DÜSSELDORF. Der Astrazeneca-Stopp ist ein Schlag ins Kontor. Das wird auch von der nordrhein-westfälischen Regierung nicht geleugnet. Eine Reserve anderer Impfstoffe soll nun beim Überbrücken helfen. Erziehern und Lehrern hilft das erstmal nicht. Trotzdem sollen die Schulen alle offen bleiben. Der Virologe Prof. Christian Drosten warnt. Die Oberbürgermeister von zwei Großstädten werden deutlich.
Trotz steigender Corona-Neuinfektionsraten und mindestens vorläufigem Astrazeneca-Impfstopp hält Nordrhein-Westfalen an der Öffnung der Schulen fest. Die Ruhrgebietsstädte Dortmund und Duisburg dürfen die Schulen – anders als erwünscht – nicht schließen. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) sagte dazu am Dienstag nach einer Kabinettssitzung in Düsseldorf: Wenn der Stadt Dortmund bei einer Neuinfektionsrate von 71,2 – gerechnet auf 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen – nichts anderes einfalle, als Schulen zu schließen, werde sein Haus das umgehend ablehnen.
Der Duisburger Oberbürgermeister Sören Link (SPD) zeigte sich enttäuscht über die Haltung der Landesregierung. Ihm sei «vollkommen unverständlich, dass das Land diesen Plänen einen Riegel vorschiebt». Die Entwicklung der Zahlen zeige, dass die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichend seien.
«Wir sehen jetzt: Kinder sind das größte Ansteckungsrisiko»
Dortmunds Oberbürgermeister Thomas Westphal (SPD) hatte die angestrebte Schließung aller Schulen auch mit den Problemen beim Impfen begründet. Er kritisierte das Festhalten des Landes an der Rückkehr aller Jahrgänge an die Schulen als zu riskant. Die Ausgabe des Astrazeneca-Impfstoffs zu stoppen und gleichzeitig die Schulen zu öffnen, sei «nicht nachvollziehbar», sagte der SPD-Politiker am Mittwoch im WDR-Morgenecho. Die ansteckendere B.1.1.7-Variante des Coronavirus habe das Ruder im Infektionsgeschehen übernommen. «Wir sehen jetzt: Kinder sind das größte Ansteckungsrisiko», sagte Westphal. Deshalb habe die Stadt Dortmund beim Land beantragt, ihre Schulen alle sofort schließen zu dürfen. Das war am Dienstag abgelehnt worden.
Der OB betonte, die Stadt habe Gesundheitsminister Laumann in seiner «präventiven Funktion» als Gesundheitsminister angesprochen. Dass nun für ohnehin nur wenige Tage vor der Osterferien alle Schüler im Wechselmodus tageweise in die Klassenräume zurückkehrten, sei «gemessen am Risiko nicht vertretbar». Wenn Laumann mit Inzidenzen argumentiere, «dann argumentiert er rückwärts».
Laumann hatte zuvor im WDR betont: Der Grundsatz laute, dass Unterricht in den Klassenräumen in Präsenz stattfinden solle, soweit das vertretbar sei. Bei einer Inzidenz von über 100 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen werde eine Verschärfung der Maßnahmen geprüft. Dortmund habe am Dienstag bei einem Wert von 72 gelegen und zudem kein «Gesamtkonzept» vorgelegt. Westphal sagte, bei den wieder stetig steigenden Infektionszahlen drohten in NRW ohne Schulschließungen nach den Osterferien dramatische Zahlen.
«Ich bin überzeugt: Deutschland kann Organisation und Logistik. Diese Stärke müssen wir ausspielen»
Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) räumte ein: «Das ist zweifellos ein Rückschlag für die deutsche Impf-Kampagne.» Beim nächsten «Impf-Gipfel» der Ministerpräsidenten mit der Bundeskanzlerin sei zu erörtern, wie Bürokratie in der Organisation abgebaut und das Impfen beschleunigt werden könne. «Ich bin überzeugt: Deutschland kann Organisation und Logistik. Diese Stärke müssen wir ausspielen.»
Nach dem Astrazeneca-Impfstopp seien Impfungen bei der großen Gruppe der Kita-Erzieherinnen und Grundschullehrer in NRW zunächst nicht möglich, berichtete Laumann. Da die Zweit-Impfung mit dem Vakzin 12 bis 13 Wochen Zeit habe, beunruhige ihn diese Frage, die in NRW frühestens Mitte April akut werde, zunächst aber nicht.
NRW werde zunächst mit einer Reserve auf die neue Lage reagieren, berichtete Laumann. Von den Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna seien rund 50 Prozent der Dosen zurückgelegt worden, um auf Lieferengpässe zu reagieren. Die Reserve werde um 150.000 Dosen verkleinert, um bis Ende März ebenso viele Menschen zusätzlich impfen zu können, sagte Laschet. Das werde Behinderten in Eingliederungseinrichtungen und zu einem kleineren Teil über 80-Jährigen zugutekommen.
«Unsere Schutzmauer um die besonders Verwundbaren steht und wirkt»
NRW stehe bei den Corona-Schutzimpfungen kurz vor der Zwei-Millionen-Marke, sagte Laschet. Trotz der bedauerlichen Astrazeneca-Pause könne aber festgestellt werden: «Unsere Schutzmauer um die besonders Verwundbaren steht und wirkt.» Während es zum Jahreswechsel unter den Bewohnern von Alten- und Pflegeheimen noch über 5000 Infizierte in NRW gegeben habe, seien es in dieser inzwischen durchgeimpften Gruppe jetzt nur noch 300 Infizierte und damit 94 Prozent weniger. Über 850.000 Menschen über 80 Jahre hätten bereits über 1,7 Millionen Impftermine in NRW vereinbart. Die landesweite Sieben-Tage-Inzidenz lag am Dienstag laut Robert Koch-Institut bei 82,9.
Auch bei den kostenlosen Bürger-Tests gehe es voran, berichtete Laschet. Inzwischen seien in NRW 1724 Test-Stellen genehmigt worden. Dort seien bereits rund 100.000 Tests auf das Coronavirus gemacht worden, von denen 1210 positiv ausgefallen seien. Damit liege die Quote bei 1,2 Prozent.
Laumann räumte aber ein: «Wir haben jetzt eine Krise, wenn ein Impfstoff wie Astrazeneca eine Impfpause macht.» Die Frage, ob Bürger sich auf eigene Verantwortung mit Astrazeneca impfen lassen dürften, könne er nicht beantworten, sagte Laschet. Dies habe die Europäische Arzneimittelagentur zu beantworten. In jedem Fall müsse beim Impfen mehr Tempo gemacht werden. Die Haftung bei gesundheitlichen Schäden durch den Impfstoff liege beim Land, sagte Laumann.
Wegen des Astrazeneca-Impfstopps und der Boykottankündigung gegen Schulöffnungen kommt der Landtag am Freitag auf Antrag von SPD und Grünen zu einer Sondersitzung zusammen. «Der Landesregierung entgleitet das Corona-Management», erklärten die Fraktionsvorsitzenden Thomas Kutschaty (SPD) und Josefine Paul (Grüne). In der kommenden Woche treffen sich die Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin zur nächsten großen Corona-Konferenz.
Drosten: “Wir werden kurz nach Ostern eine Situation haben wie um Weihnachten herum”
Prof. Christian Drosten, Chef-Virologe der Charité in Berlin, warnte im Podcast »Coronavirus-Update« bei NDR Info angesichts des Impfstopps mit Astrazeneca vor einer dramatischen Entwicklung. Im Moment solle man vor allem daran denken, »dass wir diese Impfung brauchen«, sagte er. Die epidemiologische Lage sei momentan nicht gut in Deutschland. Die ansteckendere Virusvariante B.1.1.7 nehme immer mehr Überhand, ihr Anteil betrage inzwischen drei Viertel. Drosten: »Wir werden kurz nach Ostern eine Situation haben wie um Weihnachten herum«, sagte Drosten. Besonders »brenzlig« werde es für die weitestgehend noch ungeimpften Jahrgänge ab 50 Jahre. News4teachers / mit Material der dpa
