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Chance vertan: ZDF-Doku über Lehrer bringt (fast) nur Klischees

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MAINZ. „Wie gut sind unsere Lehrer?“ Unter diesem Titel versprach das ZDF ein „noch nie dagewesenes Experiment.“ Gezeigt werden sollte Schule – so wie sie wirklich ist. Dafür hatte der Sender für ein halbes Jahr Kameras in einem Klassenraum in einem Hamburger Gymnasium aufgestellt und den Unterricht aufzeichnen lassen. „Sind unserer Lehrer faule Säcke oder doch nur Prügelknaben? ZDFzeit spricht mit Experten, schaut in die Klassenzimmer und zeigt: Die Realität ist fast immer anders als die gängigen Klischees“ , so hieß es im Ankündigungstext. Und das Ergebnis? Gängige Klischees – weitgehend jedenfalls.

Ein “noch nie dagewesenes Experiment” hatte das ZDF versprochen. Foto: Screenshot

Der 45-minütige Film litt erkennbar darunter, jede mehr oder weniger aktuelle These zum Thema Schule unterbringen zu wollen und eine Vielzahl von Leuten zu Wort kommen zu lassen, deren möglichst prominenter Name sich irgendwie mit der Bildungsdiskussion in Verbindung bringen lässt (und wenn es nur die Funktionen „Schauspieler“ und  „Vater“ sind). Dabei wurde leider vergessen, die Eingangsfrage zu beantworten. Obwohl es doch darauf eine ebenso schlichte wie klare Antwort gibt: Lehrer sind keine faulen Säcke – auch wenn es, wie in jedem Beruf, Ausreißer geben mag.

Die Zuschauer dürften sich da aber nach der Sendung nicht so sicher sein, ob das Gros der Lehrer nicht doch den Beruf mit einem Engagement auf Sparflamme ausübt. Wenn beispielsweise der Fernseh-Philosoph Richard David Precht in die Kamera sagt, dass sich der Beamtenstatus und eine begeisternde Persönlichkeit gegenseitig nahezu ausschließen, wenn zur Arbeitszeit lediglich die Nicht-Information gegeben wird, dass Lehrer zwischen 30 und 70 Wochenstunden arbeiten, und zwar „nicht nach der Stechuhr“, wenn berichtet wird, dass „Deutschlands Lehrer mit 40.000 bis 50.000 Euro Jahreseinkommen im europäischen Vergleich zu den Spitzenverdienern gehören“, ihre Kollegen in Bulgarien beispielsweise nur 4.000 Euro im Jahr verdienen (ohne zu erwähnen, dass Lehrer in Deutschland im Vergleich der Akademikergehälter ziemlich weit unten liegen), dann scheinen sich alle Vorurteile zu bestätigen.

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Wenn es tatsächlich mal interessant wurde und Probleme des Lehrerberufs zur Sprache kamen – Was heißt es, ständig bei einer Lärmbelastung von bis zu 90 Dezibel arbeiten zu müssen? Wie soll Inklusion gelingen, wenn es dafür nicht genügend Personal gibt? Wie sieht es aus mit der Erziehungsverantwortung von Eltern? –, dann huschte der Beitrag schnell und oberflächlich darüber hinweg. Minutenlang verharrte der Bericht lieber in Finnland, dem vermeintlichen Bildungswunderland, von wo aus Lehrer und Schüler über den hohen gegenseitigen Respekt voreinander erzählen durften (als gebe es den in Deutschland nicht). Unter den Tisch fielen dabei hingegen so wesentliche Informationen wie die, dass Finnland so gut wie keine Schüler mit Migrationshintergrund einzugliedern hat – und bei der letzten PISA-Studie trotzdem böse abgestürzt ist.

Gleichwohl wurde Finnland weiter als Vorbild für Deutschland verkauft. Was so weit ging, dass Philosoph Precht allen Ernstes darüber schwadronieren durfte, dass in Finnland ja nur zehnte Bewerber für das Lehramtsstudium zugelassen werde, was die Begeisterung für den Beruf natürlich ungemein steigere – und deshalb von Deutschland „abgeschaut“ werden sollte. Was Precht dabei vergaß: Es gibt in Deutschland nicht annähernd so viele Bewerber für das Lehramtsstudium, um 90 Prozent davon abweisen zu können. Und nach der ZDF-Sendung „Wie gut sind unsere Lehrer“, davon lässt sich ausgehen, werden es wohl auch nicht mehr sein. Ein realistisches Bild von dem Beruf, mit all seinen Schattenseiten, aber auch mit all der Freude, die in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen liegt, hätte hier mehr bewirkt. Schade, Chance vertan. NINA BRAUN

Hier geht es zu der ZDF-Dokumentation „Wie gut sind unsere Lehrer“.

Auch im Forum zu unserer Ankündigung der ZDF-Doku diskutieren News4teachers-Leser über die Sendung.

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