STUTTGART. In Baden-Württemberg verschärft sich die Debatte um die künftige Schulstruktur. Während eine unabhängige, von der Robert Bosch Stiftung unterstützte Arbeitsgruppe für die Zusammenführung mehrerer Schularten zu einer neuen Sekundarschule neben dem Gymnasium plädiert, weisen der Realschullehrerverband und der Philologenverband dieses Modell entschieden zurück. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht auch die Frage, wie die Befunde des Bildungsforschers Prof. John Hattie zu interpretieren sind.

Eine unabhängige Arbeitsgruppe aus 14 Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Forschung und Schulpraxis hat im Juni 2024 ein Konzept für eine grundlegende Reform der Schulstruktur in Baden-Württemberg vorgelegt. Mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung schlagen die Fachleute vor, Hauptschule, Werkrealschule, Realschule und Gemeinschaftsschule in einer neuen Sekundarschule zusammenzuführen. Ziel sei es, die „steigende Unwucht im Schulsystem von Baden-Württemberg“ aufzufangen, die sich unter anderem durch die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium verstärke.
Mit der Entscheidung für G9 werde das Gymnasium weiter aufgewertet und attraktiver gemacht. Gleichzeitig litten die anderen Schularten stärker unter sozialen und pädagogischen Herausforderungen, etwa durch Flucht und Migration sowie durch den Lehrkräftemangel. Um diese bestehende Schieflage auszugleichen, solle es künftig nur noch zwei Säulen geben: das Gymnasium und eine neue, starke Sekundarschule.
“Der Ressourceneinsatz könnte optimiert werden. Dadurch würden die pädagogischen Möglichkeiten dieser Säule wachsen”
In diesem zweigliedrigen System (das es so ähnlich beispielsweise in Hamburg gibt) könnten soziale Herausforderungen leichter ausgeglichen und Ressourcen gezielter eingesetzt werden, argumentiert die Arbeitsgruppe. Die neue Sekundarschule solle inklusiv arbeiten und alle bisher anerkannten Abschlüsse anbieten – vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur. Sie sei verbindlich als Ganztagsschule zu organisieren und solle mit multiprofessionellen Teams arbeiten. Ein Schwerpunkt liege auf dem professionellen Umgang mit der Heterogenität der Schülerschaft. Berufs- und arbeitsweltbezogene Angebote sollten bereits ab Klasse 5 beginnen; eine Differenzierung nach angestrebten Abschlüssen sei erst ab Klasse 7 vorgesehen. Für die Umsetzung rechnen die Expertinnen und Experten mit einer Vorbereitungszeit von etwa vier Jahren.
Unterstützung erhält der Vorschlag aus dem kommunalen Bereich. Norbert Brugger, Dezernent des Städtetags Baden-Württemberg, erklärt: „Die Weiterentwicklung des Schulsystems durch ein Zusammenwachsen der Schularten Realschule, Gemeinschaftsschule, Werkrealschule und Hauptschule würde zu einer annähernd gleich großen zweiten Säule neben den Gymnasien im dann nur noch zweigliedrigen Schulsystem führen. Innerhalb dieser zweiten starken Säule könnten deren Schüler*innen weiterhin differenziert unterrichtet und gefördert werden. Der Ressourceneinsatz könnte optimiert werden. Dadurch würden die pädagogischen Möglichkeiten dieser Säule wachsen. Dies würde ihre Attraktivität als Schulort für viele Erziehungsberechtigte aller Voraussicht nach erhöhen. Die Bildung der zweiten Säule wäre nicht mit der Aufgabe von Schulstandorten gleichzusetzen. Die meisten Standorte würden weiter benötigt. Personelle und sächliche Ressourcen könnten allerdings effektiver eingesetzt werden.“
Demgegenüber haben sich der Realschullehrerverband (RLV) und der Philologenverband (PhV) Baden-Württemberg entschieden gegen die Einführung einer solchen Sekundarschule ausgesprochen. In ihrer Pressemitteilung fordern sie die „Anerkennung und Stärkung der Arbeit an den bewährten, profilierten Schularten des gegliederten Schulsystems“.
„Extreme Heterogenität, wie sie in Sekundarschulen angelegt ist, erschwert oder verhindert ihren Einsatz und verwehrt Kindern tatsächliche Lernerfolge“
Die vorgeschlagene Sekundarschule sei „kein pädagogischer Fortschritt, sondern der erneute Versuch eines kostensparenden Vereinheitlichungsmodells“. Bewährte Schularten wie Gymnasium, Realschule und Werkrealschule müssten gestärkt und nicht durch „experimentelle neue Schulformen“ ersetzt werden. Die Gemeinschaftsschule habe sich „nicht als Erfolgsmodell erwiesen“.
Martina Scherer, Landesvorsitzende des Philologenverbands Baden-Württemberg, erklärt, nach der Gemeinschaftsschule solle nun „mit der Sekundarschule erneut ein Versuch zur Vereinheitlichung gestartet werden“. Karin Broszat, Vorsitzende des Realschullehrerverbands Baden-Württemberg, bezeichnet das Konstrukt als „Ergebnis ideologisch eingefärbter, starrer Organisationsmaßnahmen“ und warnt: „Bildungspolitik vom Reißbrett schadet jeder Qualitätsentwicklung“.
Im Zentrum der Auseinandersetzung steht auch die Rezeption der Forschung des neuseeländischen Bildungswissenschaftlers John Hattie. Die Verbände erklären, Hattie werde „systematisch falsch interpretiert“. Ihm werde unterstellt, er habe nachgewiesen, „dass leistungsdifferenzierte Schulsysteme wirkungslos seien“. Diese Lesart sei „sachlich falsch“.
Eine differenzierte Betrachtung der „Visible Learning“-Studien zeige vielmehr, dass Hatties Daten nicht gegen das gegliederte System sprächen, sondern belegten, „dass bloße äußere Differenzierung allein noch keinen Lernerfolg garantiert“ . Daraus die Abschaffung differenzierter Schularten abzuleiten, sei ein „folgenschwerer Trugschluss“ .
Zur Begründung führen RLV und PhV an, besonders wirksame Unterrichtsmethoden benötigten strukturierte Lernsettings und leistungsgerechte Lerngruppen. „Diese hochwirksamen pädagogischen Instrumente benötigen einen geschützten Rahmen“, erklärt Broszat . „Extreme Heterogenität, wie sie in Sekundarschulen angelegt ist, erschwert oder verhindert ihren Einsatz und verwehrt Kindern tatsächliche Lernerfolge“.
Vor gut einem Jahr hatte Hattie allerdings selbst das deutsche Schulsystem scharf kritisiert und die frühe Aufteilung der Kinder in verschiedene Schulformen als problematisch für die Chancengerechtigkeit bezeichnet (News4teachers berichtete). Er sprach von einer „Verschwendung von Potenzial“ und erklärte, die „frühzeitige Trennung“ sei „nicht im Interesse der Schülerinnen und Schüler“. Kinder benötigten oft mehrere Anläufe, um Inhalte zu verstehen – auch über die Grundschule hinaus. Das deutsche gegliederte Schulsystem sei „das ungerechteste Schulsystem, das ich kenne“. Und weiter: „Ich kann nicht verstehen, wie man so viel Talent vergeuden kann.“ News4teachers
Hier lässt sich das Konzept der “Neuen Sekundarschule” herunterladen.
Schule ist einer der wenigen Orte, der sich noch nicht verändert hat.
Weder die Fächer, noch die Struktur oder die Arbeitsbedingungen.
Während viele Akademiker Homeoffice, Gleitzeit, 7 Stunden Tage mit ihrer 35 Stunden Woche erleben, heißt Schule noch 5 Tage vollste Präsenz bis zum Abend.
Wenn sich da nichts ändert, wird es zunehmend unattraktiv.
Hasi sitzt bereits auf unserer Terrasse und spart sich die 40 Minuten im Auto.
Mit g9 wird das Gymnasium abgewertet durch höhere Attraktivität. Den Rest erledigen die bundesweiten Bildungsstandards.
Und mit G95 militarisiert.
In der Grundschule – eine Gemeinschaftsschule – wird hier auch ganz viel Talent vergeudet. Trotz Montessori, Wochenplänen und Jahrgangsmischung 1-4, werden meine Kinder dort nicht gefordert. Die Lehrerinnen müssen sich vorrangig um die Lernschwachen, Lernunwilligen, Lauten oder Inklusionsschüler kümmern.
Statt dass man die Talente fördert, wird gefördert und ausgebremst.
Kann nicht sagen, dass es an meiner Gesamtschule viel besser ist
Trotz oder weil Montessori, Wochenplänen, JÜL … ?
Grün-rot hat unter Herrn Stoch als Kultusminister in BW vor gut 12 Jahren die Gemeinschaftsschulen eingeführt und bis auf ein paar Ausreißer stellen sie definitiv nicht das versprochene Erfolgsmodell dar. Es ist schon bezeichnend, dass Herr Stoch seine eigenen Kinder allesamt auf Privatschulen schickte und nicht in den „tollen“ Gemeinschaftsschulen unterbrachte.
Zweigliedrigkeit ist gleichzusetzen mit Gymnasium oder „Resteschule“ – weitere Stigmata wären die Folge. Den starken Realschulen wurden Ressourcen genommen, dabei sind sie nachweislich immer ein Erfolgsmodell gewesen, bis sie – ebenfalls unter den Grünen mit der SPD – völlig geschwächt und verwässert wurden. Ideologie vor jeglicher Vernunft.
Zweigliedrigkeit ist definitiv abzulehnen, wenn überhaupt müssten auch die Gymnasien abgeschafft werden und wir hätten sozusagen ein amerikanisches High School-Modell (das aber auch nicht viel erfolgversprechender ist). Den Schuh möchte sich jedoch keine Partei anziehen, was wiederum zeigt, dass es bei der Zusammenlegung der Schularten wohl eher ums Geld sparen geht.
“Zweigliedrigkeit ist definitiv abzulehnen” – warum? Mit die bildungsmäßig erfolgreichsten Bundesländer haben eine zweigliedrige Schulstruktur (auch CDU-regierte). Gerne hier nachlesen: https://www.news4teachers.de/2023/09/132413/
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Solange 10% aller Kinder und Jugendliche in Baden-Württemberg auf eine kostenpflichtige Privatschule gehen und dies in Experten-Publikationen wie der oberen ignoriert wird bleiben obige Forderungen wohlfeil.
Was ist das Interesse der Robert-Bosch-Stiftung am Erhalt von Privatschulen und Gymnasien?
Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit gehört sicherlich nicht hinzu.