Website-Icon News4teachers

“Das ist nicht mal eben zu machen”: Warum der schulpraktische Teil der Lehrerausbildung so wichtig ist – ein Interview

Anzeige

BERLIN. Wer die Weichen für die Zukunft der Schulen stellen möchte, der muss die Lehrerausbildung in den Blick nehmen. Gerade in der schulpraktischen Phase werden Junglehrer nachhaltig geprägt. Das Zukunftsthema Nummer eins in der Bildung – die Digitalisierung – ist im Zusammenhang mit dem Referendariat jedoch bislang kaum auf der Agenda der Bildungspolitik aufgetaucht. Der Bundesarbeitskreis (bak) Lehrerbildung, der bundesweite Berufsverband der Ausbilderinnen und Ausbilder im Vorbereitungsdienst, möchte das ändern – und veranstaltet nach den Sommerferien einen großen Kongress zum Thema (News4teachers berichtete) an der TU Kaiserslautern. Wir sprachen mit dem Bundesvorsitzenden des bak Lehrerbildung, Helmut Klaßen, über die Hintergründe.

“Hardware allein macht aber keine bessere Schule aus – weder im Unterricht noch in der Lehrerausbildung“: Helmut Klaßen, Bundesvorsitzender des bak Lehrerbildung. Foto: bak Lehrerbildung

News4teachers: Sie veranstalten im September einen Bundeskongress zum Thema „Digitalisierung im Kontext der Lehrerausbildung“. Wie sieht es denn dabei aus? Sind die jungen Lehrerinnen und Lehrer, die jetzt in die Schulen kommen, fit im Umgang mit digitalen Medien?

Helmut Klaßen: Bislang beschränkt sich die Politik weitgehend darauf, Mittel für die Hardware-Beschaffung bereitzustellen. Die Hardware allein macht aber keine bessere Schule, keine bessere Bildung aus – weder im Unterricht noch in der Lehrerausbildung. Sicherlich ist es eine wichtige Voraussetzung, dass wir an den Seminarstandorten gute WLAN-Verbindungen haben, dass die Seminarräume vernünftig digital ausgestattet sind. Das nützt aber nur, wenn die Ausbilderinnen und Ausbilder entsprechend geschult und fortgebildet werden.

Anzeige

Und zwar nicht nur in der Bedienung der technischen Geräte, sondern auch in einem konzeptionellen Denken in Richtung „Bildung in der digitalen Welt“, das auch einen kritischen Blick auf die Entwicklung beinhaltet. Um dorthin zu gelangen, liegt noch ein weiter Weg vor uns. Diesen Weg zu gehen, dafür möchten wir auch mit unserem Seminartag motivieren. Es geht darum, die Ausbilderinnen und Ausbilder an den Seminarstandorten so zu schulen, dass sie die Referendarinnen und Referendare mitnehmen können, um am Ende die Schülerinnen und Schüler zu erreichen.

News4teachers: Was bringen die jungen Leute denn mit? 

Helmut Klaßen: Was ich so wahrnehme ist, dass die Masse der Lehramtsstudierenden noch weit davon entfernt sind, die Digitalisierung als selbstverständlich im Kontext Schule zu erachten, wie man es von sogenannten „digital natives“ vielleicht erwartet. Im Social-Media Bereich jedoch schon, ebenfalls in der Beschaffung von Informationen, welche häufig  nur online erfolgt (vgl. Literaturlisten…). Es gibt sicherlich einen Teil, der sehr versiert mit digitalen Medien umgeht, aber es gibt auch einen großen Teil – in meinen Augen der größere –, der noch mit großem Respekt vor der Digitalisierung steht. Wir können uns also nicht darauf verlassen, dass die Digitalisierung bei den Studierenden gut vorbereitet ist, so dass wir uns nur noch darum kümmern müssten, wie eine Lernsituation digital gestaltet werden kann. Es geht auch noch darum, die Scheu vor der digitalen Welt zu nehmen.

News4teachers: Wie sieht es denn bei Ausbilderinnen und Ausbildern aus? Muss man ihnen auch die Schwellenangst nehmen, oder sind sie schon weiter?

Helmut Klaßen: Bei ihnen würde ich es genauso sehen. Es gibt die ganze Bandbreite – angefangen bei denjenigen, die ablehnend der Digitalisierung gegenüberstehen, bis hin zu denen, die schon intensiv mit digitalen Medien arbeiten. Dass wir alle uns mit der Digitalisierung auseinandersetzen müssen, ist gar keine Frage mehr. Die Frage lautet vielmehr, wie schnell wir es hinbekommen, dass wir uns alle damit auseinandersetzen. Es gibt Handlungsbedarf.

News4teachers: Allerdings nicht nur beim Thema digitale Bildung…

Helmut Klaßen: In den vergangenen Jahren sind viele Themen in den Schulen – und damit auch in der Lehrerausbildung – dazugekommen: Arbeiten in multiprofessionellen Teams, Ganztag, Interkulturalität, sprachsensibler Unterricht oder förderpädagogische Grundkompetenzen im Kontext der Inklusion zum Beispiel.

News4teachers: Lassen sich diese pädagogischen Großthemen allesamt in einem Referendariat vermitteln?

Helmut Klaßen: Im Ideal gehen wir ja davon aus, dass diese Themen bereits im Studium vermittelt worden sind. Allerdings stellen wir fest, dass es eine große Spanne gibt, wie intensiv das passiert ist. Es gibt ja an der Universität Wahlbereiche, sodass die Studierenden sich nicht wirklich mit allen Themen auseinandersetzen müssen. Gleichwohl ist es machbar, ja, aber in 18 Monaten Referendariat sehr eng.

“Wir fordern ein Referendariat von 24 Monaten”

News4teachers: Das Referendariat war früher länger…

Helmut Klaßen: Ursprünglich waren es zwei Jahre bundesweit. Bayern ist heute das einzige Bundesland, das jetzt noch ein 24-monatiges Referendariat hat, allerdings mit einer anderen Ausbildungsstruktur als in den anderen Bundesländern. In den meisten Bundesländern liegt das Referendariat bei 18 Monaten – in einigen Bundesländern im Osten aber nur bei zwölf Monaten. Nun wird andernorts überlegt, auch in Richtung zwölf Monate zu gehen und stattdessen eine Praxisphase in die universitäre Ausbildung zu integrieren. Das aber wäre ein falscher Weg. Die Praxisorientierung kann in einem Semester nicht so hergestellt werden wie im Referendariat. Es geht darum, eine starke kohärente Verschränkung zwischen Theorie und Praxis herzustellen. Dabei ist eine kontinuierliche personelle Begleitung und auch eine individuelle Beratung wichtig, auch um die Persönlichkeit der angehenden Lehrerinnen und Lehrer zu stärken. Das ist nicht mal eben zu machen, dafür sind 18 Monate schon das Minimum. Jetzt kommt noch das große Feld „Bildung in der digitalen Welt“ mit hinein. Wir fordern deshalb 24 Monate, um eine wirklich gute, fundierte Lehrerausbildung gewährleisten zu können.

News4teachers: Was sind für die Ausbilderinnen und Ausbilder die größten Probleme?

Helmut Klaßen: Die größte Herausforderung ist tatsächlich, diese thematische Bandbreite im Blick zu haben. Es wird erwartet, dass wir uns fortbilden, um in allen Bereichen vorne zu sein. Aber die Ressourcenausstattung ist eng, auch wenn die Landesverbände des bak Lehrerbildung dabei sehr engagiert unterstützen. Sie machen den Fachleiterinnen und Fachleitern qualitativ hochwertige Fortbildungsangebote, um eben gezielt die zentralen Themen aufzugreifen. Diese Angebote in der Breite aufrechtzuerhalten ist aber nicht einfach, weil überall an den Mitteln gespart wird.

Das bekommen wir auf verschiedenen Ebenen zu spüren. Ob das Änderungen der Ausbildungs- und Prüfungsordnungen betrifft, die – wenn man genau hinschaut – meist Sparmaßnahmen sind, etwa wenn Hospitationszeiten reduziert werden. Oder ob das Änderungen an der Arbeitsplatzbeschreibung der Seminarbeschäftigten betrifft, was praktisch meist eine gravierende Absenkung der Besoldung bedeutet. Deshalb ist es zunehmend schwierig geworden, Ausbilderinnen und Ausbilder für die Seminarstandorte zu finden, weil die Arbeit in der Schule im Vergleich finanziell attraktiver ist. Die Verkürzung des Referendariats ist ja auch eine Sparmaßnahme, auch wenn das anders verkauft wird. Aus diesen Gründen ist die politische Arbeit unserer Landesverbände so wichtig. Wir müssen den Ministerien und senatorischen Behörden die Realität in der Lehrerausbildung aufzeigen, um als Sprachrohr für die Fachleiterinnen und Fachleiter zu dienen. Der Einfluss ist begrenzt, aber er ist sichtbar gegeben.

“Neben der Fachkompetenz steht für mich im Kern eine gute Lehrerpersönlichkeit”

News4teachers: Der Lehrermangel bringt immer mehr Seiteneinsteiger in die Schulen, denen einen pädagogische Ausbildung fehlt. Lassen sich die Grundlagen im Schnellkurs vermitteln?

Helmut Klaßen: In den Ländern gibt es viele verschiedene Modelle für die Qualifizierung von Seiteneinsteigern oder Quereinsteigern – von einem vollwertigen Referendariat mit ergänzendem pädagogischen Seminar bis hin zu einer eigenen Ausbildung über zwei Jahre, die dann aber nebenher geschieht, während die Arbeit in der Schule schon läuft. Verschärfend kommt hinzu, dass der Lehrermangel in einigen Regionen bereits ein solches Ausmaß angenommen hat, dass dort eigentlich jeder Kandidat in den Schuldienst durchgewunken wird. Selbst diejenigen, die am Ende durchfallen, bekommen hinterher eine unbefristete Stellte im Lehramt. Wir haben hier ein großes, ernsthaftes Problem.

News4teachers: Was macht denn für Sie einen guten Lehrer aus?

Helmut Klaßen: Neben der Fachkompetenz steht für mich im Kern eine gute Lehrerpersönlichkeit. Eine Lehrerin oder ein Lehrer muss einen Zugang zu Menschen finden und dafür ein gewisses Maß an Empathie mitbringen. Ein weiterer Punkt ist die Offenheit: Jeder, der in der Schule anfängt zu arbeiten, bringt Ideen und Vorstellungen mit, die vielleicht noch aus Erfahrungen in der eigenen Schulzeit rühren. Trotzdem muss ich möglicherweise diese sehr persönliche Vorstellung von gutem Unterricht loslassen, weil die Situation nicht vergleichbar ist. Schule und Schüler sind heute anders als vor 20 Jahren. Auf eine solche Professionalisierung lasse ich mich als guter Lehrer ein.

Deshalb ist ja auch das Referendariat so wichtig: Durch das persönliche Coaching bekomme ich die professionelle Perspektive als Lehrkraft vor einer Klasse intensiv vermittelt. Es geht darum, durch eine individuelle Beratung für den Schuldienst gestärkt zu werden. Das setzt aber auch starke Fachleiterinnen und Fachleiter voraus – und hier fangen die Probleme an: Wenn bei ihnen immer weiter gespart wird, verlieren die Stellen in den Ausbildungsseminaren an Attraktivität. Deswegen fordern wir ein Beförderungsamt für alle Ausbilderinnen und Ausbilder, sodass eine Entwicklungsperspektive besteht. Wir brauchen auch weiterhin die Besten an den Seminaren. Agentur für Bildungsjournalismus

In einer “Berliner Erklärung” hat der bak Lehrerbildung seine Positionen zur Lehrerausbildung zusammengefasst. Hier geht es zu dem Papier.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers konmentiert.

bak-Seminartag: Die Lehrerausbildung stellt die Weichen für die Digitalisierung der Schulen – aber: In welche Richtung?

Anzeige
Die mobile Version verlassen