BERGISCH GLADBACH. An der Nelson-Mandela-Gesamtschule im nordrhein-westfälischen Bergisch Gladbach gehört nachhaltiges Denken zum Schulalltag. Projekte, Lernzeiten, globale Ziele prägen das Konzept. Doch bundesweit zeigt sich: Zwischen bildungspolitischem Anspruch und schulischer Realität klafft eine Lücke. Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) soll bis 2030 so in Schulen verankert sein, dass alle Schülerinnen und Schüler in der Lage versetzt werden, künftig nachhaltig zu handeln. Davon ist Deutschland weit entfernt.

Als die Schülerinnen und Schüler der 8a an diesem Montagmorgen ihre Projektarbeit beginnen, ist das Thema schnell klar umrissen. Eine Gruppe plant eine Präsentation zu den Gefahren und Reizen von Online-Spielen, eine andere produziert einen Podcast über die Gaskammern im Nationalsozialismus, zwei Achtklässlerinnen arbeiten an einem Recyclingkleid aus Zeitungspapier. Die einzige verbindliche Vorgabe: Das Projekt muss einem der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen zugeordnet sein.
Die Nelson-Mandela-Gesamtschule in Bergisch Gladbach hat sich dem Weltaktionsplan der UNESCO „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ verschrieben. Vier Projektphasen pro Schuljahr durchlaufen die Schülerinnen und Schüler, sie planen eigenständig, dokumentieren ihre Arbeit im Logbuch und präsentieren ihre Ergebnisse vor der Schulgemeinschaft. Nachhaltigkeit ist hier kein Randthema, sondern struktureller Bestandteil des Lernkonzepts.
Die Schule wurde 2023 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet. Das Deutsche Schulportal schildert das Drei-Säulen-Modell der Schule aus Fachunterricht, individuellen Lernzeiten und fächerübergreifender Projektarbeit. Oberthemen wie „Südafrika“, „Krieg und Frieden“ oder „Nachhaltige Ressourcen in meinem Alltag“ verbinden fachliche Inhalte mit globalen Fragestellungen. In der Oberstufe entscheiden die Jugendlichen in sogenannten Lernexpeditionen selbst, was, wo und wie sie lernen wollen.
Im Bericht wird deutlich, dass das Konzept der Schule aus einer strukturellen Neugründung heraus entstanden ist. Aus einem früheren Schulzentrum mit Haupt- und Realschule sollte ein „Haus des Lernens“ werden, getragen von Fachunterricht, individueller Lernzeit und fächerübergreifender Projektarbeit. Die damalige Schulleitung wird dort mit den Worten zitiert: „Es war klar, dass wir für die neue Heterogenität der Schülerschaft auch ein neues Lehr- und Lernkonzept brauchen.“
Was an der Nelson-Mandela-Gesamtschule sichtbar wird, entspricht dem, was Bildungspolitik seit Jahren fordert. Bildung für nachhaltige Entwicklung, kurz BNE, soll Schülerinnen und Schüler befähigen, „dazu beitragen zu können, eine sozial gerechte, wirtschaftlich erfolgreiche, ökologisch verträgliche, kulturell vielfältige und demokratische gesellschaftliche Entwicklung zu befördern und heute lebenden ebenso wie nachfolgenden Generationen ein chancengerechtes und selbstbestimmtes Leben in Frieden zu ermöglichen“, wie es in der BNE-Leitlinie des Schulministeriums Nordrhein-Westfalen heißt.
Grundlage sind die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, die 2015 mit der Agenda 2030 beschlossen wurden. Armut beenden, Hunger bekämpfen, hochwertige Bildung sichern, Klimaschutz vorantreiben, Ungleichheiten reduzieren – die Ziele bilden einen umfassenden politischen Rahmen. Schulen kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Bis 2030 sollen alle Lernenden befähigt werden, nachhaltig zu handeln.
SDGs im Unterricht – aber wie? Die Aktion Tagwerk zeigt seit über 20 Jahren, wie globale Themen für Schülerinnen und Schüler erlebbar werden.
Statt abstrakter Definitionen lernen junge Menschen konkrete Projekte kennen: Wie Kooperativen in Ruanda und Uganda Ernährungssicherheit schaffen, wie ökologische Landwirtschaft Familien stärkt. Am Aktionstag arbeiten sie selbst, sammeln Spenden und erleben: Mein Handeln bewirkt etwas.
Die Aktion Tagwerk stellt Schulen kostenfreie Materialien zur Verfügung – Videovorträge, Fotoausstellungen, Unterrichtsmaterial –, die sich am Orientierungsrahmen BNE und den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen orientieren. Alle Schulformen und Altersstufen können teilnehmen.
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Die Kultusministerkonferenz hat im Juni 2024 überarbeitete Empfehlungen zur BNE verabschiedet. Darin wird betont, dass BNE sich an den Zielen der Agenda 2030 orientiert und die globalen Nachhaltigkeitsziele in den Bildungsalltag integrieren soll. Schülerinnen und Schüler sollen Kompetenzen wie systemisches Denken, kritisches Reflektieren und partizipatives Handeln entwickeln. Empfohlen wird ausdrücklich der „Whole School Approach“, also die Ausrichtung der gesamten Schule an nachhaltigen Prinzipien.
Auf dem Papier ist BNE damit fest verankert. In den meisten Lehrplänen findet sich Nachhaltigkeit als Querschnittsaufgabe. Fächerübergreifendes Arbeiten, Projektlernen, Kooperation mit außerschulischen Partnern – all das wird seit Jahren propagiert. Doch ein Blick auf die Umsetzung zeigt ein anderes Bild.
Am 29. Januar 2025 beschloss das Bundeskabinett die Weiterentwicklung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie. Erstmals wurde ein Indikator aufgenommen, der die Verankerung von BNE im Bildungssystem messbar machen soll. Erfasst wird der Anteil der Schulen, die für ihr Engagement im Bereich Nachhaltigkeit mit einem Label ausgezeichnet wurden. Das Ergebnis der ersten Erhebung: Im Schuljahr 2023/2024 traf das bundesweit auf rund 12 Prozent der Schulen zu, wie das Deutsche Schulportal berichtet. Mehr als jede zehnte Schule – das bedeutet zugleich: Fast 90 Prozent verfügen über keine entsprechende Auszeichnung.
Eine Studie der Freien Universität Berlin vom Januar 2023 kommt zu einem ähnlichen Befund. Demnach ist BNE im Bildungssystem bislang „nur als Add on angekommen“. Von einer substanziellen Integration könne keine Rede sein. Häufig würden Lehrplänen lediglich Ziele oder Erklärungen hinzugefügt oder Wahlfächer eingerichtet, ohne die Inhalte der Hauptfächer grundlegend zu verändern. Besonders kritisch bewertet die Studie die Ausbildung der Lehrkräfte im Bereich BNE.
Auch die repräsentative Schulleitungsumfrage des Verbands Bildung und Erziehung vom November 2023 zeigt Zurückhaltung. Nur sieben Prozent der Schulleitungen geben an, dass Nachhaltigkeit an ihrer Schule in allen Fächern Thema ist und den Schulalltag prägt. 29 Prozent berichten, Nachhaltigkeit sei sehr häufig oder häufig Thema, weitere 30 Prozent sprechen von gelegentlicher Behandlung. Ebenso viele sagen, BNE spiele lediglich vereinzelt eine Rolle.
Als größte Hürden nennen 72 Prozent der Schulleitungen fehlende Zeit und fehlendes Personal. 71 Prozent verweisen darauf, dass andere Anforderungen derzeit höhere Priorität hätten. Mehr als die Hälfte sieht mangelnde finanzielle Ressourcen als Hindernis. 40 Prozent nennen die starke Ausrichtung auf Prüfungen und Leistungsziele.
„Aktuell ist Deutschland von der geplanten flächendeckenden Umsetzung meilenweit entfernt“
Die Greenpeace-Studie „Warum redet niemand über Geld?“ beziffert den Investitionsbedarf für eine flächendeckende Umsetzung von BNE bis 2035 auf rund 16,3 Milliarden Euro. Der größte Teil, etwa elf Milliarden Euro, müsse in die Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte fließen. Thomas Hohn, Umwelt- und Bildungsexperte bei Greenpeace, sagte: „Ein Aktionsplan taugt nur etwas, wenn er auch umgesetzt werden kann. Deshalb müssen wir dringend über die nötigen Investitionen für eine zukunftsfähige Bildung sprechen.“ Weiter erklärte er: „Aktuell ist Deutschland von der geplanten flächendeckenden Umsetzung meilenweit entfernt.“
Vor diesem Hintergrund erscheint die Nelson-Mandela-Gesamtschule, die BNE als Aufgabe der Schulentwicklung begreift („Whole School Approach“), als Ausnahme – als Beispiel dafür, wie BNE strukturell verankert werden kann. Das Deutsche Schulportal beschreibt eine Schule, in der die 17 Nachhaltigkeitsziele im Gebäude sichtbar sind, in der Projekte verbindlich sind und Schülerinnen und Schüler an der Weiterentwicklung der Lernformate mitarbeiten. Selbst die Jahresplanung orientiert sich an einem globalen Ziel; zum Zeitpunkt des Berichts stand „saubere, bezahlbare Energie“ im Mittelpunkt.
Zwei Achtklässlerinnen sitzen über Zeitungspapier und Kleister und arbeiten an einem Rock aus recycelten Materialien. Alte Knöpfe, gefundene Ohrringe, gefaltetes Papier – ihr Projekt ordnen sie dem Nachhaltigkeitsziel „Nachhaltiger Konsum und Produktion“ zu. News4teachers
Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats „Schule der Zukunft“.
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