DÜSSELDORF. Das Hin und Her beim Digitalpakt 2.0, der ruckelnde Start des Startchancen-Programms – damit haben vor allem die Schulträger zu kämpfen, die für die Ausstattung ihrer Schulen vor Ort verantwortlich sind. Die Digitalisierung des Unterrichts stellt sie vor enorme Herausforderungen. Wie die in der Praxis aussehen, weiß Udo Kempers nur zu gut: Er hat als Leiter einer eigens eingerichteten Stabsstelle die Digitalisierung der Schulen in der Stadt Düsseldorf gemanagt – und berät heute freiberuflich Schulen, Schulträger und Unternehmen. Wir sprachen mit ihm.
News4teachers: Beim Digitalpakt 2.0 ist nach zwei Jahren Stillstand endlich Bewegung in die Verhandlungen zwischen Bund und Ländern gekommen – die Vereinbarung steht (News4teachers berichtete). Gleichwohl muss die neue Bundesregierung, die ja erst im Februar gewählt wird und sich dann erst einmal konstituieren muss, auch noch zustimmen. Was bedeutet das für die Schulträger, also vor allem die Kommunen?
Udo Kempers: Das bedeutet vor allem Unsicherheit bei der Finanzierung. Viele Kommunen haben den ersten Digitalpakt als eine Art Anschubfinanzierung gesehen, der wichtige Impulse gesetzt hat. Er hat dafür gesorgt, dass über Digitalisierung in Schulen gesprochen wurde, was auch dringend nötig war. Dann kam Corona, und plötzlich mussten viele Dinge parallel geregelt werden. Dabei war den Kommunen schon klar: Investitionen in Schulen brauchen eine verlässliche Anschlussfinanzierung – der Digitalpakt 2.0 muss kommen.
News4teachers: Jeder, der mit Computern arbeitet, weiß doch, dass Geräte irgendwann kaputtgehen…
Udo Kempers: Genau. Nach vier oder spätestens acht Jahren braucht man neue Geräte, egal ob Laptops, Tablets oder andere. Den Kommunen ist das bewusst. Anderen weniger. So sind die Schulträger ja primär für die Ausstattung der Schulen zuständig, also für die Schülergeräte, nicht für das Personal. Ich habe jedoch immer gesagt: Eine Schule besteht nicht nur aus Schülerinnen und Schülern, sondern auch aus Lehrkräften. Eigentlich müsste man auch über Lehrergeräte reden. Die wurden im ersten Digitalpakt aber zunächst ausgeklammert.
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News4teachers: Bis es dann eine Sonderförderung dafür gab.
Udo Kempers: Richtig, aber diese Sonderförderung läuft jetzt aus. Und was machen wir nun mit den Geräten, die den Lehrern bereitgestellt wurden – und die jetzt erneuert werden müssten? Dass es hier keine klare Regelung gibt, halte ich für untragbar. Die Kommunen denken bereits über Lösungen nach, weil der Unterricht natürlich weitergehen muss. Eine Idee ist, Lehrergeräte als festen Bestandteil der Infrastruktur anzusehen, beispielsweise als Leihgeräte, die regelmäßig ausgetauscht werden. Aber am besten wäre es, wenn das Land klar sagt: „Wir finanzieren diese Geräte dauerhaft in einem festen Erneuerungsrhythmus.“
News4teachers: Das Land oder der Bund?
Udo Kempers: Ganz klar das Land. Der Bund hat damit nichts zu tun.
News4teachers: Das heißt, für die Kommunen ist das Land der Ansprechpartner?
Udo Kempers: Genau. Und ehrlich gesagt finde ich es merkwürdig, dass es überhaupt einen Bundesfonds braucht, damit die Länder ihre ureigenen Aufgaben erfüllen. Wir haben 16 Bundesländer, die für Bildung zuständig sind, also sollen sie auch Verantwortung dafür übernehmen. Sie sollten für klare Verhältnisse sorgen. Und ich würde mir mehr Transparenz wünschen – nicht nur bei der Finanzierung von Geräten, sondern auch bei ihrer Nutzung. Es fehlt an Vorgaben, etwa dazu, wie Lehrerinnen und Lehrer geschult werden sollen, damit sie die Geräte sinnvoll im Unterricht einsetzen können.
News4teachers: Ein weiteres Problem: Der IT-Support, der durch den ersten Digitalpakt zusätzlich finanziert wurde, läuft ebenfalls aus. Was bedeutet das für die Praxis?
Udo Kempers: Das bedeutet, dass die Kommunen diesen Support so nicht mehr leisten können. Viele Aufgaben wurden ihnen übertragen, aber ohne das nötige Personal oder die Mittel dafür bereitzustellen. Einige Kommunen haben externe Dienstleister beauftragt, aber die kosten natürlich Geld. Am Ende bleibt viel bei den Lehrern hängen, die IT-Probleme zusätzlich zum Unterricht bewältigen müssen. Das ist keine Dauerlösung. Lehrer sollen unterrichten, keine IT-Geräte warten.
News4teachers: Aber der Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte ist ohnehin leergefegt. Selbst wenn die Kommunen Geld hätten, wäre es schwierig, Teams aufzubauen, oder?
“Auch das Startchancen-Programm ist wieder ein Programm, das bei den Schulträgern einen immensen Aufwand nach sich zieht”
Udo Kempers: Das stimmt. Es ist definitiv schwierig, aber nicht unmöglich. Man könnte beispielsweise Menschen ohne Hochschulabschluss für einfache IT-Aufgaben qualifizieren, etwa für den First-Level-Support. Das wäre für viele Schulen schon eine große Entlastung. Solche Ansätze gibt es, aber sie sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
News4teachers: Kommen wir zum Startchancenprogramm. Das ist ein Mischprogramm, bei dem auch digitale Ausstattung finanziert werden kann, richtig?
Udo Kempers: Ja, das stimmt. Und man muss klar sagen, auch das ist wieder ein Programm, das bei den Schulträgern einen immensen Aufwand nach sich zieht. Jedes Bundesland hat seine eigene Lösung, was die Sache kompliziert macht. In NRW etwa ist der Aufwand für die Schulträger immens, vor allem bei baulichen Maßnahmen. Geräte sind schnell gekauft, aber zum Beispiel eine Steckdose zu legen, das dauert. Und auch hier fehlt es an Fachkräften wie Elektrikern oder Netzwerkspezialisten. Der Markt ist einfach überlastet.
Dazu kommt: Es gibt in Deutschland geschätzt über 8.000 Schulträger. Die sind aber wenig miteinander vernetzt. Warum setzt man sich nicht zusammen und sagt, lasst uns doch was gemeinschaftlich machen? 8.000 unterschiedliche Lösungen wären ja nicht sinnvoll. Schulträger arbeiten schon mal zusammen, meist aber nur bei den Beschaffungen. Da gibt es Einkaufsverbünde, damit billiger eingekauft werden kann. Mehr aber auch nicht. Ich würde mir wünschen, dass es bessere Rahmenregelungen vom Land gäbe, damit eine Kommune nicht selbst überlegen muss, wie schreibe ich dies oder das aus. Diese Verfahren in vielen Kommunen eine große Hürde, weil sie nicht über das Personal verfügen, um diese Detailtiefe beim Know-how, das für Ausschreibungen notwendig ist, parat zu halten.
News4teachers: Die Schulen bekommen doch Budgets zur eigenen Bewirtschaftung. Aber sie müssen diese mit den Schulträgern und der Schulaufsicht abstimmen. Wie funktioniert das in der Praxis?
Udo Kempers: Der Schulträger ist bei den drei Säulen des Programms vor allem für die erste verantwortlich – also für bauliche Maßnahmen und die Ausstattung. In der Praxis gibt es schon dabei oft Probleme. Eine Schule möchte zum Beispiel etwas Bestimmtes anschaffen, das aber nicht im Standardportfolio des Schulträgers enthalten ist. Da fehlen oft Rahmenverträge, die schnelle und flexible Lösungen ermöglichen.
News4teachers: Und bei den anderen beiden Säulen?
Udo Kempers: Säule drei betrifft Personal, zum Beispiel Sozialarbeiter oder Therapeuten. Auch hier fehlt es an klaren Konzepten. Man könnte überlegen, dass sich mehrere Schulen solche Fachkräfte teilen. Das wäre eine kreative Lösung, um zumindest punktuell Unterstützung zu schaffen. Aber auch das muss vom Land unterstützt werden, denn die Mittel und Vorgaben kommen letztlich von dort.
News4teachers: Und die zweite Säule des Startchancenprogramms – wie ist diese organisiert?
Udo Kempers: Die zweite Säule ist etwas komplexer. In Nordrhein-Westfalen ist sie in drei Drittel unterteilt. Ein Drittel davon ist das sogenannte freie Budget, das den Schulen zur Verfügung gestellt wird. Die Schulen können darüber frei verfügen – wobei „frei“ relativ zu sehen ist. Die anderen zwei Drittel obliegen der Verantwortung des Landes. Schulen können zwar beantragen, dass bestimmte Maßnahmen über diese Budgets gefördert werden, doch das Land hat dabei klare Vorstellungen. Es möchte Veränderungsprozesse in den Schulen anstoßen und legt daher fest, welche Maßnahmen durchgeführt werden können.
Dieses freie Drittel, also das Budget, das der Schule zur Verfügung steht, wird an die Schulträger übermittelt. Es ist pro Kopf berechnet, alle Zahlen liegen vor. Aber auch dieses freie Budget ist an einen Auftrag gebunden. Und dieser Auftrag kann nicht von der Schule selbst erteilt werden. Entweder muss ein Rahmenvertrag des Landes genutzt werden oder der Schulträger muss selbst einen Vertrag schließen.
News4teachers: Also, wenn die Schule zum Beispiel sagt, sie möchte mit einem bestimmten Anbieter zusammenarbeiten, dann…?
Udo Kempers: Genau, dann muss der Schulträger diesen Anbieter beauftragen und die Rechnungslegung übernehmen.
News4teachers: Schulen können das also nicht selbst, weil sie keine eigenständige Körperschaft sind?
Udo Kempers: Richtig, Schulen sind rechtlich in der Regel keine Körperschaften.
News4teachers: Und oft haben sie ja nicht einmal ein eigenes Konto.
Udo Kempers: Ja, wobei man da differenzieren muss. Es gibt Situationen, in denen Schulleitungen trotzdem Verträge abschließen, und Schulträger akzeptieren das, obwohl es rechtlich gesehen eine private Vereinbarung zwischen der Schulleitung und der Firma ist. Viele Softwareunternehmen akzeptieren beispielsweise die Unterschrift der Schulleitung als ausreichend, auch wenn es formell nicht korrekt ist. Man tut eben so, als wäre das eine offizielle Schulmaßnahme. Aber am Ende steht immer die Zielvereinbarung zwischen Schulträger, Schulaufsicht und Schule.
News4teachers: Und wie sieht es mit der Umsetzung dieser Vereinbarungen beim Startchancen-Programm aus?
Udo Kempers: Das ist aktuell noch unklar. Müssen Anträge beim Schulträger gestellt werden? Kann der Schulträger frei entscheiden, oder liegt die Verantwortung doch bei der Schule? Bis Februar wird es wahrscheinlich noch dauern, bis wir hier in NRW Klarheit haben.
News4teachers: Das klingt nach einer enormen Herausforderung.
Udo Kempers: Absolut. Alle Beteiligten, inklusive des Landes, arbeiten mit Hochdruck daran, obwohl es keine zusätzlichen Kapazitäten gibt. Ich bin zuversichtlich, dass eine praxisnahe Lösung gefunden wird, die sowohl Schulen als auch Schulträger unterstützt.
News4teachers: Wie kommt ein Schulträger eigentlich an innovative Ideen, wenn es keinen Marktplatz für Bildungsprodukte gibt?
Udo Kempers: Eine sehr gute Frage. Schulträger müssen sich aktiv auf dem Markt umsehen und mit anderen Schulträgern vernetzen. Gute Ansätze gibt es bereits, zum Beispiel im Rahmen des Digitalpakts. Aber ein klassischer Schulträger kann innovative Unterrichtsideen oft nicht bewerten, weil er kein Pädagoge oder Didaktiker ist. Hier müssen die Grenzen zwischen Schule und Schulträger stärker fallen.
News4teachers: Was bedeutet das konkret?
Udo Kempers: Es bedeutet, dass Schulträger und Schulen eng zusammenarbeiten müssen. Der Schulträger kann nicht einfach etwas liefern und hoffen, dass es passt. Beide Seiten müssen sich abstimmen.
News4teachers: Was ist mit den finanziellen Unterschieden zwischen wohlhabenden und ärmeren Kommunen?
Udo Kempers: Das ist natürlich ein Problem. Aber ich glaube, man kann Lösungen finden – auch mit knappen Mitteln. Die Stadt Gelsenkirchen zum Beispiel hat entschieden, jedem Kind ein eigenes digitales Endgerät zur Verfügung zu stellen – unabhängig von Förderprogrammen. Solche Entscheidungen setzen aber ein starkes Commitment zwischen Schulen und Schulträger und beim Schulträger ganz besonders den politischen Willen voraus. Andrej Priboschek, Agentur für Bildungsjournalismus, führte das Interview.
