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Junge Menschen fühlen sich zunehmend an den Rand gedrängt – Immer mehr radikalisieren sich (und/oder wollen auswandern)

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BERLIN. Die junge Generation fühlt sich überstimmt, politisch nicht wahrgenommen und gesellschaftlich an den Rand gedrängt – aus diesem Grund wächst bei vielen sogar der Wunsch, Deutschland perspektivisch zu verlassen. Das ist die zentrale Botschaft der neuen Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026“, die repräsentativ 14- bis 29-Jährige befragt hat. Die Untersuchung zeigt auch Folgen für die politische Orientierung der jungen Menschen auf: Sie radikalisieren sich. 

Und tschüss… Illustration: News4teachers

Der Befund verweist auf ein grundlegendes Spannungsverhältnis zwischen den Generationen: Junge Menschen erleben sich als gesellschaftliche Minderheit gegenüber einer älteren Bevölkerungsmehrheit, die politische Entscheidungen dominiert. Studienleiter Simon Schnetzer beschreibt diese Erfahrung im Interview mit der Zeit so: „Die Grunderfahrung vieler junger Menschen ist, dass die Mehrheit die Politik bestimmt und die Mehrheit alt ist. Egal, was die junge Generation äußert – psychische Belastung, Generationenkonflikte –, sie erlebt, dass sie als Minderheit damit nicht durchdringt.“

Die Zahlen der Studie sind eindeutig – und politisch brisant. „Mit 21 Prozent plant jede fünfte junge Person konkret, Deutschland zu verlassen, um im Ausland bessere Lebensbedingungen zu finden“, sagt Sozialforscher Kilian Hampel von der Universität Konstanz, einer der Studienautoren. Insgesamt können sich 41 Prozent der Befragten vorstellen, Deutschland perspektivisch zu verlassen.

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Als Zielorte nennen viele junge Menschen Länder wie die Schweiz, Spanien oder skandinavische Staaten – Regionen, die sie mit stabileren Lebensverhältnissen und größerer Zukunftssicherheit verbinden. Neben wirtschaftlichen Faktoren spielt auch die politische Stimmung eine Rolle. Schnetzer ordnet die Entwicklung so ein: „Wenn sich die junge Generation mit der Politik des eigenen Landes nicht mehr identifiziert, hat eine Gesellschaft ein Problem. Schließlich werden bis 2036 rund 19,5 Millionen Menschen den Arbeitsmarkt verlassen, während nur 12,5 Millionen ins erwerbsfähige Alter kommen. Unsere Ergebnisse zeigen, dass die jungen Menschen leistungsbereit sind, aber wenig klare Perspektiven für ihre Zukunft sehen.“

Hohe Belastung: Eine Generation unter Dauerstress

Die wachsende Distanz zur Gesellschaft ist eng mit der wahrgenommenen Lebensrealität vieler junger Menschen verknüpft. Die Trendstudie zeigt, dass die psychische Belastung weiterhin auf hohem Niveau liegt. 49 Prozent der Befragten berichten von Stress, 36 Prozent von Erschöpfung, 32 Prozent von Selbstzweifeln und 30 Prozent von Antriebslosigkeit.

29 Prozent geben an, psychologische Unterstützung zu benötigen – so viele wie nie zuvor. Unter Studierenden liegt dieser Anteil bei 32 Prozent, bei jungen Frauen sogar bei 34 Prozent. „Die Ergebnisse der Trendstudie zeigen auf dramatische Weise, wie sehr die Belastungen der letzten Jahre den jungen Menschen zusetzen – in Form von Stress, Erschöpfung und wachsender Perspektivlosigkeit“, sagt Schnetzer. Als Ursachen nennt die Studie die Vielzahl von Dauerkrisen – und die rasante technologische Entwicklung. Gerade in der Arbeitswelt zeigen sich bemerkenswerte Verschiebungen: Aufgrund wirtschaftlicher Unsicherheiten und des voranschreitenden Einflusses von KI bewerten junge Menschen ihre beruflichen Chancen deutlich schlechter als noch zuvor.

Bildungsforscherin Prof. Nina Kolleck von der Universität Potsdam, die ebenfalls an der Studie beteiligt war, verweist gegenüber dem ZDF zudem auf den Einfluss sozialer Medien: Dort werde durch Influencer ein perfektes Leben vorgegaukelt, das zu großem Anpassungs- und Leistungsdruck führe – und auch die Schnelllebigkeit nehme zu. Ein Befund aus der Studie macht die Dimension des Problems deutlich: 60 Prozent der jungen Menschen berichten von einer „suchtähnlichen Smartphonenutzung“, viele greifen bei persönlichen Problemen bereits auf KI-gestützte Beratungsangebote zurück.

Leistungsbereit – aber ohne klare Perspektive

Trotz dieser Belastungen bleibt die Leistungsbereitschaft hoch. Die große Mehrheit der jungen Menschen zeigt sich bereit, zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Die verbreitete These, die junge Generation sei zu bequem, findet nur bei einer Minderheit Zustimmung – 30 Prozent der jungen Männer und 20 Prozent der jungen Frauen stimmen ihr zu. Der wichtigste Leistungsmotivator ist Geld (51 Prozent), gefolgt von Spaß (37 Prozent), dem Erreichen von Zielen (33 Prozent), dem Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun (27 Prozent) und Anerkennung (24 Prozent). Schnetzer: „Wir finden bei den 14- bis 29-Jährigen durchaus ein stabiles geschlechtsübergreifendes Wertesystem. Der Wunsch nach Familie, Sicherheit und Gerechtigkeit ist weit verbreitet. Geld spielt eine Riesenrolle!“

Gleichzeitig ist eine erhebliche Verunsicherung erkennbar. Nur etwa die Hälfte der jungen Menschen bewertet ihre berufliche Orientierung und ihre Zukunftspläne als klar. Die Studienautoren selbst bewerten diesen Befund kritisch und sehen darin ein zentrales Problem für den Übergang ins Berufsleben. Schnetzer ordnet ein: Die jungen Menschen seien leistungsbereit, aber sehen wenig klare Perspektiven für ihre Zukunft.

Diese Unsicherheit spiegelt sich auch in der Bewertung von Bildungswegen wider. Nur noch 32 Prozent der Befragten glauben, dass ein Studium bessere Karrierechancen bietet, während 27 Prozent dies ausdrücklich verneinen. Gleichzeitig gewinnt die berufliche Ausbildung an Attraktivität, weil sie als sicherer wahrgenommen wird. Auch wirtschaftlich verschärft sich die Lage. 23 Prozent der jungen Menschen haben Schulden – ein neuer Höchststand. Besonders die Wohnsituation entwickelt sich zum zentralen Problem.

Politische Folgen: Polarisierung und Vertrauensverlust

Die politischen Konsequenzen dieser Entwicklung sind bereits sichtbar. Die Studie zeigt eine deutliche Verschiebung hin zu den Extremen – und einen massiven Vertrauensverlust gegenüber der politischen Mitte. Nur 14 Prozent der Befragten geben laut Schnetzer im ZEIT-Interview an, Vertrauen zu haben, dass die Regierung „das Richtige tut“. Gleichzeitig gewinnen Parteien mit radikalen Positionen an Zustimmung.

Die Linke erreicht 25 Prozent und ist damit erstmals stärkste Kraft unter jungen Wählerinnen und Wählern, die AfD kommt auf 20 Prozent. Allerdings gilt, so Kolleck: „Die politischen Präferenzen junger Menschen verlaufen zunehmend entlang geschlechtsspezifischer Linien.“ Heißt konkret: Junge Frauen orientieren sich zunehmend an linken politischen Positionen, während junge Männer überdurchschnittlich häufig Parteien am rechten Rand unterstützen.

Schnetzer erklärt die Verschiebung so: „Es reicht der Eindruck, dass die anderen Parteien die Bedürfnisse der jungen Generation nicht sehen. Daraus resultiert die starke Abwendung von der politischen Mitte.“ Nina Kolleck warnt vor den Folgen dieser Entwicklung: „Der Protest der Jugend ist nicht laut, aber unter der Oberfläche braut sich etwas zusammen, was langfristig Wirtschaft, Regionen und soziale Sicherungssysteme gefährden kann.“

Für den Jugendforscher Prof. Klaus Hurrelmann von der Hertie School Berlin liegt die zentrale Ursache der Entwicklung in einem strukturellen Beteiligungsdefizit. Er stellt heraus, dass sich die junge Generation „in gesellschaftlichen Zukunftsfragen zu wenig beteiligt“ fühlt. In der Pressekonferenz formuliert Hurrelmann die Situation noch deutlicher: „Es tut weh zu sehen, dass wir hier eine gut gebildete Generation haben, die das Gefühl hat, keinen Platz zu finden.“ Seine Forderung: neue Formen politischer Beteiligung und echte Generationendialoge zu zentralen Zukunftsfragen. Ziel müsse es sein, jungen Menschen mehr Vertrauen und Verantwortung zu geben – und damit auch ihre vorhandene Leistungsbereitschaft zu sichern.

Auch Nina Kolleck mahnt: „Wenn wir die Anliegen junger Menschen nicht ernst nehmen, übersehen wir, dass sie unsere Zukunft sind und riskieren angesichts des Fachkräftemangels, wichtige Potenziale zu verlieren.“

In der Studie heißt es bilanzierend: „Entscheidend für das Wohl der jungen Generation wird es sein, Räume zu schaffen, in denen junge Menschen lernen, konstruktiv mit Belastungen umzugehen und Zuversicht für ihren Blick auf die Zukunft zu gewinnen.“ Zwei wichtige Voraussetzungen dafür seien die immer wieder von jungen Menschen eingeforderte Beteiligung bei Krisen und wichtigen Entscheidungen – sowie die Förderung von mentaler Gesundheitskompetenz in Schule, Ausbildung und Studium. News4teachers

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Gelbe Tulpe
2 Stunden zuvor

Der Hass gegen die jungen Menschen ist tatsächlich erstaunlich. Man muss nur mal schauen, wie gegen die sogenannte Gen Z von Focus und Welt gehetzt wird.

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