BERLIN. Die Bundesbildungsministerin spricht in einem Interview über ihre jüdischen Wurzeln – und die Notwendigkeit, in Kitas und Schulen frühzeitig gegen Antisemitismus und Rassismus anzuarbeiten. «Kinder müssen Empathie lernen», sagt die CDU-Vize-Bundesvorsitzende – und geht bei manchen Themen auf Distanz zu ihrem Parteivorsitzenden.
Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) hat sich kritisch zur Entscheidung vom Januar geäußert, einen CDU-Antrag zur Migrationspolitik nur mit den Stimmen der AfD im Bundestag zu beschließen. «Ich hatte große Probleme damit, ich hatte vorab intern davon abgeraten. Es war eine Entscheidung der Fraktion», sagte Prien in einem «Spiegel»-Interview.
Die Abstimmung hatte scharfe Kritik nach sich gezogen, weil damit erstmals eine Entscheidung im Parlament nur mit den Stimmen der AfD zustande kam. Die Wochen vor der Bundestagswahl mit polarisierten Debatten hätten dem Land «gesellschaftlich nicht gutgetan», meinte Prien.
Die Ministerin und Vize-Bundesvorsitzende der CDU räumte auch Unbehagen über frühere Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ein – zum Beispiel seine Aussage von 2023, Söhne von Migranten seien «kleine Paschas». Dennoch habe sie ihn unterstützt. «Ich muss nicht alles rechtfertigen. Aber ich war ab einem bestimmten Zeitpunkt überzeugt, dass Merz jetzt, auch im Vergleich zu anderen Kandidaten, in der Union der bessere Kanzler sein würde.»
Prien ist die erste Bundesministerin, die öffentlich ihre jüdischen Wurzeln thematisiert – während gleichzeitig Antisemitismus in Deutschland wieder zunimmt. «Ich gestatte mir keine Ängstlichkeit. Wer Angst hat und die zeigt, hilft Extremisten und Antisemiten, ihre Ziele zu erreichen.» Die 59-Jährige war im Alter von vier Jahren mit ihren Eltern von Amsterdam, wohin der Großvater auf der Flucht vor den Nazis emigriert war, nach Deutschland gekommen. «Meine Verwandten sind entweder umgebracht worden oder ausgewandert.» Die Juristin war vor ihrem Amtsantritt auf Bundesebene seit 2017 Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Schleswig-Holstein gewesen.
«Es geht darum, Ausgrenzung und Verfolgung zu thematisieren. Damit fängt es an»
Angesichts des Nahost-Konflikts und verstärkten Anfeindungen gegenüber Juden, aber auch Muslimen plädiert sie nun dafür, dass sich in den Schulen mehr mit der Geschichte Israels beschäftigt wird. «Es geht darum, Ausgrenzung und Verfolgung zu thematisieren. Damit fängt es an.» Dann könnten Schülerinnen und Schüler diesen Konflikt differenzierter und objektiver einschätzen. «Ich kenne Schulen, an denen dies sehr gut gelungen ist. Insofern: Da kann man viel machen, aber da muss man auch viel machen.»
Wie könne das konkret aussehen? «Man muss Jugendlichen den richtigen Zugang zu dem Thema öffnen. Einen syrischen Jungen, der vor dem Assad-Regime geflüchtet ist, muss ich nicht fragen, was seine Familie während der Nazizeit erlebt hat. Aber ich kann deutlich machen, welche Parallelen es womöglich zwischen seiner eigenen und der Fluchtgeschichte jüdischer Familien im Nationalsozialismus gibt.»
Jede Schülerin und jeder Schüler solle gut vorbereitet eine Gedenkstätte besuchen. Prien betonte aber auch: «Kein Mensch wird Antifaschist oder vom Antisemitismus “geheilt”, wenn er einmal durch die Gedenkstätte von Auschwitz gejagt wird. Ein kluger Mensch hat mal gesagt, KZ-Gedenkstätten seien keine antifaschistischen Durchlauferhitzer.»
Man müsse vor solchen Besuchen verstehen, wie Faschismus anfängt, menschlich, psychologisch und historisch. Prien: «Ende des 19. Jahrhunderts und bis Anfang der Dreißigerjahre gab es in Deutschland bereits einen fruchtbaren Boden für Antisemitismus, der sich auf Stereotypen stützte. Hitler, Goebbels und deren Schergen konnten ihre Saat darauf ausbringen. Ohne diesen Nährboden hätten sie kein so leichtes Spiel gehabt.»
Es wäre naiv zu glauben, dass gesellschaftliche Stimmungen und Konflikte vor dem Schultor haltmachten. «Aber genau hier haben wir die Chance, frühzeitig gegenzusteuern. Am besten schon in den Kindergärten. Kinder müssen Empathie lernen. Das ist vielleicht noch viel wichtiger. Wer Empathie hat, grenzt andere Menschen nicht wegen ihrer Herkunft aus», erklärt die Bundesbildungsministerin. News4teachers / mit Material der dpa
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