BERLIN. Zahlreiche wissenschaftliche Daten und Berichte aus der Praxis belegen: Das Kita-System ist stark belastet und steht kurz vor dem Kollaps. Vor diesem Hintergrund haben vier Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Disziplinen einen Aufruf zum Handeln gegen die „Kita-Krise“ initiiert, der nun mit über 300 Mitzeichnungen veröffentlicht wurde. Der Aufruf mit dem Titel „Überlastung, Stress und Erschöpfung in vielen Kitas“ richtet sich an politisch Verantwortliche, insbesondere auf Bundesebene.
In ihrem Aufruf zum Handeln gegen die „Kita-Krise“ fordern die Initiatorinnen und Initiatoren vom Bund, mit einem Sondervermögen zusätzliche Finanzierungsmittel für weitere Qualitätsverbesserungen aufzuwenden. Außerdem fordern sie, in Bundesländern, wo ein Rückgang der Kinderzahlen zu verzeichnen ist, die freiwerdenden Ressourcen in die Verbesserung des Fachkraft-Kind-Schlüssels zu investieren, Kitas mit einem hohen Anteil von Kindern, die besonders von sozialer Benachteiligung betroffen sind, personell und materiell besser auszustatten sowie die Zusammenarbeit mit Wissenschaft und Forschung zu stärken, um den Qualitätsprozess kritisch-konstruktiv begleiten zu lassen.
Bezugnehmend auf den aktuellen Kita-Bericht des Paritätischen Gesamtverbandes (News4teachers berichtete) heißt es in dem Papier: „Er zeigt sehr deutlich, dass sich zwischen 2021 und 2023 die Rahmenbedingungen in den meisten Einrichtungen drastisch verschlechtert haben. 68 Prozent der Befragten können mit dem tatsächlichen Personalschlüssel nicht angemessen auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen. Insbesondere Kitas in benachteiligten Sozialräumen gaben an, dass sie besonders davon betroffen sind, aufgrund des gegenwärtigen Personalschlüssels und auch der räumlich-materiellen Ausstattung nicht adäquat auf die Bedürfnisse der Kinder reagieren zu können. Fast die Hälfte der Teilnehmenden machte sogar deutlich, dass die bereitgestellten Finanzmittel nicht ausreichen, den Kindern eine ausgewogene Ernährung zu gewährleisten. Das sind eindeutig wenig bedürfnisorientierte und entwicklungsförderliche Tendenzen.“
„Die Kinder zeigen Formen von Erschöpfung und Unwohlsein – und das liegt unter anderem am Personalmangel und an überfüllten Gruppen“
Die aktuelle Situation widerspreche grundlegend den Grundbedürfnissen und Rechten von Kindern, so meinen die Autorinnen und Autoren: „Kinder brauchen stabile Bezugspersonen in verlässlichen Strukturen, die pädagogisch qualifiziert sind und passgenau auf die individuellen Bildungs- und Entwicklungsbedürfnisse und -bedarfe von Kindern eingehen können. Die Folgen für Kinder, Eltern, Fachkräfte und die gesamte Gesellschaft sind jetzt schon durch eine Zunahme psychischer Auffälligkeiten sowie eine wachsende Bildungslücke – insbesondere bei von Armut betroffenen oder bedrohten Kindern – fast irreparabel.“
Die vier Initiatorinnen und Initiatoren des Aufrufs sind Rahel Dreyer, Professorin für Pädagogik und Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre an der Alice Salomon Hochschule Berlin, Jörg Maywald, Honorarprofessor für Kinderrechte und Kinderschutz an der Fachhochschule Potsdam, Dr. med. Michael Schulte-Markwort, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Medical School Hamburg und Ivonne Zill-Sahm, Professorin für Erziehung und Bildung im frühen Kindesalter an der Evangelischen Hochschule Dresden.
„Seit der Corona-Pandemie hat die Arbeitsbelastung von pädagogischen Fachkräften in Kitas stetig zugenommen. Sie gehören zu den Berufsgruppen mit den meisten Krankentagen, insbesondere wegen Erkrankungen der Psyche. Die psychische Gesundheit der Fachkräfte wirkt sich nachweislich auf die Gesundheit der Kinder aus. Die Kinder sind häufig gestresst und zeigen Formen von Erschöpfung und Unwohlsein – und das liegt unter anderem am Personalmangel und an überfüllten Gruppen“, so Rahel Dreyer.
„Es gibt klare Hinweise auf erhöhte Spannungen in den Familien und einen Anstieg familiärer Gewalt“
Michael Schulte-Markwort ergänzt: „Auch in den Familien sind die Belastungen enorm gestiegen. Nach den großen Einschränkungen durch die Kita-Schließungen während der Corona-Pandemie bringt nun die Kitakrise mit reduzierten Öffnungszeiten bis hin zur Schließung von Gruppen und ganzen Einrichtungen viele Familien ans Limit. Es gibt klare Hinweise auf erhöhte Spannungen in den Familien und einen Anstieg familiärer Gewalt.“
Investitionen in Kitas würden sich dagegen auch volkswirtschaftlich lohnen, wie Ivonne Zill-Sahm betont. „Die bildungsökonomische Forschung der letzten Jahre hat gezeigt, dass vor allem frühkindliche Bildungsangebote langfristig wirksam sind, weil Kinder davon über ihr gesamtes Leben profitieren. Dies hat auch positive volkswirtschaftliche Auswirkungen, da jeder investierte Euro durch zum Beispiel höhere Steuer- und Sozialversicherungseinnahmen drei- bis vierfach für die Gesellschaft zurückkommt.“ News4teachers
Hier geht es zu dem vollständigen Aufruf.
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