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Vom geworfenen Stuhl bis hin zur Hetzkampagne im Internet – Lehrkräfte sind häufig Gewalt ausgesetzt

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FRANKFURT/MAIN. Von Beleidigung bis Körperverletzung: Lehrkräfte werden immer häufiger Opfer von Gewalt im Klassenzimmer – und darüber hinaus: Auch zu Hause gab’s schon Belästigungen. Für Betroffene wird der Beruf somit zur emotionalen Belastung. Zu diesen Ergebnissen kommt eine aktuelle Studie aus Hessen. Das dortige Kultusministerium zeigt sich nicht gut informiert.

Jede fünfte Lehrkraft war Opfer eines körperlichen Angriffs. (Symbolfoto) Foto: Shuttertock

Sie werden in den sozialen Medien beleidigt, bis nach Hause verfolgt oder im Klassenzimmer mit Stühlen beworfen: Viele Lehrerinnen und Lehrer erfahren in ihrem Berufsalltag Gewalt. Das geht aus einer Studie des Instituts für Kriminologie der Universität Gießen hervor, die am Mittwoch in Frankfurt vorgestellt wurde.

Fast drei Viertel sind in ihrem Berufsleben demnach mindestens einmal beschimpft oder beleidigt worden, bei knapp 40 Prozent war das innerhalb der letzten zwölf Monate der Fall. Fast die Hälfte der Lehrkräfte wurde während ihres Berufslebens mindestens einmal verbal oder körperlich bedroht, 16 Prozent in den vergangenen zwölf Monaten.

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«Viele Lehrkräfte erleben in ihrer Berufslaufbahn unterschiedliche Arten von Gewalt und Aggression»

Für die Untersuchung im Auftrag des Deutschen Beamtenbunds (dbb) Hessen hatten im vergangenen Herbst 632 Lehrkräfte aus Hessen in einer Online-Befragung 83 Fragen beantwortet. Befragt wurden Pädagogen aller Schulformen, aber nur Mitglieder des dbb oder angegliederter Fachgesellschaften. «Viele Lehrkräfte erleben in ihrer Berufslaufbahn unterschiedliche Arten von Gewalt und Aggression», fasste die Gießener Kriminologin Prof. Britta Bannenberg die Ergebnisse zusammen. Besonders verbale Beschimpfungen oder Beleidigungen stünden hervor. Die emotionalen Auswirkungen auf die Betroffenen seien «enorm».

Von einer Beschimpfung, Beleidigung, Verleumdung oder Bedrohung über das Internet war etwa jede dritte Lehrkraft betroffen. Physische Gewalterfahrungen wurden seltener berichtet: Etwa jeder oder jede Fünfte war dennoch Opfer von mindestens einem körperlichen Angriff, vier Prozent innerhalb der letzten zwölf Monate. Eine Person berichtete sogar von einem Tötungsversuch.

Jeder zehnte Befragte gab an, im Laufe des Berufslebens angespuckt oder sexuell belästigt worden zu sein, gut ein Prozent innerhalb der letzten zwölf Monate. Von Sachbeschädigungen berichteten 17 Prozent im gesamten Berufsleben, knapp zwei Prozent in den zurückliegenden zwölf Monaten. Die beschriebene Aggression oder Gewalt geht den Ergebnissen zufolge von Schülerinnen und Schülern aus, aber auch von Eltern, anderen Schulbeschäftigten oder schulfremden Personen.

Bannenberg sprach konkrete Fallbeispiele an, bei welchen Lehrerinnen und Lehrer die «geballte Form der Belastung» zu spüren bekamen. In einem Fall habe eine Gruppe von Schülern eine Lehrkraft über ein Jahr lang in den sozialen Medien beleidigt und zudem zu Hause belästigt. In einem anderen Fall beteiligten sich auch Eltern und der Lehrkraft wurde gedroht, zu wissen, wo sie wohne. Eine andere Person schilderte, dass ein Schüler einen Stuhl warf, der den Kopf nur knapp verfehlte. In einem anderen berichteten Fall stand plötzlich eine Gruppe junger Männern in der Klasse, um einen Schüler aus dem Unterricht zu holen. Die Lehrkraft sei dabei von den Männern grob zur Seite geschoben worden.

Die Studie zeigt auch auf, dass zwar oft die Schulleitung nach Vorfällen informiert wird, selten aber das Schulamt. Eine Anzeige erfolgt nur in Ausnahmefällen. Laut Bannenberg und ihren Kollegen liege dies vor allem daran, dass die Schulen Ämtern wegen schlechter Unterstützung misstrauten.

«Der Umgangston ist rauer, Kritik wird häufig nicht sachlich vorgetragen, sondern persönlich und beleidigend»

Der dbb Hessen erklärte, die Ergebnisse zeigten, dass die Schulen unter Druck stünden. Viele Pädagogen berichteten von strukturellen Defiziten und wachsenden Problemen mit Gewalt und Aggressionen. Dabei spiele auch die Corona-Krise eine Rolle, sie sei aber keineswegs alleinige Ursache für die Schwierigkeiten. «Die Schule soll von allen als sicherer Ort empfunden werden, sowohl von Lehrern als auch von Schülern», sagte der dbb-Landesvorsitzende Heini Schmitt.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Hessen sieht Zeichen für eine «Verrohung der Gesellschaft». «Der Umgangston ist rauer, Kritik wird häufig nicht sachlich vorgetragen, sondern persönlich und beleidigend», sagte der Landesvorsitzende Stefan Wesselmann. «Das gilt für den persönlichen Kontakt, aber per E-Mail und Social Media scheinen oft gar keine Hemmschwellen mehr zu existieren.»

Aus Sicht des hessischen Kultusministeriums ist die Studie «nicht repräsentativ». Meldepflichtige Vorfälle stellten «in Hessen weiterhin Einzelfälle dar». Es lasse sich «kein steigender Trend bei diesen Vorfällen beobachten». Dennoch sei Gewalt gegen Lehrkräfte wie auch unter Schülerinnen und Schülern «sehr ernst zu nehmen».

Allerdings ist das hessische Kultusministerium offenbar nicht auf dem Laufenden. Wie aus den hessischen Polizeistatistiken hervorgeht, ist landesweit in den letzten zehn Jahren sehr wohl ein kontinuierlicher Anstieg von Straftaten gegenüber Lehrkräften an Schulen zu verzeichnen. Der Anstieg der Opferzahlen setzt danach im Jahr 2015 ein. Besonders auffällig sind die Jahre 2017, 2018 und 2019, in denen jeweils zwischen 89 und 98 Lehrkräfte betroffen waren. Für 2020 und 2021 gab es aufgrund der Corona-Pandemie ein Rückgang der Zahlen.

Die Statistik zeigt, dass Körperverletzungen einen erheblichen Teil der Straftaten gegenüber Lehrkräften ausmachen. Zu weiteren Straftaten zählen unter anderem Nötigungen, Bedrohungen und Nachstellungen. Grundsätzlich wird aber nur ein Teil dieser Straftaten angezeigt und damit der Polizei bekannt. News4teachers / mit Material der dpa

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