DARMSTADT. Der Übergang von der Schule in Ausbildung gilt seit Jahren als eine der größten strukturellen Schwachstellen des deutschen Bildungssystems – insbesondere für Jugendliche mit niedrigen Bildungsabschlüssen oder aus sozial benachteiligten Familien. Aus wissenschaftlicher Perspektive analysiert der folgende Beitrag den hessischen Schulversuch „Berufsfachschule zum Übergang in Ausbildung“ (BÜA), der seit 2017/2018 das berufsschulische Übergangssystem neu ordnet. Auf Grundlage empirischer Befunde und Evaluationen wird dargestellt, wie durch gebündelte Bildungsgänge, intensive pädagogische Begleitung und praxisnahe Betriebsphasen Ausbildungsreife gefördert, Warteschleifen verkürzt und ungenutzte Potenziale für den Arbeitsmarkt erschlossen werden.

Der Schulversuch „Berufsfachschule zum Übergang in Ausbildung“ (BÜA)
Herausforderungen am Übergang Schule/Beruf
Der Übergang von der Schule in Ausbildung oder Beschäftigung stellt für viele Jugendliche eine herausfordernde Lebensphase dar., Besonders betroffen sind Schülerinnen und Schüler mit erstem Bildungsabschluss, ohne Abschluss sowie junge Menschen aus sozial benachteiligten Familien. Bei diesen Gruppen zeigen sich häufig Defizite in fachlichen Kompetenzen, Sprachfertigkeiten und Schlüsselqualifikationen wie Pünktlichkeit, Teamfähigkeit oder Selbstorganisation (Tenberg & Lannert 2021). Die genannten Voraussetzungen sind oft der Grund für sogenannte „Warteschleifen“ im Übergangssystem, in denen Jugendliche zwar weiterhin schulisch betreut werden, jedoch keinen nachhaltigen Anschluss an eine duale Ausbildung finden (Tenberg 2014). Folgen sind Frustration, Rückzug oder auch Delinquenz. Oft dauert es (teure) Jahre, bis diese Menschen in Arbeit gelangen, nur selten sind dies anspruchsvolle, stabile und sichere Berufe. Der demografisch bedingte Fachkräftemangel verschärft die Problematik, weil ungenutzte Potenziale sowohl für die Jugendlichen als auch für die Wirtschaft verloren gehen (Brüggemann et al. 2017).
Reform des hessischen Übergangssystems (BÜA)
Um diesen Missständen zu begegnen, reformiert Hessen das berufsschulische Übergangssystem grundlegend. Im Schuljahr 2017/2018 wurde der Schulversuch „Berufsfachschule zum Übergang in Ausbildung“ (BÜA) an 26 beruflichen Schulen gestartet und im weiteren Verlauf auf 39 Schulen ausgeweitet (Tenberg & Lannert 2021). BÜA bündelt die zuvor getrennten Schulformen Einjährige Berufsfachschule bzw. Höhere Handelsschule (mittlerweile ausgelaufener Bildungsgang), Zweijährige Berufsfachschule und die Bildungsgänge zur Berufsvorbereitung (in Vollzeitform) in einer einheitlichen Struktur. Ziel ist es, Jugendliche bereits nach einem Jahr in eine duale Ausbildung zu vermitteln und gleichzeitig den Erwerb eines ersten oder mittleren Bildungsabschlusses zu ermöglichen. Durch kleine Lerngruppen, Raum für individuelle Förderung im bewertungsfreien Profilgruppenunterricht, sozialpädagogische Begleitung, praxisorientierten beruflichen Unterricht, intensive berufliche Orientierung und umfangreiche Praktikumsphasen soll die Ausbildungsreife erhöht und die Verweildauer in „Warteschleifen“ reduziert werden (Tenberg & Lannert 2021).
Zielgruppen und Unterstützungsbedarf
BÜA richtet sich primär an Schülerinnen und Schüler, die nach der Sekundarstufe I noch keinen Ausbildungsplatz gefunden haben und deren schulische Leistungen, persönliche Reife oder soziale Ressourcen für einen direkten Übergang in eine duale Ausbildung noch nicht ausreichen (Tenberg & Lannert 2021). Die Zielgruppe ist in vielerlei Hinsicht heterogen: Das Durchschnittsalter liegt bei etwa 16 Jahren, über drei Viertel besitzen einen ersten Bildungsabschluss, ein Drittel hat einen Migrationshintergrund und ein erheblicher Teil stammt aus sozial benachteiligten Familien (Tenberg & Lannert 2021). Der Unterstützungsbedarf umfasst sowohl fachliche Förderung, intensive sozialpädagogische Begleitung als auch individuelle Berufsorientierung (Tenberg & Lannert 2021).
BÜA in der Praxis
BÜA zeichnet sich durch kleine Klassen von durchschnittlich 16 Schülerinnen und Schülern, profilgruppenorientierten Unterricht und einen hohen Betreuungsaufwand durch Profilgruppenlehrerinnen und Profilgruppenlehrer aus (Tenberg & Lannert 2021). Der Unterricht gliedert sich in einen allgemeinen und beruflichen Lernbereich. Der berufliche Lernbereich umfasst 480 Stunden pro Jahr. Je nach Angebot der Schule können insgesamt 24 Schwerpunkte abgedeckt werden, z.B. Agrarwesen, Elektrotechnik, Medien‑ und Informationstechnik oder Sozialwesen (Tenberg & Lannert 2021). Eine Bewertung erfolgt hauptsächlich kompetenzbasiert, wodurch die überfachlichen und fachlichen Fähigkeiten für alle Schülerinnen und Schüler transparent sowie individuell verdeutlicht werden (Tenberg & Lannert 2021). Betriebsphasen in Form von Blockpraktika – im Einzelfall auch Langzeitpraktika –, mit einem zeitlichen Umfang von 160 bis 320 Stunden, werden in regionalen Betrieben in enger Abstimmung mit den Lehrerinnen und Lehrern sowie sozialpädagogischen Fachkräften durchgeführt (Tenberg & Lannert 2021). BÜA umfasst zwei Schuljahre und ist in die BÜA-Stufen I und II unterteilt. Das primäre Ziel ist es, die Schülerinnen und Schüler schon nach BÜA-Stufe I in eine duale Ausbildung zu überführen. Ein Besuch der Stufe II erfolgt optional insbesondere dann, wenn für spezifische Ausbildungsberufe der Erwerb des mittleren Bildungsabschlusses vorausgesetzt wird (Tenberg & Lannert 2021).
Trotz aller aktuellen Herausforderungen zeigen die Evaluationsergebnisse, dass die Wirkung von BÜA in der Praxis spürbar ist. Lernende erleben Erfolge in kleinen Schritten, gewinnen Selbstvertrauen und entwickeln realistische Berufswünsche. Praxisphasen stärken Motivation und Zielklarheit. Der Blick auf Stärken und Fortschritte fördert Eigenverantwortung und macht den Schritt in Ausbildung realisierbar. Für Schulen schafft BÜA klare Prozesse und gemeinsame Werkzeuge. Kompetenzraster und Entwicklungsgespräche strukturieren die Förderung, die Verknüpfung von Allgemeinbildung, Berufsorientierung und sozialpädagogischer Begleitung sorgt für sichtbare Lernfortschritte. Multiprofessionelle Zusammenarbeit wird zum Alltag und Lehrkräfte erhalten mit den Kompetenzrastern ein präzises Instrument für Feedback und Leistungsdokumentation. Die involvierten Betriebe profitieren durch:
- die Zusammenarbeit mit Schulen, wodurch gemeinsam die lokale Wirtschaft gestärkt wird,
- die Sichtung junger Talente und deren eingebrachte Motivation und Teamfähigkeit und schließlich
- ihr Engagement für Bildung und faire Chancen für junge Menschen in der Gesellschaft.
Die Betriebsphasen sind weit mehr als ein „Schnupperkurs“. Sie verbinden Schule und Arbeitswelt, senken das Risiko von Ausbildungsabbrüchen und stärken das duale System. Für Unternehmen sind sie ein effektives Recruiting-Instrument. Mit dem Schuljahr 2027/2028 wird der Schulversuch BÜA in Hessen in die Regelform überführt. News4teachers
Die Autoren:
Dr. Christian Lannert (Karl Kübel Schule, Bensheim, Schulkoordinator Berufliche Orientierung; Arbeitsbereich Technikdidaktik, TU Darmstadt, wiss. Mitarbeiter)
Dr. Dirk Schlagentweith (Karl Kübel Schule, Bensheim, Abteilungsleitung Fachoberschule; Arbeitsbereich Technikdidaktik, TU Darmstadt, wiss. Mitarbeiter)
Literatur
- Brüggemann, T., Driesel‑ Weyer, C. (Hrsg.) (2017) Instrumente zur Berufsorientierung. Pädagogische Praxis im wissenschaftlichen Diskurs, Münster.
- Ratschinski, G. (2012) ‘Verdient die “Ausbildungsreife” ihren Namen?’, in: Ratschinski, G., Steuber, A. (Hrsg.) Ausbildungsreife. Kontroversen, Alternativen und Förderansätze, Wiesbaden, S. 21‑31.
- Tenberg, R. (2014) ‘Berufsfachschüler in Hessen – soziodemographische Daten aus einer Pilotstudie’, Zeitschrift für Berufs‑ und Wirtschaftspädagogik, 110, S. 481‑504.
- Tenberg, R., Lannert, C. (2021) Wer sind die Schülerinnen der BÜA? Soziodemografie, Sozialkapital, berufliche Orientierung und Eigenverantwortlichkeit der Schülerinnen der Eingangsstufe des Schulversuchs „Berufsfachschule im Übergang zu Ausbildung“
Hier geht es zu allen Beiträgen des Themenmonats „Berufsorientierung & Berufliche Bildung“.
Warum es an der Zeit ist, die Vorurteile über Berufsausbildung endlich zu überwinden – ein Kommentar