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Wenn Schule (Schüler UND Lehrer) krank macht: Warum die Bildungsreformerin Margret Rasfeld eine radikale Wende fordert

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BERLIN. Margret Rasfeld gehört zu den profiliertesten Stimmen der deutschen Bildungsdebatte, wenn es um eine grundlegende Erneuerung von Schule geht. Die ehemalige Schulleiterin und Mitgründerin der Initiative „Schule im Aufbruch“ setzt sich seit Jahren für eine Lernkultur ein, die Potenziale stärkt statt Druck zu erzeugen – und die sich an den Prinzipien der Bildung für nachhaltige Entwicklung orientiert. In ihrem Gastbeitrag für News4teachers, den wir zum Auftakt unseres Themenmonats „Gesunde Schule“ bringen, beschreibt sie eindringlich die wachsende psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen – und stellt die unbequeme Frage, ob nicht das Schulsystem selbst krank macht.

Bildungsinnovatorin: Margret Rasfeld sieht das tradierte Schulsystem kritisch. Illustration: News4teachers

Gesunde Schule – oder ein System, das krank macht? Plädoyer für eine radikale Neuausrichtung der Schule

Die Mental Health Krise ist inzwischen in der öffentlichen Debatte angekommen. Studien belegen massive Zukunftsängste der jungen Generation sowie ein breites Spektrum psychosozialer Beschwerden, die mit Dauerstress zu tun haben. Das Selektionsprinzip, der hohe Leistungsdruck und die ständigen Vergleiche bringen bereits Neunjährige in den Burnout. Prof. Schulte Markwort, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Universitätsklinikum Hamburg, Autor des Buches Burnout-Kids fordert eine Abkehr vom unbarmherzigen Prinzip Leistung Sinn. Burnout, ein Phänomen der Erwachsenenwelt ist bei unseren Kindern angekommen.

Das verlangt Antworten – von uns, den Verantwortlichen. Kinder sind Seismografen der Gesellschaft. Ihre Erschöpfung ist ein wichtiges Signal Es gilt es zu fragen: Wie vermitteln wir jungen Menschen Zuversicht, Wirksamkeitserfahrungen und Sinn, damit sie resilient durchs Leben gehen, mit disruptiven Veränderungen umgehen können, innere Stabilität entwickeln. Wir sprechen zur Zeit viel über gesunde Schule. Über Resilienzprogramme, Achtsamkeitstrainings, mehr Schulsozialarbeiter und Psychologinnen. Doch selten stellen wir die grundlegende Frage: Was, wenn nicht die Kinder krank sind – sondern das System, in dem sie lernen?

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Der heimliche Lehrplan prägt

Ein Blick in die Realität: Viele Kinder verbringen oft eine 40-Stunden-Woche mit Schule und Hausaufgaben. Sie sollen stillsitzen, obwohl ihr Körper Bewegung braucht. Sie lernen oft noch im zersplitterten Fächerkorsett und Gleichschritt und leben unter permanentem Bewertungsdruck. Das frühe Selektionsprinzip bringt Grundschulen und Eltern massiv unter Druck. Fehler und Scheitern sind nicht Freunde, sondern Katastrophen, verbunden mit Beschämung, schlechten Noten, Abstufung. Dieser heimliche Lehrplan verankert sich mental und prägt Menschen. Die Haltung aber, mit der wir auf Fehler schauen, beeinflusst nicht nur die psychologische Sicherheit sondern auch, wie wir uns in unbekannte Gefilde wagen. In Zeiten, wo Herzensbildung und Kreativität hochbedeutsam sind, macht Schule junge Menschen noch viel zu oft zum Objekt von Absichten, Belehrung, Bewertung, Maßnahmen. Damit verletzen wir die Grundbedürfnisse nach Verbundenheit und Autonomie. Auf diese Würdeverletzung reagieren Kinder mit Schmerz und dann mit dessen Unterdrückung.

Viele junge Menschen antworten mit ihrem Körper. Bauchschmerzen, Schlafstörungen, Angst, Herzrasen und Zittern, andere sprechen von Erschöpfung, Depressionen, Rückzug. Studien zeigen: schulischer Leistungsdruck steht hinter der Belastung durch Krieg an zweiter Stelle (Schulbarometer Nov. 2024). Gleichzeitig erleben viele junge Menschen Schule als Ort von Ohnmacht. Der YEP Jugendbericht 2025 bezeichnet Ohnmacht als die neue Pandemie. Sie lernen zu funktionieren – nicht zu gestalten.

Eigentlich geht man in die Schule um gehorchen zu lernen. Den ganzen Tag tust du das, was die Lehrer dir sagen. Und so lernst du zu gehorchen. Schülerin 13.

Du lernst zu funktionieren. Ist das der Sinn von Schule? Schüler, 14

Auch Lehrkräfte leiden. Umfassende Kontrollen bestimmen den Schulalltag statt eines prinzipiellen Vertrauens. Zwischen Stoffdruck, Personalmangel und widersprüchlichen Erwartungen geraten sie selbst in eine Ohnmachtsspirale. Oft handeln sie gegen ihr inneres Wissen, ein hoher Burnout Faktor. Sie wollen Kinder stärken – und erleben sich doch oft als Gefangene eines Systems, das genau das erschwert. Eltern wiederum stehen zwischen Sorge und Anpassungsdruck: Sie sehen den Stress ihrer Kinder und fühlen sich gleichzeitig ohnmächtig im System der Bewertungen und Abschlüsse. So entsteht ein Kreislauf kollektiver Überforderung.

Und doch reagieren wir nicht an der Wurzel. Statt das System zu hinterfragen, wird nach mehr Unterstützung im bestehenden System gerufen. Das ist wichtig, greift jedoch zu kurz. Kinder sind Seismografen unserer Gesellschaft. Ihre Erschöpfung ist ein klares Signal. Die Frage ist: Hören wir hin!

Jenseits der Fassade

Wie es jungen Menschen wirklich geht, wurde auf erschütternde Weise sichtbar, als Schüler:innen eines Gymnasiums ihre Gefühle öffentlich machten. 70 Briefe im Schulflur, später gelesen im öffentlichen Raum: ein kollektiver Aufschrei.

Zitate von Schülerinnen und Schülern zwischen 12 und 17 Jahren

»Ich habe nichts mehr. Keinen Mut, keine Hoffnung, keine Lust, keine Kraft, keine Zeit. Ich habe keine Zeit. Und jede Zeit, die ich besitze, opfere ich der Schule für gute Noten. Zeit heißt: etwas für die Schule machen. Ich würde mich gerne kennenlernen, mehr über mich und meine Gefühle wissen, aber ich habe keine Zeit.«

»Wenn ich an das Wort Schule denke, verbinde ich damit enormen Druck. Schule hat mein Leben übernommen. Ich gehe jetzt in die neunte Klasse eines Gymnasiums und in den letzten 2 Jahren haben bereits allein in meiner Klasse vier Schüler aufgrund von psychischen Problemen für eine längere Zeit gefehlt und wenn es so weiter geht, habe ich das Gefühl, dass es mir bald genauso ergehen könnte. Es muss eine Veränderung geben. Ich schreibe diesen Brief in der Hoffnung, dass ihn jemand ernst nimmt, weil es so nicht weiter gehen kann. Und ich schreibe den Brief für jeden einzelnen, der nach mir an diese Schule kommt, in der Hoffnung, dass er dies nicht erleben muss.«

  • »Und das Schlimmste ist, dass es noch sieben Jahre so weitergeht. Tag für Tag und du steckst fest in dem System.«
  • »Leistungsdruck. Ich bin ratlos. Kraftlosigkeit, Verzweiflung, Motivationslosigkeit, Erstickung, Panik, Wut, Lebenslosigkeit, Leere … das bedeutet Schule für mich.«
  • »Verdammt Schule, was tust du mir an? Du bringst mir bei, ich sei nicht genug, die anderen sind besser. Du bringst mir bei, dass Stress normal ist. Du bringst mir bei, wie es ist sich allein zu fühlen.«
  • »Ich wünsche mir, dass wir nicht so viel Druck haben und nicht so viel Stoff in uns reinpressen müssen, wir sind doch noch kleine Menschen.«
  • »Ich habe oft Angst, dass ich nicht alles schaffen kann, obwohl ich so viele Stunden am Tag lerne und lerne und lerne. «
  • »Ja, ich habe einen Durchschnitt von 1,2 geschafft. Ich habe 9 Stunden am Tag dafür gelernt, auch am Wochenende und ich möchte nicht erzählen, was mich das an Stress, Angst, Panik und Zusammenbrüchen gekostet hat.«
  • »Das Schlimmste sind die Tests und die Klassenarbeiten. Kaum hat man den einen geschrieben, dann kommt schon der nächste und so ist man wie in einer Maschine. Ja, man ist eine Maschine, die Stoff ausspuckt, wie abgeschnitten vom Leben.«
  • »Und das Schlimmste ist, dass es normal ist. Zu leiden wird normalisiert. Niemand kritisiert es. Machen ja schließlich alle so. Was wir nicht verstehen ist, dass wir in der Mehrheit sind. Wir haben die Macht zu ändern, was uns nicht recht ist. Wir sind nur schon zu müde, ausgelaugt und kaputt, schon zu tief drin, um das zu realisieren. Ich kann nicht mehr.«
  • »Ich habe verlernt auf meinen Körper zu hören, denn der sagt mir schon lange: es ist genug, du kannst nicht mehr, du bist müde und erschöpft. Aber dann kommen die Gedanken. Du musst doch alles schaffen, du musst den Stoff schaffen, du musst gute Noten schaffen, du darfst deine Eltern nicht enttäuschen.«
  • »Ich will ja Leistung bringen, ich will lernen, ich will gute Noten haben, ich bin bereit mich dafür anzustrengen und wirklich alles zu geben. Und dann merkst du auf einmal: das kannst du gar nicht schaffen. Und du merkst, du verlierst die Kontrolle und dass die Freude am Leben verloren gegangen ist.«
  • »Eltern werden enttäuscht von dir sein. Das schlimmste Gefühl auf Erden: Wenn deine Eltern sagen, dass sie enttäuscht von dir sind. Sie könnten schimpfen, meckern und brüllen so viel sie wollen. Dieser eine Satz fühlt sich schlimmer an als alles zusammen. Diese Schuldgefühle und das schlechte Gewissen. … Manchmal könnte ich wirklich heulen. Vor Verzweiflung und diesen tagtäglichen Stress. Niemand bemerkt, wie ich innerlich immer mehr kaputtgehe. Niemand bemerkt meinen Schmerz, niemand.«
  • »In einer Umgebung in der einem suggeriert wird, die Noten seien das, was einen definiert, sind schlechte Noten eine direkte Existenzbedrohung.«
  • »Ich bin froh, dass endlich so etwas kam, ich hatte mich nie getraut mit jemandem zu sprechen, da ich nicht wusste, wie viele so fühlen.«
  • »Ich möchte, dass mich jemand anschaut, richtig anschaut, und sieht was für einen Schmerz ich spüre.«

Die Briefe der jungen Menschen sind Zeugnisse – eine innere schmerzliche Zeugenschaft. Sie sind gleichzeitig ein Schatz, ein Geschenk an uns, denn sie haben die Kraft, uns tief im Herzen zu berühren. Viele Erwachsene haben Muster entwickelt, die der Härte zusagen und dem »Da muss man durch, hat mir auch nicht geschadet« – Muster, die uns führen, aber nicht mehr tragen. Tragende Ideen von Zukunft sind mit dem Fokus auf das Lebendige, Verletzliche verbunden. Unsere Kinder sind das innigste Symbol für alles Lebendige, Anrührende, Zärtliche, Lächelnde, was unsere Herzen wirklich bewegt. Gehen wir in Resonanz mit dem Schmerz der jungen Menschen und damit in unseren eigenen Schmerz.  Der Schmerz hat die Kraft, die verschütteten Potenziale und Energien, die unter unseren Gewohnheiten und Ängsten verborgen liegen, freizulegen.

Die Briefe waren Anlass für die Gründung des Reallabor Friedliche Bildungsrevolution in Leipzig[1]. Sie sind auch in dem Buch „Das Schuldrama und wie wir unsere Kinder für die Zukunft stärken“ verarbeitet[2].

Viele Jugendliche berichten, dass sie gelernt haben, eine Fassade aufzubauen. Gefühle werden verborgen, Schwäche darf nicht sichtbar sein.

Hier wird uns systematisch das Fühlen abtrainiert, Schülerin 14

Schule lässt uns Fassaden bauen. Uns darf es nicht schlecht gehen. Uns darf nichts wehtun. Uns darf keine Träne über das Gesicht laufen. Wenn ich in die Schule gehe, verstecke ich, was hinter der Fassade ist, Schülerin, 16.

Doch diese permanente Selbstunterdrückung hat Folgen: Wer Emotionen verdrängt, verliert den Kontakt zu sich selbst. Entfremdung wird eingeübt – und das ist nicht nur ungesund, sondern gesamtgesellschaftlich betrachtet fatal. Denn wer sich selbst nicht spürt, kann auch keine Verantwortung für die Welt übernehmen. Diese Entfremdung ist kein individuelles Problem. Sie ist systemisch.

Der zweite Teil des Beitrags erscheint in den nächsten Tagen auf News4teachers.

[1] www.reallabor-leipzig.de

[2] https://www.droemer-knaur.de/buch/margret-rasfeld-ute-puder-das-schul-drama-9783963402852

Zur Person

Die Autorin und ehemalige Schulleiterin Margret Rasfeld setzt sich seit vielen Jahren für eine grundlegende Neuausrichtung von Schule ein. Nach ihrem Lehramtsstudium in Biologie und Chemie arbeitete sie zunächst als Lehrerin in Nordrhein-Westfalen und war später maßgeblich am Aufbau mehrerer Gesamtschulen beteiligt, darunter die Gesamtschule in Essen-Holsterhausen sowie die Evangelische Schule Berlin Zentrum, die sie bis 2016 als Schulleiterin führte.

Im Rahmen des von der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel initiierten Zukunftsdialogs zum Thema „Wie wollen wir lernen?“ leitete Rasfeld 2011/2012 als eine von sechs sogenannten „Kernexpert*innen“ die Arbeitsgruppe Gemeinsinn und soziale Kompetenzen. Rasfeld ist Mitbegründerin und Geschäftsführerin der Initiative „Schule im Aufbruch“, die Schulen bei der Entwicklung neuer Lernkulturen unterstützt.

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Rainer Zufall
1 Stunde zuvor

Ach bitte! Macht mal ne Studie über die Wissenschaftsfeindlichkeit unter Lehrkräften! Wie viele (im Forum) sehen sich nicht in der Lage, Einsichten auch nur zu akzeptieren, wenn sie es nicht selbst beobachtet haben?

Und jetzt will jemand mit etwas NEUEM kommen? Jetzt schon? Können wir es nicht noch bis zur eigenen Rente aussitzen? Vielleicht können die Familien alles, über das wir uns tagtäglich aufregen, plötzlich durch ein Wund.. durch spontane “Eigenverantwortung” lösen? Man muss sie bestimmt nur darum bitten, sonst droht etwas… Wages…

Den Ansatz in allen Ehren, aber wir brauchen dringend NEUE Lehrkräfte, wenn wir gestalten und in Zulunft etwas reißen wollen!

Tanya
9 Minuten zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

oder über das Digitale,
Hybridunterricht und die Fairness der Arbeitswelt.

Rüdiger Vehrenkamp
1 Stunde zuvor

Liest man den Artikel, bekommt man den Eindruck, Schule sei die Hölle auf Erden. Positive Aspekte unseres Schulsystems bekomme ich nie zu lesen, weil man gerne so tut, als gäbe es sie nicht. Gehen meine Kinder gerne zur Schule? Mal so, mal so. Angst vor Prüfungen und dem Erbringen von Leistungen hat man in der Regel nur dann, wenn man sich nicht vorbereitet. Das spätere Leben steckt voller Herausforderungen und am Ende ist Schule nur eine Vorstufe dessen, was einen später erwartet.

Mit zu offenen Schulformen lässt man Kinder alleine. Sie sitzen in ihren Lernbüros oder im Lernatelier an ihren iPads, wurschteln vor sich hin und insbesondere leistungsschwache Kinder gehen dann unter. Es fehlt meiner Meinung nach mehr an klaren Strukturen, an klaren Aufgabenbereichen und an Lehrern, die wirklich noch lehren und nicht zum Lerncoach degradiert wurden.

Gespannt bin ich auf die Lösungsansätze von Frau Rasfeld, aber ich stelle mal ein paar Vermutungen an:

  • multiprofessionelle Teams
  • Abschaffen von Noten
  • Abschaffen von Hausaufgaben
  • eine Schule für alle

Wäre ja nichts Neues. Nur ob man Kindern damit wirklich einen Gefallen tut, möchte ich wie immer in Frage stellen.

Rainer Zufall
1 Stunde zuvor

“Positive Aspekte unseres Schulsystems bekomme ich nie zu lesen, weil man gerne so tut, als gäbe es sie nicht.”
Ist von den Schüler*innen vor Ort und nicht aus “dem Elfenbeinturm” 😉

dickebank
54 Minuten zuvor

Schule ist so unterirdisch, dass man getrost negieren kann, sie sei die Hölle auf Erden. Der Weg zum Schulabschluss darf durchaus als “highway to hell” gebrandmarkt werden.

Tanya
10 Minuten zuvor

offene und modernen, teilweise auch hybride Arbeitsformen sind super.
Wir sind bisher alles nur nicht digital.
Wenn die Kinder später, wie die Ellis, ins Homeoffice gehen wollen, sollte früh geübt werden. Auch Homeoffice muss man üben.
Heute auch wieder, ich fuhr hinne. Meine Frau begann gemütlich um 9 mit Homeoffice.
Durch die Arbeitswege ist sie auch eher fertig mit ihren Sachen.

Lera
1 Stunde zuvor

Ich will nicht über die Zitate und deren Urheber urteilen, da mir dazu die Hintergründe fehlen.

Was ich sagen kann: Schule war zu meiner Schulzeit (80er) deutlich leistungsorientierter, verlangte mehr Disziplin, hatte mehr Autorität, es wurde gesessen und gearbeitet.

Wie praktisch alle meine Mitschüler hatte ich oft keine Lust, war müde, überdrüssig, manchmal auch verzweifelt ob der täglichen Mühle und träumte mich in die Zukunft ohne Schule, weit weg von der Provinz.

Ich habe aber gelernt! Gar nicht unbedingt Inhalte – das auch, aber vor allem das Lernen selbst. Die Disziplin, die Mühsal, die sich am Ende auszahlt. Das habe ich als Herausforderung gesehen. Als Prüfung. Heute bin ich froh, dass mir diese Bildung zuteil wurde.

Vor diesem Hintergrund muss ich gestehen, dass mich die Zitate befremden. Schule heute ist im Vergleich doch schon seeeehr weichgespült… und trotzdem soll sie die Kinder heute in den seelischen Niedergang führen? Was genau ist denn so schrecklich?

Meine krasse These:

Schon immer hat Schule keinen Spaß gemacht. Die damit einhergehenden Gefühle sind nicht immer gut. Soweit, so normal. Treffen diese Gefühle aber auf eine Gesellschaft, die zur Aufregung, Hysterie, Pathologisierung und Psychologisierung neigt, könnte es mitunter passieren, dass ganz normaler Schulfrust sich wie eine psychische Notlage anfühlt bzw. gesellschaftlich als solche anerkannt wird – was sich dann wechselseitig verstärkt.

Wie gesagt: Hinter den konkreten Zitaten können echte Abgründe liegen, das will ich nicht beurteilen.

Rüdiger Vehrenkamp
53 Minuten zuvor
Antwortet  Lera

Kaum ein Jugendlicher in unserer Betreuung lässt Dinge über Schule von sich, wie die oben genannten Zitate. Der Grund: Für sie ist Schule viel zu unwichtig. Klingt erst einmal seltsam, aber die stressen sich einfach nicht wegen der Schule. Sie gehen halt hin, weil sie müssen und wenn sie keinen Bock haben, bleiben sie eben zuhause. Wenn überhaupt, ist Schule eine Pflicht, mit der man eventuell einen Abschluss erreicht. Dank sozialer Medien sind diese Jugendlichen der Meinung, man braucht Schule im Grund gar nicht und Influencer kann jeder.

Natürlich haben wir auch psychisch kranke Kinder und Jugendliche in der Betreuung, die beziehen die Überforderung aber oft nicht zwingend auf die Schule alleine, sondern auf die gesamte Situation im Privaten. Im Gegenteil, einige sehen Schule als eine Einrichtung, die ihnen Struktur vorgibt und auch mal ablenkt.

Ich schließe nicht aus, dass es wirklich Mädchen und Jungs gibt, die unter einem enormen Druck in die Schule gehen. Wir sehen so etwas vor allem an Gymnasien, weil das Kind ja trotz anders lautender Grundschulempfehlung unbedingt dort hin musste.

Götz
49 Minuten zuvor

Wer eine andere Schule will, will auch eine andere Gesellschaft, ja einen anderen Menschen. Der Artikel definiert ihn oder sie als befreiter, unentfremdeter, selbstverwirklicht – angeblich. Mir ist das zutiefst suspekt und ich finde mich lieber mit einer Schule ab, die sicher nicht perfekt ist, aber ihre Grenzen kennt, auf Kompromisse baut und nicht glaubt, den Schlüssel zum wahren Menschsein zu besitzen. Ein Paradies auf Erden wird es nämlich nicht geben, weder in der Schule noch sonst irgendwo.

Susanne M.
48 Minuten zuvor

Ist der Druck nur auf dem Gymnasium oder wurden auch Schüler von Gesamtschulen beziehungsweise Stadtteilschulen befragt? Mich würde interessieren, was Schüler anderer Schulformen dazu meinen. Ich will nicht böse sein, aber mein Eindruck ist schon, dass sich da die Meisten nicht totarbeiten. Es wären auch mehr Zeit und Zeig für Bewegung übrig, wenn man nicht am Tag stundenlang zocken und scrollen und Serien bingen müsste.

Alese20
9 Minuten zuvor

Wirklich befremdlich, wie wenig Empathie hier so in diesem Forum vorherrscht.

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