
Im September 2024 erschien eine Stellungnahme der Nationalen Akademie der Wissenschaften (Leopoldina) mit dem Titel: „Förderung der Selbstregulationskompetenzen von Kindern und Jugendlichen in Kindertageseinrichtungen und Schulen.“ Die Forscher sprechen von einer „Youth mental health crisis“ und konstatieren einen dringenden Handlungsbedarf. Sie fordern Selbstregulationskompetenzen von Kindern als neue Leitperspektive im Bildungssystem zu verankern.
Gleichzeitig ließen die neuesten Ergebnisse des Deutschen Schulbarometers aufhorchen. Erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie nimmt die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen wieder zu. Jedes vierte Kind ist betroffen. Ein Drittel erlebt regelmäßig Mobbing. Gleichzeitig zeigt die Studie auch: Gute Unterstützung durch Lehrkräfte und ein positives Klassenklima machen einen messbaren Unterschied für die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden.
Genau dies sind die Ziele des evaluierten Mehr-Ebenen-Programms Konflikt-KULTUR:
- Gute Unterstützung durch Lehrkräfte und Förderung der Selbstregulationskompetenzen im Rahmen von Positiver Autorität und wertschätzender Klassenführung und
- Prosoziales Klassenklima im Rahmen von Sozialtrainings, Mobbingprävention/-intervention und empathischer Zuwendung.
- Positive Autorität, Resilienz und Classroom Management
Klassenführung als Basis für Lernerfolg und gutes Klassenklima
Die Arbeit mit Gruppen und Schulklassen ist eine große Herausforderung, die viel persönliche Stärke erfordert. Es geht darum, Stärke zu zeigen, ohne in autoritäres Verhalten abzugleiten. Stärke statt Macht ist das Ziel. Wichtige Stichwörter sind: Transparenz, Präsenz, klare Ziele, Vorbild, Motivation und Schutz (der Schutzbefohlenen).
Fortbildungsinhalte sind u. a.: Wertevermittlung. Training der Metakompetenzen Bedürfnisaufschub, Frustrationstoleranz und Selbstregulation. Motivationspädagogik und ihre neurobiologischen Grundlagen. Sanktionsforschung und ihre pädagogische Umsetzung. Stress und Burnout vermeiden. Deeskalation bei herausforderndem und oppositionellem Verhalten. Ziel ist eine professionelle Beziehungsgestaltung als Grundlage für psychosoziale Gesundheit und Lernerfolg. Eine gute Klassenführung fördert die Lernmotivation und führt zu einem verbesserten Arbeits-, Lern- und Klassenklima.
- Demokratie lernen und leben – Sozialtraining und Mobbingprävention
In jeder Schulklasse gibt es Streit und Konflikte. Diese finden überwiegend hinter dem Rücken der Erwachsenen statt. Unbearbeitet sorgen sie für gesundheitsschädlichen Stress bei Kindern und Jugendlichen. Auch das Lernklima leidet. Hier bietet sich das Sozialtraining an. Im Sozialtraining geht es um Selbstregulation, Wertevermittlung, Mobbingprävention und Demokratiepädagogik. Kinder und Jugendliche lernen ganz praktisch und anhand ihrer alltäglichen Konflikte die Werte und Normen unserer Demokratie kennen. Gleichzeitig werden diese Konflikte dazu genutzt, soziales Lernen anzuregen, das Klassenklima zu verbessern sowie emotionale Intelligenz zu entwickeln. Ein gutes Klassenklima ist ein wichtiger Baustein psychosozialer Gesundheit. Die positiven Beziehungserfahrungen fördern zudem die Lernmotivation und führen zu einem verbesserten Arbeits- und Lernklima. Es findet eine Methodendemonstration mit einer Schulklasse statt.
- Das System der Schikane auflösen – Die systemische Mobbingintervention
Laut Deutschem Schulbarometer erlebt ein Drittel der Kinder und Jugendlichen regelmäßig Mobbing. Diese Entwürdigungen und Ausgrenzungen zählen zu den schlimmsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann. Die Folgen für die Betroffenen sind gravierend: Gewaltfantasien, Rückzug, Depressionen, Suizidgedanken und psychosomatische Beschwerden zeigen die enorme Belastung der „Opfer“. Mobbing ist ein traumatisierendes Erlebnis und macht krank. Verschärft wird die Situation dadurch, dass viele gut gemeinte Interventionen von Erwachsenen keine dauerhafte Lösung bewirken – oder die Angriffe sogar noch intensivieren. Die Fortbildung beschreibt Definitionsmerkmale und den phasendynamischen Verlauf von Mobbingprozessen. Darüber hinaus werden typische Interventionsfehler und mit Hilfe einer Videodemonstration die systemische Mobbingintervention in der Gruppe oder Schulklasse sowie die Nachsorge thematisiert.
- Verstehende Zuwendung – Menschen aus der Seele sprechen
Kinder und Jugendliche brauchen nicht nur Führung, Halt und Schutz – sie brauchen auch einfühlsame, verstehende Zuwendung (Responsivität). Sie möchten in ihrer Individualität gesehen werden. Sie brauchen Menschen, die sich für ihre Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse interessieren und ihnen ungeteilte Aufmerksamkeit schenken. Menschen, die ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Konflikte haben und ihnen „aus der Seele sprechen“. So entsteht das Gefühl bedingungslos angenommen und verstanden zu werden. Vertrauen und Offenheit wachsen. Mit der Zeit entsteht eine tragfähige Beziehung und Bindung. Bindung ist nicht nur ein zentraler Resilienzfaktor, sondern auch eine der wichtigsten Quellen für Lern- und Arbeitsmotivation. Damit ist sie essenziell für die psychosoziale Gesundheit.
In der Fortbildung werden verschiedene Ebenen des Verstehens erarbeitet. Auf der tiefsten Ebene geht es um die grundlegenden menschlichen Antriebe: Wofür leben und kämpfen wir? Was motiviert uns? Die Teilnehmenden erfahren, dass hinter jedem Verhalten zentrale Bedürfnisse stehen – nach Sicherheit, Beziehung, Autonomie, Stimulation und Anerkennung – und welche inneren und zwischenmenschlichen Konflikte sich aus deren Unterschiedlichkeit ergeben können. Thema wird auch sein, wie diese Grundbedürfnisse mit Kindern und Jugendlichen erarbeitet werden können. Anschließend werden die Kommunikationstechniken „Vertiefungsfragen“ sowie „Kontaktaussagen“ bzw. „Resonanzangebote“ vorgestellt und praktisch eingeübt. Mit diesen Techniken lässt sich eine Verbindung zum inneren Erleben des Gegenübers aufbauen.
- Mediation im Kontext Schule – Konflikte gemeinsam lösen
Konflikte gewaltfrei und konstruktiv zu klären ist schwer und muss (fürs Leben) gelernt werden. Die Mediation ist gut dafür geeignet. Mit ihrer Hilfe lernen die Beteiligten,
- über (verletzte) Gefühle und Bedürfnisse zu sprechen,
- sich in andere hineinzuversetzen (emotionale Empathie),
- andere Sichtweisen zu respektieren,
- die Hintergründe und Ursachen eines Konflikts besser zu verstehen,
- konstruktiv mit Wut und Ärger umzugehen,
- Impulse besser zu kontrollieren,
- Wünsche zu äußern, Friedensangebote zu machen und fair zu verhandeln,
- Kompromisse zu finden und Abmachungen einzuhalten.
Die Fortbildung thematisiert auch Mediation mit ganzen Schulklassen oder Gruppe und die Mediation mit Erwachsenen und Heranwachsenden.
- Das Leid des anderen fühlen – Der Weg zum Mitgefühl
Compassiontraining und Tat-Ausgleich
Aus der Sanktionsforschung ist bekannt, dass Strafen in der Regel nicht zu einer nachhaltigen Verhaltensänderung, sondern allenfalls zu einer vorübergehenden Verhaltensanpassung führen. Solange sich jemand beobachtet fühlt und die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass auf jedes dissoziale Verhalten empfindliche Sanktionen folgen, verhalten sich die Betroffenen regelkonform. Die extrinsische Motivation, Strafen zu vermeiden, beeinflusst jedoch weder die innere Einstellung noch die grundsätzliche Bereitschaft, Werte und Normen zu verletzen.
Die intrinsische Motivation, andere nicht zu verletzen und sich prosozial zu verhalten, entsteht nicht aus Angst vor Bestrafung, sondern aus Mitgefühl. Mitgefühl entwickelt sich, wenn jemand so intensiv mit den Folgen seines Verhaltens konfrontiert wird, dass emotionales Verstehen (emotionale Empathie), Betroffenheit und Erschütterung stattfinden. Mitgefühl wirkt gewalthemmend und kann zu einer dauerhaften, intrinsisch motivierten Verhaltensänderung führen – unabhängig von äußerer Kontrolle und Sanktionsandrohungen.
Da nur die Geschädigten glaubwürdig über die Folgen des Verhaltens und das erlittene Leid Auskunft geben und beim Gegenüber echte Anteilnahme auslösen können, müssen sie in den Konfrontationsprozess einbezogen werden. Gleichzeitig lernen sie im geschützten Rahmen eines Tat-Ausgleichs, ihre Angst vor den Aggressoren zu überwinden und ihre innere wie äußere Lähmung zu lösen. Sie fühlen sich dem Erlittenen nicht länger ohnmächtig ausgeliefert, erhalten Zeugenschaft für das erlittene Leid und erfahren aber auch die Aggressoren in einem neuen Licht.
Fortbildungsformat:
Schulinterne Fortbildungen reichen von pädagogischen (Schnupper-)Tagen bis hin zu 12-tägigen Fortbildungen (aufgeteilt in einzelne Blöcke). Die Fortbildungen sind modular aufgebaut und ergänzen sich. So entstehen Synergieeffekte. Wir bieten die Module auch Fortbildungsinstituten an.
Institutsleitung:
Thomas Grüner, Dipl.-Psychologe, HAKOMI-Therapeut und Ausbilder für Mediation und Tat-Ausgleich. Gründer und Leiter des Instituts für Konflikt-KULTUR. Seit 1997 ist Thomas Grüner in der Organisations- und Schulentwicklung tätig und bildet bundesweit sowie in Österreich und in der Schweiz, Fachkräfte in den Methoden von Konflikt-KULTUR aus.
Informieren Sie sich hier:
www.konflikt-kultur-freiburg.de
Kontaktieren Sie uns:
Publikationen (Auswahl)
Konflikt-KULTUR, klicksafe (Hrsg.) (2017). Was tun bei (Cyber)Mobbing? Systemische Intervention und Prävention in der Schule. Ludwigshafen: klicksafe. Was tun bei (Cyber)Mobbing?
Grüner, T., Hilt, F. & Tilp, C. (2015). „Bei STOPP ist Schluss!“ Werte und Regeln vermitteln. Hamburg: AOL.
Grüner, T., Hilt, F. & Tilp, C. (2015). Streitschlichtung mit Schülermediatoren. Auswahl – Ausbildung – Begleitung. Hamburg: AOL.
Grüner, T. (2010). Die kleine Elternschule. Was Kinder stark und glücklich macht. Freiburg: Herder.
Fachartikel (Auswahl)
Grüner, T. (2015). Mediation von Schülerkonflikten – Chancen und Herausforderungen. In K. Seifried, S. Drewes & M. Hasselhorn (Hrsg.), Handbuch Schulpsychologie. (S. 382-393). Stuttgart: Kohlhammer.
Grüner, T. & Hilt, F. (2011). Systemische Mobbingprävention und Mobbingintervention. In A. Huber (Hrsg.), Anti-Mobbing-Strategien für die Schule. (S. 89-106). Köln: Wolters Kluwer.
Grüner, T. (2010). Olweus in der Praxis. Erfolgsbedingungen von Mehr-Ebenen-Programmen zur Gewaltprävention. In B. Bannenberg & Programm Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes (Hrsg.), Herausforderung Gewalt. (S. 59-91). Stuttgart.
Grüner, T. (2008). Der Täter-Opfer-Ausgleich. In A. Schröder, H. Rademacher & A. Merkle (Hrsg.), Handbuch Konflikt- und Gewaltpädagogik. (S. 121-133). Schwalbach: Wochenschau
Dies ist ein Advertorial des Instituts für Konfliktkultur.
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Der Vorgang „Empathie lernen durch vom Opfer ausgelöste Betroffenheit“ birgt große Risiken für die gemobbte Person. Ich erlebe in meiner Arbeit mit Familien, in denen einem Elternteil die Empathie für das Kind fehlt, wie gravierend die Folgen für das betroffene Kind sind. Es gibt Menschen, die sich tatsächlich nicht in die Gefühle anderer einfühlen können und die auf Kränkungen ihnen selbst gegenüber stark narzisstisch reagieren. Da sie das Opfer als Täter sehen, arbeiten sie nicht an sich selbst, finden es aber sehr gut, wenn das Opfer Hilfe bekommt… in schweren Fällen in Kliniken und medikamentös. Schließlich sieht man das Opfer weinen, zusammenbrechen und leiden, während der Täter, die Täterin sich selbst in der Situation völlig fehleinschätzt.
Die Kinder und Jugendlichen wissen, dass jede Form der Mitteilung, was die verletzenden Worte und Taten bei ihnen ausgelöst haben, schlicht nicht verstanden und umgehend gekontert wird, dass „es nicht so gemeint war“, „nicht schon wieder ein Elefant aus einer Mücke“ gemacht werden soll und dass das Kind letztendlich selbst schuld sei, wenn das Elternteil so reagiert.
So wird jede Verletzung doppelt so schlimm, vor allem, wenn danach durch das Elternteil noch getriggert wird in der Form „na siehst du, es geht doch auch ohne deine Heulanfälle“ oder indem es tagelang Streit gibt, weil das Kind innerhalb der Familie einen Ansprechpartner gefunden hat, der seinerseits das narzisstische Elternteil anspricht, woraufhin die Situation lange Zeit dem Kind gegenüber immer wieder in unbeobachteten Momenten eskaliert.
Das sind leibliche Eltern, die ihre Kinder lieben und ihnen nichts Böses wollen und die dennoch so wenig Mitgefühl haben. Es sind keine Mitschüler oder Mitschülerinnen, die noch nicht einmal eine Motivation haben müssen, um mitfühlender zu handeln.
Wir arbeiten mit dem Elternteil, ohne das Kind oder den Jugendlichen zu verpetzen. Mit dem Wissen, das wir haben, lassen wir uns von dem Elternteil die Mobbingsituation selbst erzählen und fragen dann nach, wer wann was gesagt und getan hat. Dann erst können wir mit dem problematischen Verhalten arbeiten, ohne das Kind in weitere unhaltbare Situationen zu bringen. Am besten sind erwachsene oder außenstehende Zeugen, zum Beispiel das andere Elternteil, von dem wir die Situation als Augenzeuge erfahren haben dürfen.
Es gibt bestimmt Kinder und Jugendliche, die mobben und die mitfühlend sind, wenn sie konfrontiert werden.
Es gibt aber auch Persönlichkeiten und Persönlichkeitsstörungen, die keinerlei Zugang zu dieser Art Empathie haben. Den Opfern in einer Klasse zuzumuten, ihre Betroffenheit und womöglich die Symptome wie Schulangst, Erbrechen und Durchfall morgens vor dem Unterricht und tiefe Verunsicherung vor der Klasse oder zumindest vor den Mobbern auszusprechen, ohne zu wissen, ob ihnen das noch jahrelang nachgehen wird, weil eben keine Empathie vorhanden ist, und sich der Retraumatisierung auszusetzen, halte ich für bedenklich. Zumindest sollte niemand sich für den sozialen Zweck dazu genötigt fühlen wie „du kannst uns jetzt allen helfen, wenn du die Mobbingfolgen benennst. Vielleicht kannst du dadurch verhindern, dass andere Menschen dasselbe durchmachen müssen“.
Das Kind, der Jugendliche trägt das Risiko alleine, noch zehn Jahre später das Weichei gewesen zu sein, das sich wegen dem Mobber „eingeschissen“ hat. Mir gefällt die Idee nicht, dass so schwerwiegende Ereignisse in der im Artikel geschilderten Form vermutlich in Klassenlehrerstunden durch Lehrkräfte geklärt werden sollen, die zuvor einen Kurs gemacht haben. Ganz sicher fühlt sich nicht jede Lehrkraft zur Lösung von so intensiven Problemen wie Mobbing in der Lage und durch eine eher „sportliche“ Herangehensweise wird mehr zerstört als gerichtet.
Wie im Artikel erwähnt wirkt Mobbing traumatisierend und sollte nur in auch für das Opfer geringfügigen Fällen in Klassenzimmern geklärt werden. Ist der Schaden schon größer, muss die Sozialarbeit dazukommen, falls es eine gibt, und das Opfer muss seinen Selbstschutz achten können. Ein Trauma ist eine sehr schwerwiegende psychische Verletzung, die in therapeutische Behandlung gehört und die nicht dazu benutzt werden darf, um Täter zu „heilen“, ohne das Opfer zu schützen.
Das Klassenzimmer ist keine therapeutische Großgruppe im geschützten Setting einer entsprechenden Klinik mit erfahrenen Psychologen im Raum und mit der Gelegenheit der Nachsorge in Kleingruppen und Einzelsitzungen nach dem Großgruppenereignis.
Danke, TaMu für diese Einsichten, die leider allzu oft vergessen werden!