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Der umstrittenste Beitrag 2012: Wie gut ist “selbstorganisiertes Lernen”?

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HOMBURG. Ein Modellversuch zum “selbstorganisierten Lernen” in Homburg zeigt gute Ergebnisse. Das Thema wird auf News4teachers zum meist kommentierten Beitrag 2012.

Besucher der Robert-Bosch-Schule Homburg werden auf den ersten Blick die sonst üblichen Anweisungen und Vorträge der Lehrer vermissen. Die Schülerinnen und Schüler vermissen das nicht:  Sie lernen konzentriert allein oder in Gruppen.

In der Robert Bosch-Schule Homburg findet Unterricht als Instruktion nur hin und wieder statt, besonders zur Einführung in neue Themen und Arbeitsgebiete. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse und Methoden des Selbstorganisierten Lernens haben innerhalb kürzester Zeit zu einer erstaunlichen Steigerung der schulischen Leistungen und zu einem förderlichen Arbeitsklima geführt, bestätigen Forscher des Universitätsklinikums des Saarlandes. Die Lehrkräfte sind fachlich und didaktisch gefordert, ansonsten begleiten und beraten sie die Lernarbeit, wo sie gebraucht werden.

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Aber von vorne: Alles begann mit dem Ziel der Schulleitung, die Unterrichtskultur zu reformieren. Im Wesentlichen ging es darum, über eine Umgestaltung der Arbeitsweise in den Schulen die schulischen Leistungen sollen tragfähige Anschlüsse in die Berufsausbildung darstellen. die Schulleitung hatte den Eindruck, dass eine einfache Umstellung der Lehrpläne oder eine Intensivierung der Lehrtätigkeit hier nicht weiterhalfen. Die Lehrkräfte wollten vielmehr neurowissenschaftliche Erkenntnisse über Lernprozesse und deren biologischen Grundlagen bei der Neuausrichtung des Unterrichtens und Lernens der Schule nutzen. Leiterin Barbara Naumann wandte sich an das Universitätsklinikum des Saarlandes, mit dem sie bereits seit Jahren zusammenarbeitete.

Neurowissenschaftler empfehlen Kindern so viel wie möglich selber zu machen

Gemeinsam mit Neurowissenschaftler Christoph Krick plante sie, konsequent selbsttätiges Lernen einzuführen. Das klappt nach den bisherigen Ergebnissen der Gehirnforschung umso besser, je mehr das Lernen im Miteinander und in Erwartung des erfolgreichen Anwendens des Erlernten passiert. „Lehrer können die Schulkinder – auch mit noch so viel Lehrtätigkeit – nicht lernwilliger machen. Lernen passiert nämlich im Kinderkopf durch Nachdenken und Selbermachen entsprechend zuvor präsentierten Ideenskizzen. Beim Nachdenken und Lernen sollte man dann die Lernfreude der Kinder nicht durch langatmigen Unterricht stören“, sagt Krick.

Dr. Christoph Krick, Neurowissenschaftler des UKS, Barbara Naumann, Leiterin der Robert-Bosch-Schule, Professor Ulrich Herrmann im Lernatelier (v.l.n.r.). (Foto: UKS Rüdiger Koop)
Dr. Christoph Krick, Neurowissenschaftler des UKS, Barbara Naumann, Leiterin der Robert-Bosch-Schule zeigen dem Professor für Erziehungswissenschaft Ulrich Herrmann das Lernatelier (v.l.n.r.).
(Foto: UKS Rüdiger Koop)

Die neue Unterrichts- und Lernkultur wird seit August 2012 praktiziert und zeigt überraschend schnell sehr positive Ergebnisse, melden die Wissenschaftler jetzt. Die Kinder hätten ihre schulischen Leistungen enorm gesteigert. Schüler, die zuvor in der Grundschule erhebliche Probleme mit dem Rechnen hatten, erreichen nun vielfach sehr gute Ergebnisse. Das Klassenklima ist außergewöhnlich freundlich und das Organisationstalent der Fünftklässler bewundernswert. Die Schülerinnen und Schüler beraten sich gegenseitig über ihre Arbeits-, Lernziele und individuellen Lernstrategien, so dass die Lehrpersonen mehr Freiraum als sogenannte „Lernberater“ gewinnen. Die Kinder ziehen sich zum eigenverantwortlichen Lernen auch mal gerne in eines der sogenannten Lernateliers zurück, um dort konzentriert zu arbeiten. Lerndruck oder Versagensangst seien einem zielorientierten Miteinander beim Lernen gewichen. Die Motivation der Schulkinder lasse sich auch damit erklären, dass der individuelle Lernerfolg beim Erarbeiten und Anwenden des Wissens in Lerngruppen zu einem großen Teil durch die Kinder selbst dokumentiert, reflektiert und bewertet wird. Dabei geben „Ich kann“-Listen zum Protokollieren des Erreichten und Punktekonten („Ich habe folgende Tätigkeiten erfolgreich abgeschlossen“) zum Selbstbewerten sowohl Stütze als auch Transparenz und Anreiz auf dem Weg zu den Arbeitsergebnissen.

Der Weg dahin bedeutet viel Arbeit für die Lehrkräfte

„Diese Initialzündung in den fünften Klassen soll nun in der gesamten Schule etabliert und noch verfeinert werden“, kündigt die Leiterin der Schule, Barbara Naumann an. „Der Erfolg spricht für sich, und das Kollegium profitiert ebenfalls vom besseren Lern- und Arbeitsklima.“ Doch auf dem Weg dieser Umgestaltung muten sich insbesondere die beteiligten Lehrerinnen und Lehrer viel Arbeit zu, denn sie müssen nicht nur ihre Rolle im Unterricht neu erfinden und neue Erkenntnisse über das Schülergehirn berücksichtigen, sondern sie investieren auch viel Fantasie und Kreativität in die Unterrichtsvorbereitung – oder richtiger: in die Arbeitsmaterialien, mit denen die Schülerinnen und Schüler ihre Lernarbeit organisieren und durchführen können. Diese Vorbereitungsarbeit wird insgesamt aufwändiger, da die kindgerechten Instrumente zur klassen- und fächerübergreifenden Steuerung und Selbstbewertung der Lernarbeit noch weitgehend Neuland sind.

Das Landesinstitut für Pädagogik und Medien (LPM) steuert Mittel für die Fortbildung für das anwendertaugliche Umsetzen des „Selbstorganisierten Lernens“ (SOL) bei, das in Ulm durch das Institut für Selbstorganisiertes Lernen entwickelt wurde. Die Robert-Bosch-Schule kann zudem auf die Erfahrungen der ausgebildeten SOL-Trainerin, Anne Preisinger, zurückgreifen, da sie zugleich Fachlehrerin an dieser Schule ist.

Die Auswirkungen der neuen Unterrichtskultur sollen dokumentiert werden, um sowohl Aussagen zu Belastungen und Vorteilen zu gewinnen, als auch Effekte auf kognitive und emotionale Prozesse des Lernens zu messen. Daher wird im Augenblick der neue schulische Ansatz durch Dr. Krick wissenschaftlich begleitet. An dieser forschenden Beobachtung ist auch die Kinder- und Jugendpsychiatrie des UKS beteiligt, um zu prüfen, ob ein kindgerechtes Schulklima zugleich auch das Risiko für seelische Erkrankungen im Jugendalter mindert. Die Universität des Saarlandes fördert die neurowissenschaftliche Begleitung des neuen Unterrichtsmodells über Forschungsmittel. nin

(1.12.2012)

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Birgit
13 Jahre zuvor

@sofawolf u. wenigerengstirnig
Absurd mag meine Meinungsäußerung insofern gewesen sein, als ich sie zu spontan schrieb und meine Worte nicht gefiltert habe. Mit “gefiltert” meine ich “geschützt” vor anderen, die allein nach Schwachstellen suchen.
Jetzt noch einmal mit mehr kühlem Verstand als ehrlichem Aufbrausen:
Ihre Kritik an “mehrnachdenken” ist unverständlich. Seine/ihre Kommentare waren wohltuend sachbezogen, gut begründet und darum einleuchtend und nachvollziehbar.
Im Gegensatz zu Ihnen beiden gab es keine persönlichen Angriffe, sondern nur Versuche der Verteidigung, die legitim und maßvoll waren.
Sie “wenigerengstirnig” (aufschlussreicher Name!) haben sich, soweit ich mich recht erinnere, zum Thema überhaupt nicht geäußert, sondern mit Ihrem Kommentar nur Angriffslust gezeigt.
Sie “sofawolf” haben das Thema auch nur gestreift und waren ansonsten nur damit beschäftigt, “mehrnachdenken” zu verletzen durch Mutmaßungen gemischt mit Seitenhieben.
Welchen Sinn machen solche Meinungsäußerungen? Sie zwingen den unvoreingenommenen Leser (zumindest mich) geradezu, Sympathie für den Angegriffenen zu empfinden und Antipathie gegen seine Angreifer. Allerdings muss ich hinzufügen, dass mir „mehrnachdenken“ auch vorher schon durch seine Kommentare sympathisch war.

Würden Sie es denn für einen themenbezogenen guten Beitrag halten, wenn jemand behauptete: Jedem, der die Kommentare hier gelesen hat, ist doch klar, dass “sofawolf” und “wenigerengstirnig” ein und dieselbe Person sind, um der Angriffslust mehr Nachdruck zu verleihen. Denn klar ist: “Die Äußerungen sind des gleichen Geistes Kind.”
Wenn so getan wird, als wären scheinbar zwei gegen einen, hat das die erwünschte doppelte Wirkung.
Diese kann man dann nochmals steigern durch die Andeutung weiterer Kampfgenossen: “Schon einmal schrieb jemand…” oder “Jedem, der hier länger mitliest, fällt auf…” Jetzt wird aus einem ursprünglich Einzelnen ein ganzes vorgetäuschtes Rudel, das beeindrucken soll.

Zum Abschluss gestatten Sie mir die Frage, “sofawolf”, warum Sie diesen Nickname gewählt haben. Beim Googlen habe ich folgende Erklärung gefunden: „Der Nickname kann viel über das Profil aussagen, daher ist die Wahl des richtigen Nicknamens nicht zu unterschätzen.“
Zu „sofawolf“ sagt mir die Eingebung: Jemand, der gemütlich auf dem Sofa sitzt und Spaß daran hat, im Internet wie ein Wolf auf Beutejagd zu gehen.

Dr. Christoph Krick
13 Jahre zuvor

@Frau Prasuhn:
Die Diskussion um den Sinn oder Unsinn von Ganztagsschule führt im Grunde weg vom Ausgangsthema, das auf den Sinn eines kindzentrierten Unterrichts fokussiert war. Die Qualität der Lernumgebung hat nur bedingt etwas mit deren zeitlichem Umfang zu tun. Man kann sowohl Halbtags- als auch in Ganztagsklassen der biologischen Funktionsweise von Kindergehirnen annähern. In der oben erwähnten Robert-Bosch-Schule gibt es beide Zeitmodelle: Halbtagsklassen und Ganztagsklassen. Bisherige Erfahrungen haben gezeigt, dass Kinder im Ganztagsklassenbetrieb dort (!) entspannter lernen, weil die Lernarbeit weniger komprimiert stattfindet und zudem während der Übungsphasen helfende Ansprechpartner (Mitschüler und Lehrer) verfügbar sind. Davon profitieren vor allem Kinder, die im häuslichen Umfeld am frühen Nachmittag solch eine Unterstützung beim Lernen nicht vorfinden würden – aus welchen Gründen auch immer.
Auch Kindern in Halbtagsklassen wird anempfohlen, die anstehenden Lernaufgaben in häuslicher Umgebung den sonstigen Aktivitäten voranzustellen, um den Lerngegenstand möglichst zeitnah zum Unterricht aufzuarbeiten. In beiden Fällen, egal ob Halb- oder Ganztagsschule, sind die Kinder also am frühen Nachmittag über derselben Lernarbeit vertieft. In der Ganztagsschule endet definitiv die Kopfarbeit um 16°° Uhr, bzw. am Freitag um 13°° Uhr. Ich wage zu bezweifeln, dass eine extreme Position hinsichtlich seelischer Schäden daraus abgeleitet werden muss, dass die Ganztagsschüler über 3 Stunden mehr Hilfe beim Lernen in Anspruch nehmen können.
Wenn ein Schüler zu Hause bspw. Vokabeln lernt, kann die Lehrkraft nicht mitverfolgen, WIE die Vokabeln gelernt werden. Sie sieht im Unterricht nur das Ergebnis, so dass es schwieriger wird, die Lernmethode zu optimieren. Kinder mit Problenen bei Konzentration und Lernstrategie können daher meines Erachtens aus der Ganztagsschule profitieren. Aber ich würde deswegen nicht einem Kind oder dessen Eltern vorschreiben wollen, welches Zeitmodell es nun präferieren müsste…

sofawolf
13 Jahre zuvor

@ birgit (vormal bigit und davor noch nie aufgetaucht):
Ich habe ehrlich gesagt an dieser Diskussion (wer mehrnachdenken ist oder nicht) kein wirkliches Interesse. Solche Schlagabtausche bringen sowieso nichts. Es fing damit an (und es ist nicht schlimm, dass Ihnen das entgangen ist, weil man natürlich nicht in allen Diskussionsträngen mitliest), dass @mehrnachdenken sich aufzuspielen meinte als jemand, der entscheidet, zu welchen Themen man was kommentieren darf/sollte oder nicht. Meine Antworten waren nur eine Replik darauf, also die Verteidigung auf einen persönlichen Angriff, wie Sie so schön formulieren, die ich für mich auch legitim und verständlich finde. Wen Sie hingegen sympathisch finden und wen nicht, da rede ich Ihnen nicht rein. Man findet ja immer die Meinung gut, die der eigenen am meisten gleicht. Und es spielt ja auch keine Rolle. Wofür denn auch? Und wie wer-auch-immer meinen Nicknamen findet, finde ich auch nicht besonders relevant. Denken darf jeder, was er will. Sich irren auch. Ob sich hinter @mehrnachdenken jemand befindet, der wirklich mehr nachdenkt als andere, ist eine Frage, die ich dem Mitleser überlasse. Wenn damit die Aufforderung an andere steckt, mehr nachzudenken (da sie es ja vermeintlich nicht tun) finde ich es anmaßend und für meinen Geschmack zum Gestus dieses Schreiber auch passend, aber das darf auch jeder selber finden, wie er will. Und nun führen Sie weiter Ihren Schlagabtausch mit Herrn Krick und bleiben Sie sachlich, was Sie und andere (oder die Gleichen, wer weiß das schon) bisher auch nicht immer vermochten. Aber wie ich sehe, braucht Herr Krick keine “Schützenhilfe” und was draußen im Leben passiert, passiert sowieso unabhängig von dem, was wir hier oder was Sie hier diskutieren und wer sich am Ende gar als vermeintlicher “Sieger” in einer Diskussion fühlt.

Birgit
13 Jahre zuvor

@sofawolf
Dieser Ihrer Meinung kann ich mich nur anschließen:
“Ich habe ehrlich gesagt an dieser Diskussion (wer mehrnachdenken ist oder nicht) kein wirkliches Interesse. Solche Schlagabtausche bringen sowieso nichts.”
Begraben wir also das Kriegsbeil.
Und danke für Ihre ausführliche Antwort!

Dr. Christoph Krick
13 Jahre zuvor

@”Lehrerin und Mutter”:
Liegt das Problem einer “Ganztagstortur” tatsächlich nur an den 2 Stunden Nachmittagsunterricht im Anschluss an die Mittagspause? – Oder doch eher an einer unphysiologischen Strategie des gesamten Unterrichts? – Wenn Sie als Lehrperson die physiologische Nicht-Passung der Unterrichtsqualität als berufliche Überbelastung gespiegelt bekommen, dann sollten Sie zusammen mit Ihren Kollegen und Kolleginnen an der Umgestaltung der Unterrichtsform arbeiten, um mittelfristig der Burnout-Falle vorzubeugen. Falls Ihr Kind in dieselbe Schule geht, würde ich an Ihrer Stelle daraus ein weiteres Argument für ein persönliches Engagement in diese Richtung ableiten…

mehrnachdenken
13 Jahre zuvor

@ Birgit, sofawolf
Erneut ein dickes Dankeschön dafür, dass Sie mir “zur Seite” gestanden haben. Ihr Beitrag vom 13.12 (12.03) gefällt mir argumentativ und sprachlich besonders gut. Ich würde Sie glattweg als Verteidigerin engagieren, lach.

@ sofawolf
“Kriegsbeil begraben” und “Friedenspfeife rauchen”, das gefällt mir. Immerhin bewegen wir uns mit Riesenschritten auf das “Fest der Liebe” zu, und dazu passen diese Scharmützel hier so gar nicht.
Ich stimme Ihnen ausdrücklich zu, dass die Diskussionen nicht so wichtig genommen werden sollten. Auf “den Lauf der Dinge” da draußen werden sie gewiss keinen Einfluss haben.
Mir persönlich gefallen nicht nur Meinungen, die meiner Auffassung entsprechen. Es kommt schon vor, dass mir andere Argumente helfen, einen Sachverhalt anders zu beurteilen.
Schließlich möchte ich Ihren Beitrag vom 13.12.(13.56) in zwei Punkten ergänzen: Sie sollten auch darauf hinweisen, warum es in der Tat so aussah, als ob ich Ihnen vorschreiben wollte, was Sie zu kommentieren haben. Dann sollten Sie nicht unerwähnt lassen, dass ich mich in aller Form bei Ihnen dafür entschuldigte.

mehrnachdenken
13 Jahre zuvor

Nachtrag
Der Disput mit sofawolf ist hier nachzulesen:
http://www.news4teachers.de/category/praxis/page/2/
Mein unangemessener Kommentar vom 07.12. (20.34)
Meine Entschuldigung vom 08.12. (13.48)

Ursula Prasuhn
13 Jahre zuvor

@Dr.Krick
Ich bin auf die Ganztagsschule gekommen, weil Sie diese in Ihrem Beitrag vom 11.12. 19:48 Uhr ins Spiel brachten.
Wie leicht zu erkennen ist, bin ich eine ausgesprochene Gegnerin ständig wachsender institutioneller Betreuung – vor allem der in Krippen. Mir tun die Kinder einfach leid, weil ihnen so vieles von dem fehlt, was allein in natürlichen Lebensgemeinschaften wie den Familien erlebt wird, nicht aber in Netzwerkfilialen wie Kitas und Schulen, die nur einen Teil des Kindes erfassen und ansprechen. Und dieser ist dann auch noch – je nach Ideologie und Zeitgeist – wechselnder Interpretation und Bewertung unterworfen.
Diese „Mangelernährung“ macht sich oft erst im Erwachsenenalter durch Spätschäden bemerkbar, die mit der Ursache häufig nicht mehr in Verbindung gebracht werden.
Natürlich haben Sie aber Recht mit der Feststellung, dass die Ganztagsschule wegführt vom eigentlichen Thema. Ich war darum auch etwas überrascht, als Sie plötzlich auf diese zu sprechen kamen.
Darum zurück zum Thema SOL!

angi05
11 Jahre zuvor
Antwortet  Ursula Prasuhn

Die Befürwortung oder Ablehnung zur GS finde ich sehr abhängig von den jeweiligen Erfahrungen der Einzelnen. Ob dabei als Kind oder Pädagoge, wird keine Verallgemeinerung förderlich sein…Die MÜTTER daheim, wenn das Kind ab Klasse 5-6-7-8 nicht in den GS-Schulbetrieb eingestiegen ist, haben erst RECHT ein HOHEITSGEBIET an Macht und Einflussnahme, und so manch Mensch , ob Mutter oder Vater, glaubt sich oftmals als DIE/DER Bessere als Wegbereiter für Persönlichkeitsentwicklung.
WERTE -REGELN werden auch als GRUPPENMITGLIED infrage gestellt. Was unterstellt wird als FUNKTIONALE Einrichtung , ob in einer Kinderkrippe oder in einer GS ,negiert die Kraft der gruppendynamischen Abläufe. Es gab immer MITLÄUFER, ANGEPASSTE, WIDERSPRECHENDE usw. egal welche Form von Betreuung erfolgte.

mehrnachdenken
13 Jahre zuvor

@ Dr. Krick
In der Tat führt die Diskussion über “Ganztagsschulen” weg vom Ausgangsthema “kindzentrierter Unterricht”.
Dennoch möchte ich zum “Ganztagsbetrieb” noch einige Gedanken loswerden.
Ich konnte vor etlichen Jahren einen über mehrere Jahre gehenden Schulversuch “Ganztagsbetreung” praxisnah miterleben. Am meisten experimentierten wir im Bereich der Hausaufgabenbetreuung. Dennoch konnten wir bis zum Schluss keine allseits zufriedenstellende Lösung finden.
Wenn über “Schulen” gesprochen wird, fällt i.d.R. das Wort “individuell”. Was ist aber in den gegenwärtigen Betreuungsformen “individuell”, wenn alle SchülerInnen zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort die HA anfertigen sollen? Dabei wird schon auf den menschlichen Biorhythmus keine Rücksicht genommen, wonach die Leistungskurve bei uns Menschen in der Mittagszeit physiologisch bedingt abfällt. Anstatt sich auszuruhen oder zumindest anderweitig zu beschäftigen, werden in dieser Phase die HA erledigt, und nicht selten wird anschließend noch Förderunterricht angeboten. Was soll/kann ein Förderunterricht eigentlich bei einem Kind bewirken, dass vorher bereits zig Unterrichtsstunden hinter sich gebracht hat?
Als junger Mensch erledigte ich meine HA immer nach dem nachmittäglichen Spielen i.d.R. an der frischen Luft. Als ich älter war, legte ich mich für eine Weile hin. Leise klassische Musik empfand ich als sehr angenehm und inspirierend während der Hausaufgabenphase. Allerdings konnte ich Aufsätze nur bei absoluter Ruhe schreiben. Ist diese Individualität im Ganztagsbetrieb auch möglich?
Es gibt Kinder, die wollen/können die HA nur separat in ihrem Zimmer erledigen. Ist diese Individualität im Ganztagsbetrieb auch möglich? Herr Dr. Krick, es hängt immer vom Betreuungsschlüssel ab, inwiefern einem Kind noch beim “Vokabellernen” geholfen werden kann. Kann diese wünschenswerte individuelle Betreuung nachmittags geleistet werden? Mit der Erledigung der HA ist es ja oft nicht getan. Wo bleibt in dem Ganztagsbetrieb die Zeit für Übungsphasen, und wann kann sich die Schülerin/der Schüler auf Arbeiten/Prüfungen vorbereiten?
Herr Dr. Krick, Sie können es drehen und wenden wie Sie wollen, der Ganztagsbetrieb kann auf die vielen individuellen Bedürfnisse von Schülerinnen/ Schülern nur sehr bedingt eingehen. Es handelt sich oft genug um eine gut getarnte Massenabfertigung.
Allerdings, und das möchte ich ausdrücklich noch hinzufügen: Für Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen kann die Zeit in der Ganztagsschule dennoch außerodentlich förderlich sein.

Dr. Christoph Krick
13 Jahre zuvor

@mehrnachdenken:
Lernen kann prinzipiell nicht von außen geregelt werden, weil es ein innerer Prozess des individuellen Gehirns ist. Die Schule kann jedoch dafür Sorge tragen, dass Rückzugsmöglichkeiten zu verschiedenen Zeiten und Leitlinien oder Hilfestellungen zur Verfügung stehen, um dem Lernenden je nach “Biorhythmus” die eigene Lerntätigkeit zu gestatten. Hinter der Definition von SOL steht daher ja auch die Idee der Selbststeuerung des Lernprozesses, dessen Optimierung, dessen Transparenz und dessen Vernetzbarkeit mit selbstgewählten Lernpartnern. Das Kind kann also entscheiden, wann es wo was mit wem am besten lernen kann. Daher muss bspw. das Vokabellernen in einer SOL-Ganztagsschule nicht zwangsläufig auf den Nachmittag ausweichen.
Hier noch ein Link zur Implementierung von SOL in der Ganztagsschule:
http://www.ganztag-blk.de/cms/upload/pdf/rlp/bbb_Selbstorganisiertes_Lernen.pdf

mehrnachdenken
13 Jahre zuvor

@ Dr. Krick
Danke für die Links. Ich habe dargelegt, wie – natürlich mit örtlichen Abweichungen – der Ist-Zustand deutscher Ganztagsschulen aussieht. Also würde ich mich freuen, wenn Sie darauf eingingen.
Obwohl ich gerne zur Schule ging, war ich auch immer wieder froh, wenn ich mittags nach Hause gehen/fahren konnte. Allein durch diesen räumlichen Abstand freute ich mich meistens wieder auf den nächsten Tag.
Trotz aller Anstrengungen wird es Ihnen auch beim “SOL” kaum gelingen, SchülerInnen den individuellen Freiraum bereit zu stellen – so etwas wie eine Privatsphäre – , der für nicht wenige aber unbedingt wichtig ist. Alles, was Sie dort “auf die Beine stellen”, kann doch nicht die gewohnte häusliche Umgebung ersetzen.
Bereits im Studium hielt ich mich nur so lange wie nötig in den großen Leseräumen der Unis/Bibliotheken auf.

Dr. Christoph Krick
13 Jahre zuvor

@mehrnachdenken:
Das eher magere Aufwand-zu-Nutzen-Verhältnis und das wenig kinder-/jugendkompatible Unterrichtsmodell der landläufigen (Ganztags-)Schule ist ja eben die schulinterne Triebfeder einer Suche nach rechtskonformen Umgestaltungsmöglichkeiten, die der Seelenwelt und der kognitiven Eigensteuerung der Kinder näher kommen.

Zwischen unserer Schulzeit damals, mehrnachdenken, und den Rahmenbedingungen der heutigen Schüler liegt eine spürbare Veränderung der Wirklichkeit aus der Kinderperspektive. Wir damals waren noch häufiger im Freien mit raungreifenden Spielen beschäftigt. Es gab auch insgesamt mehr Kameraden in der Nachbarschaft und mehr Geschwister, weil es insgesamt mehr Kinder gab. Es gab ein allgemeines Vertrauen darauf, dass die Zukunft geeignete Perspektiven für jeden bereithalten würde. Die Familienstrukturen waren noch ein wenig intakter. Wir mussten auch nicht ständig über das Smartphone kontrollieren, wer was in Facebook über wen gepostet hatte, und es gab zudem nur 3 Fernsehsender… Dadurch waren Lesebücher noch spannender als heute. Nur 8% der Kinder zwischen 6 und 13 Jahren finden Lesebücher unverzichtbar, während sie Fernseher (58%) und Computer (25%) für unabdingbar halten (KIM-Studie 2010). Unter Jugendlichen (12 bis 19 Jahren) gibt es so gut wie keinen mehr ohne Handy in der Hosentasche (JIM-Studie 2012).
Die heutigen Zeiten bieten eine größere Herausforderung an die Selbstkontrolle der Kinder. Während der Hausaufgaben von Halbtagsklassenkinder konkurrieren diese digitalen Verführer mit den Schulbüchern – und es ist oftmals keine Frage, wer gewinnt. Je früher ein Kind mit digitalem Spielzeug in Kontakt kommt, umso umfangreicher ist im Mittel dessen Gebrauch in der Klassenstufe 5. Inzwischen kann man am Medienkonsum ablesen, in welche Schulform ein Kind geht. Das sind harte Fakten aus zurückliegenden Studien.
Wenn ein Kind zu Hause kein Elternteil oder Großeltern zur Verfügung hat, um beim Zeitmanagement zu helfen, dann sehe ich durchaus die Ganztagsschule als günstigere Option. Dort werden auch gemeinsame Bewegungsspiele wiederentdeckt, die früher in unserer Schulzeit das Geschehen auf Wiesen, Bolzplätzen und Gehwegen dominierten. Und da solche raumgreifenden Spiele indirekt Mathematikförderung und Ausschüttung des “Lernhormons” BDNF bedeuten, gewinnen solche Kinder, die ansonsten eher sitzend über Bildschirmmedien verharren würden, daraus einen Vorteil.

Zu unserer Schulzeit, mehrnachdenken, konnte der übliche Verdienst eines Elternteils ausreichen, um eine ganze Familie zu ernähren. Diese Chance ist heutzutage viel geringer geworden, so dass häufiger beide Eltern (sofern nicht unter den 20% Alleinerziehenden) die finanzielle Freiheit der Familie sichern müssen. Zudem wird die örtliche und zeitliche Flexibilität mehr eingefordert als früher, so dass die familiäare Betreuung der Kinder, wie sie Frau Prasuhn gerne häufiger sehen würde, schwieriger geworden ist.

Die Frage ist nicht, ob man die Zeit zurückdrehen könnte, weil sich diese Option nicht bietet. Die staatlichen Schulen müssen sich daher mit den Problemen derjenigen Kinder, die hier und heute da sind, auseinandersetzen, weil sich nur Privatschulen die Kinder aussuchen können. Man kann sich nostalgisch an frühere Zeiten festhalten, aber die sind nun mal vorbei. Daher gilt es, mit Weitblick, Verstand und Herz das Beste aus der verordneten Schulbildung zu machen. Dabei finde ich, dass dies die Lehrpersonen vor Ort besser können als ministeriale Vorgaben. Somit plädiere ich dafür, lieber eine innere Reform der Lern- und Unterrichtskultur zu stemmen als resignativ solch einen Prozess schulfremden Behörden zu überlassen.

Im Saarland hat man entweder diese Zeichen wahrgenommen oder (wer weiß das schon) aus reiner Ratlosigkeit die Augen verschlossen und daher den neuen Gemeinschaftsschulen das eigenständige Ausformen des schulinternen pädagogischen Konzepts überlassen. Dies bedeutet jedoch zugleich eine größere Verantwortung und auch Mehraufwand für das gesamte Kollegium. Ich fürchte, dass nicht jede Schule sofort etwas mit diesem neuen Gestaltungsfreiraum wird anfangen können, aber vielleicht macht es ja Mut, dass es – wie im Bericht oben geschildert – gelingen kann, eine für Kinder attraktive Schulumgebung mit anscheinend positiven Anreizen und förderlichem sozialem Miteinander zu schaffen.

mehrnachdenken
13 Jahre zuvor

@ Dr. Krick
– magere Aufwand-zu-Nutzen-Verhältnis = Zustimmung
Warum wird aber der Ganztagsbetrieb in vielen Bundesländern fröhlich so unzulänglich weiter betrieben?
Scheitert es nur am Geld oder werden die Mängel nicht gesehen?

– meine/Ihre Kinder- und Jugendzeit = Zustimmung
Richtig, meine Kindheit spielte sich im Wesentlichen in Feld, Wald und Flur OHNE Erwachseneneinfluss ab; wie wunderbar das war!!!
Bereits die nächste Generation verhielt sich erkennbar anders – m.E. werden hier erste Einflüsse der vielen Fernsehprogramme deutlich.

– digitale “Versklavung” (Entschuldigung, ich sehe es leider so) – übrigens schließe ich da die Erwachsenenwelt inzwischen in großen Teilen mit ein = vollste Zustimmung

– fehlende häusliche Betreuung = Zustimmung, aber …
vielleicht sollte sich da auch vor Ort privat unterstützt werden.

– Wer ernährt die Familie? = Zustimmung, aber …
Während es in den 50er/60er Jahren auch Absolventen von – heute sagen wir Förderschulen – möglich war, eine Familie zu gründen und in bescheidenen Verhältnissen zu leben, ist das heute so gut wie unmöglich. Selbst Hochschulabsolventen finden häufig genug keine sofortige Anstellung, und wer denkt schon als ständiger Praktikant an eine Familiengründung?
Trotzdem meine ich, dass es in unserem reichen Staat möglich sein sollte, Familien zumindest in den ersten drei Jahren finanziell so auszustatten, dass die Babys und Kleinkinder im häuslichen Umfeld bleiben können. Frauen und Männern brauchen dafür eine Beschäftigungsgarantie. Es kann doch nicht sein, dass sich alles nur nach dem Arbeitsmarkt richten muss. Dafür braucht es sehr kreative Ideen aller gesellschaftlichen Gruppen. Die gibt’s aber hierzulande nicht. Was ich beobachte – flächendeckende Kitas – halte ich für sehr einfallslos und überhaupt nicht familienfreundlich!!

– Nein, die Zeit können wir nicht zurückdrehen, aber wir können uns anstrengen, intelligente Antworten auf die aktuellen familien- und schulpolitischen Herausfoderungen zu finden. Möglicherweise ist das von Ihnen skizzierte Modell eine von zahlreichen Optionen.

Prima, Her Dr. Krick, dieses Mal sind Sie freundlicherweise auf meine Punkte eingegangen. So gefällt mir eine Diskussion.

Dr. Christoph Krick
13 Jahre zuvor

@mehrnachdenken:
Ihre Frage “Warum wird aber der Ganztagsbetrieb in vielen Bundesländern fröhlich so unzulänglich weiter betrieben?” stelle ich mir auch. Aber ich muss gestehen, dass ich keine schlaue Antwort darauf habe. Ich habe nur der DAK-Studie über Lehrergesundheit (2011) entnommen, dass 60% der Lehrer ihren Beruf lieber früher als später an den Nagel hängen würden. Die empfundene Belastung korreliert nach der Studie mit dem Mangel an Rückendeckung durch die Schulleitung, fehlender Unterstützung im Kollegium und mit dem Ausmaß an Schulunlust und deren Folgen seitens der Schüler. Wären Schulen produktive Betriebe mit demselben Betriebsklima und derselben Effizient, wären sie längst vom Markt verschwunden…

Sollte diese allseits fehlende Effizienz so weiter den Bach runter gehen, könnte irgendwann ein ganz schlauer Finanzminister auf die Idee kommen, die Schule über digitale Lernspiele und “Wissen-macht-Ah!” in die digitale Welt zu verlegen, da man ja heutzutage dort die Kinder eh häufiger antrifft… Und die Schüler könnten über den Lerngegenstand fröhlich über die liebgewonnenen Netzwerke plaudern, was ja im herkömmlich Unterricht beschnitten wird. Wenn der besagte Schlaumeier die Ausgaben der Bildung pro Kopf von derzeit 1300,- Euro pro Jahr dann (teilweise natürlich!) an die Eltern als Betreuer in einem Home-Schooling-Modell auszahlen würde, könnte man langfristig Heiz- und Sanierungskosten von Schulgebäuden, Lehrergehälter und Verwaltungsausgaben in Milliardenhöhe einsparen… Und die Eltern könnten aus dem finanziellen Zugewinn etwas mehr Familienzeit gewinnen. Was halten Sie von dieser “schönen neuen Welt” der Pro-Kopf-Bildung, mehrnachdenken?
http://www.etracker.de/lnkcnt.php?et=lKbSM9&url=http%3A%2F%2Fwww.iwkoeln.de%2F_storage%2Fasset%2F63649%2Fstorage%2Fmaster%2Ffile%2F351010%2Fdownload%2F16.pdf&lnkname=Gutachten_Bildungsfinanzierung-16.pdf

Da ist mir persönlich das effizientere SOL-Schulmodell lieber. Und den Lehrerkollegen, die es stemmen, offensichlich ebenfalls, zumal damit zugleich nicht nur die Sozialkompetenz der Schüler steigt, sondern auch das kollegiale Miteinander im Lehrerteam verbessert wird.

Birgit
13 Jahre zuvor

Auch ich stehe Ganztagseinrichtungen ablehnend gegenüber.
Mag sein, Herr Dr. Krick, dass SOL sie etwas nachbessern kann, doch warum eine falsche Schulform nicht abschaffen oder nur für Notfälle bereithalten als partout an ihr festzuhalten?

mehrnachdenken
13 Jahre zuvor

@ Dr. Krick
“Wären Schulen produktive Betriebe mit demselben Betriebsklima und derselben Effizienz, wären sie längst vom Markt verschwunden.” – absolute Zustimmung!!

– “schöne neue Welt”? – gewöhnungsbedürftig, aber darauf wird’s womöglich hinauslaufen – was spricht dafür,was dagegen?
Diese “schöne neue Welt” gibt es doch schon im realen Leben. Hier ist der Beweis:

http://www.news4teachers.de/2012/11/bei-meldung-bitte-klicken-erste-virtuelle-schule-deutschlands-online/

Der Kommentar ist auch sehr aufschlussreich.

Dr. Christoph Krick
13 Jahre zuvor

@Birgit:
Es würde mich nun sehr interessieren, wie Sie ein in sich konsistentes Modell von Schule skizzieren würden, das in der heutigen gesellschaftlichen Lebenswirklichkeit (weitgehend) alle Schulkinder im Halbtagsbetrieb so auffängt, dass sie weder an mangelnder Selbstdiziplin, noch an Sprach-, Betreuungs-, Management- oder Aufmerksamkeitsdproblemen verzagen müssen. In den nichtgymnasialen Schulformen werden Sie aufgrund der Selektionsweise unserer Grundschulen ja viele Kinder vorfinden, die in diesem Fall am Nachmittag wegen abweichender Muttersprache oder Arbeitssituation oder Bildungslücken im Elternhaus auf Nachhilfeinstitute ausweichen müssten. Neben dem Vereinswesen würden sich diese Einrichtungen natürlich auf Ihre Ideen freuen. Ich fände es spannend, Ihre Überlegungen zu Alternativen in Ihrem Modell zu lesen. Wie würden Sie denn mit der traditionellen Halbtagsschule und deren Unterrichtsqualität des vorwiegend instruktiven Lehrkonzepts der problematischen Situation dieser Kinder gerecht werden können? – Was würden Sie ändern, und womit würden Sie anfangen?

Birgit
13 Jahre zuvor

Auf Totschlagsargumente, hinter denen unübersehbar das Wort „alternativlos“ steht, gehe ich ungern ein, Herr Dr. Krick.
Wer Elternhäuser über den Kamm von “abweichender Muttersprache oder Arbeitssituation oder Bildungslücken im Elternhaus” schert, muss in seinem Plädoyer für die Ganztagseinrichtungen zwangsläufig Recht bekommen.
Von einigen auf alle zu schließen, ist noch immer die gängigste und wirksamste Methode, um möglichst alle Kinder in die fürsorglichen Hände des Staates zu geben. Dort geht es ihnen (nicht zuletzt dank Sol) dann so richtig gut.

sofawolf
13 Jahre zuvor

@ birgit: Das Kriegsbeil begraben? Ok.

Dr. Christoph Krick
13 Jahre zuvor

@Birgit:
Na ja… aber wenn niemand “alternative” Ideen liefern kann, fehlt die Diskussionsgrundlage für Änderungen. Klar, wer auch immer Ideen hat, wird leicht aufgrund der deutschen “Fehlerkrankheit” zum Buhmann. Trauen Sie sich deshalb nicht, Ihre Vorstellungen zu skizzieren?

Birgit
13 Jahre zuvor

Ach, Herr Dr. Krick, was soll das?

orbita
13 Jahre zuvor
Antwortet  Birgit

Keine Antwort ist auch ne Antwort.

mehrnachdenken
13 Jahre zuvor

@ Herr Dr. Krick
Ein interessanter Artikel zum “Frontalunterricht”. Die Adresse habe ich bei http://www.4teachers.de gefunden.
Der von mir schon mehrmals genannte Prof. Dr. Hilbert Meyer kommt in dem Beitrag auch vor. Herr Dr. Krick, besonders genau sollten Sie lesen, was über Finlannd geschrieben wird. Irgendwie steht das in krassem Gegensatz zu dem, was Sie hier bisher dargelegt haben.

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/bildungswesen-frontalunterricht-macht-klug-11994686-html

orbita
13 Jahre zuvor
Antwortet  mehrnachdenken

Finnland, immer wieder Finnland.

Der wesentliche Vorteil des finnischen Systems ist, dass die Kommunen die Lehrer selbst einstellen u n d k ü n d i g e n können. Es gibt dort also einen ARBEITSMARKT wie für fast alle, so auch für Lehrer.
Das ist die Voraussetzung für die dortige Lehrleistung, der die Lernleistung selbstverständlich folgt.

Diese doch nun wirklich simple Erklärung des finnischen “Bildungswunders” wird leider (von interessierten Kreisen) überhaupt nicht zur Kenntnis genommen, bzw vollständig unterdrückt.

mehrnachdenken
13 Jahre zuvor

Nachtrag
Leider gelangen Sie beim Anklicken der Adresse nicht direkt auf die Seite. Dort müssen Sie die Startseite aufrufen. Der Artikel steht dann unter “Aktuell im Fokus”.
Evtl. kann klexel hier weiterhelfen.

klexel
13 Jahre zuvor
Antwortet  mehrnachdenken

Wieso ich?? Wie denn, wo denn, was denn?? Worum gehts?

mehrnachdenken
13 Jahre zuvor

@klexel
Sie haben doch den Link bei 4teachers hineingestellt.

mehrnachdenken
13 Jahre zuvor

Huhu, es kann wieder kommentiert werden!

Birgit
13 Jahre zuvor
mehrnachdenken
13 Jahre zuvor

@ Birgit
Das ist doch der Link, auf den ich am 17.12. (01.56) hingewiesen habe. Ein wenig Kopfschütteln.

Birgit
13 Jahre zuvor

@mehrnachdenken
Habe ich geistiges Eigentum geraubt?
Ihren Link habe ich doch einfach nur übersehen.
Trotzdem: Entschuldigen Sie bitte!

sofawolf
13 Jahre zuvor

ZITAT: Bildungswesen: Frontalunterricht macht klug. Problemorientierter oder offener Unterricht – die ganze moderne Pädagogik stiftet wenig Nutzen. Am besten ist noch immer moderner Frontalunterricht, fanden Forscher heraus. Den ganzen Artikel finden Sie hier: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/bildungswesen-frontalunterricht-macht-klug-11994686.html

mehrnachdenken
13 Jahre zuvor

Mich würde jetzt sehr interessieren, was Herr Dr. Krick zu dem Thema “Frontalunterricht” sagt. Schade, seit Mitte Dezember hat er sich nicht wieder gemeldet.

sofawolf
13 Jahre zuvor

Ich wage mal eine These: Je freier das Lernen ist, desto besser lernt man, was man lernen will, aber desto schlechter, was man nicht lernen will. Ich meine, die Schule bringt ja den Kindern vieles bei, von dem sie selbst meinen, dass sie es nicht brauchen und was sie nicht interessiert, was wir mal im Sinne der Allgemeinbildung festgelegt haben, dass das ein Mensch in unserem Lande wissen/beherrschen soll. Freies Lernen funktioniert also sehr gut bei dem, was ein Kind lernen will, weil es sich dafür interessiert. Alles andere aber fällt hinten runter und nun müssen wir uns entscheiden: Sollen Kinder nur lernen, was sie lernen wollen (also auch vieles nicht, was wir als Allgemeinbildung betrachten) oder sollen sie einen bestimmten “Grundstock” an Wissen und Fertigkeiten erwerben, auch wenn darunter so manches ist, was sie nicht lernen wollen? Und bei dem, was sie nicht lernen wollen, wird es immer die “Probleme” geben, wie es seit Generationen gab und gibt und was uns dann im Faulsein, in Unlust, in Nebenbeschäftigungen (Störungen), Lernschwierigkeiten, Desinteresse … entgegentritt.

Knut M.
13 Jahre zuvor

@sofawolf
Ich stimme Ihrer Analyse zu und bin überzeugt: Kinder “sollen einen bestimmten “Grundstock” an Wissen und Fertigkeiten erwerben, auch wenn darunter so manches ist, was sie nicht lernen wollen.”
Auch das Erlernen von Disziplin und Selbstdisziplin,um Dinge zu erlernen oder auszuführen, die keinen Spaß machen, gehören zum Kind- und Menschsein.
Es käme einer Bankrotterklärung der Erziehung gleich, wenn den Kindern nichts mehr abverlangt würde, das gegen ihr Lustgefühl geht, aber wichtig fürs Leben ist.
Einerseits ist der “Grundstock an Wissen” wichtig, mindestens ebenso aber auch das Training zur Selbstüberwindung, wenn Pflicht oder Situation dies erfordern.
Ansonsten kommt die bittere Rechnung für eine reine Spaßpädagik, wenn es aufs selbständige Leben ankommt, das nicht nur mit Lust und Laune gemeistert werden kann.

sofawolf
13 Jahre zuvor

@ Knut M.: Ja, das “versteckt” sich bei mir hinter den Fertigkeiten (womöglich der falsche Begriff). Ich meine, wir leben als Menschen mit anderen Menschen zusammen und da kann nicht immer jeder tun, was er tun will (und nicht tun, was er nicht tun will). Das ist für mich die Fertigkeit/Fähigkeit zur Selbstbeherrschung. Man muss lernen, aus jeder Situation das (individuell) Beste zu machen. Das muss nicht immer eine Spitzenleistung sein, aber es ist das Beste, was “mir” in diesem Bereich möglich ist und das eben auch in Fächern und bei Themen, die mir nicht liegen, die mich nicht interessieren, in Zusammenarbeit mit Personen, die ich nicht mag (Gruppenarbeit). Ein Kind muss in der Schule auch aushalten, dass etwas mal nicht so interessant ist, dass etwas mal anstrengend ist, dass es mal einen Misserfolg hat, denn niemand wird im Leben immer der Beste sein und immer nur Erfolg haben und nur machen können, was ihm gefällt. Deshalb lege ich sehr großen Wert auf die “soziale Erziehung” in der Schule (das Lern- und Sozialverhalten), d.h., dass wir die Heranwachsenden “gesellschaftsfähig” machen, dass sie keine “selbstverliebten Egoisten” werden oder Genies, die im Alltag scheitern, sondern “anerkannte Mitglieder unserer Gemeinschaft” mit ihren individuellen Stärken und Schwächen.

orbita
13 Jahre zuvor

Gestandene Bildungsforscher wie der Präs. der Uni HH Prof Dr Lenzen kritisieren seit langem die Lehrerausbildung und die mangelnden Leistungsanreize im Lehrerberuf. http://www.welt.de/print-welt/article255602/Lehrer-lehnen-Qualitaetskontrollen-ab.html

Nur über Leistungsvergleiche und Leistungsanreize werden sich neue Methoden und Didaktiken durchsetzen – oder eben nicht (wenn sie keinen “Mehrwert”, sprich bessere Ausbildung generieren).

Nicht nur der deutsche Beamte mag keine Veränderungen.
Ich habe 3 Jahre als DaF (Deutsch als Fremdsprache)- Lehrer in Kasachstan gearbeitet.
Dort wurde mir gezeigt, wohin beharrliches Festhalten an überkommene Methoden führt.

An “meinem” linguistischen Gymnasium wurde Deutsch teils schon ab der 2. Klasse gelehrt. Nur sehr wenige SuS der oberen Klassen konnten jedoch auf Fragen wie “Wie heißt Du?” oder “Wie alt bist Du?” antworten. Mit den Deutsch-LehrerInnen war nur sehr schwer Kontakt aufzunehmen.

Nach einigen Hospitationen war mir das Problem klar. Die DeutschlehrerInnen konnten kaum Deutsch. Das wollten sie verbergen. Der Deutschunterricht wurde auf Russisch gehalten. Die armen SuS lernten dort die Regeln der deutschen Grammatik – auf Russisch. Diese Regeln konnten sie auch auf Kommando runterrasseln – auf Russisch natürlich.
Ich habe mich an meinen Lateinunterricht erinnert gefühlt – ob der wohl heute auch noch so funktioniert?

Einmal hospitierten Lehramtstudenten (letztes Semester Deutsch)bei meinem Unterricht. Nach dem Unterricht fragte ich eine Studentin wie ihr mein Unterricht gefallen habe. – Längeres Schweigen, keine Antwort. Ich formuliete die Frage also um: “Hat Ihnen mein Unterricht gut oder nicht so gut gefallen?” Sie hätte jetzt also durch Umstellung der Frage oder auch mit einem Einwort-Satz (Gut / nicht so gut) antworten können (geführte Antwort). Wieder längeres, etwas peinliches Schweigen.
Dann ihre Antwort: “Julia.”

Ihr kam’s wohl mehr auf einen krisenfesten Job an.

Jedenfalls brauchen wir in Deutschland uns um Lehrerausbildung, Lehrerleistung, Methodik und Didaktik so schnell keine Gedanken machen. Länder wie Kasachstan etc werden uns auf mittlere Sicht bildungsmäßig wohl nicht einholen.

orbita
13 Jahre zuvor

Was ich vergaß.
Selbstverständlich ging es den dortigen Deutschlehrer/-innen nicht um den Arbeitsaufwand des Deutschlernens, bzw der Weiterbildung.
Nein, nein. Es ging ihnen, wie immer in diesen Fällen, einzig um die Schüler.
“Oni choroschi ponimajut pa russki!”
“Auf russisch verstehen sie besser!”, war die Antwort.

orbita
13 Jahre zuvor

Aus der LehrerInnen-Seite http://www.teachpapers.de/magazin/unter-uns-lehrern/artikel/d/internationaler-lehrervergleich-verbeamtet-undoder-angestellt.html
“Liebe Kolleginnen und Kollegen,

in den meisten Ländern, vor allem denjenigen, die bei PISA gut abschnitten, werden Lehrerinnen und Lehrer nicht mehr durch einen bürokratisch administrierten Zuteilungsmechanismus den Schulen zugewiesen, sondern es besteht ein offener Lehrerarbeitsmarkt: …
In vielen dienstrechtlichen Regelungen besteht grundsätzlich die Möglichkeit, Entlassungen aufgrund unzureichender Lehrerleistungen sowie aus strukturellen Gründen (Stellenkürzungen etc.) vorzunehmen. Dies kann auch für beamtete Lehrerinnen und Lehrer gelten (bspw. in Finnland). …
Gängig ist mittlerweile, dass sich die Arbeitszeit aus einer Kombination von Unterrichtsverpflichtung und Anwesenheitszeit an der Schule definiert. …
… die Ergebnisse zeigen schon, dass der Beamtenstatus, die Freiwilligkeit der Weiterbildung und auch die klar definierte Unterrichtsverpflichtung in den meisten deutschen Bundesländern doch vergleichsweise ein sehr komfortables Lehrerleben ermöglichen.”
… und leider eine im internationalen Vergleich zunehmend lausigere Schülerperpektive, muss man wohl hinzufügen.

Knut M.
13 Jahre zuvor

Was soll das Gehetze gegen die Lehrer, orbita?

orbita
13 Jahre zuvor

Werter Knut M.
Ich hetze nicht. Es mag sein, dass manche Fakten Ihnen nicht gefallen. Das hat aber nichts mit Hetze zu tun.
Hätte ich folgendes geschrieben (und “Kind” durch “Lehrer” ersetzt), okay:
“Auch das Erlernen von Disziplin und Selbstdisziplin,um Dinge zu erlernen oder auszuführen, die keinen Spaß machen, gehören zum Kind- und Menschsein.”

Oder, dito:
” … wenn den Kindern nichts mehr abverlangt würde, das gegen ihr Lustgefühl geht, aber wichtig fürs Leben ist.”

Auch hier könnte man, wenn man “Spaßpädagogik” so versteht, dass jeder Lehrer leistungsunabhängig macht was er gerade mal gut findet, von Lehrerhetze sprechen:

“Ansonsten kommt die bittere Rechnung für eine reine Spaßpädagik, wenn es aufs selbständige Leben ankommt, das nicht nur mit Lust und Laune gemeistert werden kann.”

(Alle Zitate aus nur einem Ihren Posts.)

Bei dem Zitat aus der Lehrer-Website
“… die Ergebnisse zeigen schon, dass der Beamtenstatus, die Freiwilligkeit der Weiterbildung und auch die klar definierte Unterrichtsverpflichtung in den meisten deutschen Bundesländern doch vergleichsweise ein sehr komfortables Lehrerleben ermöglichen.”

fehlt, dass neben den vergleichsweise sehr guten Arbeitsbedingungen die Lehrergehälter in Deutschland europaweit am zweithöchsten (nach Luxemburg) ausfallen.
Im internationalen Vergleich verdienen Lehrpersonen in Deutschland sehr gut:

“Die BRD liegt auf Platz 3 (Einstiegsgehalt) bzw. Platz 4 (Gehalt nach 15 Jahren) der OECD-Liste und damit knapp 40 bzw. 30% über dem OECD- Durchschnitt. Betrachtet man nur die EU-Staaten, belegt Deutschland nach Luxemburg den zweiten Platz.” http://www.lehrerfreund.de/schule/1s/lehrergehaelter-vergleich/3221

orbita
13 Jahre zuvor

Knut M

Ich lese gerade in der heutigen SZ auf S.2 unten “Entamtet” von dem Lehrer Arne Ulbricht, 40.
Sehr interessant.
Da Sie anscheinend “wertorientierten” Unterrichtsmethoden und -inhalten den Vorzug geben, wäre das durchaus etwas für Sie.

Herr Ulbricht lehnt seine Verbeamtung ab. Er findet es sinvoller, die Schüler nicht von einem Beamtenpodest aus auf das Leben und den Arbeitsmarkt vorzubereiten.

Führen und Lehren durch Beispiel nennt man das. Die gute alte Methode, durch die Werte immer noch am besten vermittelt werden.

Schließlich soll den Kindern nicht beigebracht werden, wie man ohne Leistung, aber voll alimentiert durch das Leben kommt, nicht wahr? Das wäre doch ein schlechtes Beispiel, gerade mal geeignet für eine H4 Karriere.

Knut M.
13 Jahre zuvor

@orbita
Schön konstruierte Logik, orbita, mit der Sie Ihre Abneigung und Vorurteile gegen Lehrer dick unterstreichen.
Sollten Sie gegen weitere Berufsangehörige ein Ressentiment haben (z.B. Beamte allgemein) können Sie immer wieder das “Kind” gegen diese Personengruppe austauschen und mir dankbar sein, dass ich Ihnen eine so schöne Vorlage fürs Mäkeln geliefert habe.

orbita
13 Jahre zuvor

@Knut M.

Wie kommen Sie nur darauf, dass ich etwas gegen Lehrer hätte? Oder gegen Berufsgruppen? Hätte ich dann den Lehrer A. Ulbricht zitiert?

Wenn ich mich, als Beispiel, gegen den unzureichenden Ausbau von Radwegen wendete, hätte ich also etwas gegen die Berufsgruppe der Strassenarbeiter? Der Logik vermag ich nicht zu folgen.

Sich umzusehen, wie eigentlich die PISA-Topperformer einerseits und Abgeschlagene andererseits Schule, Lehrerausbildung und -beschäftigung organisieren, wird doch wohl noch erlaubt sein.

Dr. Christoph Krick
13 Jahre zuvor

@mehrnachdenken: “Mich würde jetzt sehr interessieren, was Herr Dr. Krick zu dem Thema “Frontalunterricht” sagt.”

Sorry für die Schreibpause, aber ich arbeite viel und intensiv, so dass nicht immer ein Zeitfenster zum Informationsaustauch blebt.

Ich habe ja gar nichts gegen Frontalunterricht, solange dieser an der richtigen Stelle effizent eingesetzt wird, bspw. um Vorwissen zu schaffen. Vorwissen ist bekanntlich die beste Voraussetzung zum Lernen. Demzufolge macht es wenig Sinn, Kinder ohne Vorwissen mit irgendeinem Lernmaterial zu traktieren. Da wir soziale Lebewesen sind, kann die direkte Kommunikation eine sehr gute Methode zum Schaffen von Vorwissen sein. Das Problem in einer Schulklasse besteht nun aber darin, dass unterschiedlich vorinformierte Kinder unterschiedlich gut oder lange den Ausführungen der Lehrperson folgen können. Man kann Kinder noch viel schwerer als erwachsene Studenten in der Aufmerksamkeitssteuerung synchronisieren. Daher bin ich überzeugt, dass ausschließlicher Frontalunterricht ziemlich ineffektiv ist. (In Finnland wird seit Jahrzehnten sehr stark zusätzlich gefördert, wenn ein Kind im Untericht nicht mitkommt.) Kindern fehlt oft die Konzentrationsfähigkeit und die Arbeitsgedächtniskapazität, um einen stundenlangen Informationsfluss zu verarbeiten – geschweige zu memorieren. (Das ist auch bei Studenten nicht anders, aber diese können mitunter auf ein umfangreicheres Vorwissen bauen, um Lücken zu interpolieren.) Im Allgemeinen führt daher “konventioneller” Frontalunterricht dazu, dass die Lernarbeit aus dem eigentlichen Unterricht ausgelagert wird – und daher nicht mehr von der Lehrperson mitverfolgt werden kann. John A.C. Hattie schreibt als Fazit der Lehrerbedeutung in seiner Meta-Mata-Studie: “Lehrkräfte müssen gewahr sein, was jede einzelne Schülerin und jeder einzelne Schüler denkt und weiß, um Sinn und bedeutungsvolle Erfahrungen angesichts dieses Wissens zu schaffen.” Das ist aber nur möglich, wenn der Lernprozess selbst im Mittelpunkt steht – und nicht die Unterrichtslogistik gemäß Lehrplan…

Der “klassische” Frontalunterricht hat für die Lehrperson den Nachteil, dass jedes Kind eine “Einzelbaustelle” ist. Gemäß den “Kounin-Techniken” für störungsfreien Unterricht ist es sinnvoll, die “psychologische” Anzahl der Baustellen zu reduzieren. Klar, das ist auch durch ein straffes Regel- und Sanktionssystem zu erreichen, aber deswegen wird nicht besser gelernt. Eine andere Möglichkeit ist das Aufrechterhalten einer gebannten Neugierhaltung, indem der Lehrer ein toller Entertainer ist. Das wiederum ist erfahrungsgemäß nicht täglich erbringbar. Besser geeignet sind dann eben Unterrichtstechniken, die auf Phasen der individuellen Stillarbeit oder der Teamarbeit in Kleingruppen zurückgreifen, um sowohl die Lerneffizienz auf Schülerseite, als auch die Anzahl “gefühlter” Baustellen auf Lehrerseite im Klassenraum zu optimieren. In SOL heißt übrigens der systematische Wechsel zwischen den verschiedenen Unterrichtsstilen “Sandwich-Prinzip”, das zum Aufrechterhalten von Aufmerksamkeit und Lernfreude ein geeignetes Instrument zu sein scheint.

mehrnachdenken
13 Jahre zuvor

@ Dr. Krick
Schön, dass Sie sich wieder gemeldet haben!
Ihren Ausführungen zum “Frontalunterricht” kann ich im Großen und Ganzen zustimmen. Vor allem freut mich dieser Satz: “Demzufolge macht es wenig Sinn, Kinder ohne Vorwissen mit irgendeinem Lernmaterial zu traktieren.”
Sieht “moderner” Unterricht aber heute nicht genauso aus? Es soll sogar Studienseminare geben, die den zukünftigen Lehrkräften einreden wollen, dass Ergebniskontrollen nicht notwendig seien. Es wird auf die intrinsische Motivation bei den SchülerInnen verwiesen, wonach sie das schon selbstständig erledigen würden.
Wir wissen alle aus eigenen Erfahrungen, dass es schwierig ist, einem Vortrag von mehr als 10 Minuten konzentriert zu folgen. Deshalb heißt “Frontalunterricht” ja auch nicht, 45 Minuten lang zu monologisieren. Das habe ich auch nicht in meiner Schulzeit erlebt, die nun schon sehr lange zurückliegt. Schon damals war der Unterricht in verschiedene Phasen eingeteilt: Einstieg, Erarbeitung, Auswertung und Festigung. In der Auswertung wurden die Ergebnisse verglichen und besprochen. Die Lehrerperson stand aber in allen Phasen im Mittelpunkt des Unterrichtes.
Zum Schluss noch ein Gedanke, den Sie mir aus neurowissenschaftlicher Sicht evtl. beantworten können. Ganz egal, mit welchen Methoden oder Unterrichtsformen gelehrt und gelernt wird, viel haben wir in kürzester Zeit wieder vergessen. Ich habe erlebt, dass sich SchülerInnen noch nicht einmal an Lernstoff erinnern, der einen Tag zurückliegt. Das passiert auch, wenn sie den Inhalt nachträglich in Form von Übungen vertiefen. Die Lehrkräfte können davon ein Lied singen, wenn der Unterricht nach den Sommerferien wieder beginnt. Oft genug sieht es dann so aus, als ob die SchülerInnen niemals in der Schule waren.
Untersuchungen zufolge haben viele von uns wenige Jahre nach dem Abitur nur noch ca. 3% des Lernstoffes behalten. Dabei ist es offensichtlich unerheblich, ob mich der Lernstoff interessierte oder nicht. Die binomischen Formeln kenne ich auch heute noch, obwohl Mathematik mich nun nicht unbedingt begeisterte, und ich nach der Schulzeit niemals mehr darauf zurückgreifen musste. Dafür habe ich aus dem Fach Chemie so gut wie nichts mehr behalten, obwohl es mein Lieblingsfach war.
Deshalb stelle ich das System Schule ja auch grundsätzlich infrage. In diesem System gelingt es heutzutage ja nicht einmal, allen SchülerInnen die Kulturtechniken Lesen, Rechnen und Schreiben sicher beizubringen. Viele verlassen die Schule als Analphabeten. Wenn wir die Kulturtechniken sicher beherrschen, hilft uns das schon sehr gut, den Alltag zu bewältigen.

Nathalie
13 Jahre zuvor

Ihr Kommentar gefällt mir, mehrnachdenken. Sie sprechen immer wieder Dinge in einer Weise aus, die auch mich kritisch beschäftigt.
So ist meiner Meinung nach z. B. die Beherrschung der Kulturtechniken absolutes Pflichtziel für jede Schule. Alles andere ist mehr oder weniger wichtiges Kürprogramm.
Leider haben die Verantwortlichen in den letzten Jahrzehnten modische Küren immer stärker in den Mittelpunkt gerückt und die Pflichten vernachlässigt. Sich mit immer Neuem zu schmücken ist nicht den Schülern zugute gekommen, sondern den vollmundigen Erfindern neuer Ziele und Methoden. Die Schüler hatten hingegen das Nachsehen, denn es stimmt, was Sie sagen: “In diesem System gelingt es heutzutage ja nicht einmal, allen SchülerInnen die Kulturtechniken Lesen, Rechnen und Schreiben sicher beizubringen. Viele verlassen die Schule als Analphabeten.”

orbita
13 Jahre zuvor
Antwortet  Nathalie

@Nathalie @mehrnachdenken
“Viele verlassen die Schule als Analphabeten.”
Hierfür gibt es sicher viele Gründe. Andererseits kenne ich die Fakten bezüglich der Entwicklung des prozentualen Anteils der(funktionellen) Analphabeten in der Bevölkerung nicht. An meiner alten Volksschule, drei Klassenräume, drei Lehrer für Klasse 1-9, kamen nur einige wenige bis zur 9. Klasse. Nicht wenige verließen die Schule als (funktionelle) Analphabeten.

Obwohl sich heute Schülerschaft und Kultur, mehr noch die Jugendkultur, radikal geändert haben, stösst Innovation an Schulen und in der Lehrerschaft gebetsmühlenartig auf Widerstand.
Ein Satz wie aus Ihrem Post: “Sich mit immer Neuem zu schmücken …” würde wohl in, sagen wir Ingenieursforen, Wirtschaftsforen usw verständnisloses Kopfschütteln auslösen. Neues per se abzuwehren und schlecht zu machen, würde dort noch nicht einmal als (schlechter) Witz verstanden werden.

Wir haben heute in Großstädten unter den 6-17 jährigen ca 50% Kinder mit Migrationshintergrund.
Sprachverarbeitung, sprachliche Kommunikation ist DAS Problem. Es interferiert in alle Fächer, auch Mathematik. Man kann sagen, dass mangelnde Sprachbeherrschung und daraus resultierende mangelnde Begriffs-(begreifen!!)und Grammatikbildung (Verknüpfung) enorm viel potentielle Intelligenz vernichtet.
Es gibt noch nicht einmal eine Forschung zur vergleichenden Linguistik zwischen Deutsch und dem grössten fremdsprachigen Schüleranteil, den muttersprachlich türkisch Sprechenden, die Eingang in die Lehrer- und Erzieherausbildung findet.
Da kann man nur staunen. Wie wollen die diesen Kindern Deutsch beibringen? Osmose scheint die Didaktik der Wahl zu sein.
Jeder, der um den Wert einer (Spracherwerbs-) Didaktik weiß, ist baff, wenn er sieht das Deutsch an der Schule immer noch unterrichtet wird, als wende sich der Unterricht nur an muttersprachlich deutsche Kinder.
Dabei sind die oft genug nur eine Minderheit in der Klasse.
Auch ich “verteufele” Frontalunterricht nicht. Ich möchte aber jedem Lehrer empfehlen, nach 3-5jähriger Unterweisung in einer fremden Sprache, sich einen Fachvortrag in dieser Fremdsprache anzuhören.
Und hinterher, wenn man trotz Anstrengung 30mal den Faden verloren und nichts verstanden hat, gesagt zu kriegen: “Kein Wunder, wenn du dich nicht konzentrierst!”

mehrnachdenken
13 Jahre zuvor

@ Nathalie
Vielen Dank für das Kompliment, das ich aber auch Ihnen aussprechen kann. Wir “funken” da wohl auf einer Wellenlänge. Schön, so ein Lob zu lesen, bin ich doch auch schon bei News4teachers nicht gerade freundlich behandelt worden.
Bekanntlich wird in Niedersachsen am 20.01. gewählt. Gestern gab es auf NDR eine halbstündige Diskussion von Vertretern der kleinen Parteien “Die Linke”, den “Grünen” und der “FDP”. Dort ging es auch kurz um die Bildungspolitik. Wer sich ein wenig bei den Parteien auskennt, hat nichts Neues erfahren. Grüne und Linke sprechen sich für die IGS aus und kritisieren die Regierungskoalition (CDU/FDP), weil sie diese Schulform vor allem auf dem Land benachteilige. Die FDP möchte die schulische Vielfalt und das eigenständige Gymnasium unbedingt erhalten. Amüsant fand ich die Aussage des Linken-Vertreters, der die so genannte Oberschule (ein Zusammenschluss von HS/RS mit der Option zum Gymnasialabschluss) eine “Unterschule” nannte. An der Namensgebung hat sich die Öffentlichkeit kaum gestört, obwohl ich mit “Oberschule” zunächst einmal höhere Bildung verbinde. Da gingen SchülerInnen einer HS im Juni noch auf die Hauptschule und im August sitzen sie plötzlich in der Oberschule. Eine “super Karriere”, kann ich nur anerkennend sagen. Über ähnliche Mogelpackungen und Tricksereien haben wir in diesem Forum auch schon geschrieben. Ob diese Feinheiten aber “Otto Normalverbraucher” versteht? Da finde ich die Bezeichnung Sekundarstufe für einen ähnlichen Zusammenschluss in NRW neutraler und damit sympathischer. Gesprochen wurde aber nicht darüber, was hier im Forum z.B. im Zusammenhang mit “SOL” thematisiert worden ist. Es liegt natürlich auch an den fragenden Journalisten, die offensichtlich wenig Ahnung gehabt haben. Warum wird nicht ‘mal nach der angeblich so großartigen Leistungsfähigkeit von Gesamtschulen gefragt. Dabei wissen wir doch alle, dass gescheiterte Gymnasiasten dort ganz locker das Abi schaffen. Warum wird nicht danach gefragt, wie es sein kann, dass so viele Analphabeten die Schulen verlassen oder die Kulturtechniken nicht sicher beherrscht werden? Warum wird nicht danach gefragt, welchen Wert das Abitur in einigen Bundesländern eigentlich noch hat, wenn zu viele Studienanfänger noch nicht einmal richtig schreiben und formulieren können? Auf die Antworten wäre ich gespannt. Heute Abend gibt es den Auftritt zwischen dem Amtsinhaber und seinem Herausforderer von der SPD. An sich ist es überflüssig, sich das anzusehen, weil es bei dem Thema “Bildung” ganz bestimmt wieder nur um Schlagworte und der Forderung der Opposition nach viel Geld geht.

Dr. Christoph Krick
13 Jahre zuvor

@mehrnachdenken:
Politische Diskussionen um die äußere Schulform frustrieren mich regelmäßig, weil der falsche Fokus beleutet wird. Erfolgreiches Lernen findet im Kinderkopf statt. Die inneren Mechanismen, die zum erfolgreichen Lernen führen, sind nicht politisch entscheidbar… 😉

Das Problem der geringen Kompetenz von Schülern trotz jahrelangem Unterricht hatte ich gerade heute wieder mit einem Schulleiter diskutiert. Er schilderte, dass etliche Jugendliche in der 9. Klasse zwar einen Text Buchstabe um Buchstabe vorlesen könnten, ohne aber nachher zu wissen, was sie da gelesen haben. Dieses Defizit beim Sinnentnehmen wirke sich dann auch auf Textaufgaben in Mathematik aus. Bei Rechenaufgaben können diese Jugendlichen durchaus vorexerzierte Aufgaben in der demonstrierten Art und Weise nachahmen, aber sie könnten nachher nicht erklären, welche Regelmechanismen dabei angewendet wurden. Selbst bei kleiner Änderung des Aufgabentyps sind diese Jugendlichen dann hilflos. Im Grunde genommen bedeutet das, dass die betreffenden Schüler nicht wissen, was sie in der Schule für welche Intention überhaupt durchführen. Die Schüler lernen nichts, weil es kein vorhandenes Wissensgerüst gibt, an das neue Erfahrungswerte oder neue Regeln angeknüpft werden können. Selbst kurzzeitig erlerntes Wissen hat daher den Charakter von losen Blättern im Wind…

Wenn nachhaltig gelernt werden soll, sollten aus meiner Sicht folgende Kriterien beherzigt werden:
o Es muss Vorwissen geschaffen werden, damit Informationen angeknüpft werden können.
o Ähnlichkeiten, Analogien und Regeln können das Anknüpfen verstärken. (Beispielsweise erkennen Sie in jedem Raum eine Sitzgelegenheit, auch wenn Sie noch nie in dem betreffenden Raum waren und auch noch nie das betreffende Möbelstück zuvor gesehen haben.)
o Episodische Informationen (Bsp: welcher altgriechische Herrscher hatte wann in welcher Polis die attische Demogratie begründet?) vergisst man schneller als Analogien oder Regeln (Bsp: die Griechen hatten lange vor Christus die Volksvertretung beim Regieren erfunden. Das war damals so ähnlich wie heute der Bundestag.) Solche Sinneinheiten oder Bedeutungen müssen unbedingt als Vorwissen vorangestellt werden. (Ein finnischer Lehrer brachte seinen Untericht auf den Punkt: “Bedeutungen zuerst!”)
o Um einem Text oder einer Aufgabenstellung zu folgen, ist eine minimale Arbeitsgedächtniskapazität nötig, um einen ganzen Satz im Kopf zu behalten. Ein normal begabter Mansch kann sich 4 Informationen gleichzeitig merken. Ein Satz aus mehr als vier Worten muss daher über verinnerlichte Regeln zu Sinneinheiten zusammengeschmolzen werden. Wenn das (noch) nicht geht, ist jedes Wort eine verbale Information – und das Arbeitsgedächtnis läuft über… Das Üben des Zerteilens von Sätzen in Sinneinheiten ist daher eine Übung, die für das Lösen von Textaufgaben oder für das Verfolgen eines Textflusses unerlässlich ist.
o Lesen, sich zuhören und gleichzeitig Text verstehen kann unter diesen Umständen das Arbeitsgedächntnis überlasten, weil alle diese Aufgaben um das verbale Arbeitsgedächtnis konkurrieren. Dasselbe passiert bei der Entwicklung eines Tafelbilds, das zugleich wortreich erklärt wird und gleichzeitig abgeschrieben werden soll.
o In Gruppenarbeit kann vorlesen und Text verstehen auf verschiedene Köpfe im Wechsel delegiert werden. Die Inhalte können nachher in gemeinsamer Diskussion abgeglichen und vervollständigt werden. Bei mäßigem Arbeitsgedächtnis kann dasselbe über solche “Tricks” trainiert werden.
o Erfolg wirkt am meisten dann beflügelnd, wenn ihn Personen aus der sozialen Gruppe (Klasse, Lehrperson) bemerken und beachten. Zusammen Errecichtes in der Gruppe wirkt daher besonders stark, weil sich die Gruppenmitglieder gegenseitig das Erfolgserlebnis spiegeln.
o Das Beachten von Erfolgen kann auch über das Bewerten von Leistungen erfolgen. Dabei ist es aber wichtig, diese Bewertungen altersgerecht anzubringen, da junge Kinder aus Fehlerkritik weniger gut Regeln zum Verbessern der Leistung ableiten können im Vergleich zu reiferen Jugendlichen. Normalerweise mögen Kinder ihre Noten, wenn diese anspornend ins Spiel gebracht werden. (Computerspiele ohne Punktescores haben für Kinder ja auch keinen Reiz… Und auch im Computerspiel sind Fehler Anreiz zum nochmals probieren, aber keine sozialen Sanktionen wie “schlechte Noten”, die daraus “schlechte Schüler” machen.)
o Etwas neu Erprobtes wird besonders effektiv memoriert, wenn der Schüler gefühlt der Urheber des Lernerfolgs ist (wegen Autonomiestreben). Das lässt sich ausnutzen, in dem man in einer Lerngruppe Schüler mit unterschiedlichen Kompetenzen mischt, so dass der erreichte Wissenstransfer für die gesamte Gruppe als Lernerfolg verbucht wird. (Die Unterschiedlichkeit der Kompetenzen kann man zuvor steuern, indem man vorher die Klasse teilt und zwei verschiedene Techniken oder Aufgaben trainieren lässt.)

Es gibt noch viele solcher “Tricks”, die über Gruppearbeit gesteuert recht gut zu funktionieren scheinen.

mehrnachdenken
13 Jahre zuvor

@Dr. Krick
Ja, was Sie schreiben, regt zum Nachdenken an. Könnten Sie freundlicherweise auch noch als Neurowissenschaftler etwas zu meinem “Gedanken” sagen? – heutiger Beitrag um 13.44 h -. Ich formuliere einmal Folgendes: Selbst wenn Ihre “Tricks” alle im Unterricht Beachtung fänden, würden wir uns dem o.g. Phänomen des Vergessens nicht vollkommen entziehen können.

Nathalie
13 Jahre zuvor

@Dr. Krick
Vieles von dem, was Sie sagen, ist auch meine Meinung. Einiges aber auch nicht.
Z. B. liegt die Schwäche vieler Kinder im sinnerfassenden Lesen (Textverständnis) meist an einer unzureichenden Lesetechnik. Diese Kinder sind dermaßen beschäftigt mit dem mühsamen Zusammenziehen der Buchstaben, dass ihnen der Inhalt dessen, was sie da mühsam und teilweise auch falsch entziffern, völlig entgeht. Alle Kraft und Konzentration gehen allein in das Bemühen, die Technik
hinzukriegen. Daneben auch noch den Sinn des Gelesenen zu erfassen, ist schier unmöglich.
Das bedeutet aber nichts anderes als dass die Kulturtechnik Lesen in den Schulen zu wenig geübt und automatisiert wird. Häufige Wortbilder müssten auf Anhieb erkannt und nur sehr schwierige oder seltene Wörter durch schnelles Zusammenziehen der Laute “neu” erlesen werden. Sinnerfassung ist erst dann möglich, wenn mangelnde Technik kein Hindernis mehr darstellt.
Es geht beim sinnerfassenden Lesen meiner Erfahrung nach also weniger um die “Arbeitsgedächtniskapazität” als um müheloses Erlesen.
Sie, Herr Dr. Krick gehen davon aus, dass die Schüler dieses beherrschen und nur die schriftlichen Informationen nicht genügend im Gedächtnis speichern können. Nein, viele Schüler entnehmen einem Satz erst gar keine Information, weil die mangelhafte Beherrschung der Lesetechnik sie schon an den Rand der Verzweiflung bringt.
Ähnlich dürftig sieht es mit dem Schreiben und Rechnen aus. Das aufwendige und zeitraubende, aber unbedingt notwendige Üben auch dieser Techniken wurde in den letzten Jahrzehnten zunehmend vernachlässigt. Solange aber dieses Basiswissen und vor allem -können als “stures” Lernen verunglimpft und vernachlässigt wird, können wir nicht “höherwertiges” Lernen anstreben.
Zuletzt sei noch gesagt, dass “stures” Üben meiner Beobachtung nach den Kindern unheimlich viel Spaß macht. Wenn sie anfangen, etwas zu können, möchten sie mit dem Anwenden dieser “Kunst” am liebsten gar nicht mehr aufhören, um sich mit stolzgeschwellter Brust ihr Können immer wieder selbst zu bestätigen. Und dafür muss Zeit sein, denn dies ist nicht vergeudete Zeit für “stures” Üben “sinnloser” Techniken, sondern bestens investierte Zeit zum Beherrschen notwendiger Kulturtechniken, die Weiteres – wie das Lösen von Textaufgaben – erst möglich machen.

mehrnachdenken
13 Jahre zuvor

@ Nathalie
Hat eine “unzureichende Lesetechnik” nicht auch etwas mit falschen Methoden im Erstlesunterricht zu tun? Was meinen Sie?

Nathalie
13 Jahre zuvor

Völlig richtig, mehrnachdenken, aber ich bin jetzt zu müde, dies weiter zu erläutern.

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