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Mit Idealismus an die Schule – und frustriert wieder hinaus! Woran der Seiteneinstieg in den Lehrerberuf häufig scheitert

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HAMBURG. Deutschlands Schulen öffnen sich immer stärker für Menschen ohne klassisches Lehramtsstudium. Der Lehrermangel zwingt die Länder dazu, neue Wege zu gehen – inzwischen unterrichtet an allgemeinbildenden Schulen bereits mehr als jede zehnte Lehrkraft ohne anerkannte Lehramtsprüfung. Gleichzeitig berichten viele Quer- und Seiteneinsteiger von chaotischen Strukturen, fehlender Vorbereitung und dem Gefühl, im Kollegium nicht wirklich dazuzugehören. Der Stifterverband warnt vor einer „De-Professionalisierung“ des Systems, wenn Berufswechsler ohne ausreichende Qualifizierung in die Klassen geschickt werden.

Praxisschock. (Symbolbild.) Illustration: News4teachers

Als Magret Kindermann im Oktober 2020 ihre ersten Stunden als Lehrerin hielt, hatte sie genau zwei Tage hospitiert. Danach stand sie allein vor den Klassen. Die frühere Journalistin unterrichtete an einer Regelschule in Thüringen Deutsch und Ethik, zeitweise auch Englisch, Erdkunde – und sogar Mathematik. „Einmal musste ich sogar Mathematik machen – das war für mich wirklich schlimm“, berichtet sie im Gespräch mit der Zeit.

Kindermann gehört zu jener Gruppe von Berufswechslern, auf die das deutsche Schulsystem immer stärker angewiesen ist. Doch ihre Erfahrungen zeigen zugleich, wie improvisiert der Einstieg vielerorts organisiert wird. Stundenpläne hätten sich ständig geändert, Unterstützung habe oft gefehlt, erzählt sie. Besonders belastend sei die Atmosphäre an der Schule gewesen. „Hinzu kam, dass viele Lehrer die jugendlichen Schüler angeschrien haben, was mir das Gefühl gab, dass alle gereizt und überfordert waren.“

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Die Zeit hat unter der Überschrift „Wir sind jetzt leider Queraussteiger“ drei ehemalige Quer- und Seiteneinsteiger porträtiert, die den Schuldienst wieder verlassen haben. Ihre Berichte ähneln sich auffällig: fehlende Vorbereitung, mangelnde Begleitung, hohe Belastung und das Gefühl, im System Schule nur geduldet zu sein. Die individuellen Erfahrungen verweisen damit auf ein strukturelles Problem, das mit dem wachsenden Lehrkräftemangel an Bedeutung gewinnt.

Denn die Zahl der Quer- und Seiteneinsteiger steigt seit Jahren deutlich an. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts erhöhte sich ihr Anteil an allgemeinbildenden Schulen von 9,8 Prozent im Schuljahr 2022/2023 auf 10,5 Prozent im Schuljahr 2023/2024. Rund 77.600 der insgesamt 739.500 Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen verfügten zuletzt über keine anerkannte Lehramtsprüfung. Zehn Jahre zuvor lag ihr Anteil erst bei 4,5 Prozent. An beruflichen Schulen unterrichteten zuletzt rund 20.550 Lehrkräfte ohne reguläre Lehramtsprüfung, ihr Anteil stieg binnen eines Jahres leicht von 16,4 auf 16,6 Prozent.

Gleichzeitig bleibt der Nachwuchs aus den Lehramtsstudiengängen begrenzt: Zwar schlossen 2023 rund 29.000 Studierende ein Lehramtsstudium mit Master oder Staatsexamen ab, im Zehnjahresvergleich entspricht das aber einem Rückgang um 12,6 Prozent.

Der Stifterverband beschreibt diese Entwicklung in einem aktuellen Policy Paper als grundlegenden Wandel des Systems. „Im Bundesdurchschnitt ist aktuell mehr als jede zehnte unbefristet neueingestellte Lehrkraft über einen Seiteneinstieg in den Beruf gekommen“, heißt es dort. Ohne „berufsadäquate Qualifizierungen und Begleitung“ sei eine „De-Professionalisierung“ des Lehrerberufs zu befürchten.

Die Empfehlungen des Stifterverbands lesen sich dabei stellenweise wie direkte Antworten auf die Erfahrungen der Betroffenen aus dem Zeit-Artikel. So fordert die Allianz für Lehrkräfte im Stifterverband verpflichtende Vorbereitungskurse vor dem ersten eigenverantwortlichen Unterricht, mindestens drei Monate Qualifizierung, Mentoringprogramme an Schulen und verbindliche Entlastungen während der berufsbegleitenden Ausbildung. Derzeit würden viele Berufswechsler „bereits am ersten Arbeitstag in der Schule vor einer Klasse“ stehen.

„Alle waren abgekämpft, müde und hatten keinerlei Kapazitäten, jemanden zusätzlich zu unterstützen“

Genau das beschreibt auch Linda M. aus Nordrhein-Westfalen. Die Volkswirtin und frühere Softwareentwicklerin begann 2023 über einen berufsbegleitenden Vorbereitungsdienst für Quereinsteiger an einer Gesamtschule in Dortmund. Für die Einarbeitung seien „nur zwei Tage Zeit“ gewesen. Danach sollte sie mit 19 Wochenstunden Mathematik und Physik unterrichten. „Man steht sofort allein vor der Klasse“, sagt sie. Viele Kolleginnen und Kollegen hätten selbst kaum noch Kraft gehabt: „Alle waren abgekämpft, müde und hatten keinerlei Kapazitäten, jemanden zusätzlich zu unterstützen.“

Der Stifterverband kritisiert ausdrücklich diese Form des unmittelbaren Unterrichtseinsatzes. Berufswechsler benötigten eine „praxisgeleitete Vorbereitung“, heißt es im Papier. Vorgeschlagen werden Hospitationen, begleitete Reflexionen und ein schrittweiser Aufbau eigener Unterrichtskonzepte. Zudem fordert die Allianz für Lehrkräfte spezielle Mentoringstrukturen. Schulen müssten den Seiteneinstieg als Teil ihrer Personalentwicklung verstehen und systematisch begleiten.

In der Praxis scheint davon vielerorts wenig angekommen zu sein. Linda M. berichtet von Klassen mit Gewaltproblemen, auf die sie kaum vorbereitet gewesen sei. „Als Lehrperson hätte man dafür eigentlich sozialpädagogische Kompetenzen gebraucht“, sagt sie. Fachliche Inhalte zu vermitteln, sei unter diesen Bedingungen oft kaum möglich gewesen.

„Als Quereinsteigerin war man für mich spürbar das schwarze Schaf“

Auch Jenny H. aus Chemnitz beschreibt den Schulalltag als permanenten Improvisationsmodus. Die Sozialpädagogin unterrichtete insgesamt dreieinhalb Jahre an öffentlichen und privaten Schulen. An einer ihrer ersten Schulen habe sie gefragt, was sie unterrichten solle. Die Antwort lautete laut Zeit-Dokumentation: „Schauen Sie einfach ins Klassenbuch, was noch fehlt.“

Besonders belastend sei das Gefühl gewesen, trotz umfangreicher Berufs- und Studienerfahrung als Lehrkraft zweiter Klasse behandelt zu werden. „Als Quereinsteigerin war man für mich spürbar das schwarze Schaf“, sagt sie. Viele klassische Lehrkräfte sähen Sozialpädagogen „nicht als vollwertige Lehrer an“.

Der Stifterverband greift auch diesen Punkt indirekt auf. Berufswechsler brächten häufig wertvolle Erfahrungen aus anderen Berufsfeldern mit, heißt es im Policy Paper – etwa Projektmanagement, technisches Wissen oder sozialpädagogische Kompetenzen. Schulen sollten diese Erfahrungen gezielt nutzen, beispielsweise für Berufsorientierung, Ganztagsangebote oder Schulentwicklung.

Tatsächlich beschreiben alle drei Porträtierten Situationen, in denen gerade ihre beruflichen Vorerfahrungen hilfreich gewesen seien. Magret Kindermann berichtet, viele Schülerinnen und Schüler hätten es geschätzt, dass sie „keine typische Lehrerin“ gewesen sei. Jenny H. verweist auf ihren sozialpädagogischen Blick auf Gruppendynamiken und schwierige Lebenslagen von Jugendlichen. Gleichzeitig zeigen ihre Schilderungen aber auch, wie stark das traditionelle Selbstverständnis vieler Kollegien weiterhin vom klassischen Lehramtsweg geprägt ist.

Der Konflikt reicht damit über organisatorische Fragen hinaus. Er berührt das professionelle Selbstverständnis von Schule. Der Seiteneinstieg sollte nicht nur als Notlösung verstanden werden, argumentiert der Stifterverband. Berufswechsel seien in anderen Bereichen längst normal, neue Perspektiven könnten Schulen bereichern. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass Quereinsteiger nicht bloß als schnelle Lückenfüller eingesetzt würden.

Davon scheint das System vielerorts noch entfernt zu sein. Die Länder haben sehr unterschiedliche Modelle entwickelt. Manche bieten mehrmonatige Vorbereitungskurse an, andere nur wenige Tage Einführung. In einigen Bundesländern existieren Mentorenprogramme, andernorts fehlt eine systematische Begleitung weitgehend. Einheitliche Qualitätsstandards gibt es bislang nicht.

Gerade diese Unterschiede entscheiden aber offenbar darüber, ob der Einstieg gelingt. Magret Kindermann erzählt, sie habe zeitweise zusätzlich an einer zweiten Schule gearbeitet. Dort sei „der Ton ganz anders“ gewesen. Kolleginnen und Kollegen hätten sie aktiv unterstützt. „Da habe ich gemerkt, wie viel vom Umfeld abhängt.“

Nach einem Jahr verließ sie den Schuldienst wieder. Heute arbeitet sie als Schriftstellerin und macht zusätzlich eine Ausbildung zur Erzieherin. Trotzdem glaubt sie weiterhin, dass Quereinsteiger eine wichtige Rolle spielen können. „Denn am Ende sind Quereinsteiger nicht da, um andere Lehrkräfte zu ärgern – sondern um zu helfen.“ News4teachers

Hier geht es zum Policy Paper des Stifterverbands. 

Ein Drittel der Seiteneinsteiger steigt schon im ersten Jahr wieder aus

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Ludwig
8 Stunden zuvor

„Alle waren abgekämpft, müde und hatten keinerlei Kapazitäten, jemanden zusätzlich zu unterstützen“
Das stimmt schon. So ist Schule heute. Woran das wohl liegt?! Es liegt zum Teil auch an schwierigen Schülern und Elternhäusern, die nicht mit uns zusammenarbeiten, sondern gegen uns arbeiten; Schülern, die den Unterricht massiv stören und von ihren Eltern gesagt bekommen, zurückzuschlagen, wenn sie jemand haut oder beleidigt. Schüler anzuschreien, kommt schon vor. Leider übersieht die Seiteneinsteigerin, dass es oft das letzte Mittel ist, weil Ermahnungen und Gespräche nicht ernstgenommen werden und weil manche Kinder erst reagieren, wenn man als Lehrer ERKENNBAR sauer geworden ist. Sie kennen es nicht selten so von zu Hause!

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