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Jeder Zehnte ohne Abschluss: Bildungsminister bringt weitere Absenkung der Standards ins Gespräch – Kapitulation?

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MAGDEBURG. Sachsen-Anhalt weist bundesweit die höchste Quote von Schulabgängern ohne Abschluss auf. Bildungsminister Riedel will gegensteuern und kündigt weitere Anpassungen der Anforderungen an. Dabei hatte das Land die Standards bereits 2024 deutlich gesenkt: Auch mit zwei Fünfen wird seitdem ein Hauptschulabschluss noch vergeben. Wie tief lassen sich Standards weiter reduzieren, ohne dass dies einer Kapitulation des Bildungssystems gleichkommt?

Kapitulation? (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Im vergangenen Jahr haben 1.761 Schülerinnen und Schüler die Schulen in Sachsen-Anhalt verlassen, ohne wenigstens einen Hauptschulabschluss zu erreichen. Das teilten das Statistische Landesamt und das Bildungsministerium mit. Der Anteil liegt bei gut 9,3 Prozent – betroffen ist damit fast jeder zehnte Schulabgänger. Kein anderes Bundesland weist derzeit eine höhere Quote auf.

Damit fügt sich Sachsen-Anhalt allerdings in einen bundesweiten Trend ein, der Bildungspolitik und Schulen seit Jahren unter Druck setzt. In ganz Deutschland ist die Zahl der Jugendlichen ohne Schulabschluss zuletzt deutlich gestiegen. Im Schuljahr 2023/2024 verließen rund 62.000 Schülerinnen und Schüler die Schule ohne Hauptschulabschluss oder vergleichbares Zeugnis. Das entspricht 7,8 Prozent aller Abgängerinnen und Abgänger – so viele wie seit rund zehn Jahren nicht mehr. Sachsen-Anhalt liegt damit deutlich über dem Bundesdurchschnitt.

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Bildungsminister Jan Riedel (CDU) sieht angesichts der Zahlen akuten Handlungsbedarf. „Wir müssen runter von der hohen Quote, nicht nur bei ausländischen Kindern“, sagte er der Volksstimme. Gerade unter Schülerinnen und Schülern mit ausländischer Staatsangehörigkeit ist der Anteil der Jugendlichen ohne Abschluss besonders hoch. Zuletzt lag er nach Angaben aus dem Bildungsministerium bei 38 Prozent. Zugleich betont Riedel, dass es sich nicht um ein Randphänomen handelt, sondern um ein strukturelles Problem, das auch deutsche Schülerinnen und Schüler betrifft.

„Mit der Anpassung der Standards für den Hauptschulabschluss wollen wir jungen Menschen einen anerkannten Abschluss ermöglichen und sie nicht ohne Perspektive aus dem System entlassen“

Um gegenzusteuern, setzt das Bildungsministerium auf neue Wege zum Hauptschulabschluss. Künftig soll dieser Abschluss auch an Förderschulen möglich sein – mit angepassten Standards. Außerdem sollen Kinder und Jugendliche mit Zuwanderungsgeschichte stärker gefördert werden. Ziel sei es, realistische Abschlusschancen zu eröffnen. „Mit der Anpassung der Standards für den Hauptschulabschluss wollen wir jungen Menschen einen anerkannten Abschluss ermöglichen und sie nicht ohne Perspektive aus dem System entlassen“, sagte Riedel.

Als eine der Hauptursachen für die hohe Abbrecherquote benennt der Bildungsminister den gravierenden Lehrermangel im Land. Besonders betroffen seien Förderschulen. Dort verbleibe fast die Hälfte der Schülerinnen und Schüler ohne Abschluss. Mehr Inklusion im regulären Unterricht hält Riedel derzeit für kaum realisierbar. „Für gelingende Inklusion braucht man einen ausreichenden Personalschlüssel und Team-Unterricht. Diese Möglichkeiten haben wir in der aktuellen Personallage aber in den allermeisten Fällen schlicht nicht“, sagte der Minister.

Wenn Riedel nun erneut von einer „Anpassung der Standards“ spricht, knüpft er allerdings an Entscheidungen an, die bereits vor einiger Zeit getroffen wurden. Schon im Sommer 2024 hatte das Bildungsministerium die Anforderungen für den Hauptschulabschluss deutlich gesenkt. Weitgehend unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit wurden die neuen Regelungen im August eingeführt. Seitdem ist der Hauptschulabschluss in Sachsen-Anhalt auch mit zwei Fünfen in Mathematik und Deutsch möglich, sofern in einem anderen Fach mindestens eine Drei erreicht wird. Selbst mit einer Sechs in einem Fach kann der Abschluss erlangt werden, wenn in einem anderen Fach eine Zwei auf dem Zeugnis steht. Separate Abschlussprüfungen sind für den Hauptschulabschluss im Land nicht vorgesehen.

Das Bildungsministerium begründete diesen Schritt mit einem bundesweiten Vergleich. Ein Ministeriumssprecher erklärte seinerzeit, man habe die Anforderungen anderer Länder geprüft und festgestellt, dass Sachsen-Anhalt zuvor vergleichsweise hohe Maßstäbe angelegt habe. „Mit der Maßnahme justiert das Ministerium für Bildung nach und nähert sich nun dem bundesdeutschen Schnitt an – natürlich unter Einhaltung der entsprechenden Standards“, sagte der Sprecher. Unter Berufung auf mehrere Studien, unter anderem der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2023, betonte er: „Das Kompetenzniveau der Absolvierenden in Sachsen-Anhalt liegt im bundesdeutschen Mittel.“ Kritik und Befürchtungen könne das Ministerium daher nicht nachvollziehen.

Diese Einschätzung stieß auf breite Kritik. Aus der Wirtschaft hieß es, das Problem werde nicht gelöst, sondern lediglich verschoben. Die Geschäftsführerin der IHK-Bildungsakademie Magdeburg, Stefanie Klemmt, sagte gegenüber dem MDR: Die Schere zwischen dem Wissen der Absolventen und den Anforderungen in den Ausbildungsberufen gehe immer weiter auseinander. Die Absenkung der Notenanforderungen ändere nichts an den Kompetenzen. „Die Problemverlagerung in die Unternehmen bleibt bestehen.“ Ähnlich äußerte sich der Sprecher der Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände Sachsen-Anhalt, Jan Pasemann. „Das kann nicht der Anspruch sein“, sagte er. Die Unternehmen seien seit vielen Jahren der Reparaturbetrieb der Schule. Entscheidend sei letztlich, „so viel Unterricht wie möglich zu erteilen“.

Die Bildungsgewerkschaft GEW warnte ebenfalls vor den Folgen der Lockerung. Statt die Anforderungen zu senken, müsse die Förderung verbessert werden. GEW-Landeschefin Eva Gerth sagte dem MDR, es brauche vor allem eine bessere Unterrichtsversorgung, damit die Wirtschaft am Ende „mit den Schulabgängern etwas anfangen kann“.

Unabhängig von der Debatte um Standards verweisen Bildungsforscher seit Jahren auf strukturelle Ursachen der hohen Abbrecherquoten – insbesondere in ostdeutschen Bundesländern. Ein erheblicher Teil der Jugendlichen ohne Abschluss kommt aus Förderschulen. Bundesweit betrifft das etwa die Hälfte der Schulabgängerinnen und Schulabgänger ohne anerkannten Abschluss. An Förderschulen für geistige und Lernbehinderungen sind keine regulären Schulabschlüsse vorgesehen. Die Jugendlichen verlassen diese Schulen regulär, verfügen anschließend aber in der Regel über keinen anerkannten Abschluss und gelten damit faktisch als abschlusslos. In Sachsen-Anhalt ist der Anteil der Schülerinnen und Schüler an Förderschulen besonders hoch, was sich unmittelbar in der Statistik niederschlägt.

„Bundesweit kommt die Hälfte der Schülerinnen und Schüler, die keinen Schulabschluss haben, aus Förderschulen“

Programme zur Vermeidung von Schulabbrüchen setzen jedoch überwiegend an den nicht-gymnasialen Schulformen des allgemeinen Bildungssystems an und erreichen Förderschulen kaum. Bildungsforscher Klaus Klemm nennt das ein zentrales Defizit. „Ein wesentliches Manko dieser Programme ist, dass sie einen Punkt außer Acht lassen: Bundesweit kommt die Hälfte der Schülerinnen und Schüler, die keinen Schulabschluss haben, aus Förderschulen“, sagte Klemm gegenüber dem MDR. Die Programme richteten sich jedoch „im Wesentlichen an die nicht-gymnasialen Schulformen des allgemeinen Bildungssystems“.

Weitere Ursachen für Schulabbrüche in Sachsen-Anhalt (und andernorts) hat eine Studie aufgezeigt, die das Bildungsministerium selbst bereits 2020 in Auftrag gegeben hat. Im Projekt SEASA untersuchte ein Forschungsteam der Universität Magdeburg schulische und unterrichtliche Einflussfaktoren auf Schulerfolg und Schulabbruch an Sekundar- und Gemeinschaftsschulen. Projektleiterin Prof. Raphaela Porsch erklärte gegenüber dem Deutschen Schulportal, Ziel der Studie sei es gewesen, „Indikatoren für Ursachen des Schulabbruchs zu finden und daraus Handlungsempfehlungen für Schulen abzuleiten“.

Ein zentrales Ergebnis: Dem Schulabbruch geht häufig Schulabsentismus voraus. „Die Wahrscheinlichkeit, die Schule ohne Schulabschluss zu verlassen, steigt mit einer höheren Anzahl an Fehltagen“, sagte Porsch. Als schulische Risikofaktoren nannte sie unter anderem Disziplin- und Gewaltprobleme sowie ein negatives Lernumfeld. „In Bezug auf Schule und Unterricht wirken sich zum Beispiel Disziplin- und Gewaltprobleme an Schulen negativ aus.“ Auch Unterrichtsqualität spiele eine entscheidende Rolle. „Ein wichtiger Aspekt für Schülerinnen und Schüler ist, ob sie die Lehr- und Lernmethoden als adäquat und das Lernangebot als attraktiv betrachten.“

Besonders deutlich wurde in der Studie der Zusammenhang zwischen Schulklima, persönlichen Beziehungen und Abbrecherquote. Schulen mit niedrigen Abbruchraten zeichneten sich durch weniger Mobbing, weniger aggressives Verhalten und eine stärkere soziale Integration aus. „Damit geht einher, dass die Schülerinnen und Schüler sich ihrer Schule und ihrer Klasse stärker zugehörig und dort sozial integriert fühlen“, sagte Porsch. Zudem zeigten Lehrkräfte an diesen Schulen ein höheres Engagement, der Unterricht sei schülerorientierter und stärker individualisiert. Auch der Elternarbeit komme dort eine größere Bedeutung zu.

Genau an diesem Punkt berühren sich die Befunde der Bildungsforschung mit der Diagnose des Bildungsministers. Wenn Schulklima, individuelle Förderung, Beziehungsarbeit und Unterrichtsqualität entscheidende Faktoren für den Verbleib im Schulsystem sind, dann setzt das ausreichend Personal voraus – Zeit für Gespräche, Teamarbeit und individuelle Unterstützung. Der von Riedel benannte Lehrermangel berührt also unmittelbar jene Bedingungen, die nachweislich über Schulerfolg oder Schulabbruch entscheiden. News4teachers / mit Material der dpa

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