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Persönlichkeitsentwicklung in der Corona-Krise: Wie Lehrer pubertierende Schüler jetzt am besten unterstützen können

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MÜNCHEN. Über ein Jahr Corona-Pandemie: Homeschooling und Wechselunterricht sind zur neuen Norm geworden – und die Teenager kommen schon irgendwie klar damit? “Nein!”, meint unser Gastautor Peter Maier und bringt uns noch einmal ins Gedächtnis, was die Pubertät eigentlich ist: eine besonders fragile Phase in der Entwicklung junger Menschen, in der kleine und größere Krisen zwar nichts Ungewöhnliches sind, in der die Einschränkungen durch eine Pandemie aber den natürlichen Prozess der Persönlichkeitsbildung und Abnabelung vom Elternhaus blockieren. Wie können Lehrerinnen und Lehrer in der aktuellen Situation diejenigen gut begleiten, die sich gerade ins Erwachsensein aufmachen, fragt der Pädagoge und gibt Impulse zur Stärkung jugendlicher Resilienz.

Was macht die Pandemie mit Jugendlichen auf dem Weg ins Erwachsenenleben? Foto: Shutterstock.

Drei Wochen vor den Osterferien 2020 gab es den ersten Lockdown: Unsere Schulen wurden geschlossen, Lehrer* und Schüler ins Homeoffice verbannt. War dies zunächst für kurze Zeit eine Freude für so manche Schüler, so hat sich bald Ernüchterung Platz gemacht. Denn nun mussten gestresste Eltern, die auch beruflich selbst mit dem Lockdown konfrontiert waren, ihre Kinder rund um die Uhr zu Hause betreuen. Computer, Internet und ein Schul-Arbeitsplatz zu Hause mussten bereit gestellt werden, das Homeschooling klappte anfangs aus technischen Gründen oft noch nicht gut…

Dies alles hat sich ein Jahr Corona-Krise später wesentlich verbessert, die digitale Bildung insgesamt hat einen kräftigen Schub nach vorne erhalten, den man sich vor Jahresfrist noch nicht hätte träumen lassen: Etwa dass Unterricht in vielen Fällen souverän in Videokonferenzen ablaufen kann. Manch Vertreter aus Wirtschaft und Bildungspolitik kann daher in der gegenwärtigen Pandemie sogar einen mittelfristigen Segen für die Schulbildung im Besonderen und die Sicherung des Wirtschaftsstandortes Deutschland in der Zukunft im Allgemeinen erkennen. Diese Sicht der Dinge hat ohne Zweifel etwas für sich. Als Pädagoge mit 40-jähriger Berufserfahrung sehe ich mich jedoch dazu veranlasst, einige kritische Anfragen zu stellen und auf Gefahren in der derzeitigen Entwicklung hinzuweisen.

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Einwand 1: Die eigentliche Pädagogik bleibt auf der Strecke

Die erste dieser kritischen Rückfragen an die gegenwärtige Schulsituation ist der Pädagogik gewidmet. Aber was soll man darunter verstehen? Schüler nehmen Fachwissen und Kompetenzen auf, wenn die Beziehung zwischen ihnen und der Lehrperson stimmt, die dieses Wissen vermittelt. Der Slogan „Erziehung durch Beziehung“ hat gerade jetzt wieder eine unerwartete Aktualität und Bedeutung erlangt. Denn in diesem Prinzip schwingt neben der Wissensaufnahme durch die Schüler eine grundsätzliche Orientierung am Lehrer mit: Ist er mir sympathisch? Kann er mich wahrnehmen, kann er meine Fähigkeiten, ja überhaupt mich als Person sehen? Fühle ich mich in der Klasse, die er leitet, wohl und herrscht ein gutes Unterrichtsklima?

Neben diesen lernaktiven und atmosphärischen Elementen im Unterricht erfolgen subtil und unterschwellig durch die Lehrkraft bei den Schülern auch laufend Impulse und Anstöße zur Persönlichkeitsentwicklung, Charakterbildung, Werteerziehung und zur Ausformung eines eigenen Weltbildes. Dieser Bereich des Unterrichtsgeschehens ist enorm wichtig und gar nicht hoch genug einzuschätzen, auch wenn er in der Regel  nicht operationalisierbar und durch keine Statistik einzufangen ist. Aber dies alles geschieht im „normalen“ Unterricht eben.

Doch leider gerät diese zweite Ebene der Bildung im Schatten der Corona-Pandemie, in der es vor allem um Strukturfragen geht, im Moment völlig ins Hintertreffen. Man will von Seiten der (Bildungs)Politik die Schulen um jeden Preis am Laufen halten: mit Distanz- und Wechselunterricht, mit Homeschooling und Videokonferenzen, basierend auf digitaler Technik, mit Hygienevorschriften und genügend Abstand in der Schule, alles abhängig vom momentanen Inzidenzwert in der jeweiligen Stadt oder im Landkreis.

Das ist verständlich und nachvollziehbar, aber wo kann die eigentliche Pädagogik noch stattfinden, die auf Bindung zum Lehrer beruht und auf einer Herzenspädagogik von Seiten der Lehrkraft aufbauen muss, wenn sie nachhaltig sein will? Wie also können wir Lehrer unter diesen Corona-bedingten „Schulumständen“ noch in einer guten Beziehung zu unseren Schülern bleiben, die das Fundament von Lehren und Lernen sein muss – gerade auch jetzt? Antworten auf diese pädagogische Schlüsselfrage sollten schleunigst wieder in den Vordergrund gesetzt werden.

Einwand 2: Blockierter Pubertätsprozess bei den Schülern

An dieser Stelle will ich zunächst von einer persönlichen Erfahrung berichten: Im Schuljahr 2018/2019 hatte ich eine 8. Klasse, die von 16 Jungen dominiert war. Die 11 Mädchen waren eher Beobachterinnen und Statisten dieses Jungen-in-der-Puberät-Schauspiels. Ein normaler Unterricht war nur mit Mühe möglich, da die Jungen in einer dauernden Reiberei um die Hackordnung in der Klasse waren. Mehrere Gruppen waren im ständigen „Kampf um die Klassenherrschaft“. Das war für jede Lehrkraft anstrengend, weil es den Jungen nur am Rande um Wissensaufnahme und um gute Noten ging.

Viel wichtiger war ihnen, was nach und außerhalb des Unterrichts stattfand: Fast alle waren mindestens drei Nachmittage die Woche auf dem Fußballplatz zu finden, um sich auszutoben und um ihren z. T. heftig wirkenden Puberäts-Energien ein Ventil geben zu können. Auch in den beiden Vormittagspausen waren alle Jungs der Klasse auf dem Schul-Sportplatz, um „es“ jeden Tag neu untereinander „auszukicken“ nach dem Motto: Wer von uns ist der wildere, talentiertere, witzigere, coolere, draufgängerische, gewieftere und erfolgreichere Fußballspieler? Taktik, aber auch pure Vitalkraft spielten dabei eine entscheidende Rolle.

Darum ging es diesen Jungs also und nach jeder solcher Pause waren sie zumindest vorübergehend für die nächsten zwei Unterrichtsstunden zu haben, weil soeben die in ihnen neu gebildeten Puberäts-Energien einen sinnvollen und kontrollierten Auslauf gefunden hatten und aus den Jungs hatten „rausdampfen“ können – gerade im gegenseitigen „Rangeln“ beim Fußballspiel. Natürliche Aggressionen konnten auf diese sportliche Weise abgeleitet werden…

Ich frage mich jetzt aber: Wo sollen diese Pubertäts-Energien und Aggressionen jedoch in Zeiten von Corona hin, wenn das Kämpfen und Dampf-Ablassen im Sport gar nicht möglich ist, weil Trainingseinheiten und Spiele in den Fußballvereinen und im Sportunterricht gar nicht stattfinden dürfen? Wenn die sozialen Kontakte nur über Facebook oder Whats-App möglich sind, der physische Kontakt in der Peergroup aber fehlt? Wenn Jugendliche nicht zum gemeinsamen „Chillen“ und Abhängen außerhalb des Elternhauses und des Einflussbereichs der „Alten“ zusammen kommen und dabei über Gott und die Welt, über Eltern und Lehrer auch mal gemeinsam lästern können? Dies alles gehört zu einem natürlichen Pubertätsprozess, zur Persönlichkeits- und Charakterbildung, zum Erlangen sozialer Fähigkeiten usw.

Was die beiden Ärzte am Klinikum Harlaching in München aufgrund der Corona-bedingten Zunahme psychischer Störungen über junge Erwachsene von 18 bis 20 Jahren in der Corona-Krise sagen, hat für Jugendliche in der Pubertät sogar noch mehr Gültigkeit: „Junge Erwachsene brauchen aber eine Peergroup als Lernmodell, als haltgebende Gemeinschaft. Sie haben noch keine gefestigte Identität und kein stabiles Weltbild. Das gemeinsame Feiern und Abhängen ist wichtig für die Entwicklung. Wenn das nicht geht, führt das gerade in unsicheren Zeiten zu noch mehr Unsicherheit… Die jungen Menschen sollten das Verständnis der Gemeinschaft haben, dass es für sie ein notwendiges Bedürfnis ist, sich zu sehen.“[i]

Oft ist es so, dass die selbst Corona-gestressten Eltern sich zu viel um ihre Kinder – oft ins Homeschooling verbannt – kümmern oder ihnen zu Hause zu viel reinreden und damit ungewollt eine übermäßige Abhängigkeit bei ihnen fördern und eine natürliche Abnabelung verhindern. Die Aggressionen nehmen zu: „Häufig steckt bei jungen Leuten Selbsthass, Wut gegen sich selber oder auch Wut gegen die Welt dahinter.“[ii] Ein auffälliger Rückzug etwa in sozialen Medien, zunehmende Ängstlichkeit, Besorgtheit, ein Hang zum Grübeln und Schlafstörungen sind häufig dann die Folge.

Wächst jetzt eine verlorene „Generation Corona“ heran?

Ich stimme den Ärzten des Harlachinger Krankenhauses prinzipiell zu, dass solch eine Prognose nach einem guten Jahr Corona-Einschränkungen an den Schulen (Maskenpflicht, körperlicher Abstand, Hygienevorschriften), Homeschooling/Distanzunterricht, der teilweise Überforderung mit den neuen digitalen unterrichtlichen Anforderungen sowie mit Lockdown-Perioden usw. noch zu früh ist: „Ob es zu spezifischen Veränderungen kommt, ist hoch spekulativ. Aber die jungen Menschen verdienen Anerkennung. Bevor man sie als eine ‘verlorene Generation’ abstempelt, sollte man abwarten, welche Resilienzfaktoren sie mitbringt…“[iii]

Als erfahrener Pädagoge bin ich jedoch der Auffassung, dass der natürliche Initiations-Prozess, d.h. die Entwicklung von der Kindheit ins Jugendalter und von der Adoleszenz ins Erwachsensein während der gymnasialen Schulzeit doch eine merkliche Schlagseite oder zumindest eine deutliche Verzögerung erfahren kann. Denn der regelmäßige Kontakt mit Gleichgesinnten außerhalb des Elternhauses ist entscheidend für diese beiden Entwicklungsprozesse, die eine schrittweise Ablösung von den Eltern und zugleich den organischen Aufbau eines eigenen Bekannten- und Freundeskreises voraussetzen.

Bild: Peter Maier.

Dies können auch folgende zwei Skizzen vom „Lebensrad“ näher erhellen: Die erste zeigt nacheinander die vier Haupt-Lebensphasen. Die zweite veranschaulicht mit den Begriffen (Eintritt in die) „Pubertät“ und „Erwachsenwerden“ die beiden Übergänge vom Kind zum Jugendlichen und vom Jugendlichen zum jungen Erwachsenen, um die es bei Schülern am Gymnasium während ihrer Schulzeit geht bzw. gehen sollte. Denn als Kinder kommen sie ans Gymnasium, als Volljährige (rechtlich Erwachsene) verlassen sie es beim Abitur wieder. Beide Übergänge erscheinen mir zur Zeit durch die Corona-Krise mit all den damit verbundenen Einschränkungen in Schule und Freizeit bei vielen Jugendlichen blockiert oder zumindest wesentlich beeinträchtigt.

Bild: Peter Maier

 Gegensteuern – aber wie?

Niemand, auch Fachleute und führende Politiker nicht, stehen über der Corona-Krise mit all ihren unvorhergesehenen Auswirkungen. Überall wird nur „auf Sicht gefahren“, d. h. kurzfristige, oft täglich wechselnde Vorschläge, Ideen und Vorschriften machen die Runde. Niemand hat in der Pandemie „die“ Lösungen parat oder hat dafür schon „das Ei des Kolumbus“ gefunden. Auch und gerade im Bereich Schule ist dies so. Daher kann ich zum Schluss nur einige Impulse und Anregungen geben, wodurch unsere Jugendlichen vielleicht etwas besser durch die gegenwärtige Corona-Situation kommen könnten:

Hier sehe ich eine große drängende Aufgabe für uns (Fach)Lehrer, unsere Schüler zu solchen Aktivitäten zu motivieren, anzuleiten, zu coachen und zu vernetzen. Kreativität ist von uns Pädagogen erwünscht, auch der Mut, sich um der Entwicklung unserer Schüler willen von zu engen Vorgaben des Lehrplans frei zu machen!

Foto: Peter Maier.

Peter Maier (Gymnasiallehrer a. D., Jugend-Initiations-Mentor, Autor).

* Natürlich sind mit „Schüler“ stets Schülerinnen und Schüler und mit „Lehrern“ Lehrerinnen und Lehrer gemeint. Ich wollte aber den Artikel nicht unnötig aufblähen.

 

[i]      Süddeutsche Zeitung Nr. 85 vom 14.4.2021, S. 36

[ii]     ebd.

[iii]   ebd.

 

Über den Autor

Peter Maier ist Gymnasiallehrer, Jugend-Initiations-Mentor und Autor. Er hat Bücher zu Pädagogik und Lehrergesundheit verfasst.

 

Initiation – Erwachsenwerden in einer unreifen Gesellschaft. Band I: Übergangsrituale“ ISBN: 978-3-86991-404-6 (18,99 €, Epubli Berlin); eBook: ISBN 978-3-753176-25-3 (Epubli Berlin 2021, Preis: 11,99 €)

 

 

Initiation – Erwachsenwerden in einer unreifen Gesellschaft. Band II: Heldenreisen.“ ISBN: 978-3-86991-409-1 (19,99 €, Epubli Berlin); eBook: ISBN: 978-3-752970-59-3 (Epubli Berlin 2020, Preis: 12,99 €)

 

 

„Schule – Quo Vadis? Plädoyer für eine Pädagogik des Herzens“  ISBN: 978-3-95645-659-6 (Epubli Berlin, 2. Auflage 2016, 20,99 €); eBook: ISBN: 978-3-752956-93-1  (Epubli Berlin 2020, Preis: 12,99 €)

Weitere Infos und Buch-Bezug: www.initiation-erwachsenwerden.de

 

Schulen in der Corona-Krise: Warum Empathie von Lehrern gerade heute so wichtig ist – und trotz Digitalisierung wichtig bleibt

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