiteln.
Vielleicht sind wir mit dem neuen Gesetz dann wenigstens in Sachen digitaler Barrierefreiheit 2025 so weit, dass wir nicht hinterherhinken, wenn die ganzen behinderten Kinder an unsere Regelschulen kommen und die Inklusion (zu spät) passiert.
News4teachers: Du hattest eingangs erwähnt, dass du jetzt seit über 20 Jahren aktiv im Einsatz für die Inklusion bist. Ist es nicht unheimlich ermüdend, zu erleben, dass die Mühlen so langsam mahlen oder manchmal auch stillstehen? Was gibt dir Energie, um trotzdem weiterzumachen?
Raúl Krauthausen: Ein guter Freund von mir hat mal gesagt: „Vor über 100 Jahren durften Frauen in Deutschland nicht wählen. Zum Glück hat man das Wahlrecht für Frauen eingeführt und es hat trotzdem 100 Jahre gedauert, bis die CDU/CSU diskutiert, ob sie eine Frauenquote braucht. Dürften die Frauen heute immer noch nicht wählen, würde die CDU/CSU das auch nicht diskutieren.“ Das heißt, je tiefer wir in die Materie eintauchen, in dem Fall Wahlrecht, desto mehr entdecken wir, wie Frauen immer noch diskriminiert werden. Und genau so ist es auch beim Thema Inklusion.
Wenn man am Anfang über Barrierefreiheit spricht, denken alle an Rollstuhl und Aufzug. Aber wenn man weiter eintaucht in die Materie, dann meint es so viel mehr. Dann geht es auch nicht nur um Gebäude, sondern auch um Bildungsmaterialien, um Forschung und um Repräsentation. Wie viele behinderte Lehrkräfte gibt es eigentlich? Warum dürfen behinderte Menschen nicht Beamte werden? Also die Thematik wird plötzlich immer größer anstatt kleiner. Und dann muss man sich seinen Themenbereich aussuchen, an dem man arbeiten will, denn in meiner Lebenszeit wird sich wahrscheinlich wenig ändern. Aber man muss dranbleiben. Mein Schwerpunkt ist, und da schöpfe ich quasi meine Kraft und Motivation heraus, die Innovation. Also Inklusion und Innovation. Sich Dinge zu überlegen, wie man sie machen könnte, ohne dass das gleich jemandem einen Zacken aus der Krone bricht. Ich habe vorhin zum Beispiel von KI gesprochen, die hilfreich sein kann.
Ich habe aber auch von Haltung gesprochen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Veränderung nicht über Aufklärung herbeizuführen ist. Ich glaube nicht, dass es ein Weg ist, zu sagen, wir müssen erst die Mehrheitsgesellschaft aufklären, dass es Menschen mit Behinderung gibt. Das ist ja allen klar. Es wissen auch alle Männer, dass es Frauen gibt. Was will ich da bitteschön aufklären? Dass Kinder mit Behinderung auch ein Recht auf Spielplätze haben? Okay, zeig mir denjenigen, der anderer Meinung ist. Und werden wir den mit Aufklärung überzeugen? Beim Sexismus ist es genau das Gleiche. Also zeigt mir einen Mann, der sagt, Frauen können das nicht. Okay, aber wirst du den jetzt mit einer Plakatkampagne überzeugt bekommen, dass Frauen das doch können? Eher nicht. In der Kommunikation, und das habe ich ja studiert, nennt man so etwas Streuverlust. Also wir kommunizieren eine Binsenweisheit an Menschen, denen es entweder egal ist oder die nicht überzeugbar sind. Wenn mein Wirtschaftsminister Robert Habeck in irgendeiner Talksendung sagt: „Ja, ja, es ist schon wichtig, dass Frauen in Führungspositionen kommen“, und alle klatschen, alle nicken, dann kann man auch sagen, dass das eigentlich ruinöse Empathie ist. Weil wer, wenn nicht er, könnte an der Lage etwas ändern?
News4teachers: Du meinst damit Mitgefühl, das eher schadet als uns weiterbringt?
Raúl Krauthausen: Ja, genau. Warum gehst du nicht den nächsten Schritt? Warum sagst du nur, dass das wichtig ist? Und genau das Gleiche passiert auch beim Thema Inklusion. „Ja, Inklusion wäre schon gut. Dafür müssen wir aber erst mal aufklären.“ Es wird aber niemals der König der Behinderten auftauchen und auf den Balkon steigen und sagen: „Liebes Volk, jetzt haben wir alle aufgeklärt. Lassen wir jetzt mal Aufzüge bauen.“ Deswegen ist immer, wenn jemand sagt „Wir müssen aber erst einmal aufklären“, meine Frage: Wenn ich jetzt diesen Raum verlasse, was soll ich tun? Muss ich wirklich meine Nachbarin überzeugen, dass ihr Kind ein Recht darauf hat, mit behinderten Kindern gemeinsam zu lernen? Hat meine Nachbarin überhaupt das Mandat, darüber zu entscheiden? Was würde denn wirklich eine Veränderung erzeugen?
News4teachers: Hast Du eine Antwort darauf?
Raúl Krauthausen: Veränderung würde die Begegnung erzeugen. Also wenn das Kind meiner Nachbarin gegen ihren Willen in einem Klassenraum sitzt mit einem behinderten Kind, wo sie gemeinsam Bio büffeln, ja, dann ist es das gute Recht dieses Kindes, es nicht gut zu finden. Aber es ist nicht das Recht des Kindes, zu sagen: „Du darfst hier nicht sein.” Und nur durch Begegnung lernen wir, dass es vielleicht auch egal ist, ob beim Bio-Büffeln das Kind neben mir einen Arm oder drei Arme hat. Am Anfang kann es auch sein, dass du dich erstmal fremd oder unwohl fühlst. Aber das können wir doch nur abbauen durch die Begegnung und nicht durch die Broschüre, nicht durch einen Aufklärungsfilm. Das funktioniert nicht. Und um Begegnung zu ermöglichen, braucht die Schule erst einen Aufzug, damit die Begegnung überhaupt stattfinden kann. Es bringt nichts, den Kindern in der Grundschule jahrelang zu sagen „Ja, es gibt auch Kinder mit Behinderung.“, und die Schule hat keinen Aufzug. Mit Begegnung meine ich auch keinen Klassenausflug zu einer Sonderschule. Das ist nichts anderes als ein Zoobesuch. Wir können auch die Frage andersherum stellen: Warum hat nicht jede Regelschule so wie Sonderschulen ein Schwimmbad oder einen Snoezelenraum oder eine Kuschelecke? Warum öffnet sich nicht in jeder Schule die Tür automatisch?
Wie schon erwähnt: Jede Schule braucht kleine Klassen und neue Pädagog*innen – die motiviert sind. Also: „Sonderschule für alle!“, sage ich immer. Das Interview führte Sonja Mankowsky/News4teachers
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