DÜSSELDORF. Das Thema Inklusion hat in letzter Zeit (wieder mal) für viel Wirbel gesorgt. So sind Kritikern zufolge Inklusion und Integration verantwortlich für die schlechten Leistungen der Viertklässlerinnen und Viertklässler, die die IQB-Studie dokumentiert. Ist die Inklusion an Deutschlands Schulen also gescheitert? In der neuen Folge des Podcasts “Schulschwatz” sprechen News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek und Prof. Ines Oldenburg mit Clemens Hillenbrand, Professor am Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik der Universität Oldenburg, über die Möglichkeiten und Herausforderungen von Inklusion an Deutschlands Schulen.
Obwohl Deutschland sich zu einem “integrativen Schulsystem” verpflichtet hat, sinkt der Anteil der Schülerinnen und Schüler in Förderschulen seit Jahren kaum. Illustration: ShutterstockIst der Begriff Sonderpädagogik überhaupt noch zeitgemäß? Clemens Hillenbrand erläutert, dass es in der Pädagogik immer schon verschiedene Bereiche und Spezialisierungen gegeben hat. Dazu gehören zum Beispiel die Sozial- oder Grundschulpädagogik. Der Begriff Sonderpädagogik sei in der Tat zu überdenken. Es sei aber wichtig, dass es in der Pädagogik einen Bereich gäbe, der Menschen mit Behinderungen in den Blick nimmt. Auf internationaler Ebene spricht man eher von Special Education.
Andrej Priboschek führt an, dass das Institut für Menschenrechte die Fortschritte in der Inklusion an Deutschlands Schulen bemängelt. Es müsse mehr Fortschritte auf diesem Gebiet geben – fordern die Staatsrechtler mit Blick auf die von Deutschland ratifizierte UN-Behindertenrechtskonvention, die ein „integratives Bildungssystem auf allen Ebenen” verlangt.
„Die Inklusion ist ein politischer Auftrag und ist nicht ausschließlich auf die Schule zu reduzieren“, erläutert Clemens Hillenbrand. „Seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention ist Inklusion in Deutschland seit 2009 gesetzlich verankert. Sie betrifft daher die gesamte Gesellschaft in allen sozialen Bereichen. Inklusion ist eine Möglichkeit der Teilhabe.“ Es sei falsch, so Hillenbrand weiter, alle Lösungen für grundsätzliche gesellschaftliche Fragen in der Schule finden zu wollen.
„Der Auftrag von inklusiver Bildung ist es, allen Bedarfen gerecht zu werden. Diesem Ideal kann man aber nur schrittweise näherkommen“
Ines Oldenburg betont, dass die Schulen schon jetzt mit vielen Herausforderungen konfrontiert seien. Dazu gehörten beispielsweise zu große Klassen oder ein Zuwachs an Flüchtlingskindern an den Schulen ohne Deutschkenntnisse. Wie kann da Inklusion gelingen, ohne eine Überlastung für das Bildungssystem zu sein?
„Der Auftrag von inklusiver Bildung ist es, allen Bedarfen gerecht zu werden“, erläutert Clemens Hillenbrand. „Diesem Ideal kann man aber nur schrittweise näherkommen.“ Bis zum Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland war das Leben von Menschen mit Behinderungen ein Randthema. Nun sei es in der Mitte der Gesellschaft angekommen, so Hillenbrand – und das schließe auch den Unterricht mit ein. Dies sei schon mal ein großer Erfolg der Bewegung, betont der Inklusionsexperte.
Es müssen nun bewusst weitere Schritte gegangen werden, um das Ideal der inklusiven Bildung erfüllen zu können. Für die konkrete Umsetzung werden vor allem Know-how und Ressourcen benötigt. Dazu gehören neben einer positiven Einstellung dem Thema gegenüber auch bewährte Formen des gemeinsamen Lernens. Es sei wichtig, dass sich die Lehrkräfte zum Beispiel über die Prävention von Verhaltensauffälligkeiten informieren könnten, damit Störungen im Unterricht professionell begegnet werden könne.
„Das ist die Chance von Schule: Alle sollen voneinander und miteinander lernen“
Ein gutes Classroom Management sei dafür zentral, erläutert Clemens Hillenbrand – ohnehin würden durch einen geordneten Unterrichtsablauf bessere Lernleistungen bei den Schülerinnen und Schülern erzielt. Das reduziere Stress, auch bei den Lehrkräften. Durch effektive Klassenführung und klare Strukturierung des Unterrichts könne zudem erreicht werden, dass leistungsstarke Schülerinnen und Schüler leistungsschwächeren helfen. Dadurch erhöhe sich die soziale Kompetenz der Kinder und Jugendlichen – und eine individuellere Förderung werde möglich. „Das ist die Chance von Schule“, betont Clemens Hillenbrand. „Alle sollen voneinander und miteinander lernen.“
Das gelte auch in den Kollegien. Um Inklusion an Schulen umsetzen zu können, sei eine Kooperation unter den Lehrkräften notwendig. Natürlich sei auch die Bildungspolitik gefragt, um genügend Ressourcen bereitzustellen, betont Clemens Hillenbrand. Die müssten dann allerdings auch in sinnvolle Konzepte fließen. Auch die Curricula seien zu überdenken. Last but not least komme es aber auch auf eine positive Grundhaltung an – unter anderem darauf, auch mal die vielen positiven Beispiele gelingender Inklusion in der Praxis wahrzunehmen. Nina Odenius, Agentur für Bildungsjournalismus
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