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Beleidigungen, Tritte, Schläge, Cybermobbing – und eine Pistole am Kopf! So sieht Gewalt gegen Lehrkräfte aus: Betroffene berichten

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DÜSSELDORF. Gewalt gegen Lehrkräfte ist zunehmend ein Alltagsphänomen, wie in der vergangenen Woche eine Umfrage des VBE ergab. Doch wie äußert sie sich? Verschiedene Medien haben Berichte von Lehrkräften, die schlimme Erfahrungen machen mussten, gesammelt. Wir veröffentlichen einige davon in anonymisierter Form, um das Ausmaß des Schreckens zu dokumentieren.

Immer öfter ist von Gewalttaten gegenüber Lehrkräften die Rede. (Symbolfoto) Foto: Hibr / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Eine Hauptschullehrerin berichtet gegenüber der „Rheinischen Post“ davon, dass ihr ein Schüler vor 14 Jahren eine Pistole an die Stirn gehalten habe. „Na, haben Sie jetzt Angst?”, habe er sie gefragt. “In mir lief ein Automatismus ab, ich habe auf ihn eingeredet”, erinnert sie sich. “Äußerlich bin ich ruhig geblieben, aber mein Puls war auf 180. Ich wusste nicht, ob das eine echte Waffe ist.” Eine gefühlte Ewigkeit später habe er die Waffe sinken lassen. “Das ist nur eine Schreckschusspistole”, habe er zu ihr gesagt. Dann drehte er sich um und rannte weg.

Eine Grundschul-Lehrerin aus Bielefeld sagt gegenüber der „Neuen Westfälischen“, dass sie zunehmend aufgrund ihres jüdischen Glaubens angefeindet wird.  „Ich habe es anfangs nicht glauben können, aber antisemitische Beschimpfungen sind in meinem Beruf zum Problem geworden.” Die 55-Jährige fühlt sich mit dem Problem alleine gelassen. „Die Schulleitung hat Angst vor sinkenden Anmeldezahlen und redet das Problem klein“, so zitiert sie die Zeitung.

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Von ähnlichen Erfahrungen erzählt eine Gymnasial-Lehrerin aus dem Kreis Herford machen müssen. „Als mir ein Schüler einen Tritt in den Hintern verpasste und ich ihn anzeigen wollte, bestellte meine Schulleiterin einen Dezernenten der Bezirksregierung ein, der mir folgende Frage stellte: Was haben Sie dem Schüler angetan, dass er so reagieren muss?” Nach diesem Gespräch sei ihr klargeworden, dass sie von ihren Vorgesetzten keine Hilfe erwarten könne. „Ich wurde von einer Anzeige abgehalten, mit dem Hinweis, dass ich damit dem gewalttätigen Schüler die Zukunft verbauen würde.”

VBE-Umfrage: Heutzutage müssen sich Lehrer vor gewalttätigen Schülern fürchten – und manchmal auch vor Eltern

Ein Sportlehrer von einem Gymnasium im Kreis Gütersloh berichtet von einem körperlichen Angriff. „Im Sportunterricht wurde ich nach einer Unterrichtsstunde von drei Oberstufenschülern umringt, bespuckt und ins Gesicht geschlagen”, sagt der 47-Jährige. Zuvor habe es eine verbale Auseinandersetzung mit muslimischen Schülerinnen über die Teilnahme am Sportunterricht gegeben. „Nach der Attacke drohten sie mir mit weiteren Schlägen außerhalb der Schule, wenn ich ihre muslimische Mitschülerinnen weiterhin zum Mitmachen animieren würde.”

Der Lehrer eines Berufskollegs vom Niederrhein berichtet gegenüber der „Rheinischen Post“, die zahlreiche Berichte gesammelt hat: „Ein Schüler störte den Unterricht und hielt Mitschüler vom Lernen ab. Ich schickte ihn für zehn Minuten vor die Tür. Auch das half nichts. Deswegen trug ich ihn ins Klassenbuch ein. Am Ende der Stunde wollte er den Eintrag sehen. Als ich ihm diesen zeigte, schlug er mir das Klassenbuch ins Gesicht. Die damalige Schulleitung und die Bezirksregierung wollten von dem Vorfall nichts wissen.”

Ein 63-jähriger Englischlehrer an einer Hauptschule aus Nordrhein-Westfalen erzählte der Zeitung: „Vor zwei Wochen versuchte ich, einen massiven Streit von mehreren Schülern an der Klassenraumtür zu schlichten. In diesem Augenblick trat ein Schüler von außen gegen die Tür, die mich heftig am Kopf traf. Nachdem ich einige Minuten bewusstlos war, wurde ich mit dem Notarzt ins nächstgelegene Krankenhaus transportiert. Der Schüler beziehungsweise seine Eltern haben es bis heute nicht für nötig erachtet, sich bei mir zu melden.”

Eine 61-jährige Gymnasiallehrerin berichtet: “Ich habe Cybermobbing von Schülern einer achten Klasse erlebt. Ein Facebook-Konto wurde von mir angelegt, dazu wurde ein Foto von der Online-Pinnwand unserer Schule kopiert und dann auf sehr verletzende Weise ein Chat hergestellt, in dem ich angeblich die Schüler zu sexuellen Handlungen aufgefordert habe. Ich habe einen Hinweis von einem Mädchen aus der Klasse erhalten. Letztendlich habe ich die beteiligten Schüler angezeigt, und es wurden pädagogische Maßnahmen ergriffen, die zum Teil von den betroffenen Eltern torpediert wurden. Eine Anzeige bei der Polizei brachte außer einer Anhörung der Beteiligten und deren Eltern nur die Erkenntnis, dass diese Schüler nicht weiter zu belangen waren, da sie noch nicht strafmündig waren. Alle waren 13 Jahre alt. Nach dem Vorfall habe ich die Schulleitung darum gebeten, diese Klasse nicht mehr unterrichten zu müssen. Dem wurde auch entsprochen.”

Eine Hauptschullehrerin berichtet gegenüber der „Rheinischen Post“: “Vor einigen Jahren habe ich eine Schülerin (15 Jahre und damit strafmündig) angezeigt, weil sie mich als ‘Nutte’ beschimpft hat. Der Polizist, der die Anzeige aufgenommen hat, gab mir zu verstehen, ich solle mich nicht so anstellen. Einige Wochen später bekam ich ein Schreiben von der zuständigen Staatsanwaltschaft, dass das Verfahren eingestellt worden sei.”

Ein 47-jähriger Gesamtschullehrer für Mathematik erzählt: “Es war die Abschlussfeier einer Hauptschule, gefeiert wurde in einer Gaststätte. Als ich an der Feierlichkeit ankam, parkte ich mein Auto auf dem Parkplatz in der Nähe der Gaststätte. Nach einer Stunde kam ich zum Auto zurück und traute meinen Augen nicht. Die Fahrerseite, Motorhaube und Heck meines Wagens waren eingetreten und völlig demoliert worden. Wirtschaftlicher Totalschaden. Der Täter konnte nie ermittelt werden.”

Eine Lehrerin aus München berichtet gegenüber der „Abendzeitung“ von ihrem Alltag an einer Schule in einem sozialen Brennpunkt: „Die Kinder gehen sich oft gegenseitig an. Da lerne ich auch mal Schimpfworte, die ich noch nie gehört habe, das ist manchmal schon erschreckend. Einmal bin ich dazwischen gegangen und hab eine mitgekriegt; das mache ich nicht noch mal.“ Auch an eine andere unangenehme Situation erinnert sie sich: „Nach einem Projekt wollte ich eine Schülerin nicht mit der Pausenklingel gehen lassen, weil noch das totale Chaos herrschte. Also habe ich mich ihr in den Weg gestellt. Sie ist um die 17, einen Kopf größer und doppelt so breit wie ich. Sie hat mich wüst beschimpft, und als ich trotzdem nicht wegging mich geschubst.“ Agentur für Bildungsjournalismus

 

Hintergrund: Die Umfrage des VBE

Drohen, mobben, beleidigen – jeder vierte Lehrer ist schon einmal Opfer psychischer Gewalt von Schülern gewesen. Das geht aus einer repräsentativen Forsa-Umfrage hervor, die der Lehrerverband Bildung und Erziehung (VBE) unlängst in Düsseldorf vorstellte. Demnach ist fast ein Viertel (23 Prozent) der befragten Lehrer bereits Ziel von Diffamierungen, Belästigungen und Drohungen gewesen –  Aggressoren waren hauptsächlich Schüler, aber auch Eltern. Sechs von 100 Lehrern sind der Umfrage zufolge sogar schon einmal körperlich von Schülern angegriffen worden. Hochgerechnet seien damit mehr als 45.000 Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen aller Formen bereits Opfer von tätlicher Gewalt geworden. Zu den körperlichen Angriffen gehörten etwa Fausthiebe, Tritte, An-den-Haaren-Ziehen oder das Bewerfen mit Gegenständen.

Auch Cybermobbing wird offenbar ein immer größeres Phänomenen. 77 Prozent der Befragten sehen eine Zunahme von Formen des Mobbings über das Internet. Fast jede dritte befragte Lehrkraft gab an, dass es Fälle an der Schule gab. Allerdings gaben nur zwei Prozent der Lehrkräfte an, selbst betroffen gewesen zu sein.

 

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