BERLIN. Jetzt also doch: Die Ständige Impfkommission (Stiko) spricht sich nun für Corona-Impfungen für alle Kinder und Jugendlichen ab zwölf Jahren aus. „Es ist sehr zu begrüßen, dass die Stiko jetzt die Impfung von 12- bis 17-Jährigen empfiehlt. Sie hat die Daten sorgfältig geprüft und ihre Entscheidung gut begründet. Wir können dankbar sein, ein solches unabhängiges Gremium zu haben. Wissenschaft erlaubt Meinungsänderung“, so twitterte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, der das Gremium für seine Zurückhaltung hart kritisiert hatte.
Nach sorgfältiger Bewertung neuer wissenschaftlicher Beobachtungen und Daten komme man zu der Einschätzung, „dass nach gegenwärtigem Wissensstand die Vorteile der Impfung gegenüber dem Risiko von sehr seltenen Impfnebenwirkungen überwiegen“, teilte das Gremium am Montag mit und berief sich auf einen Beschlussentwurf. Der offizielle Empfehlungstext liegt noch nicht vor, Änderungen sind in einem Abstimmungsverfahren mit Bundesländern und Fachkreisen noch möglich.
„Diese Empfehlung zielt in erster Linie auf den direkten Schutz der geimpften Kinder und Jugendlichen vor Covid-19 und den damit assoziierten psychosozialen Folgeerscheinungen ab“, erklärte die Stiko. Unverändert solle die Impfung nach ärztlicher Aufklärung zum Nutzen und Risiko durchgeführt werden. Man spreche sich „ausdrücklich dagegen aus, dass bei Kindern und Jugendlichen eine Impfung zur Voraussetzung sozialer Teilhabe gemacht wird“.
Mittlerweile könnten mögliche Risiken der Impfung in der Altersgruppe zuverlässiger beurteilt werden, erklärte das Gremium. Es verwies etwa auf nahezu zehn Millionen geimpfte Kinder und Jugendliche im amerikanischen Impfprogramm. Die bisherige Zurückhaltung hatte Stiko-Chef Thomas Mertens zuletzt mit unzureichenden Daten zur Sicherheit der Impfung bei Heranwachsenden begründet. Im Fokus standen vor allem mögliche Folgen von Herzmuskelentzündungen bei Geimpften. Am Montag sprach die Stiko von meist unkomplizierten Verläufen.
«International nimmt die Zahl der beratenden wissenschaftlichen Gremien zu, die die Impfung empfehlen»
Die Stiko war in den vergangenen Wochen wiederholt von verschiedenen Politikern aufgefordert worden, ihre vorsichtige Haltung zum Impfen von Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren zu überdenken. Das Gremium hat die Immunisierung in der Altersgruppe bislang vor allem jenen empfohlen, die bestimmte Vorerkrankungen wie Fettleibigkeit oder chronische Lungenkrankheiten haben – oder Menschen mit besonderem Corona-Risiko im Umfeld.
SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hielt der Stiko deshalb eine «Außenseiterposition» vor. Möglicherweise habe sie sich in der Frage der Corona-Impfungen für Kinder «ein bisschen verrannt». Lauterbach: «International nimmt die Zahl der beratenden wissenschaftlichen Gremien zu, die die Impfung empfehlen.» Am Anfang habe er nachvollziehen können, dass die Stiko habe abwarten wollen bis mehr Kinder geimpft worden seien. Mittlerweile (das war vor zwei Wochen) sei dieser Punkt aber längst erreicht.
Auch ohne generelle Empfehlung waren bereits bisher auch bei Gesunden in der Altersgruppe Impfungen möglich – „nach ärztlicher Aufklärung und bei individuellem Wunsch und Risikoakzeptanz“. Nach Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) vom Montag sind 24,3 Prozent der 12- bis 17-Jährigen mindestens einmal gegen Corona geimpft und 15,1 Prozent vollständig.
Anfang August hatten die Gesundheitsminister von Bund und Ländern bereits breitere Angebote für Kinder ab zwölf Jahren vereinbart – zum Corona-Schutz für den Schulstart nach den Sommerferien. Mit den Präparaten von Biontech/Pfizer und Moderna sind in der EU zwei mRNA-Impfstoffe für diese Gruppe zugelassen. Für Kinder unter zwölf Jahren ist bislang kein Impfstoff verfügbar.
„Die Fakten sprechen für die Impfung, ausreichend Impfstoff für alle Altersgruppen ist da“
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bezeichnete es als „gute Nachricht“, dass sich die Ständige Impfkommission (Stiko) nun für Corona-Impfungen für alle Kinder ab zwölf Jahren ausspricht. „Eltern und Jugendliche haben damit eine klare Empfehlung, sich für die Impfung zu entscheiden”, sagte der CDU-Politiker. „Die Fakten sprechen für die Impfung, ausreichend Impfstoff für alle Altersgruppen ist da.“ Wenn gewünscht, könnte eine Impfung noch in dieser Woche stattfinden. Regierungssprecher Steffen Seibert versicherte in Berlin, es werde für Schülerinnen und Schüler keine Pflicht zur Impfung geben. „Es bleibt dabei, was wir gesagt haben, dass es keinen Impfzwang gibt oder das Impfen nicht Bedingung für den Schulbesuch ist“, sagte er. News4teachers / mit Material der dpa
Einige Bundesländer haben als Reaktion auf die Empfehlung der Ständigen Impfkommission angekündigt, Impfaktionen an Schulen jetzt aufnehmen beziehungsweise verstärken zu wollen. Wie in Mecklenburg-Vorpommern: Parallel zum bereits geplanten Impfstart an Schulen für Schüler ab 16 Jahren am morgigen Dienstag werde eine Befragung jüngerer Schüler zu deren Impfbereitschaft erfolgen. Das kündigte ein Sprecher des Bildungsministeriums in Schwerin an.
«Erstmals empfehlen die Fachleute ausdrücklich die Impfung von Kindern und Jugendlichen ab 12 Jahren», sagte Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD). Damit sei jetzt die Klarheit geschaffen, auf die viele Eltern, Kinder und Jugendliche, aber auch Ärztinnen und Ärzte lange gewartet hätten. «Hamburg wird deshalb zügig seine Impfangebote für Kinder und Jugendliche ausbauen und erstmals auch an den weiterführenden Schulen für alle Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren Impfangebote machen.»
«Wir sind der festen Überzeugung, dass die Impfung auch für die 12- bis 17-Jährigen eine große Chance ist», sagte Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne). Im Moment liege die Impfquote für Erstimpfungen in dieser Gruppe im Südwesten bei 23,9 Prozent.
Die Impfung für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren werde nun grundsätzlich in allen Impfzentren möglich sein. Dort seien bereits Impfungen in der Regel ohne Termin und bei vielen Vor-Ort-Impfaktionen auch direkt im eigenen Stadtteil, am Freibad oder beim Einkaufen möglich. Auch viele Haus- und Kinderärzte böten bereits Impfungen auch für diese Gruppe an. Lucha geht davon aus, dass dies nach der neuen Empfehlung noch deutlich mehr niedergelassene Ärzte tun werden. Ob zusätzlich zu den vorhandenen Impfangeboten nach dem Schulstart Mitte September noch spezielle Impfaktionen an und mit Schulen oder andere Impfaktionen speziell für 12- bis 17-Jährige notwendig sein werden, werde geprüft in Abstimmung mit dem Kultusministerium, so Lucha.
«Wichtiger Baustein unserer vielfältigen Maßnahmen für einen sicheren Schulbetrieb und den angestrebten Präsenzunterricht»
«Diese Entscheidung ist ein weiterer wichtiger Baustein unserer vielfältigen Maßnahmen für einen sicheren Schulbetrieb und den angestrebten Präsenzunterricht nach den Sommerferien», erklärte Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU).
Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Linke) begrüßte die erweiterte Empfehlung als «außerordentlich wichtig». Er appellierte an die Eltern, ihre Kinder impfen zu lassen. «Jetzt gilt es, dass sich möglichst viele Kinder und Jugendliche dieser Altersgruppe freiwillig impfen lassen.» Denn je höher die Impfquote, desto sicherer seien die Schulen.
Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) sieht den Kurs der Landesregierung angesichts der Stiko-Entscheidung bestätigt. Die Empfehlung gebe Rückenwind bei der geplanten Umsetzung von Impfangeboten in Schulen. «Rund um den Schulstart möchten wir weitere freiwillige Angebote machen, damit Jugendliche vor dem Coronavirus bestmöglich geschützt sind, ein Leben in größtmöglicher Normalität verbringen können und ein weiterer Beitrag zur Absicherung von Präsenzunterricht erreicht wird», teilte Tonne mit.
Gesundheitsministerin Daniela Behrens (SPD) zeigte sich in einer Stellungnahme zuversichtlich, dass die Stiko-Empfehlung einen weiteren Schub für die Impfkampagne geben könne. «Wenn wir gut durch die vierte Welle kommen wollen, müssen wir die Impfquote in allen Altersgruppen steigern. Ich bin optimistisch, dass die Nachfrage in der Altersgruppe 12 bis 17 Jahre jetzt noch einmal deutlich steigen wird», erklärte Behrens. Letztendlich bleibe die Impfung ein Angebot und sei eine Entscheidung in der Familie.
