HAMBURG. Der Vorwurf war heftig. Während einer Klassenfahrt nach Sylt soll ein Hamburger Lehrer Fünftklässler missbraucht haben. Doch die Ermittlungen zeigen offenbar: Der Pädagoge ist unschuldig.
Der Fall sorgte bundesweit für Aufsehen. Eltern hatten unmittelbar nach der Rückkehr der 5. Klasse eines Gymnasiums von einer Klassenfahrt nach Sylt Anzeige gegen einen der begleitenden Lehrer erstattet. Der Pädagoge soll sich mehreren Jungen unsittlich genähert haben. Das Landeskriminalamt übernahm die Ermittlungen. Die Schulbehörde reagierte sofort und beurlaubte den Mann noch für die letzten beiden Tage vor den Sommerferien. Mittlerweile habe die Stadt gegen ihren Angestellten eine Verdachtskündigung ausgesprochen, so berichtet der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag (SHZ). Diese werde automatisch nichtig, sollten die Ermittlungen eingestellt werden.
Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) sah sich zu einer Stellungnahme genötigt. „Das ist ein schwieriger Zwischenfall, der sehr bedauerlich ist“, sagte er laut „Hamburger Morgenpost“. Leider sei dies nicht das erste Mal, dass solche Vorwürfe erhoben würden. Bei 21.000 Lehrern und mehr als 240.000 Schülern in der Hansestadt passiere das immer wieder. Tatsächlich wurden laut Bericht in den vergangenen vier Jahren drei Disziplinarverfahren in Hamburg gegen Lehrer wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch eingeleitet.
Diesmal aber offenbar völlig zu unrecht. Die Vorwürfe gegen den Gymnasiallehrer wurden mittlerweile offenbar entkräftet. Zwar gibt es offiziell bislang keine Stellungnahme zu dem Verfahren. Mehrere Zeitungen berichten aber übereinstimmend, dass die bisherigen Zeugenvernehmungen durch Ermittler der Fachdienststelle für Sexualdelikte den Pädagogen entlastet hätten.
Offenbar hat der Lehrer Schüler getröstet
Es gebe derzeit keinerlei Anhaltspunkte, die einen Antrag auf Erlass eines Haftbefehls gegen den 46-Jährigen geboten erscheinen ließen, verlautete laut SHZ die Hamburger Staatsanwaltschaft. Einzelheiten nannte eine Sprecherin gegenüber der Redaktion mit Hinweis auf weiter laufende Ermittlungen nicht. Noch seien nicht alle der betroffenen Schüler vernommen worden. Formal gelte der Lehrer damit weiterhin als Beschuldigter. Dennoch zeichne sich ab, dass es in dem Ferienheim auf Sylt nicht zu den angezeigten sexuellen Übergriffen gekommen ist.
Was in den sechs Tagen der Klassenreise im Jugenderholungsheim genau dazu geführt hat, dass es zu den Vorwürfen kam, ist unklar. Laut SHZ hatte der Pädagoge offenbar mehrere der Fünftklässler getröstet, die während der Klassenreise unter Heimweh litten. Dabei sei es auch zu Berührungen gekommen, die aber wohl nicht den Tatbestand der sexuellen Missbrauchs oder der sexuellen Nötigung erfüllen. Möglich sei, dass die Kinder auf Suggestivfragen von Eltern die Berührungen fälschlicherweise als Übergriff dargestellt hatten.
„Kinder haben heute nicht mehr die emotionale Bindung zu Lehrern. Sie sind auch nicht unbedingt Vertrauensperson und schon gar nicht Ersatz für Eltern”, so warnt der Kriminologe Wolf-Reinhard Kemper von der Leuphana Universität Lüneburg Lehrer dem „Hamburger Abendblatt“ zufolge. „Was Kinder betroffen machen kann, ist die Verletzung der persönlichen Distanz. Kinder nehmen Situationen anders wahr als Erwachsene.“ Lehrer sollten sich daher hüten, eine gewisse Distanz zu durchbrechen. Das könne von Kindern falsch aufgenommen werden – und zu einer kollektiven Betroffenheit führen.
Am Gymnasium heißt es laut „SHZ“, der Pädagoge sei sowohl im Kollegium als auch unter den Schülern äußerst beliebt. Der Mathe- und Religionslehrer sei nur auf besonderen Wunsch der Schülerschaft überhaupt mit nach Sylt gereist. News4teachers
Zum Bericht: “Jungen bei Klassenfahrt missbraucht? – Lehrer unter Verdacht”
