LEIPZIG. Die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland steigt erstmals seit Ende der Corona-Pandemie wieder an. Das aktuelle Deutsche Schulbarometer verweist auf eine problematische Entwicklung, die nach einer zwischenzeitlichen Entspannung erneut an Dynamik gewinnt – und macht zugleich deutlich, wie eng mentale Gesundheit mit Unterrichtsqualität, sozialer Herkunft und Partizipation im Schulalltag verknüpft ist. Von einem „Warnsignal“ ist die Rede.

Ein Viertel der Schülerinnen und Schüler in Deutschland fühlt sich psychisch belastet. Das ist das Ergebnis des Deutschen Schulbarometers 2025/26, das die Robert Bosch Stiftung gemeinsam mit der Universität Leipzig vorgelegt hat. Im Vergleich zum Vorjahr ist damit ein Anstieg zu verzeichnen: 2024 lag der Anteil noch bei 21 Prozent. In der Pressemeldung wird diese Entwicklung ausdrücklich eingeordnet: „Auch wenn es dem Großteil der jungen Menschen in Deutschland gut geht, ist der erneute Anstieg der psychischen Belastung ein Warnsignal, das wir nicht ignorieren dürfen“, sagt Dr. Anna Gronostaj, Bildungsexpertin der Robert Bosch Stiftung.
Die Daten basieren auf einer repräsentativen Befragung von 1.507 Schülerinnen und Schülern im Alter von 8 bis 17 Jahren sowie deren Erziehungsberechtigten. Die Erhebung wurde zwischen dem 9. Mai und dem 3. Juni 2025 durch das Meinungsforschungsinstitut Forsa durchgeführt. Die statistische Fehlertoleranz wird mit drei Prozentpunkten angegeben.
Auffällig ist die soziale Spreizung der Ergebnisse. Kinder und Jugendliche aus Familien mit niedrigem Einkommen sind deutlich stärker betroffen. Laut Pressemeldung berichten 31 Prozent dieser Gruppe von psychischer Belastung. Gleichzeitig weisen sie überdurchschnittlich häufig ein geringes schulisches Wohlbefinden (29 Prozent) sowie eine niedrige Lebensqualität (36 Prozent) auf. Damit wird ein Zusammenhang sichtbar, der sich durch mehrere Befunde der Studie zieht: Soziale Lage, schulische Erfahrungen und psychische Gesundheit sind eng miteinander verbunden.
Ein Blick auf das schulische Wohlbefinden zeigt differenzierte Entwicklungen. Nach Angaben aus dem Deutschen Schulportal, das die Ergebnisse ausführlich aufbereitet, geben 16 Prozent der Befragten an, ein geringes Wohlbefinden in der Schule zu haben. 75 Prozent ordnen sich im mittleren Bereich ein, 8 Prozent berichten von einem hohen Wohlbefinden.
Gegenüber dem Vorjahr hat sich die Situation leicht verbessert: 2024 lag der Anteil mit geringem Wohlbefinden noch bei 20 Prozent. Gleichzeitig zeigt sich jedoch, dass psychische Auffälligkeiten und schulisches Wohlbefinden eng korrelieren. So fühlt sich nahezu die Hälfte der Schülerinnen und Schüler mit psychischen Auffälligkeiten (43 Prozent) im Schulalltag seltener wohl.
„Wenn Lehrkräfte unterstützen und sie fordern, ohne zu überfordern, und zudem das Klassenklima gut ist, geht es Kindern besser“
Diese Zusammenhänge spiegeln sich auch in konkreten Erfahrungen im Unterricht. Das Deutsche Schulportal berichtet unter Bezug auf die Studie, dass zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler angeben, sich zumindest in einzelnen Unterrichtsstunden überfordert zu fühlen. Ein Drittel berichtet dagegen, keine Überforderung zu erleben. Besonders häufig stimmen die Befragten der Aussage zu, dass Lehrkräfte Inhalte erklären, die sie nicht verstehen. 61 Prozent sagen, dies komme in einigen Unterrichtsstunden vor, 7 Prozent erleben dies sogar in den meisten oder allen Stunden.
Überforderung ist dabei nicht gleichmäßig verteilt. Überdurchschnittlich häufig berichten Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf, mit psychischen Auffälligkeiten sowie Kinder aus einkommensarmen Familien, dass sie in vielen oder allen Unterrichtsstunden überfordert sind. Gleichzeitig spielt auch Unterforderung eine Rolle. 36 Prozent der Befragten geben an, häufig keine Lust auf das Lernen in der Schule zu haben, 37 Prozent empfinden den Unterricht oft als langweilig, und 35 Prozent berichten, bei den Hausaufgaben aus Langeweile schnell die Motivation zu verlieren.
Die Studie verweist darauf, dass sowohl Überforderung als auch mangelnde kognitive Aktivierung negative Auswirkungen auf die psychische Verfassung haben können. Schülerinnen und Schüler mit psychischen Auffälligkeiten berichten häufiger von Langeweile als ihre unbelasteten Mitschülerinnen und Mitschüler. Unterschiede zeigen sich auch nach Alter und Geschlecht: Jüngere Kinder sowie Mädchen geben etwas seltener an, sich im Unterricht zu langweilen.
Ein zentrales Ergebnis betrifft die Bedeutung von Unterrichtsqualität und Beziehungsarbeit. „Unsere Studie zeigt, was hilft: Wenn Lehrkräfte unterstützen und sie fordern, ohne zu überfordern, und zudem das Klassenklima gut ist, geht es Kindern besser“, sagt Anna Gronostaj. In der Pressemeldung wird daraus eine weitergehende Schlussfolgerung gezogen: „Guter Unterricht fördert also nicht nur den Lernerfolg, sondern stärkt ganz direkt das Wohlbefinden der Kinder.“
Die Auswertungen zeigen, dass das schulische Wohlbefinden zu einem erheblichen Teil von unterrichtsbezogenen Faktoren abhängt. Nach Angaben der Autorinnen und Autoren lässt sich rund 60 Prozent des Wohlbefindens dadurch erklären, ob Schülerinnen und Schüler sich von ihren Lehrkräften unterstützt fühlen, die Anforderungen als angemessen erleben, ein positives Klassenklima wahrnehmen und sich selbst als leistungsfähig einschätzen.
Parallel dazu wird deutlich, wie stark Leistungsdruck den Schulalltag prägt. 61 Prozent der Schülerinnen und Schüler stimmen der Aussage zu, dass an ihrer Schule viel verlangt wird. 47 Prozent geben an, auch am Wochenende lernen zu müssen, um den Anforderungen gerecht zu werden. Etwa jede fünfte Schülerin beziehungsweise jeder fünfte Schüler berichtet von Hausaufgaben, die kaum zu bewältigen sind, oder von unangekündigten Tests. Besonders ausgeprägt ist dieses Empfinden bei älteren Schülerinnen und Schülern sowie bei Gymnasiastinnen und Gymnasiasten. Auch Mädchen nehmen Leistungsdruck häufiger wahr als Jungen. Die parallel durchgeführte Elternbefragung bestätigt diesen Eindruck: Eltern von 14- bis 17-jährigen Mädchen berichten häufiger, dass ihre Kinder vor Prüfungen niedergeschlagen wirken oder von Angst sprechen.
Neben Leistungsanforderungen rückt die Studie ein weiteres Thema in den Fokus: Mobbing. Ein erheblicher Teil der Jugendlichen ist regelmäßig betroffen. Laut Pressemeldung wird „ein Drittel der 11- bis 17-Jährigen […] mindestens einmal im Monat von Mitschüler:innen schikaniert, jede:r Zehnte sogar wöchentlich oder täglich“. Besonders betroffen sind 14-Jährige, von denen 38 Prozent entsprechende Erfahrungen berichten. Insgesamt geben 68 Prozent der Befragten an, im vergangenen Schuljahr keine Mobbingerfahrungen gemacht zu haben.
Die Auswertung zeigt zudem, dass Mobbing häufiger im direkten persönlichen Kontakt stattfindet als im digitalen Raum, auch wenn Cybermobbing in verschiedenen Formen präsent ist. Gleichzeitig gibt es Hinweise auf Fortschritte bei der Prävention: Vier von fünf Schülerinnen und Schülern wissen nach eigenen Angaben, an wen sie sich im Fall von Mobbing wenden können.
Ein weiterer Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf der Frage der Mitbestimmung. Hier zeigt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit. 74 Prozent der Schülerinnen und Schüler wünschen sich mehr Einfluss auf Unterrichtsinhalte, Arbeitsformen und Bewertungsmaßstäbe. Gleichzeitig berichten viele, dass sie tatsächlich kaum Möglichkeiten haben, den Unterricht mitzugestalten. In der Pressemeldung heißt es dazu: „Während drei Viertel der Schüler:innen mehr Einfluss auf Unterrichtsthemen oder Prüfungsformate wünschen, geben vier Fünftel an, hier kaum mitreden zu können.“
Informationen aus dem Deutschen Schulportal verdeutlichen diese Lücke. Demnach kann etwa die Hälfte der Befragten bei der Auswahl von Unterrichtsinhalten oder Materialien gar nicht mitbestimmen, knapp ein Drittel nur in geringem Umfang. Etwas mehr Einfluss haben Schülerinnen und Schüler bei der Gestaltung von Klassenregeln: Hier geben 34 Prozent an, in größerem Maß beteiligt zu sein.
Gleichzeitig zeigt sich ein Zusammenhang zwischen Partizipation und Wohlbefinden. Schülerinnen und Schüler, die mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten wahrnehmen, berichten deutlich häufiger von einem hohen schulischen Wohlbefinden. Umgekehrt geben nur 17 Prozent derjenigen mit geringem Wohlbefinden an, bei Klassenregeln viel mitentscheiden zu können. In der Gruppe mit hohem Wohlbefinden liegt dieser Anteil deutlich höher.
„Echte Partizipation ist kein ‚Nice-to-have’ – sie ist Grundlage für Wohlbefinden und gelebte Demokratie in der Schule“
Auch hier verweist die Studie auf unterschiedliche Perspektiven. In einer früheren Befragung des Schulbarometers hielten 55 Prozent der Lehrkräfte die bestehenden Mitbestimmungsmöglichkeiten für ausreichend. Die aktuelle Erhebung legt nahe, dass Schülerinnen und Schüler dies anders einschätzen. Anna Gronostaj formuliert dazu: „Wenn Schüler:innen gehört werden wollen, Lehrkräfte aber keinen Bedarf sehen, brauchen wir dringend einen Dialog zwischen den Beteiligten. Echte Partizipation ist kein ‚Nice-to-have’ – sie ist Grundlage für Wohlbefinden und gelebte Demokratie in der Schule.“
Studienleiter Prof. Julian Schmitz von der Universität Leipzig betont zudem die Bedeutung von Mitbestimmung für die Lebensqualität: „Kinder und Jugendliche, die eine geringere Lebensqualität haben, können weniger mitbestimmen, möchten aber häufig mehr mitbestimmen als die Kinder und Jugendlichen, die ein höheres Wohlbefinden haben.“ Daraus lasse sich schließen, dass Beteiligung ein bislang nicht ausgeschöpfter Ansatzpunkt zur Stärkung psychischer Gesundheit sein könnte. News4teachers / mit Material der dpa
Hier lässt sich die komplette Studie herunterladen.
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Wenn immer mehr Schüler in psychische Krisen stürzen – und Lehrkräfte hilflos zusehen müssen
Ja, dank überlanger Unterrichtstage müssen die Schüler auch am Wochende lernen. Mich würden auch Mal die Fächer interessieren, in denen die Schüler am wenigsten verstehen.
„Während drei Viertel der Schüler:innen mehr Einfluss auf Unterrichtsthemen oder Prüfungsformate wünschen, geben vier Fünftel an, hier kaum mitreden zu können“
Erinnert mich an ein Bundesland, in dem die Forderung des Landesschülerats nach einem Verbot von unangeküdigten Leistungsnachweisen von der zuständigen Bildungsminsterin zurückgewiesen wurde.
Mir ist das wumpe. Von mir aus sollen die SuS komplett über Inhalt und Form von Themen und Prüfungsformaten entscheiden. Sie müssen dabei dann halt selbst im Auge behalten, was prüfungsrelevant ist. Ich hab kein Problem damit, die Stochastik in 11/12 komplett wegzulassen, weil die SuS das so bestimmt haben. Ich glaub nur, dass die meisten SuS dann ein Problem haben werden, wenn im Zentralabi Stochastik geprüft wird. Gleiches gilt für: „Ich bin am Gym, es überfordert mich, ich will weniger Inhalte lernen müssen“. Gern doch, gleiche Konsequenz.
Spannend wirds, wenn dann ohne Ressourcen für individuelles, selbstorganisiertes Lernen Konflikte zwischen SuS, welche in einem Fach mehr wollen und den SuS, die bereits von den Minimalanforderungen überfordert sind, auftreten.
Diese Forderungen gehören an die Politik gestellt, nicht an die Schulen. Diese machen die Schulgesetze nicht, welche Partizipation regeln.
Ich fand es mal wieder putzig, weil die Minsterin dort von der gleichen Partei stammt, die bei uns im Bundesland aus der Opposition heraus wegen der übermäßigen psychischen Belastung der Sus seit längerem ein Verbot der unangekündigten Leistungsnachweise fordert.
Vermutlich sind die SuS dort einfach wesentlich “tougher” als bei uns.
Das sehe ich mittlerweile auch so. Warum sollen Lehrkäfte Bildung und anspruchsvolle Inhalte anbieten wie sauer Bier? Dann halt nicht.
naja ist ja auch alles zu viel…volle Klassenarbeiten, 5 Tage Präsenz, laute Klassen und Virengefahr. Mehr eigenverantwortliches Arbeiten, mehr Distanzunterricht bzw. Digitalunterricht und sowieso gleich 4 Tage Woche leben. Ganz wie die Eltern
Warum auch nicht ? 😀
Stimmt, definitiv wichtige Punkte
Distanzunterricht wird auch immer wichtiger, auf der didacta gab es massiv Stände darüber 🙂
und das teure Benzin, um überhaupt zur Schule / Arbeit zu kommen / fahren. Unglaublich
Ach ja , Stabilität, dieser Tage so wichtig. Ich befürchte ein paar Wochen noch, dann werden die Veränderungen aufgezwungen, der ökonomische Impact wird huge, wegsehen mit weit geschlossenen Augen, wie sonst, wird nicht helfen. Vielleicht eine Chance sich in der Schule und im Leben auf die einfachen und schönen Dinge zu besinnen.
Soll doch das Niveau noch weiter gesenkt werden. Aber dann bitte nicht über PISA jammern.
„Wenn Lehrkräfte unterstützen und sie fordern, ohne zu überfordern, und zudem das Klassenklima gut ist, geht es Kindern besser“ – ach was.
Man präsentiert diese Binsenweisheit wieder so, als hätte man gerade das pädagogische Perpetuum mobile erfunden. Gleichzeitig ignoriert man konsequent, dass Lehrkräfte längst am Limit jonglieren – nicht, weil sie es nicht könnten, sondern weil das System ihnen eine Gruppe zusammenwürfelt, die in ihrer Heterogenität eher an eine Casting-Show erinnert als an eine Lerngruppe.
Also ignoriert man wieder den Elefanten im Klassenzimmer: Wie sollen Lehrkräfte nicht überfordern, wenn in weiterführenden Schulen weiterhin versucht wird, alle Kinder in dieselbe – etwa die gymnasiale – Schablone zu pressen, egal ob sie dafür gemacht sind oder nicht.
Wäre es nicht erheblich leichter, Kinder sinnvoll zu fordern, wenn sie an einer Schulart lernen dürften, die ihren Neigungen und Begabungen entspricht?
Stattdessen hält man stur an der Illusion fest, man könne alle über denselben Kamm scheren – und wundert sich dann über Stress, Druck und schlechte Stimmung.
Das System produziert die Probleme, über die es anschließend betroffen berichtet.
Die Kinder sind nicht das Problem – sie sind nur diejenigen, die es ausbaden müssen.
“Soziale Lage, schulische Erfahrungen und psychische Gesundheit sind eng miteinander verbunden.” – und jetzt denken wir noch einmal über Korrelation und Kausalität nach.
“…dass zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler angeben, sich zumindest in einzelnen Unterrichtsstunden überfordert zu fühlen. Ein Drittel berichtet dagegen, keine Überforderung zu erleben.” – definiere Überforderung. Der Zustand, zu einer Problemstellung nicht sofort eine Idee zu haben, nur unzureichende Mittel zu kennen? Das soll beim Prozess ‘Lernen’ mitunter vorkommen.
“..geben nur 17 Prozent derjenigen mit geringem Wohlbefinden an, bei Klassenregeln viel mitentscheiden zu können. In der Gruppe mit hohem Wohlbefinden liegt dieser Anteil deutlich höher.” – Ursache und Wirkung?
“Wenn Lehrkräfte unterstützen und sie fordern, ohne zu überfordern, und zudem das Klassenklima gut ist, geht es Kindern besser….Guter Unterricht fördert also nicht nur den Lernerfolg, … stärkt … Wohlbefinden der Kinder.” – Was ist guter Unterricht? Die Studie sagt nichts zu Förderung des Lernerfolgs, es heißt explizit ‘geht es den Kindern besser’. Das ist sicherlich positiv, aber nur ein Aspekt von Ergebnissen des Unterrichts.
Noch ein Allgemeinplatz gefällig? Akzeptanz von Schule primär als Ort von Lernen und -oh nein- eigener Arbeit auch durch die Lernenden ist Voraussetzung für den Lernerfolg.
Fast so schön wie “Echte Partizipation ist kein ‚Nice-to-have’ – sie ist Grundlage für Wohlbefinden und gelebte Demokratie in der Schule”.