LANDSTUHL. Donnerstagnachmittag, Landstuhl in Rheinland-Pfalz: Ein Jugendlicher kommt mit einem Messer auf ein Schulgelände, bedroht damit mehrere Menschen, eine Neunjährige wird leicht verletzt. Freitagmorgen, Delmenhorst in Niedersachsen: Ein 14-Jähriger sticht auf einem Schulgelände auf einen 13-Jährigen ein und verletzt ihn lebensgefährlich. Die aktuellen Meldungen fügen sich ein in eine auffällige Reihe von Gewalttaten junger Menschen, bei denen stets Messer zum Einsatz kommen. Warum gibt es diese Häufung? Eine Schweizer Studie beleuchtete die Zusammenhänge bereits 2022.
Zwei Meldungen, die erschüttern: Bei einer Auseinandersetzung auf einem Schulgelände im niedersächsischen Delmenhorst ist ein 13 Jahre alter Schüler lebensgefährlich verletzt worden. Ein 14-Jähriger habe ihn am Freitagmorgen mit einem Messer angegriffen, wie die Polizei am Freitagmittag mitteilte. Der Täter habe sich bei der Schulleitung gestellt und sei festgenommen worden. Das Opfer wurde in ein Krankenhaus gebracht.
Und: Auf einem Schulhof im pfälzischen Landstuhl hat ein 15-Jähriger am Donnerstagnachmittag nach Polizeiangaben zwei Schüler und eine Lehrerin mit einem Messer bedroht. Eine neun Jahre alte Schülerin sei von dem 15-Jährigen leicht verletzt worden, das Messer sei dabei aber nicht zum Einsatz gekommen, teilte die Polizei mit. Weitere Verletzte habe es nicht gegeben. Anschließend sei der Jugendliche geflohen, kurz darauf aber von der Polizei gefasst worden. Hintergrund der Tat soll bisherigen Erkenntnissen zufolge ein Streit zwischen Schülern gewesen sein, in den der 15-Jährige involviert war.
Zwei solcher Meldungen binnen 24 Stunden sind eine extreme Spitze. Allerdings wurden zuletzt im Wochentakt Fälle öffentlich, bei denen Jugendliche – zumeist männlich – mit Messern auf andere losgingen. Allein in Nordrhein-Westfalen gab es drei Messerangriffe auf Schüler innerhalb von zwei Wochen. Mit dramatischen Folgen:
In Duisburg griff ein 21-Jähriger zwei Grundschüler auf offener Straße mit einem Messer an und verletzte sie schwer. Die beiden Kinder konnten sich in eine Grundschule retten. Dort kam ihnen eine Lehrerin zur Hilfe.
In der vergangenen Woche waren vier Schüler an einem Wuppertaler Gymnasium mit einem Messer attackiert worden. Ein 17-jähriger Oberstufenschüler aus Wuppertal sitzt deswegen wegen des Verdachts des versuchten Mordes in Untersuchungshaft. Die Polizei spricht von einer Amoktat.
Wenige Tagen zuvor waren zwei junge Basketballspieler aus der Ukraine am Oberhausener Hauptbahnhof niedergestochen worden. In diesem Fall gelten vier 14- bis 15-jährige Jugendliche als dringend tatverdächtig und sitzen in Untersuchungshaft.
Auch in anderen Bundesländern hatten sich extreme Gewalttaten durch Schülerinnen und Schüler zuletzt gehäuft – und stets spielten Messer eine Rolle:
- Vor zwei Wochen verletzte ein 15 Jahre alter Jugendlicher im schleswig-holsteinischen Hohenlockstedt einen Mitschüler im Klassenraum mit einem Messer (News4teachers berichtete).
- Anfang Februar sollen zwei junge Männer in einer Pforzheimer Schule zwei 17-Jährige mit Messerstichen schwer verletzt haben.
- Vor sechs Wochen hatte ein 18-Jähriger Schüler in einem Gymnasium im baden-württembergischen St. Leon-Rot eine gleichaltrige Schülerin erstochen (News4teachers berichtete).
- Ende Dezember griff eine 16-Jährige eine Mitschülerin vor den Augen anderer im Klassenraum einer Grund- und Hauptschule in Cuxhaven mit einem Messer an und verletzte sie schwer (News4teachers berichtete ebenfalls).
Die Polizei kann darin einen Trend erkennen. Beispiel Berlin: Seit Jahren kommt es in der Bundeshauptstadt zu immer mehr Messerangriffen. Im Jahr 2022 zählte die Berliner Polizei insgeamt 3.317 Taten, bei denen ein Messer eingesetzt wurde – entweder als Drohung (mehr als 40 Prozent) oder direkt als Stichwaffe, so berichtete die «Berliner Zeitung» unlängst. Dabei wurden 203 Menschen schwer verletzt, 15 starben.
Relativ hoch war in den vergangenen Jahren der Anteil an Messerstraftaten, die von Kindern und Jugendlichen begangen wurden. In den vergangenen Jahren erhöhte sich die Zahl der tatverdächtigen Schülerinnen und Schüler laut Statistik deutlich – von 15,7 Prozent im Jahr 2019 auf 22 Prozent im Jahr 2022.
«Tatsächlich zeigen Daten aus der internationalen und nationalen Forschung, dass vermeintlicher Selbstschutz ein Grund ist, warum Menschen ein Messer mitführen»
Ungefähr jeder fünfte Jugendliche trage in der Freizeit ein Messer mit sich, sagt dazu laut Bericht die Kriminologin Elena Rausch von der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden. «Tatsächlich zeigen Daten aus der internationalen und nationalen Forschung, dass vermeintlicher Selbstschutz ein Grund ist, warum Menschen ein Messer mitführen.» Bei allabendlichen Kontrollen junger Männer der Berliner Polizei in der Innenstadt zeige sich, dass die meisten von ihnen bewaffnet seien. Oft eben mit Messern.
Die Autorinnen und Autoren einer Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) schlugen bereits 2022 Alarm, wie das Medium «20min» berichtete. Die von ihnen durchgeführte Umfrage zeigte, dass es bei allen Jugendlichen – unabhängig vom Migrationshintergrund – immer beliebter geworden sei, ein Messer mit sich zu führen. Dabei sei ein klarer Gendergap zu beobachten: Während jede fünfte männliche Person zwischen zwölf und 18 angegeben hat, ein Messer bei sich zu tragen, ist es in der gleichen Altersklasse nur rund jedes zehnte Mädchen.
«Einerseits ist es sehr einfach, an Messer, insbesondere auch illegale Messer wie Butterfly- oder Springmesser, zu gelangen», erklärte Studienautor Dirk Baier. Andererseits gebe es generell einen Trend zu höherer Gewaltbereitschaft. «Gerade junge Männer unterstreichen zunehmend mit Gewalt und Dominanzgebaren ihre Männlichkeit», sagt Baier. Ein Messer sei ein einfaches Symbol, welches diesem Zweck diene. «Das Mitführen von Messern ist ein jugendkulturelles Phänomen», sagt der Gewaltforscher.
Besonders bei den 14- bis 16-Jährigen seien die Stichwaffen beliebt. Wichtig sei der Symbolwert der Messer: «Wer ein illegales Messer bei sich führt, genießt Anerkennung unter den Gleichaltrigen und gilt als richtiger Mann.» Dies ist laut der Studie auch ein Grund, weshalb Jugendliche häufiger ein Messer mit sich tragen, wenn auch ihre Freunde mit Messer unterwegs sind. «Es entsteht ein Gruppendruck. Wer nicht mitmacht, ist uncool und riskiert den Ausschluss aus der Gruppe», sagt Baier. Ebenso werde der Zugang vereinfacht. «Ein Jugendlicher, der einen Freund hat, der Messer hat, kommt eher an solche Gegenstände heran», sagt Baier.
Jeder dritte Jugendliche habe angegeben, dass ein Messer ein Gefühl von Sicherheit vermittle und dass damit andere Menschen beschützt werden könnten. «Das hat sicherlich damit zu tun, dass das Messertragen ein Gruppenphänomen ist und dass man für seine Freunde im Konfliktfall einstehen möchte», erklärt Baier. Dass immer häufiger ein Messer mitgeführt wird, hat dann auch Folgen: Es kommt öfter zu Eskalationen. «Wenn man im Jugendalter mehr Alkohol oder Drogen konsumiert, ist man wahrscheinlich in Freundesgruppen integriert, in denen abweichendes Verhalten zur Tagesordnung gehört», sagt Baier. Der Griff zum Messer sei dann auch nicht mehr weit.
«Höher gebildete junge Menschen greifen seltener auf Gewalt und Messer zurück und werden auch weniger Opfer»
Für Baier ist das Tragen von Messern «Ausdruck einer antisozialen Persönlichkeit». «Dabei handelt es sich um junge Menschen, die soziale Normen des Zusammenlebens brechen und die zu Impulsivität und Gewalt neigen», sagt Baier. Für diese jungen Menschen seien Messer, insbesondere illegale Messer, interessant. Auch das Bildungsniveau spiele laut Baier eine Rolle: «Höher gebildete junge Menschen greifen seltener auf Gewalt und Messer zurück und werden auch weniger Opfer.»
Auch in Großbritannien ist das Phänomen bekannt. Dort ist sogar schon von einer «Generation Knife Crime» die Rede, der «Generation Messergewalt». Die Gründe für Messerangriffe von Jugendlichen werden im Königreich als vielschichtig beschrieben. Eine zentrale Rolle spielten Gangs, heißt es. Tatsächlich herrschen in vielen Stadtteilen Bandenkriege, Rache und Revanche sind an der Tagesordnung. Gewalt gilt als besonderes Zeichen von Mut und Männlichkeit.
Klar ist, dass vor allem Jugendliche aus ärmeren Gegenden betroffen sind. Die Zukunft junger Menschen sei dort oft ungewiss, betonen die Autorinnen und Autoren einer Studie der Universität Oxford. Dazu komme ein Vertrauensverlust gegenüber staatlichen Institutionen wie der Schule und der Polizei, die – aufgrund von Sparmaßnahmen – den Schutz vor Ort nicht mehr gewährleisten könnten und vielfach ohnehin als Gegner, nicht als Partner wahrgenommen würden (auch von Erwachsenen). «Wenn die Gesellschaft von Misstrauensgefühlen zerrissen wird, sind junge Menschen, die in ihrem Leben bereits Schwierigkeiten erlebt haben oder von Institutionen enttäuscht wurden, besonders gefährdet», so heißt es in der Untersuchung.
Der British Youth Council, der Jugendrat also, bezeichnet Messergewalt in einem Bericht bereits als «Seuche unserer Generation» – und äußert darin scharfe Kritik an der Politik. Die Regierung höre nicht auf junge Menschen und reagiere nicht auf deren Ängste, hieß es. Die bereitgestellten Mittel reichten nicht aus. Notwendig seien mehr Jugendarbeiter, Hilfen für Eltern und Sicherheitsleute an Schulen. News4teachers / mit Material der dpa
Nach Wuppertal: Sorge über Gewalt unter Schülern wächst – mehr Brutalität, bis hin zum Messereinsatz
