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Ist das normal? Schule veranstaltet Projekttage zum Thema Vielfalt – Zahl der Krankmeldungen schnellt in die Höhe

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FLENSBURG. Ein Gymnasium in Flensburg bietet kurz vor den Sommerferien Projekttage zum Thema Vielfalt an – und die Zahl der Krankmeldungen schnellt nach oben. Offenbar kein Einzelfall, wie Diskussionen im Netz nahelegen.

Kein Bock (Symbolfoto). Foto: Shutterstock

„Hallo, ich habe diese Woche eine Projektwoche, da ich nicht mit auf Klassenfahrt fahre und bin nicht hingegangen. Danach hat die Schule meine Eltern angerufen und jetzt soll ich mich im Sekretariat melden“, so schreibt ein Schüler auf dem Portal gutefrage.net (Fehler und fehlende Kommas im Original). „Deshalb brauche ich einen Rat wie ich es hin bekomme nicht zur Schule zu gehen ohne das es weiterhin auffällt. PS: meine Schule streng.“

Die Antworten fallen wenig verständnisvoll aus. „Eine Projektwoche stellt auch immer die Chance dar, Deine Talente zu beweisen. Warum nutzt Du sie nicht?“, so heißt es. Ein anderer meint: „Das wäre ziemlich ungerecht den anderen Schülern gegenüber, die zur Klassenfahrt gehen müssen und du dafür machen kannst, was du willst.“ Eine Lehrerin schreibt kurz und knapp: „Chronische Unlust entschuldigt nicht.“

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Mitunter aber offenbar schon, zumindest aus Elternsicht. Ob Selbstverteidigungskurs, Ballett für Jungs oder Gebärdensprachkurs – an einem Gymnasium in Flensburg standen in der vergangenen Woche, also kurz vor den Sommerferien, Projekttage rund um das Thema Diversität auf dem Programm. Dämpfer für die Organisatorinnen, wie der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag berichtet: Etwa 130 Schülerinnen und Schüler, knapp ein Fünftel der potenziellen Teilnehmerinnen und Teilnehmer, wurden von ihren Eltern an den Projekttagen krankgemeldet.

„Wir wollen die Themen sichtbar machen. Sie sollen nicht einfach wieder verpuffen“

Viele seien kurzfristig krankgemeldet worden, die meisten für genau die beiden Tage, an denen das Projekt stattfindet. Die Lehrerin, die die Projekttage zusammen mit einer Schulsozialarbeiterin, der Gleichstellungsbeauftragten und einer Referendarin zusammen organisiert hat, betont: „Das sind so viele, das ist nicht mehr normal. Es ist erschreckend, aber nicht überraschend.“ Die Zahlen müssen die vier erstmal sacken lassen, heißt es. Die Gleichstellungsbeauftragte meint: „Wir werden evaluieren, was das für uns bedeutet.“

Die projektleitende Lehrerin fügt hinzu, dass man einige Schülerinnen und Schüler vielleicht nie erreichen könne. Sie hofft aber, dass alle anderen von den Projekttagen etwas mitnehmen können: „Wir wollen die Themen sichtbar machen. Sie sollen nicht einfach wieder verpuffen.“

Weitere Angebote in der Projektwoche waren zum Beispiel Ballett für Jungs, ein Debattierclub, eine Einführung in die Gebärdensprache oder ein Deutschrap-Workshop. Schon seit etwa anderthalb Jahren gibt es an der Schule ein Projekt mit dem Titel „For Fairness“. Einmal pro Monat können sich Schülerinnen und Schüler hier treffen, um sich über verschiedene Themen auszutauschen – auf Initiative einer Schülerin hin. Der Anlass: Eine Lehrkraft habe eine gute Freundin von ihr aus dem Unterricht verwiesen, weil sie ein kurzes Oberteil trug und die Jungs damit ihrer Aussage nach „ablenken“ würde.

Aufgearbeitet worden sei diese Situationen nicht, so berichtet die Schülerin gegenüber der Zeitung. Sie wollte sich gegen Diskriminierung einsetzen – und so entstand die Gesprächsrunde „For Fairness“. Bisher sei das Angebot noch nicht so gut angenommen worden, räumt die Lehrerin ein. „Und die, mit denen man sich unterhalten müsste, kommen nicht.“ Deshalb sei die Idee entstanden, das Thema mit Projekttagen breit aufzuziehen und an alle Schülerinnen und Schüler heranzutragen.

Rechtspopulistische Medien überschlagen sich mit Häme: Projekttage für Vielfalt? Die fehlenden Schülerinnen und Schüler hätten sich der „rot-grünen Indoktrinierung“ entzogen, heißt es.

Dass allerdings beileibe nicht nur politische Gründe Pubertierende davor zurückschrecken lassen, sich an für sie ungewohnten Formaten zu beteiligen, macht folgender Dialog auf gutefrage.net deutlich (Fehler im Original): „Also an meiner Schule gibt es jedes Jahr kurz vor den Sommerferien eine Projektwoche. Letzte Woche hat dann jeder fünf Projekte gewählt und heute beginnt jetzt die Projektwoche. Mein Problem ist das mein 5.Wunsch genommen wurde als Projekt – also  Tanzen halt und ich das eigentlich gar nicht wollte. Hab das auch der Lehrerin gesagt, die hat sich auch bemüht mich in einen Kurs den ich möchte zu stecken. Problem ist, die sind alle voll und ich habe absolut kein Talent und auch keine Lust für das Tanzen. Werde heute auf jeden Fall hingehen und einmal mitmachen. Aber meint ihr, dass wäre theoretisch schlimm, die restlichen 4 Tage dann zu Schwänzen?“

Eine Lehrkraft antwortet diplomatisch: „Es ist ein kurzes Projekt, das du selbst gewählt hast. Warum auch immer. Was wäre denn so schlimm daran, einfach hinzugehen und mitzumachen? Es gibt keinen Druck, keine Noten, und du kannst selbst entscheiden, ob du dich mies fühlst, weil andere talentierter sind, oder dich einfach drauf einlässt und Spaß hast. Je weniger du vorher kannst, desto mehr kannst du lernen!“

Ob der Schüler dann doch teilnahm, ist nicht dokumentiert. News4teachers

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