HAMBURG Laut einer Studie, die die Hamburger GEW in Auftrag gegeben hat, besteht bei knapp jeder fünften Lehrkraft ein hohes Risiko für Depression oder Burnout – dies berichteten wir vor zwei Tagen (hier geht es hin). Zu diesem Beitrag hat uns im Leserforum eine Fülle von Zuschriften erreicht. Einen davon, der die Gründe besonders gut anschaulich macht, möchten wir als exemplarisch als Gastkommentar hier noch einmal veröffentlichen.
Neben dem Fakt, dass die Schülerinnen und Schüler mit ihrem immer “herausfordernderem” Verhalten immer mehr Einsatz von uns verlangen, immer weniger können, immer mehr Hilfen brauchen, um das Gleiche (oft viel weniger) zu lernen wie “früher”, sollte mal drüber nachdenken, wie viel von dem Stress der Lehrer hausgemacht ist – durch “Schule, wie sie immer war” auf Biegen und Brechen.
Eigentlich sind für den Ganztag nicht genug Lehrkräfte da, für so viele Kinder mit besonderen Bedürfnissen schon gar nicht. Inklusion ist nicht personell ausreichend abgedeckt, Integration ist nicht gewährleistet, um benachteiligte und/oder sozial vernachlässigte Schülerinnen und schüler, um zweifelhafte Lebenseinstellungen und politische/religiöse Einstellungen/Irrwege unserer Schüler können wir uns auch nicht angemessen kümmern.
Trotzdem prügelt man “Schule wie immer” weiter durch.
Besonders an den Ganztagsschulen entstehen dadurch weitere Krisen: Probleme durch die Tatsache, dass schwierige Konstellationen über noch längere Zeit auf engem Raum kochen, Situationen je später der Tag umso heftiger eskalieren, Lösungsmöglichkeiten sich auf Suspendierungen nach Gewalt beschränken, weil für mehr kein Personal da ist, SuS unzufrieden mit der (mindestens empfundenen) unsinnigen “Aufbewahrung” in der Schule sind, ihren Schultag eigenmächtig vorzeitig beenden etc.
Die Kollegen verbringen viel, viel Zeit in der Schule, haben viele Leerzeiten/Springstunden/Vertretungsstunden, Pausen, die nicht effektiv genutzt werden können. Wer sie wirklich nutzen kann/muss, kommt mehrfach die Woche auf mehr als 8 Stunden Arbeitszeit allein in der Schule.
“Keine Ruhe zu finden, nicht mal an den Wochenenden, nicht in den Ferien, nicht an Feiertagen – das kann nur zu Überlastung führen”
Es bleiben nach einem 6/8/10-Stunden-Tag vor Ort keine Ruhezeiten und keine zusammenhängenden Zeiten mehr für gute Vorbereitung. Mit dem ständigen Gefühl, total fertig aus der Schule zu kommen und dann noch Stunden der Vorbereitung vor sich zu habem, dem ewig schlechten Gewissen, wieder nicht alles geschafft zu haben, keine Ruhe zu finden, nicht mal an den Wochenenden, nicht in den Ferien, nicht an Feiertagen – das kann nur zu Ausnahmezuständen und Überlastung führen.
Halbtag, danach Betreuung und für die Lehrkräfte Zeit, sich zu erholen und nachmittags mit ausreichend Energie, Ideen und Konzentration an die Vorbereitung zu gehen.
Dann wäre Unterricht wieder besser vorbereitet, Lehrer vielleicht etwas weniger dauergestresst.
Für die Kinder gilt das ebenso. Allein die Tatsache, dass Kinder im Winter nur im Dunkeln “draußen” sind (im Bus über dem Handy), bringt zusätzliche Probleme.
Solange Ganztag nicht auf viele Schultern verteilt werden kann, bringt das alles nur Chaos ins System. Den Eltern, die auf Betreuung angewiesen sind, sollte auch klar kommuniziert werden, dass nach 14 Uhr (oder wie auch immer) eben nur noch Betreuung/Hausaufgabenhilfe etc. durch Nicht-Lehrkräfte angeboten werden kann.
Und dann – man kann es nur immer wieder wiederholen – deutlich weniger Stunden für ganz junge und die älteren Lehrkräfte. Die jungen Kollegen brauchen noch viel Zeit zum Einarbeiten und wer schon 30 und mehr Jahre im System ist, sollte nicht mit einer Stunde Reduzierung abgespeist werden. Wenn man die älteren Kollegen möglichst lange im System halten will, müssen sie deutlich mehr entlastet werden – ein kompakterer Tag in der Schule, weniger Leerzeiten vor Ort, allgemeine Reduzierung von dienstlichen Veranstaltungen, die man schon 30 Mal in fast identischer Form gehört hat oder die nur dazu dienen, eine neue Sau der Landesregierung durch die Schule zu prügeln, die den Kindern und den Lehrern nichts als weitere Belastung bringt.
“Wenn irgendwas schief läuft, liegt entweder die Schuld bei uns oder die Lösung auf unseren Schultern”
Ach ja, was nutzt es, man kann sich endlos wiederholen, keinen kümmert es. War dies alles Thema im Wahlkampf? Nein. Ach ja, ist ja Ländersache. Dann hat ja jemand anders Schuld. Muss man sich also nicht die Finger dran verbrennen auf Bundesebene. Was für ein Glück… Finanziell ist der Bund auch raus. Noch mehr Glück…
Nur die Folgen, die tragen bundesweit: fehlende Bildung, fehlende Ausbildungsfähigkeit, fehlende Arbeitnehmer, Standortschwächung, fehlende politische/soziale Verantwortung bei den Wählern, die den vermeintlich einfachen Lösungen glauben und hinterherrennen.
Wir Lehrer dazwischen – in der unmittelbaren Veranwortung für Bildung, Erziehung, Eingliederung von jungen Menschen in die Geselschaft von morgen, andererseits nur Spielball und Manövriermasse der Regierenden. Wenn irgendwas schief läuft, liegt entweder die Schuld bei uns oder die Lösung auf unseren Schultern. Da fragt noch jemand, warum Lehrkräfte ausbrennen??? News4teachers
