HEIDELBERG. Seit Jahren dominieren Schlagzeilen über Leistungsrückgänge, psychische Belastungen und strukturelle Defizite die Bildungsdebatte. Nun versucht „Spektrum der Wissenschaft“, den Blick zu drehen: Weg von der Diagnose des Mangels, hin zu einem wissenschaftlich fundierten Zukunftsbild von Schule. In einem aufwendigen Redaktionsprojekt haben 17 Bildungsforscherinnen und -forscher Leitlinien für eine „Schule der Zukunft“ formuliert – und verbinden damit einen klaren Anspruch an Politik und Gesellschaft.

Die öffentliche Diskussion über Schule kreist seit Langem um Defizite. Internationale Vergleichsstudien wie PISA und nationale Erhebungen wie die IQB-Bildungstrends dokumentieren Leistungsrückgänge, insbesondere in den Basiskompetenzen. Zugleich berichten Lehrkräfte über wachsende Heterogenität, steigende psychische Belastungen von Schülerinnen und Schülern sowie über strukturelle Engpässe, die von Personalmangel bis zu unzureichender Infrastruktur reichen. Vor diesem Hintergrund hat „Spektrum der Wissenschaft“ ein Projekt angestoßen, das bewusst nicht bei der Problembeschreibung stehen bleiben will.
Prof. Dr. Carsten Könneker, Redaktionsleiter Psychologie und Social Sciences und langjähriger Chefredakteur des Magazins, beschreibt die Ausgangslage zugespitzt: „Wer steckt tiefer im Schlamassel: die Deutsche Bahn oder die deutschen Schulen? Lehrkräfte, Eltern, Psychologen, Schüler – viele verdrehen nur noch die Augen.“ Die Aufzählung der bekannten Probleme – „Schlechte Infrastruktur, veraltete Lehrpläne, kurze Aufmerksamkeitsspannen, nachlassende Leistungen, mehr psychische Diagnosen …“ – sei mittlerweile ritualisiert. Doch, so Könneker, die entscheidende Frage laute anders: „Doch müssten wir nicht wissen, wie Schule besser geht?“
Die Wissenschaft, betont er, liefere seit Jahren Erkenntnisse darüber, „wann Lernen gelingt, was guten Unterricht ausmacht und wie eine positive Schulkultur entsteht“. Unterschiedliche Disziplinen – von der Erziehungswissenschaft über die pädagogische Psychologie bis zur Bildungssoziologie – arbeiteten kontinuierlich an diesen Fragen. Hinzu komme das Erfahrungswissen aus der Schulpraxis. Gleichwohl fehle es in der öffentlichen Debatte häufig an einem konsistenten, positiv formulierten Zukunftsbild.
Vor diesem Hintergrund hat die Redaktion 17 „führende deutsche Bildungsexpertinnen und -experten“ gebeten, ein solches Bild zu entwerfen. Nach Angaben Könnekers handelt es sich um „das redaktionell aufwendigste Einzelprojekt in fast 50 Jahren ‚Spektrum der Wissenschaft‘“. Ziel sei es, „den Klagen über den Status quo einmal ein konstruktives Zukunftsbild entgegenzusetzen“. Das Ergebnis liegt in Form von „eng aufeinander abgestimmten Denkanstößen“ vor, die in einer Artikelreihe unter dem Titel „Schule neu denken“ veröffentlicht werden.
“Schule muss sich neu erfinden, sonst passen gesellschaftliche und schulische Wirklichkeit irgendwann nicht mehr zusammen”
Einer der beteiligten Wissenschaftler ist Prof. Dr. Kai Maaz, Geschäftsführender Direktor des DIPF Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation. Er spricht von der Notwendigkeit eines „ernsthaften Kultur- und Strukturwandel[s] im gesamten System, in Bildung und Gesellschaft“. Transformation bedeute „weit mehr als Prüfungsreformen oder die Anschaffung von Tablets“. Schule müsse sich „neu erfinden, sonst passen gesellschaftliche und schulische Wirklichkeit irgendwann nicht mehr zusammen“.
Maaz verbindet seine Diagnose mit konkreten Leitlinien. Schulen müssten sich zu „lernenden Organisationen“ entwickeln, in denen Kooperation das „Einzelkämpfertum“ ersetze und „Daten und Feedback“ nicht als Kontrollinstrumente, sondern als „Treibstoff für Entwicklung“ verstanden würden. Eine evidenzorientierte Steuerung eröffne neue Möglichkeiten gezielter Weiterentwicklung. Gleichzeitig hebt er die Bedeutung der Schulkultur hervor: „Strukturen lassen sich verordnen, Kultur nicht.“ Ohne Vertrauen, Beteiligung und eine Haltung, die Fehler als Lernchancen begreife, bleibe Veränderung oberflächlich.
Zentral ist für Maaz zudem der Anspruch, soziale Ungleichheit nicht weiter zu reproduzieren. „Das deutsche Schulsystem reproduziert soziale Ungleichheiten“, schreibt er. Transformation müsse „faire Teilhabe“ ermöglichen; „Gerechtigkeit ist keine Gegenposition zu Leistung, sondern ihre Voraussetzung.“ Leistung dürfe nicht auf Noten verengt werden, vielmehr müsse Schule „Spitzenleistungen ermöglichen und zugleich Vielfalt in der Breite fördern“. Schließlich sei Transformation eine „gesamtgesellschaftliche Aufgabe“: „Gute Schule entsteht, wenn Gesellschaft ihren Wert erkennt und sie aktiv unterstützt.“
Die Frage, wie Schule mit der digitalen Transformation umgehen soll, steht im Zentrum des Beitrags von Prof. Dr. Uta Hauck-Thum, Inhaberin des Lehrstuhls für Grundschulpädagogik und Grundschuldidaktik an der LMU München. Sie beschreibt Digitalisierung als tiefgreifenden kulturellen Prozess, der „Wahrnehmung, Beziehungen, Identität und Kommunikation“ verändert. Die Schule der Zukunft müsse Kinder und Jugendliche befähigen, „digitale Souveränität“ zu entwickeln. Sie sollen „nicht nur Nutzerinnen und Nutzer sein, sondern auch informierte, kritische und handlungsfähige Gestalterinnen und Gestalter“.
Dazu gehöre eine verlässliche Infrastruktur ebenso wie die Vermittlung grundlegender Kompetenzen. Lesen, Schreiben, mathematische Grundlagen sowie soziale und emotionale Kompetenzen blieben zentral. Ergänzend fordert Hauck-Thum ein „grundlegendes Technologieverständnis – etwa zur Funktionsweise großer Sprachmodelle (Large Language Models), wie sie in KI-Chatbots eingesetzt werden“. Angesichts fortschreitender Digitalisierung gehe es verstärkt um die Fähigkeit, „das eigene Mediennutzungsverhalten zu reflektieren, gegebenenfalls zu verändern und Informationsquellen im Netz kritisch zu hinterfragen“.
Lehrkräfte müssten sich kontinuierlich über technologische Entwicklungen informieren und in multiprofessionellen Teams zusammenarbeiten. Mehr Raum für projektorientiertes Lernen sei erforderlich, damit Schülerinnen und Schüler erleben könnten, „dass ihr Beitrag von Bedeutung ist und im Rahmen eines gemeinschaftlichen Projekts einen Unterschied machen kann“. Digitale Medien eröffneten neue Ausdrucksformen und unterstützten individuelles sowie selbstreguliertes Lernen.
„Die Schule der Zukunft nutzt die Daten aus dem Bildungsmonitoring und aus Vergleichsarbeiten, um die eigene Arbeit zu verbessern“
Einen weiteren Schwerpunkt setzt Prof. Dr. Olaf Köller, Wissenschaftlicher Direktor am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel. Er betont die Bedeutung systematisch erhobener Daten für die Schul- und Systementwicklung. Die Schule der Zukunft sei „darüber im Bilde, wie leistungsfähig sie ist“. Dazu nutze sie „systematisch erhobene Daten“. Neben Lernstandserhebungen verweist er auf internationale Studien wie PISA sowie auf die IQB-Bildungstrends, die regelmäßig den Leistungsstand in verschiedenen Fächern erfassen und damit bundesweit vergleichbare Maßstäbe setzen.
Entscheidend ist für Köller jedoch nicht allein die Erhebung dieser Daten, sondern ihre professionelle Nutzung. „Die Schule der Zukunft nutzt die Daten aus dem Bildungsmonitoring und aus Vergleichsarbeiten, um die eigene Arbeit zu verbessern: Schulleitungen und Steuergruppen nutzen die Befunde für eine gezielte Schul- und Unterrichtsentwicklung. Die Lehrkräfte nehmen die Ergebnisse zum Anlass, ihre Unterrichtspraxis zu überprüfen und zu erkennen, bei welchen Schülerinnen und Schülern zusätzlicher Förderbedarf besteht.“ Damit beschreibt er einen Perspektivwechsel: Ergebnisse aus Vergleichsarbeiten oder groß angelegten Studien sollen nicht als externe Bewertung verstanden werden, sondern als Instrument interner Qualitätsentwicklung.
Köller zielt damit auf eine Form evidenzorientierter Schulsteuerung, in der Befunde aus Leistungsstudien systematisch in Entwicklungsprozesse einfließen. Wenn Monitoring-Daten beispielsweise anhaltende Schwächen im Bereich der Basiskompetenzen oder deutliche Disparitäten zwischen sozialen Gruppen sichtbar machen, sind diese nach seiner Vorstellung Ausgangspunkt für konkrete Maßnahmen – von der Anpassung schulinterner Förderkonzepte über gezielte Fortbildungsentscheidungen bis hin zur Weiterentwicklung von Unterrichtssettings. Gerade im föderalen System, in dem sich Rahmenbedingungen zwischen den Ländern teils deutlich unterscheiden, schafft ein solches Monitoring Transparenz und Vergleichbarkeit. „So treten Leistungsdefizite, soziale Ungleichheiten und andere Probleme zutage – und Reformen gründen auf belastbaren Daten statt auf bloßen Annahmen.“
Die Professionalisierung des Lehrpersonals steht im Mittelpunkt des Beitrags von Prof. Dr. Ilka Parchmann, stellvertretende Wissenschaftliche Direktorin am IPN in Kiel. Sie beschreibt die Lehrkraft der Zukunft als Fachperson und Lernbegleitung zugleich. Um der Vielfalt der Schülerschaft gerecht zu werden, brauche es eine flexible Lehrkräftebildung mit modularen Angeboten und gezielter Einbindung von Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern. Auf Studium und Vorbereitungsdienst solle „eine echte Weiterbildungsphase“ folgen, in der junge Lehrkräfte von Teams aus Praxis und Hochschule begleitet würden.
Redaktionsleiter Könneker ordnet das Projekt von „Spektrum der Wissenschaft“ auch politisch ein. Bildung stehe „nicht nur in Jahren mit Landtagswahlen“ weit oben auf der Agenda, schreibt er. Schule sei „kein isoliertes Problem von Trägern, Lehrkräften und Familien mit Kindern“, sondern betreffe „die gesamte Gesellschaft und fordert unser langfristiges Engagement“. Die Sorge um ihre Zukunft müsse „ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken; zu oft reden wir über anderes“. Mit der Reihe wolle man „die Meinungsbildung darüber beflügeln, wie wir Schule gestalten wollen“. News4teachers
Hier geht es zu den Beiträgen der 17 Bildungsforscher*innen in “Spektrum der Wissenschaft”.
Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats „Schule der Zukunft“.
Auf wie viele Stunden Arbeit am Kind in der Schule im Jahr 2025 kommen diese ganzen Experten denn zusammen? Haben die Abseits des eigenen Abitur und wissenschaftlicher Leuchtturmprojekte mal eine Schule von innen gesehen? Vor allem in den letzten 10 Jahren?
Das sind ja alles nette Ideen, aber mein Tag hat auch nur 24 Stunden und meine Schüler heißen nicht Friedrich oder Emilia.
Wie oft haben Klimaforscher*innen denn schon mal im Regen und Schnee gesessen? Hier geht es um den Stand der internationalen Bildungsforschung – um ein Zielbild, das sich aus den Erkenntnissen weltweit ableiten lässt.
Dass die Bedingungen im deutschen Bildungssystem schlecht sind, heißt ja nicht, dass schlechte Bedingungen ein Naturgesetz in der Bildung wären. Wie andere Staaten (Kanada, Skandinavien, Niederlande, Japan u. a.) vormachen: Es geht auch anders.
Herzliche Grüße
Die Redaktion