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Lauterbach über Schulschließungen: “Es gab ein viel zu geringes Interesse, irgendetwas für die Kinder zu machen”

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BERLIN. Waren die Schulschließungen auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie ein Fehler? Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) befeuerte unlängst die Diskussion mit der Behauptung, im Nachhinein habe sich die Annahme, dass es in Schulen und Kitas zu vielen Infektionen komme, „nicht in dieser Form als richtig erwiesen“ – was der „Bild“ und anderen Medien die Begründung lieferte, ihre Kampagne gegen Schutzmaßnahmen in Bildungseinrichtungen wieder aufzunehmen. Lauterbach hat nun in einem „Spiegel“-Interview klargestellt, dass er lediglich die Länge der Schulschließungen habe kritisieren wollen, nicht die Schulschließungen an sich. Der Virologe und Regierungsberater Prof. Christian Drosten erklärt darin, es gehe aktuell um nichts Geringeres als „um eine handfeste Umdeutung“ der Realität.

Dieses Verdrehen von Tatsachen hat in der Pandemie erheblichen Schaden ausgelöst.”: Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). Foto: Shutterstock / Juergen Nowak

„Jetzt sagt es auch einer der Chef-Mahner: Während der Corona-Pandemie hätten Deutschlands Schulen nie geschlossen werden müssen! Das räumte der scheidende Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler (61), jetzt in einem Interview ein“ – schrieb die „Bild“-Zeitung vor drei Wochen. Was sie verschwieg: Wieler hatte Bedingungen dafür genannt, dass die Schulen hätten offen bleiben können – unter anderem Wechselunterricht. Und den wollten die Kultusminister seinerzeit auf gar keinen Fall (News4teachers berichtete).

So trommelt “Bild” aktuell gegen die Schutzmaßnahmen in Schulen. Screenshot

So geht es seit Wochen in „Bild“ – offensichtlich im Bemühen, Pflöcke schon für zukünftige Pandemien (oder weitere Corona-Wellen) einzuschlagen. „Experten sprechen von ‚krasser Fehlentscheidung“, behauptet das Blatt mit Blick auf die Schulschließungen. Oder: „Schul-Schließungen waren ‚ein Fehler‘! Lauterbach stellt Drosten an den Corona-Pranger“. Oder: „Jetzt amtlich: Corona-Regeln für Kinder waren falsch!“ Oder: „Die renommierten Statistiker der LMU München belegten hingegen, dass offenen Schulen sogar halfen, das Infektionsgeschehen zu kontrollieren!“

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Drosten sieht darin den Versuch, so betont er nun im gemeinsamen „Spiegel“-Interview mit Lauterbach, die Faktenlage umzudeuten. „Ich denke mir immer: Wie abwertend ist das den vielen Leuten gegenüber, die von Anfang an versucht haben, sich zu informieren und verantwortlich zu handeln? Die gesagt haben: Ich bleibe mit meinem Kind zu Hause, ich mache meine Kneipe zu? Wenn jetzt eine Gruppe von Journalisten im Nachhinein ankommt, die vollkommen oberflächlich mit der Thematik und aktuell aufkommenden Äußerungen dazu umgeht und irgendwas hinschreibt, was einfach nicht stimmt, die alles plötzlich infrage stellt, dann regt mich das auf. Es fällt mir schwer, die richtigen Worte für ein solches Verhalten zu finden. Genauso ist es mit der Diskussion über die Frage, ob die Maskenpflicht notwendig gewesen sei. Natürlich war die notwendig.“

Lauterbach: „Dieses Verdrehen von Tatsachen hat in der Pandemie erheblichen Schaden ausgelöst. Ohne Desinformationskampagne einiger Medien, Parteien, »Querdenker« und Wissenschaftler hätten wir eine deutlich höhere Impfquote bei den Älteren gehabt. Weniger Tote waren möglich.“

Was sind denn die Tatsachen? Drosten: „Die Wissenschaft zu diesem Thema ist seit zweieinhalb Jahren klar. Schon 2020 sah man in England, dass Kinder so häufig wie Erwachsene infiziert sind. Noch früher hatten wir unsere Viruslaststudie gemacht… (mit der Drosten im April 2020 gezeigt hatte, dass Kinder ähnlich viel Virus im Rachen tragen wie Erwachsene, d. Red.). Über diese Studie wurde damals zwar viel Unsinn geschrieben, aber wir haben einfach weitergemacht mit unserer Wissenschaft und die Studie später in »Science« publiziert. Die ist jetzt ein internationaler Meilenstein, und ihr Ergebnis unterdessen vielfach bestätigt worden.“

Lauterbach: „Von daher war ich von Anfang an auch für die Schulschließungen – obwohl meine eigene Tochter davon betroffen war. Eine ganz andere Frage ist aber: War es richtig, die Schulen so lange geschlossen zu halten? Darauf bezog sich meine Kritik in dem Interview.“

“Ich kann mich nicht erinnern, dass sich jemand hingestellt und gesagt hätte: Ja, wir werden viele Infektionen an der Schule haben, aber das können wir kompensieren”

Lauterbach kritisiert (indirekt) die Kinderärzte-Verbände und Kultusminister, die sich mit der Behauptung „Kinder sind keine Treiber der Pandemie“ gegen wirkungsvolle Schutzmaßnahmen in Schulen gestemmt hatten. „Psychologen, Pädagogen und Kinderinfektiologen haben vor allem gesagt, dass die Schulschließungen keinen Sinn ergäben, weil die Kinder nicht ansteckend seien. Ich kann mich nicht erinnern, dass sich jemand hingestellt und gesagt hätte: Ja, wir werden viele Infektionen an der Schule haben, aber das können wir kompensieren, indem wir stärker auf digitales Lernen, Abstand, Wechselunterricht und Luftfilter setzen. Die Stimmen, die eine Ansteckungsgefahr durch Kinder anerkannt haben und sich trotzdem gegen Schulschließungen ausgesprochen haben, waren nicht laut genug.“

Der heutige Bundesgesundheitsminister betont: „Es gab ein viel zu geringes Interesse, irgendetwas für die Kinder zu machen. Ich war damals leider noch nicht Minister, aber ich habe viele Vorschläge unterbreitet, um den Kindern zu helfen: Luftfilteranlagen, Wechselunterricht, kombinatorisches PCR-Testen – und einen qualitativ absolut hochwertigen Digitalunterricht. Für den hätten wir viel Geld zur Verfügung stellen müssen. Wenn die Inzidenz trotzdem hoch geblieben wäre, hätten wir auch Betriebsschließungen machen können. So sehe ich es zumindest im Rückblick.“

Warum er zuletzt aber selbst für Irritationen sorgte – und beispielsweise im November erklärte, Kitas seien “keine Treiber der Pandemie” (News4teachers berichtete) -, dazu findet sich im aktuellen Interview allerdings kein Wort. News4teachers

Hier geht es zum vollständigen Interview im “Spiegel”.

Schulschließungen unnötig? Lauterbach erntet Shitstorm – und greift nun die Kultusminister wegen fehlendem Schutz an

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