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“Gender Disappointment”: Wenn blaues Konfetti Tränen auslöst – Warum immer mehr werdende Eltern einen Sohn fürchten

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BERLIN. Tränen bei Gender-Reveal-Partys, Schuldgefühle in Elternforen, Expertenwarnungen aus Bildung und Psychologie: Die wachsende Enttäuschung über ungeborene Jungen ist kein skurriler Social-Media-Trend. Sie verweist auf ein tieferliegendes gesellschaftliches Problem – und auf eine Bildungsrealität, in der Jungen zunehmend ins Hintertreffen geraten.

Jungen unerwünscht. (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

„Ich bekomme meine Enttäuschung einfach nicht in den Griff!“ Der Satz steht am Anfang eines längeren Beitrags in einem Schwangerschaftsforum der „Urbia Community“. Eine werdende Mutter beschreibt darin, wie sie erfahren hat, dass sie einen Jungen erwartet – und wie schwer es ihr fällt, diese Nachricht anzunehmen. „Der Junge wird sicher toll, aber wir haben uns so sehr (ich schon immer) ein Mädchen gewünscht und uns als Mädchen-Eltern gesehen.“

Was folgt, ist kein Ausbruch, sondern ein tastendes, fast hilfloses Ringen um Worte. Sie schreibt von verletzenden Momenten, wenn sie draußen kleine Mädchen sieht. Von einer „Blase“, die sie sich jahrelang ausgemalt habe – und die nun geplatzt sei. „Ich denke, ich kann mich mit einem Jungen nicht identifizieren“, heißt es weiter. Sie versuche, sich auf das ungeborene Kind einzulassen, „aber es klappt nur so semi“. Am Ende steht die Hoffnung, „dass der Schalter sich in meinem Kopf einfach mal umlegt“.

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„Es ist ein Junge! Früher war das meist ein freudiger Ausruf, vermengt mit Stolz und ehrgeizigen Erwartungen“

Was hier wie ein sehr persönliches Bekenntnis wirkt, ist längst Teil eines breiteren öffentlichen Phänomens. In sozialen Netzwerken kursieren Videos von sogenannten Gender-Reveal-Partys, bei denen die Verkündung „Es wird ein Junge!“ nicht Jubel, sondern Enttäuschung auslöst. Die „Rheinische Post“ beschreibt diese Szenen als symptomatisch für eine Verschiebung, die irritiert. „Es ist ein Junge! Früher war das meist ein freudiger Ausruf, vermengt mit Stolz und ehrgeizigen Erwartungen“, heißt es dort. Heute jedoch flössen bei manchen werdenden Eltern Tränen, wenn blauer Glitzer aus einem Luftballon regne. Die Enttäuschung werde gefilmt, geteilt, kommentiert – und unter dem Schlagwort „Gender Disappointment“ verhandelt.

Dass sich diese Enttäuschung zunehmend gegen Jungen richtet, ist aus Sicht von Fachleuten kein Zufall. Die „Rheinische Post“ verweist darauf, dass männliche Kinder und Jugendliche in der öffentlichen Debatte häufig im Problemmodus erscheinen: Jungen begehen deutlich häufiger Gewaltkriminalität, schneiden im Durchschnitt schlechter in der Schule ab, gelten als risikofreudiger, anfälliger für Extremismus, schwieriger im Umgang. Diese Diskussionen seien berechtigt, prägten aber das Bild von Männlichkeit – und damit auch die Erwartungen werdender Eltern.

Der „Spiegel“ greift diese Beobachtung in einem Beitrag auf. Unter der Überschrift „Wollen Eltern etwa nur noch Mädchen?“ wird dort auf Studien verwiesen, die eine wachsende Präferenz für Töchter nahelegen. Die Leiterin einer US-amerikanischen Kinderwunschklinik wird mit den Worten zitiert: „Früher ging es nur um Jungen. Doch mittlerweile wünschen sich Eltern immer öfter ein Mädchen.“ Der Spiegel ordnet ein, dass sich diese Tendenz vor allem in Ländern mit hoher Frauenerwerbsquote zeigt. Töchter gelten zunehmend als verlässlicher, anschlussfähiger an moderne Lebensentwürfe – auch mit Blick auf spätere Pflegeverantwortung. Männerrollen hingegen hätten sich weniger stark verändert. Ein Sohn erscheine vielen Eltern langfristig als unsicherere Wette.

Gleichzeitig warnt das Blatt vor vorschnellen Schlüssen. Die oft zitierten Studien zu „Gender Disappointment“ untersuchten nicht die inneren Wünsche von Eltern, sondern ihr Verhalten. So zeige sich vor allem der Wunsch nach einer Mischung aus Mädchen und Jungen. Dennoch bleibe ein Detail auffällig: Frauen bekämen etwas häufiger ein weiteres Kind, wenn sie bislang nur Söhne haben. Die Enttäuschung über einen Jungen sei zwar, wie die Soziologin Hilke Brockmann betont, „ein Randthema mit vernachlässigbaren Folgen“. Doch sie sei ein Indikator für verschobene Erwartungen.

„Kommt es anders als erträumt, scheint es bisher so, als hätten Mütter im Schnitt mehr daran zu knabbern als Väter“

Auch die „Apotheken Umschau“ greift das Thema auf und zitiert die Psychologin Julia Ditzer von der Universität Dresden. „Viel Forschung gibt es dazu nicht“, sagt Ditzer. Eine der wenigen Studien deute darauf hin, dass sich skandinavische Eltern seit den 1980er-Jahren eher Mädchen wünschen. Ditzer beobachtet, dass vor allem Mütter stärker mit der Enttäuschung ringen. „Kommt es anders als erträumt, scheint es bisher so, als hätten Mütter im Schnitt mehr daran zu knabbern als Väter.“ Ihre Kollegin Stefanie Heer, Psychologin, systemische Familientherapeutin und Hebamme aus Bonn, spricht von Schuldgefühlen und Scham. „Viele schämen sich, haben Schuldgefühle und denken, eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater zu sein. Dabei sind das völlig legitime Gefühle. Man muss von einem Teil des Lebens Abschied nehmen, den man sich anders erträumt hatte.“

Was in diesen Beiträgen anklingt, ist mehr als eine private Gefühlslage. Die Enttäuschung über einen Jungen speist sich aus konkreten Vorstellungen davon, wie Jungen heute sind – und wie schwer es offenbar ist, sie gut durch Kindheit, Schule und Gesellschaft zu begleiten. Genau hier setzt die bildungspolitische Dimension an, die News4teachers seit Jahren begleitet.

Der Kinder- und Jugendarzt Dr. med. Herbert Renz-Polster beobachtet seit Jahrzehnten, wie sich die Lebenswelt von Kindern verändert. Im Gespräch mit dem Spiegel warnt er vor einer Entwicklung, die tief ins Bildungssystem hineinreicht. „In Institutionen wie Kita, Kindergarten und Schule haben Jungen mehr Misserfolge, mehr Konflikte, mehr Stress. Das hat Folgen für den Selbstwert – und macht anfällig für autoritäre Erzählungen“, sagt Renz-Polster. Jungen seien in ihrer sprachlichen und emotionalen Entwicklung im Durchschnitt langsamer als Mädchen und bräuchten mehr Unterstützung. Die „durchpädagogisierte Kindheit“, wie er es nennt, passe oft schlechter zu ihren Bedürfnissen.

Diese Einschätzung deckt sich mit zahlreichen empirischen Befunden. Der Bildungsforscher Klaus Hurrelmann stellte bereits 2012 fest, dass Jungen seit Jahrzehnten an Boden verlieren. Heute machen sie laut Statistischem Bundesamt nur noch 45 Prozent der Abiturienten aus, stellen aber 60 Prozent der Schulabbrecher. 15 Prozent der Männer zwischen 25 und 34 Jahren haben weder Abitur noch eine abgeschlossene Ausbildung. Die Schweizer Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm spricht (laut einem Beitrag des Bildungsjournalisten Jan-Martin Wiarda) von „Underachievern“: Jungen, deren tatsächliche Leistung hinter ihrem Potenzial zurückbleibt.

Hinzu kommen Erwartungseffekte. Eine internationale Längsschnittstudie der Universität Halle-Wittenberg zeigt, dass Lehrkräfte Leistungen von Mädchen in sprachlichen Fächern tendenziell überschätzen und die von Jungen unterschätzen. In Mathematik sei es umgekehrt. Solche Verzerrungen wirkten über Jahre hinweg – und prägten Selbstbilder. Der Zeit-Autor Martin Spiewak beschreibt die Krise der Jungen („Jung, männlich, abgehängt“) als strukturell: Schon bei der Einschulung seien zwei Drittel der zurückgestellten Kinder Jungen. Moderne Unterrichtsformen setzten auf Selbstorganisation, während Jungen im Durchschnitt länger klare Strukturen und direkte Ansprache benötigten.

„Nun ja, was soll ich sagen, mittlerweile freu ich mich sehr auf unseren kleinen Jungen“

Vor diesem Hintergrund bekommt die Enttäuschung über einen ungeborenen Jungen eine andere Bedeutung. Sie ist nicht nur Ausdruck individueller Wunschvorstellungen, sondern spiegelt reale gesellschaftliche Erfahrungen. Wer Jungen heute beobachtet – im Bildungssystem, in Statistiken, in öffentlichen Debatten –, sieht eine Gruppe, die häufig scheitert, auffällt, zurückbleibt. Dass werdende Eltern diese Bilder internalisieren, ist kaum überraschend.

Und doch lösen sich viele dieser Ängste, sobald das Kind da ist. Auch das zeigen die Stimmen aus den Foren. „Nun ja, was soll ich sagen, mittlerweile freu ich mich sehr auf unseren kleinen Jungen“, schreibt eine Nutzerin der „Urbia Community“ wenige Tage nach der Diagnose. „Das allerwichtigste war mir natürlich, dass alles gesund ist beim Baby, egal welches Geschlecht.“ Eine andere ergänzt erleichtert: „Es ist beruhigend zu lesen, dass es auch anderen so geht und man enttäuscht sein kann.“ Die Enttäuschung weiche, die Beziehung beginne. Man nehme, was kommt – und hoffe, dass der Junge vielleicht sogar Gefallen am Reitsport findet. News4teachers 

Warum Jungen im Schnitt schlechter durch Kita und Schule kommen – und dann anfällig für Autoritarismus werden

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