MAINZ. SPD und CDU liefern sich anderthalb Wochen vor der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Der Ausgang entscheidet nicht nur darüber, wer die künftige Regierung als Ministerpräsident führt (Amtsinhaber Alexander Schweitzer, SPD, oder Herausforderer Gordon Schnieder) – auch Deutschlands wohl ambitioniertester Modellversuch in der Bildung dürfte auf der Kippe stehen. Die bislang oppositionelle CDU hat keine Sympathie für die „Schulen der Zukunft“ erkennen lassen, im Gegenteil.

„In den letzten Jahren haben sich unsere Gesellschaft und unsere Arbeitswelt rasant verändert. An diese Entwicklungen muss auch Schule anknüpfen, um junge Menschen auf ihre Zukunft vorzubereiten.“ Mit diesen Worten zog die damalige rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD), mittlerweile zur Bundesjustizministerin aufgestiegen, im Frühjahr 2025 eine Zwischenbilanz der Initiative „Schulen der Zukunft“. Das Projekt, das im November 2021 gestartet war, soll Schulen im Land mehr Spielraum geben, Unterricht und Schulorganisation neu zu denken.
„Mit ‚Schule der Zukunft‘ machen wir genau das“, erklärte Hubig damals. Nach Darstellung ihres Ministeriums hat sich die Initiative zu einem landesweiten Netzwerk entwickelt, das bereits Tausende Beteiligte erreiche. Im Zentrum standen seinerzeit bereits knapp hundert Schulen aus allen Schularten – von Grundschulen über Realschulen plus und Integrierte Gesamtschulen bis hin zu Gymnasien, Berufsbildenden Schulen und Förderschulen. Sie haben sich mit eigenen Entwicklungsvorhaben beworben und arbeiten seitdem in einem langfristig angelegten Schulentwicklungsprozess.
Die Themen, an denen die Schulen arbeiten, reichen von individualisiertem Lernen und fachübergreifenden Unterrichtsformen über digitale Bildung bis hin zu neuen Formen der Leistungsbewertung oder flexibleren Unterrichtszeiten. Auch Demokratielernen, Partizipation oder Nachhaltigkeitsbildung gehören zu den Schwerpunkten. Die Initiative ist dabei nicht als klassisches Reformprogramm konzipiert. Vielmehr versteht sie sich als Beteiligungsprozess, der Impulse aus Schulen, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammenführen soll.
So wurden sogenannte Town Halls organisiert – regionale Diskussionsveranstaltungen zu Zukunftsthemen der Bildung. Nach Angaben des Ministeriums beteiligten sich an einem digitalen Beteiligungsprozess mehr als 3.600 Menschen. Acht Town Halls mit über 770 Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowie ein Zukunftskongress mit rund 180 Beteiligten wurden bislang durchgeführt. Daneben existieren zahlreiche Vernetzungsformate zwischen Schulen. Bei sogenannten Foren treffen sich die beteiligten Einrichtungen schulartübergreifend zum Austausch. Schulartspezifische Netzwerktreffen ergänzen das Programm. Nach Angaben des Ministeriums gab es bislang 18 solcher Treffen mit rund 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmern.
„Eine Reform, die meint, der Weg sei das Ziel, wird den großen Herausforderungen der Schulpolitik nicht gerecht“
Ein weiteres zentrales Instrument sind sogenannte Planungstische. Dort besprechen Schulleitungen gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern des Bildungsministeriums, der Schulaufsicht und des Pädagogischen Landesinstituts konkrete Entwicklungsschritte. Die Ergebnisse werden dokumentiert und regelmäßig überprüft. Rund 280 solcher Planungsgespräche fanden bislang statt. Auch wissenschaftliche Expertise wird einbezogen. Ein „Zukunftsboard“ bringt Fachleute aus Bildungsforschung, Didaktik, Pädagogik und Schulentwicklung zusammen. Ergänzt wird der Prozess durch Hospitationen zwischen Schulen, Lernreisen sowie Fortbildungsangebote für Lehrkräfte.
Rechtlich ermöglicht werden einzelne Veränderungen über sogenannte „Ermöglichungen“ nach Paragraph 20 des rheinland-pfälzischen Schulgesetzes. Damit können Schulen von bestimmten Vorgaben abweichen, wenn sie neue Formen des Unterrichts oder der Organisation erproben wollen. Nach Angaben des Ministeriums wurden bislang 164 solcher Maßnahmen angestoßen. Auch über Rheinland-Pfalz hinaus wird die Initiative in Fachkreisen aufmerksam verfolgt. Die Kombination aus Beteiligungsprozessen, wissenschaftlicher Begleitung und schulischer Autonomie gilt als ungewöhnlich breit angelegt.
Politisch unumstritten war das Projekt allerdings nie. Bereits kurz nach dem Start äußerte die CDU Zweifel an dem Ansatz. Der damalige Landesvorsitzende Christian Baldauf kritisierte 2022, die Landesregierung habe mit „Schule der Zukunft“ vor allem ein griffiges Label geschaffen. „Eine Reform, die meint, der Weg sei das Ziel, wird den großen Herausforderungen der Schulpolitik nicht gerecht“, erklärte Baldauf damals. Gute Schulpolitik müsse vor allem den individuellen Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler sichern und Chancengerechtigkeit schaffen.
Er verwies auf strukturelle Probleme im Schulsystem. „Was tut die ‚Schule der Zukunft‘ dagegen, dass zehn Prozent des Unterrichts ausfallen oder nicht adäquat vertreten werden?“, fragte Baldauf. Die Antwort darauf seien aus seiner Sicht nicht Dialogprozesse, sondern kleinere Klassen und mehr Lehrkräfte.
Im aktuellen Wahlprogramm der CDU für die Landtagswahl in anderthalb Wochen spielt die Initiative keine Rolle. Stattdessen betont die Partei klassische bildungspolitische Leitlinien. „Bildung braucht Werte. Wir stehen für Leistung, Verantwortung und Zusammenhalt“, heißt es darin. Gefordert werden verbindliche Leistungsstandards, klare Notengebung und nachvollziehbare Prüfungen – ein Bekenntnis zu einem innovativen Modellprojekt klingt anders.
„Wir leben nicht unbedingt in einem progressiven Mainstream“
Seit Mai 2025 ist Sven Teuber (SPD) Bildungsminister in Rheinland-Pfalz. Der frühere Gymnasiallehrer stellt die Initiative in einen größeren Zusammenhang der Schulentwicklung. „Wir haben mittlerweile ein Netzwerk von 150 ‚Schulen der Zukunft‘, die wir autonomer und freier arbeiten lassen“, sagt Teuber in einem aktuellen Interview mit der taz. Die Schulen setzten eigene innovative Schwerpunkte, etwa neue Lern- und Prüfungsformate, offene Lernorte innerhalb der Schulgebäude, Projekte für mehr Umwelt- oder Nachhaltigkeitsbildung oder eine stärkere Beteiligung von Schülerinnen und Schülern am Schulalltag.
Der Minister verbindet damit eine veränderte Vorstellung von Unterricht. „Schule sollte heute nicht mehr so sein, wie ich das als Schüler in den 80er und 90er Jahren erlebt habe“, sagte Teuber. Als Lehrer habe er selbst erlebt, wie stark sich Unterricht verändern könne. Teamorientiertes Arbeiten könne für Lehrkräfte entlastend sein – ebenso wie schülerzentrierter Unterricht („einen Rahmen zu geben und die Schüler:innen den Raum selber füllen zu lassen, statt ihn als Lehrkraft zu füllen“).
Aus seiner Sicht müsse Schule zunächst den Bedürfnissen der Kinder gerecht werden. „Schule muss erst den Kindern gerecht werden, damit sie ihr ganzes Leistungspotential ausschöpfen können.“ Dass dieser Ansatz bildungspolitisch umstritten ist, stellt der Minister nicht in Abrede. „Wir leben nicht unbedingt in einem progressiven Mainstream“, sagte Teuber. News4teachers