Home Politik Umfassende Bildungsoffensive vorgestellt: Wie Bremen die rote Laterne abgeben will

Umfassende Bildungsoffensive vorgestellt: Wie Bremen die rote Laterne abgeben will

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BREMEN. Bremen will aus der bildungspolitischen Dauerrolle als Schlusslicht heraus. Mit einer umfassenden „Offensive für mehr Bildungsqualität“ kündigt der neue Bildungssenator Mark Rackles (SPD) einen Kurswechsel an, der tief in Strukturen von Kitas und Schulen eingreift. „Bremens Schülerinnen und Schüler sollen besser werden. Das kleinste Bundesland soll zum Klassenstreber werden“, sagte Rackles. Grundlage dafür ist ein umfangreiches Handlungskonzept seines Ressorts, das nun gemeinsam mit Verbänden, Schulen und Trägern diskutiert werden soll.

Am Ende (Symbolbild.) Illustration: Shutterstock

Seit Jahren landet das kleinste Bundesland bei Bildungsstudien wie dem IQB-Bildungstrend auf den hinteren Plätzen. Die Diagnose des Bildungsressorts fällt entsprechend deutlich aus. In dem Papier heißt es mit Blick auf die Ende 2025 veröffentlichten Ergebnisse der IQB-Studie: „Wir haben ein Problem in der Vermittlung von Lerninhalten, das bereits im vorschulischen Bereich bei der Entwicklung sprachlicher und mathematischer Kernkompetenzen besteht.“ Hinzu kämen bundesweit überdurchschnittliche Ausfallzeiten in Kitas und Schulen sowie auffällig hohe Quoten von Schulabsentismus und von Jugendlichen ohne Schulabschluss. Diese Befunde deuteten, so das Ressort weiter, auf „unzuverlässige Lernzeiten“ und Defizite in der schulischen und emotionalen Einbindung von Kindern und Jugendlichen hin.

Vor diesem Hintergrund formuliert das Bildungsressort messbare Qualitätsziele, die innerhalb von fünf Jahren erreicht werden sollen. Im Handlungskonzept heißt es ausdrücklich: „Das Bildungsminimum muss besser abgesichert werden.“ Konkret sollen mindestens 30 Prozent weniger Schülerinnen und Schüler die Mindeststandards in Deutsch und Mathematik verfehlen. Gleichzeitig soll das Leistungsniveau insgesamt steigen. Ziel sei es, „das Bildungsniveau in der Breite zu steigern“, indem mindestens 30 Prozent mehr Schülerinnen und Schüler die Regelstandards in Deutsch und Mathematik erreichen. Auch die Leistungsspitze soll stärker gefördert werden. Zudem ist vorgesehen, „bis 2031 die Zahl der Abgänger:innen ohne Abschluss um 30 Prozent zu senken“, bezogen auf das Basisjahr 2025.

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„Lernzeit ist für die Kinder und Jugendlichen die wertvollste Ressource im Bildungssystem. Ohne Lernzeit kein Bildungserfolg“

Um diese Ziele zu erreichen, definiert das Ressort sieben strategische Handlungsfelder. Rackles verwies darauf, dass diese systematisch ineinandergreifen müssten. „Wenn wir die optimieren, dann haben wir eine Chance, dass die Lernergebnisse besser werden“, sagte der Senator. Der Schwerpunkt liegt dabei ausdrücklich auf der frühkindlichen Bildung und der Grundschule. Programmatisch heißt es im Konzept dazu: „Kita und Schule haben einen originären und unersetzbaren Bildungs- und Förderauftrag, der auch unter schwierigen Bedingungen im Sinne aller Kinder erfüllt werden muss.“

Ein zentrales Handlungsfeld ist die Verlässlichkeit von Lernzeit. Unterrichts- und Betreuungszeiten sollen stabiler werden, Ausfall soll reduziert werden. Das Handlungskonzept formuliert dazu einen zentralen Leitsatz: „Lernzeit ist für die Kinder und Jugendlichen die wertvollste Ressource im Bildungssystem. Ohne Lernzeit kein Bildungserfolg.“ Unterrichtsausfall soll durch schulorganisatorische Maßnahmen verringert werden; Exkursionen und Klassenfahrten sind davon ausdrücklich ausgenommen. Auch in Kitas soll Verlässlichkeit künftig stärker berücksichtigt werden. Geplant ist, das Kriterium einer unterdurchschnittlichen Ausfallquote in die neue Kita-Finanzierung aufzunehmen und damit als monetären Anreiz für Träger und Leitungen zu nutzen.

Besonders weitreichend sind die geplanten Änderungen im Bereich der Sprachbildung. Künftig soll der Besuch einer Kita verpflichtend werden, wenn bei einem Kind ein Sprachförderbedarf festgestellt wird. Das Schulgesetz soll geändert werden, um „bei festgestelltem Sprachförderbedarf eine verpflichtende Sprachförderung spätestens zwölf Monate vor der Einschulung zu garantieren“. Zudem soll ab dem Kitajahr 2026/27 eine verbindliche, lernbegleitende Sprachdiagnostik eingeführt werden, die bereits ab dem zweiten Lebensjahr die Sprachentwicklung dokumentiert. Mehrsprachigkeit wird dabei ausdrücklich nicht als Defizit verstanden. Im Konzept heißt es dazu wörtlich, sie sei „als Bildungsressource zu sehen und positiv aufzugreifen“.

Die Sprachbildung soll zudem stärker systematisiert werden. Geplant ist ein Landesprogramm Sprachbildung, das bisherige Einzelprojekte bündelt. In der Aus- und Fortbildung von Erzieherinnen, Erziehern und Lehrkräften sollen sprachbezogene Inhalte ausgebaut werden. Ergänzt wird dieser Ansatz durch ein neues Fach: Ab 2027 soll in der Grundschule eine Wochenstunde Theater beziehungsweise Darstellendes Spiel eingeführt werden. Ziel sei es, „durch gezielten Ausbau von Sprachanlässen und alltagsintegrierte Sprachförderung“ die sprachlichen Basiskompetenzen zu stärken.

Ein weiteres Handlungsfeld richtet sich auf die Stärkung von Lesen, Schreiben und Rechnen sowie auf die Unterrichtsqualität insgesamt. Der neue Landesrahmen Schulqualität, der 2026 veröffentlicht werden soll, soll verbindliche Vorgaben machen. Fachcoaches sollen Schulen insbesondere in Deutsch und Mathematik unterstützen. Fachfremder Unterricht soll reduziert werden, unter anderem durch verbindliche Qualifizierungen. Gleichzeitig betont das Konzept ausdrücklich: „Die Leistungsspitze muss in Bremen besser gefördert werden.“

„Motivation, Gesundheit und emotionales Wohlbefinden der Lernenden und Lehrenden sind Grundlage erfolgreicher Bildung“

Neben Leistungsfragen rückt das Ressort auch Motivation und Wohlbefinden stärker in den Fokus. Schule müsse, so das Papier, auch ein Ort sein, an dem gesundes Lernen und Lehren möglich sei. Wörtlich heißt es: „Motivation, Gesundheit und emotionales Wohlbefinden der Lernenden und Lehrenden sind Grundlage erfolgreicher Bildung.“ Vorgesehen sind unter anderem der Ausbau von Präventionsangeboten, mehr Bewegungsanlässe sowie eine Stärkung multiprofessioneller Teams. Auch die Arbeitsbedingungen von Lehrkräften und Erzieherinnen und Erziehern werden thematisiert. Mit einem Pilotprojekt zur Arbeitszeiterfassung an Schulen will Bremen erstmals systematisch Belastungen erfassen.

Eine größere Rolle sollen künftig auch Daten spielen. Schulen sollen verpflichtet werden, datenbasiert zu arbeiten und ihre Entwicklung transparenter zu machen. Das Ziel sei es, so heißt es im Konzept, „valide Daten für die Steuerung sowie die Schul- und Unterrichtsentwicklung zur Verfügung zu stellen“. Alle Schulen sollen spätestens ab dem Schuljahr 2026/2027 verbindliche Ziel- und Leistungsvereinbarungen mit der Schulaufsicht abschließen. Das Institut für Qualitätsentwicklung im Land Bremen (IQHB) soll als unabhängige wissenschaftliche Einrichtung gestärkt werden.

Ein weiteres Handlungsfeld setzt auf sozialräumliche Zusammenarbeit. Kitas, Grundschulen, Ganztagseinrichtungen und weitere Partner sollen verbindlicher kooperieren, um Übergänge besser zu gestalten und Bildungsbenachteiligung frühzeitig zu reduzieren. Eltern werden dabei ausdrücklich als Partner verstanden. Das Konzept sieht vor, Informationen zu Kita und Schule mehrsprachig bereitzustellen, um Familien besser zu erreichen.

Auch die digitale Bildung wird neu justiert. Digitale Basiskompetenzen sollen verbindlich verankert werden, gleichzeitig betont das Ressort die Notwendigkeit einer verantwortungsvollen Gestaltung digitaler Lernzeit. Eine 1:1-Ausstattung mit Endgeräten ist ab der dritten Klasse vorgesehen. Schülerinnen und Schüler sollen lernen, digitale Angebote „aktiv, kritisch und selbstbestimmt“ zu nutzen. Auch Eltern sollen stärker über Chancen und Risiken digitaler Medien informiert werden.

Das Handlungskonzept ist zunächst als Vorschlag angelegt. Bis Mitte April will das Bildungsressort Rückmeldungen aus der Fachöffentlichkeit sammeln. Anschließend sollen die Maßnahmen schrittweise umgesetzt und gesetzliche Änderungen auf den Weg gebracht werden. Ob Bremen damit tatsächlich den angekündigten Sprung aus dem Tabellenkeller schafft, wird sich nicht zuletzt daran entscheiden, ob die dafür nötigen Ressourcen dauerhaft zur Verfügung stehen. News4teachers / mit Material der dpa

Hier lässt sich das vollständige Konzept herunterladen. 

“Der brennt für sein Thema”: Lehrer-Arbeitszeit-Experte Rackles als Bildungssenator vereidigt

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Rainer Zufall
1 Monat zuvor

Wow, ich stimme dem prinzipiell zu, aber es ist erstaunlich, wie über den gesamten Artikel das Wort “Personal” vermieden wurde.

“Unterrichtsausfall soll durch schulorganisatorische Maßnahmen verringert werden”
Ist klar, Fernlernen am Arsch -__-

Eisblume
1 Monat zuvor

Und an wen?

(Es ist fast witzig, denn egal, was alle unternehmen, irgendwer muss ja auf dem letzten Platz sein – ganz gleich, wie gut oder wie schlecht. Es sollten deshalb nicht Platzierungen gelten, sondern die Erfüllung bestimmter Qualitätskriterien!!!!)

Realist
1 Monat zuvor
Antwortet  Eisblume

Und an wen?”

Bremerhaven?

Salpeter
1 Monat zuvor
Antwortet  Realist

Ha, ha, ja… der war gut.

Brennpunktschule
1 Monat zuvor

Mir fehlt es offensichtlich an Lesekompetenz. Bis auf die verbindliche Sprachförderung habe ich keine Maßnahme gefunden, die die schulische Bildung verbessert.

Verbindliche Zielvereinbarungen: prima, unsere Schüler werden besser, kein Problem. In der nächsten Zeugniskonferenz kommt einfach jeder durch.

Dann gibt es noch “Unterrichtsausfall soll durch schulorganisatorische Maßnahmen verringert werden”

Meine Lieben, ab jetzt kommt einfach jeder zur ersten Stunde. Teilzeit – super, dann haben sie ja noch Reserven. Wir vertreten jede Stunde, und sei es bis um 16 Uhr. Krank wird ja keiner mehr, is klar.

Dann wird das ganze noch mit ein bisschen Digitalisierung und Motivation verbrämt, natürlich alles aktiv, kritisch und selbstbestimmt.

Glauben die das eigentlich selbst? Oder glaubt irgendjemand, dass das irgendwie funktioniert? Es hat schon einen Grund warum Bremen so schlecht abschneidet, und das wird mit diesem “Konzept” auch so bleiben.

Gruselig.

Mika BB
1 Monat zuvor

Vermutlich hab ich’s nur nicht gefunden: wo steht der Passus: vom Land ausfinanzierte Veränderung der Erzieher-bzw. Lehrer -Kind – Relation hin zu kleinen Gruppen, welche individuelle Förderung überhaupt erst ermöglichen?

Hans Malz
1 Monat zuvor

“Grundlage dafür ist ein umfangreiches Handlungskonzept seines Ressorts, das nun gemeinsam mit Verbänden, Schulen und Trägern diskutiert werden soll.”

Erst wird das von den Wasserkopfbewohnern im stillen Kämmerlein verzapft, so dass es nichts kostet. Danach werden erst die Leute mit einbezogen, die Ahnung haben.

Wird bestimmt großartig.

dickebank
1 Monat zuvor
Antwortet  Hans Malz

Das heißt jetzt doch Overhead und nicht mehr Hydroencephalus. Uns so einer hat einen Hochschulabschluss. Kopfschüttel

Hans Malz
1 Monat zuvor
Antwortet  dickebank

Wer sagt das denn? Ich kann doch auch Lehrer sein, ohne einen Hochschulabschluss zu haben.

dickebank
1 Monat zuvor
Antwortet  Hans Malz

Baumschule oder Fahrschule?

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