BERLIN. Tränen bei Gender-Reveal-Partys, Schuldgefühle in Elternforen, Expertenwarnungen aus Bildung und Psychologie: Die wachsende Enttäuschung über ungeborene Jungen ist kein skurriler Social-Media-Trend. Sie verweist auf ein tieferliegendes gesellschaftliches Problem – und auf eine Bildungsrealität, in der Jungen zunehmend ins Hintertreffen geraten.

„Ich bekomme meine Enttäuschung einfach nicht in den Griff!“ Der Satz steht am Anfang eines längeren Beitrags in einem Schwangerschaftsforum der „Urbia Community“. Eine werdende Mutter beschreibt darin, wie sie erfahren hat, dass sie einen Jungen erwartet – und wie schwer es ihr fällt, diese Nachricht anzunehmen. „Der Junge wird sicher toll, aber wir haben uns so sehr (ich schon immer) ein Mädchen gewünscht und uns als Mädchen-Eltern gesehen.“
Was folgt, ist kein Ausbruch, sondern ein tastendes, fast hilfloses Ringen um Worte. Sie schreibt von verletzenden Momenten, wenn sie draußen kleine Mädchen sieht. Von einer „Blase“, die sie sich jahrelang ausgemalt habe – und die nun geplatzt sei. „Ich denke, ich kann mich mit einem Jungen nicht identifizieren“, heißt es weiter. Sie versuche, sich auf das ungeborene Kind einzulassen, „aber es klappt nur so semi“. Am Ende steht die Hoffnung, „dass der Schalter sich in meinem Kopf einfach mal umlegt“.
„Es ist ein Junge! Früher war das meist ein freudiger Ausruf, vermengt mit Stolz und ehrgeizigen Erwartungen“
Was hier wie ein sehr persönliches Bekenntnis wirkt, ist längst Teil eines breiteren öffentlichen Phänomens. In sozialen Netzwerken kursieren Videos von sogenannten Gender-Reveal-Partys, bei denen die Verkündung „Es wird ein Junge!“ nicht Jubel, sondern Enttäuschung auslöst. Die „Rheinische Post“ beschreibt diese Szenen als symptomatisch für eine Verschiebung, die irritiert. „Es ist ein Junge! Früher war das meist ein freudiger Ausruf, vermengt mit Stolz und ehrgeizigen Erwartungen“, heißt es dort. Heute jedoch flössen bei manchen werdenden Eltern Tränen, wenn blauer Glitzer aus einem Luftballon regne. Die Enttäuschung werde gefilmt, geteilt, kommentiert – und unter dem Schlagwort „Gender Disappointment“ verhandelt.
Dass sich diese Enttäuschung zunehmend gegen Jungen richtet, ist aus Sicht von Fachleuten kein Zufall. Die „Rheinische Post“ verweist darauf, dass männliche Kinder und Jugendliche in der öffentlichen Debatte häufig im Problemmodus erscheinen: Jungen begehen deutlich häufiger Gewaltkriminalität, schneiden im Durchschnitt schlechter in der Schule ab, gelten als risikofreudiger, anfälliger für Extremismus, schwieriger im Umgang. Diese Diskussionen seien berechtigt, prägten aber das Bild von Männlichkeit – und damit auch die Erwartungen werdender Eltern.
Der „Spiegel“ greift diese Beobachtung in einem Beitrag auf. Unter der Überschrift „Wollen Eltern etwa nur noch Mädchen?“ wird dort auf Studien verwiesen, die eine wachsende Präferenz für Töchter nahelegen. Die Leiterin einer US-amerikanischen Kinderwunschklinik wird mit den Worten zitiert: „Früher ging es nur um Jungen. Doch mittlerweile wünschen sich Eltern immer öfter ein Mädchen.“ Der Spiegel ordnet ein, dass sich diese Tendenz vor allem in Ländern mit hoher Frauenerwerbsquote zeigt. Töchter gelten zunehmend als verlässlicher, anschlussfähiger an moderne Lebensentwürfe – auch mit Blick auf spätere Pflegeverantwortung. Männerrollen hingegen hätten sich weniger stark verändert. Ein Sohn erscheine vielen Eltern langfristig als unsicherere Wette.
Gleichzeitig warnt das Blatt vor vorschnellen Schlüssen. Die oft zitierten Studien zu „Gender Disappointment“ untersuchten nicht die inneren Wünsche von Eltern, sondern ihr Verhalten. So zeige sich vor allem der Wunsch nach einer Mischung aus Mädchen und Jungen. Dennoch bleibe ein Detail auffällig: Frauen bekämen etwas häufiger ein weiteres Kind, wenn sie bislang nur Söhne haben. Die Enttäuschung über einen Jungen sei zwar, wie die Soziologin Hilke Brockmann betont, „ein Randthema mit vernachlässigbaren Folgen“. Doch sie sei ein Indikator für verschobene Erwartungen.
„Kommt es anders als erträumt, scheint es bisher so, als hätten Mütter im Schnitt mehr daran zu knabbern als Väter“
Auch die „Apotheken Umschau“ greift das Thema auf und zitiert die Psychologin Julia Ditzer von der Universität Dresden. „Viel Forschung gibt es dazu nicht“, sagt Ditzer. Eine der wenigen Studien deute darauf hin, dass sich skandinavische Eltern seit den 1980er-Jahren eher Mädchen wünschen. Ditzer beobachtet, dass vor allem Mütter stärker mit der Enttäuschung ringen. „Kommt es anders als erträumt, scheint es bisher so, als hätten Mütter im Schnitt mehr daran zu knabbern als Väter.“ Ihre Kollegin Stefanie Heer, Psychologin, systemische Familientherapeutin und Hebamme aus Bonn, spricht von Schuldgefühlen und Scham. „Viele schämen sich, haben Schuldgefühle und denken, eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater zu sein. Dabei sind das völlig legitime Gefühle. Man muss von einem Teil des Lebens Abschied nehmen, den man sich anders erträumt hatte.“
Was in diesen Beiträgen anklingt, ist mehr als eine private Gefühlslage. Die Enttäuschung über einen Jungen speist sich aus konkreten Vorstellungen davon, wie Jungen heute sind – und wie schwer es offenbar ist, sie gut durch Kindheit, Schule und Gesellschaft zu begleiten. Genau hier setzt die bildungspolitische Dimension an, die News4teachers seit Jahren begleitet.
Der Kinder- und Jugendarzt Dr. med. Herbert Renz-Polster beobachtet seit Jahrzehnten, wie sich die Lebenswelt von Kindern verändert. Im Gespräch mit dem Spiegel warnt er vor einer Entwicklung, die tief ins Bildungssystem hineinreicht. „In Institutionen wie Kita, Kindergarten und Schule haben Jungen mehr Misserfolge, mehr Konflikte, mehr Stress. Das hat Folgen für den Selbstwert – und macht anfällig für autoritäre Erzählungen“, sagt Renz-Polster. Jungen seien in ihrer sprachlichen und emotionalen Entwicklung im Durchschnitt langsamer als Mädchen und bräuchten mehr Unterstützung. Die „durchpädagogisierte Kindheit“, wie er es nennt, passe oft schlechter zu ihren Bedürfnissen.
Diese Einschätzung deckt sich mit zahlreichen empirischen Befunden. Der Bildungsforscher Klaus Hurrelmann stellte bereits 2012 fest, dass Jungen seit Jahrzehnten an Boden verlieren. Heute machen sie laut Statistischem Bundesamt nur noch 45 Prozent der Abiturienten aus, stellen aber 60 Prozent der Schulabbrecher. 15 Prozent der Männer zwischen 25 und 34 Jahren haben weder Abitur noch eine abgeschlossene Ausbildung. Die Schweizer Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm spricht (laut einem Beitrag des Bildungsjournalisten Jan-Martin Wiarda) von „Underachievern“: Jungen, deren tatsächliche Leistung hinter ihrem Potenzial zurückbleibt.
Hinzu kommen Erwartungseffekte. Eine internationale Längsschnittstudie der Universität Halle-Wittenberg zeigt, dass Lehrkräfte Leistungen von Mädchen in sprachlichen Fächern tendenziell überschätzen und die von Jungen unterschätzen. In Mathematik sei es umgekehrt. Solche Verzerrungen wirkten über Jahre hinweg – und prägten Selbstbilder. Der Zeit-Autor Martin Spiewak beschreibt die Krise der Jungen („Jung, männlich, abgehängt“) als strukturell: Schon bei der Einschulung seien zwei Drittel der zurückgestellten Kinder Jungen. Moderne Unterrichtsformen setzten auf Selbstorganisation, während Jungen im Durchschnitt länger klare Strukturen und direkte Ansprache benötigten.
„Nun ja, was soll ich sagen, mittlerweile freu ich mich sehr auf unseren kleinen Jungen“
Vor diesem Hintergrund bekommt die Enttäuschung über einen ungeborenen Jungen eine andere Bedeutung. Sie ist nicht nur Ausdruck individueller Wunschvorstellungen, sondern spiegelt reale gesellschaftliche Erfahrungen. Wer Jungen heute beobachtet – im Bildungssystem, in Statistiken, in öffentlichen Debatten –, sieht eine Gruppe, die häufig scheitert, auffällt, zurückbleibt. Dass werdende Eltern diese Bilder internalisieren, ist kaum überraschend.
Und doch lösen sich viele dieser Ängste, sobald das Kind da ist. Auch das zeigen die Stimmen aus den Foren. „Nun ja, was soll ich sagen, mittlerweile freu ich mich sehr auf unseren kleinen Jungen“, schreibt eine Nutzerin der „Urbia Community“ wenige Tage nach der Diagnose. „Das allerwichtigste war mir natürlich, dass alles gesund ist beim Baby, egal welches Geschlecht.“ Eine andere ergänzt erleichtert: „Es ist beruhigend zu lesen, dass es auch anderen so geht und man enttäuscht sein kann.“ Die Enttäuschung weiche, die Beziehung beginne. Man nehme, was kommt – und hoffe, dass der Junge vielleicht sogar Gefallen am Reitsport findet. News4teachers
Wer eine “Gender-Reveal-Party” feiert und dies in den Sozialen Medien zudem öffentlich macht, der hat sich aus der bürgerlichen Gesellschaft verabschiedet – auch wenn es sich dabei um (junge) Lehrerkolleginnen und -kollegen handelt.
Ist “Junge”-“Madchen”, “Mann”-“Frau” nicht nur ein soziales Konstrukt?
Der letzte Satz ist Teil des Problems… 😉
Die meisten Jungs, die bei mir zum reiten geschleppt werden, wären so glücklich einfach nur die ganze Stunde in den Strohballen herum zu klettern. Oder sie finden einen ganz tollen Stock, während wir mit den Ponys durch den Wald spazieren und würden so gerne dort verweilen und Kastanien auflesen, Blätter, Zapfen und Bucheckern sammeln. Aber auch Mädchen hatten da schon so Sehnsüchte und wir hielten eine Weile an, weil da so ein guter Baumstamm zum klettern rumlag – die waren übrigens schon Ende Grundschulalter.
Aber kein Wunder, so einen Stock oder Baumstamm oder Zapfen ist ja in keinem teuren Vergnügungspark der Welt zu bekommen und auch bei keinem teuren Hobby und auch auf den meisten Schulhöfen nicht. Hat also Seltenheitswert! Und wo kämen wir denn da hin, wenn das Hobby des Sohnes nur einmalig 20 Strohballen a 2 Euro kostet? Und das hat man dann in der Kapuze, in den Socken…
Außerdem muss der therapiert werden, eben zB mit reiten! Weil, der gibt sich oft als sehr schlechtes Mädchen und die Mädchen in der Schule, die wissen, dass sie die Guten sind, piesacken ihn so nicht-körperlich aber gehaltvoll, dass er dann irgendwann immer voll körperlich reagiert und das ist für seine Schulegemeinschaft ein Beweis, wer hier der Böse ist.
Uns so robben wir mit der Allzeit bereiten Wasserflasche und Der Packung Apfelscheiben auf Augenhöhe neben ihm her und hoffen, dass er doch noch kommunikativer wird.
So viel dazu.
Es ist übrigens nicht nur der schlechte Ruf von Jungen, der Eltern dazu bringt, sich ein Mädchen zu wünschen, sondern auch Selbstverliebtheit, Narzissmus. “Ein Mädchen kann man schöner anziehen” ist so ein typischer Spruch. Früher ging es halt um Existenz und wie im Artikel steht damit verbundener Stolz und Ehrgeiz.
Heute ist es wohlstandsbedingt anders, aber das gleiche in grün. Da geht es dann eben um Eitelkeiten. Deshalb findet man dieses Phänomen in Ländern mit hoher Frauenerwerbsquote. Weil es um Wohlstand geht! Der erlaubt es einem, vor allem das Niedliche im Kind zu sehen, es schön anzuziehen, sich selber mit seinen Wünschen darin wieder zu finden und die Wehrhaftigkeit oder Risikobereitschaft von Jungs braucht es halt in Friedenszeiten nicht, das stört nur.
Zum Glück sind das aber alles nur Oberflächlichkeiten. Ob man sein Kind liebt, stellt sich an anderer Stelle heraus und wird einem zur Lebensaufgabe gestellt. Und genau diese Lebensaufgabe wollen Eltern, wenn man mal tiefer blickt.
ZB so : Scheidung, Job weg, Kind behindert, Freundeskreis bröckelt – und du merkst auf einmal, dass du mit deinen Erwartungen nicht so wichtig bist und damit leben kannst, weil jetzt ein anderer Mensch zählt.
Blaues Konfetti fällt – und plötzlich bricht eine Welt zusammen. Die „Blase“, die man sich jahrelang ausgemalt hat, platzt, und man hört Sätze wie: „Ich denke, ich kann mich mit einem Jungen nicht identifizieren.“ Und ich kann nicht mehr, wenn ich mit derartigen Blubberblasen konfrontiert werde.
Ja klar. Kinder als Spiegelbild der eigenen Innenarchitektur – was soll da schon schiefgehen.
Dann die pädagogische Diagnose: Jungen hätten „mehr Misserfolge, mehr Konflikte, mehr Stress“, seien sprachlich und emotional langsamer, bräuchten mehr Unterstützung. Und die „durchpädagogisierte Kindheit“ passe nicht zu ihren Bedürfnissen.
Wer hätte das ahnen können. Vielleicht alle, die schon einmal eine Kita oder Schule betreten haben.
Und dann das große Mantra moderner Pädagogik und Didaktik:
Selbstorganisiertes Lernen. Kompetenzorientierung. SOL. Lernjobs. Kompetenzraster.
Kompetenznebel statt Klartext und Schwammzone statt klarer Ansagen.
Ein System, das so tut, als könnten Kinder und Jugendliche sich selbst steuern, während viele einfach nur gern wüssten, was konkret erwartet wird, statt sich durch laminierte Lernlandkarten zu kämpfen wie durch einen Escape Room ohne Hinweise.
Na dann: Her mit der Jungenschule. Ich – und viele meiner renitenten Oldschool‑Kollegen – wären sofort dabei. Klare Strukturen, klare Ansagen, klare Erwartungen.
Ein Hoch auf alle jungen Männer und Frauen, die nicht nach ‚Selbstreflexion ihres Kompetenzprofils‘ verlangen, sondern schlicht nach Orientierung – und zwar bevor Unterricht und soziale Erziehung zur pädagogischen Schnitzeljagd verkommen.
Ein dreifaches Helau darauf, dass man über all das offenbar erst nachdenkt, wenn bei der Gender-Reveal-Party das falsche Konfetti fällt.
Finde ich nicht verwunderlich – in einer sozial-gefühlten Umgebung des materiellen Überflusses (ja, nicht für alle) und der “woman are wonderful”-Effekte ist es doch zu erwarten, dass Mädchen bessere Chancen haben. Haben sie ja auch.
Das spiegelt sich dann bei manchen (werdenden) Eltern natürlich auch emotional.
Und hier ein kleiner Trost für die armen werdenden Eltern; die Sterblichkeitsquote der Jungen ist höher als die der Mädchen.