WIEN. Übergewichtig oder essgestört, hyperaktiv, vielgestaltig verhaltensoriginell, leistungsverweigernd und statt dessen chillbewusst oder gar durchgehend tyrannisch – so treten uns immer mehr Kinder und Jugendliche heute entgegen. Und die Lehrkräfte werden mit den Problemen alleine gelassen. Meint jedenfalls die Wiener Ärztin und Psychotherapeutin Prof. Martina Leibovici-Mühlberger. In ihrem neuen Buch „Wenn die Tyrannen-Kinder erwachsen werden“ beschreibt sie die Folgen für unsere Gesellschaft, wenn sich an der Erziehung – mehr noch: an der Einstellung der Erwachsenen gegenüber Kindern – nichts ändert. News4teachers sprach mit der renommierten Expertin. Teil zwei des großen Interviews lesen Sie hier.
Wie würden Sie ein typisches Tyrannenkind beschreiben?
Leibovici-Mühlberger: Es ist ein in der Tiefe seiner Seele schwer verunsichertes Kind, das verzweifelt um Orientierung in einer Welt ringt, die es in Grundfragen seiner Existenz belügt und betrügt. „Entfalte dich vollkommen frei, probiere alles aus, was du willst und schau, dass du immer im Zentrum der Aufmerksamkeit stehst, dann wird dein Leben großartig“ ist die heutige gängige moderne Erziehungsmaxime unserer Gesellschaft. Einer Art naiven Selbstverliebtheit in die eigene Größe wird da der Weg geebnet. Aber dieses Konzept geht einfach nicht auf, weil es in sich genommen nicht schlüssig, sondern eine Lüge ist.
Es ist auch einfach nachzuvollziehen, warum es sich hierbei um einen Betrug an unseren Kindern handelt. Zuerst wirst du wie ein Prinz oder eine Prinzessin behandelt, jede deiner Lebensregungen löst Verzückung aus, es werden dir keine Grenzen markiert, die dir nebenbei gesagt auch Sicherheit geben, indem sie den für deine Entwicklung passenden Raum abstecken und was dir nicht „cool genug“ erscheint oder nur ein bisschen anstrengend ist, lässt du einfach fallen und ein paar Jahre später, machen dir dann alle Vorwürfe, weil du noch immer nicht ruhig in der Schule sitzen kannst oder das gelernte System „einfach nur das zu machen, was Spaß macht!“ auch auf die Schule anwenden willst. Da soll man nicht zumindest verwirrt sein, oder auch ziemlich sauer als heranwachsender, Orientierung in der Welt suchender Organismus? Diese Grundverweigerung, die in diesen Kindern steckt, entspricht ihrer Grundfrustration und sie halten uns als Gesellschaft und Elterngeneration mit diesem widerständigen, vordergründig selbstbezogenem Verhalten einen Spiegel vors Gesicht.
Muss man da nicht zum Kinderhasser werden?
Leibovici-Mühlberger: Die Kinder sind ja nicht schuld daran, sondern wir haben sie dazu gemacht. Die Kinder drücken mit ihren Auffälligkeiten ihr Leiden in einer Gesellschaft aus, die schon an ihren Kindern verdienen will und ein Kind gerechtes Aufwachsen zunehmend verunmöglicht, obgleich sie vorgibt alles dafür zu tun. Eltern geraten durch das charmante neue und so viel Spaß versprechende Erziehungsideal der „freien individuellen Potenzialentfaltung“ enorm unter Druck und werden zu Steigbügelhaltern ihrer Kinder degradiert. Längst haben sie verlernt, Wünsche von wirklichen Bedürfnissen zu unterscheiden und mutieren oftmals lieber gleich zu Freunden, statt ihrem Führungsauftrag nachzukommen. Das Erwachen ist bitter, wenn die Kinder als Jugendliche oder spätestens junge Erwachsene in einer beinharten Steigerungs- und Leistungsgesellschaft, die unter der Oberfläche der flockigen Spaßgesellschaft wartet, schlecht vorbereitet aufschlagen. Die Erziehungslüge zieht die Abwendung der jungen Menschen nach sich. Mein Buch soll ein Appell an die besonnenen Kräfte sein, eine Streitschrift, die aufrütteln will.
Sie sagen, dass diese Art von Kind früher eher ein Einzelfall war, jetzt aber schon zur Normalität geworden ist. Woher wissen Sie das?
Leibovici-Mühlberger: Im Prinzip brauchen Sie sich dafür nur ein wenig umzusehen und ein paar Statistiken zu lesen. Wenn Sie dann noch eins und eins zusammen zählen, liegt alles wie ein perfektes Puzzle vor ihnen. Noch nie hatten wir zum Beispiel so viele Kinder mit Vorstufenbefunden für spätere schwere chronische Systemerkrankungen wie Diabetes mellitus, koronare Herzerkrankung oder apoplektischen Insult. Das sind keine Kinderkrankheiten, sondern Erkrankungen, die die Potenz haben sogar zu invalidisieren, Erkrankungen, die die Gesundheitserwartung drastisch negativ beeinträchtigen. Und es ist eigentlich eine Schande, dass es unseren Kindern so geht. Im Bereich von Alkohol- und Nikotinkonsum sieht es auch nicht gerade begeisterungswert im Bereich unserer Jugend aus und auch das hat unsere Erwachsenengeneration zu verantworten.
Oder nehmen sie die seelische Seite der Gesundheit her. Kindliche Depression und auf der anderen Seite der Achse ADHS, alles Diagnosen, die es vor zwanzig Jahren nur marginal gegeben hat. Glauben Sie, dass wir die Plätze für Kinderpsychotherapie gerade verdoppelt haben, weil irgendjemand das einfach für eine lustige Idee hält? Da steht in Zeiten des Sparstifts eine krasse Notwendigkeit dahinter. Unseren Kindern geht’s also schlecht! Und das sind nur jene Kinder, die klinisch manifest auffällig geworden sind. Knapp unter dem Radar fliegen da noch viel mehr. Unterhalten sie sich mit Pädagogen, denn die stehen täglich an der „Front“ zu Themen wie Konzentration, Fokussierung, Aufmerksamkeit, Selbstmanagementfähigkeit.
So viele Kinder wie noch nie zuvor verfügen mit dem Eintritt in die sogenannte Schulreife noch nicht einmal über ausreichendes Selbstmanagement, um überhaupt einem Unterricht folgen zu können, sind also schwer beschulbar. Dabei geht’s nicht um kognitive Intelligenz, sondern um solche Dinge wie Selbstorganisation, etwas unmittelbare Bedürfnisverschiebung, Ablenkbarkeit, Aufmerksamkeit in der Kommunikation oder Impulskontrolle. Vor wenigen Wochen hat die Aussage der Direktion einer Wiener Schule, die für eine nicht geringe Anzahl ihrer Schüler grobe Bedenken äußerte, ob diese je stabilen Zugang zur Arbeitswelt finden werden können, für Aufruhr gesorgt. Braucht es eigentlich noch mehr? Wir müssen uns endlich unseren groben Versäumnissen, die den Hintergrund dafür bilden, stellen, statt zu jammern!
Wer ist Schuld an dieser Entwicklung?
Leibovici-Mühlberger: Grundsätzlich jeder! Wie immer gibt es große Profiteure, Steigbügelhalter, Mitläufer und Ängstliche und auch einfach Verführte. Es ist ein gesamtgesellschaftliches Bewusstseinsproblem unserer Steigerungsgesellschaft und diese Entwicklung der Kinder ist dabei so etwas wie colateral demage. Allerdings eine, die uns enorm auf den Kopf fallen wird. Unsere Gesellschaft hat in den letzten 25 Jahren, angetrieben durch die politische Entwicklung und phänomenalen technologischen Fortschritt, viel daran gesetzt im Namen von Freiheit und individueller Potenzialentfaltung die ICH-AG zur geltenden Maxime der Glückseligkeit zu erheben. Das ist ein charmantes Konzept, das endlich jede Fremdbestimmung abzustreifen scheint.
Faktum ist allerdings, dass narzisstische Persönlichkeitsstörungen rapide zunehmen, also Persönlichkeitsprofile, die mit Selbstbespiegelung und der Maximierung des eigenen Vorteils auch auf Kosten von anderen beschäftigt sind. Für die Kinder dieser Gesellschaft heißt das, dass sie entweder Eltern haben, die sie als ihr Projekt ansehen, um sich selber mit ihnen zu schmücken. Oder sie haben Eltern, die voller Angst etwas zu versäumen , was ihre Förderung und Potenzialentwicklung voran treiben könnte, lieber gleich zu guten Freunden, die ihre Erziehungsverantwortung abgeben, mutieren. Und die Wirtschaft hat Kinder als Konsumenten und gleichzeitig als lukrative Objekte der Vermarktung entdeckt. So viel wie heute ist am Kind noch nie verdient worden.
Welche Rolle spielt in dieser Entwicklung die Schule?
Leibovici-Mühlberger: Schule ist heute die große psychosoziale Drehscheibe für unsere Kinder, doch ihre Bedeutung wird nicht entsprechend wahrgenommen. In der Schule spielt sich ein großer Teil der sozialen Interaktion der Kinder ab, wird sozialisiert, also erzogen, in der ein oder anderen Art. Aber Schule gehört zu den Verlierern, wird ständig geprügelt und mit Vorwürfen überhäuft. Wir stehen in einer paradoxen Situation. Die Gesellschaft hat durch die Umgestaltung zu einer Doppelberufstätigkeit beider Elternteile die großteils ganztägige außerfamiliäre Verbringung ihrer Kinder eingeführt. Damit wird natürlich der Schule klamm und heimlich auch ein großes Stück Erziehungsverantwortung durch die Hintertüre hinein geschoben.
Doch Schule erhält weder Anerkennung dafür, noch Ressourcen. Pädagogen werden mit diesem unausgesprochenen Zusatzauftrag unbedankt alleine gelassen, müssen oft ganz nebenbei noch Bezugsperson, Sozialarbeiter oder Mediator sein. Es ist schlichtweg eine Katastrophe, dass man Schule so allein lässt, die Schulreformprozesse sich mehr zu chronischen Erkrankungen auswachsen, als mit Energie und Entschlossenheit auf die Zielsetzung Schule zu einem positiven Lern- und Lebensraum für unsere Kinder zu machen, losmaschieren.
Hier geht es zum 2. Teil des großen Interviews mit Prof. Dr. Martina Leibovici-Mühlberger.
Prof. Dr. Martina Leibovici-Mühlberger, Mutter von vier Kindern, ist Praktische Ärztin, Gynäkologin, Ärztin für Psychosomatik und trägt als Psychotherapeutin das European Certificate of Psychotherapy. Sie leitet die ARGE Erziehungsberatung und Fortbildung GmbH, ein Ausbildungs-, Beratungs- und Forschungsinstitut mit Fokus auf Jugend und Familie, sowie die ARGE Bildung&Management, ein Kompetenzzentrum für Personal- und Organisationsentwicklung mit Fokus auf humanistischer Unternehmensberatung. Die Wienerin ist Buchautorin und Verfasserin zahlreicher wissenschaftlicher Artikel. Ihr aktuelles Buch „Wenn die Tyrannen-Kinder erwachsen werden. Warum wir nicht auf die nächste Generation zählen können“ ist im edition a-Verlag erschienen (21,90 Euro).
