DRESDEN. Immer häufiger geraten Schulen an ihre Grenzen. Schülerinnen und Schüler fehlen monatelang, brechen im Unterricht zusammen oder ziehen sich vollständig zurück. Lehrkräfte schlagen Alarm, Schulleitungen suchen Hilfe – und stoßen doch oft auf ein System, in dem Zuständigkeiten unklar sind und Hilfen nicht ineinandergreifen. Die psychische Krise junger Menschen ist längst im Schulalltag angekommen. In Sachsen startet nun ein Projekt, das Orientierung geben soll. Es zeigt, wie groß der Handlungsdruck ist – und wie sehr es bislang an einer übergreifenden Strategie fehlt.
Wenn Prof. Dr. med. Veit Roessner von „fehlenden abgestimmten Abläufen“ spricht, geht es nicht um abstrakte Zuständigkeiten. Es geht um Kinder, die nicht mehr in die Schule kommen. Um Lehrkräfte, die Alarm schlagen, ohne zu wissen, wen sie zuerst anrufen sollen. Und um Eltern, die sich zwischen Schulpflicht, Jugendamt und medizinischem System verlieren. Der Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Dresden beschreibt einen Zustand, der sich im Alltag vieler Schulen längst normalisiert hat. Psychische Auffälligkeiten nehmen zu, gleichzeitig fehlt es an klaren Verfahren, wer wann handelt und welche Hilfe greift.
In Sachsen soll nun ein Projekt Abhilfe schaffen. Kultusministerium, Universitätsklinikum Dresden und das Landeskrankenhaus Arnsdorf haben sich zusammengetan, finanziell unterstützt von der Otto-Beisheim-Stiftung. Herzstück ist ein sogenannter „Verfahrensnavigator“, eine digitale Orientierungshilfe, die Schulleitungen und Lehrkräften Schritt für Schritt zeigen soll, wie bei psychischen Belastungen von Schülerinnen und Schülern vorzugehen ist. Ergänzt wird das Angebot durch Fortbildungen und sogenannte Transferwerkstätten, in denen konkrete Fälle gemeinsam mit Fachleuten bearbeitet werden.
„Psychische Belastungen von Kindern und Jugendlichen stellen Schulen zunehmend vor komplexe Aufgaben“
Sachsens Kultusminister Conrad Clemens (CDU) unterstreicht die Bedeutung des Modells. „Psychische Belastungen von Kindern und Jugendlichen stellen Schulen zunehmend vor komplexe Aufgaben. Entscheidend ist, dass Schulleitungen wissen, welche Schritte wann notwendig sind“, sagt er. Die Verbindung von schulischer Praxis und medizinischem Fachwissen solle Handlungssicherheit schaffen – und damit entlasten.
Dass ein solches Projekt überhaupt notwendig ist, verweist auf eine Entwicklung, die weit über Sachsen hinausreicht. Die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert. Das zeigen inzwischen nicht mehr nur Befragungen, sondern auch harte Versorgungsdaten.
Nach Recherchen von Correctiv, die sich auf Zahlen der Deutschen Krankenhausgesellschaft stützen, mussten im vergangenen Jahr bundesweit 44.381 Minderjährige wegen der fünf häufigsten psychischen Diagnosen stationär behandelt werden. Vier Jahre zuvor waren es noch 34.499. Psychische Erkrankungen sind damit zur häufigsten Ursache für Krankenhausaufenthalte bei 10- bis 19-Jährigen geworden.
Besonders dramatisch ist die Situation in der Versorgung. Minderjährige warten inzwischen vier bis sechs Monate auf einen Platz in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik. „Diese lange Wartezeit ist natürlich gerade in der Kinder- und Jugendpsychiatrie hochproblematisch“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, gegenüber Correctiv. Für viele Betroffene bedeutet das Monate ohne angemessene Behandlung – in einer Lebensphase, in der sich Probleme oft zuspitzen.
Die stationären Zahlen sind dabei nur die Spitze des Eisbergs. Krankenkassendaten zeigen, dass auch ambulant immer mehr Kinder und Jugendliche mit Angststörungen, Essstörungen oder Depressionen diagnostiziert werden. Besonders betroffen sind Mädchen. Bei den 15- bis 17-Jährigen leiden laut DAK inzwischen 66 von 1.000 Mädchen an einer Angststörung, ein Anstieg um mehr als die Hälfte innerhalb von fünf Jahren. Auch Depressionen nehmen deutlich zu. Im Jahr 2024 waren bei der DAK 73 von 1.000 Mädchen dieser Altersgruppe betroffen.
Schon früh hatte sich diese Entwicklung in Studien angedeutet. Die Copsy-Untersuchung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, die regelmäßig Selbstauskünfte von Kindern und Jugendlichen erhebt, kommt seit Jahren zu dem Befund, dass fast jeder vierte Heranwachsende als psychisch auffällig gilt. Pandemie, Kriege, Klimakrise, gesellschaftlicher Druck und Zukunftsängste werden immer wieder als Belastungsfaktoren genannt. Der Kinder- und Jugendreport der Krankenkasse DAK hatte diese Gemengelage zuletzt noch einmal bestätigt (News4teachers berichtete).
Was all diese Befunde eint, ist ein Missverhältnis zwischen Problemlage und politischer Reaktion. Zwar gibt es Einzelprogramme, Modellversuche und befristete Förderlinien. Doch eine übergreifende Strategie, die Schule, Jugendhilfe und Gesundheitssystem systematisch verzahnt, ist nicht erkennbar. Genau darauf zielt die Kritik von Mediziner Roessner.
Er beschreibt ein strukturelles Defizit. Bundesweit fehle bislang eine einheitliche Linie im Umgang mit psychisch auffälligen Kindern und Jugendlichen. Es gebe keine klar definierten Verfahren, die festlegten, wer wann eingebunden werden müsse und auf welcher fachlichen Grundlage Entscheidungen zu treffen seien.
Ausgangspunkt müsse aus seiner Sicht eine verlässliche Diagnostik sein. „Wir brauchen zunächst eine saubere Diagnostik“, sagt Roessner. Diese könne weder von Hausärzten noch von Schulsozialarbeitern geleistet werden, sondern nur durch Kinder- und Jugendpsychiater. Erst auf dieser Basis lasse sich sinnvoll entscheiden, welche Hilfen notwendig seien, welche Stellen Verantwortung übernehmen und wie Maßnahmen aufeinander abgestimmt werden müssten. Aber daran mangelt es eben.
Die Folgen fehlender Abstimmung zeigen sich exemplarisch beim Schulabsentismus. Bleibt ein Kind dem Unterricht fern, werde häufig pädagogisch oder ordnungsrechtlich reagiert, ohne dass eine kinder- und jugendpsychiatrische Einschätzung erfolge, schildert Roessner. Oft werde zunächst darüber beraten, ob ein Bußgeld gegen die Eltern verhängt oder welche schulische Maßnahme ergriffen werden solle. Eine mögliche psychische Erkrankung – etwa eine Angst- oder Zwangsstörung – bleibe dabei unentdeckt. Hilfen liefen nebeneinander her, griffen nicht oder kämen zu spät.
„Ich habe danach in der Schule so viel Hilflosigkeit erlebt. Keiner wusste damit umzugehen, nichts wurde besprochen“
Auch Schülerinnen und Schüler selbst berichten von dieser Hilflosigkeit. Marie Hacker, 16 Jahre alt, Gymnasiastin aus Köln und Vorstandsmitglied der Bezirksschülervertretung, beschreibt gegenüber Correctiv Situationen, in denen Lehrkräfte und Mitschülerinnen überfordert zurückbleiben. „Ich habe danach in der Schule so viel Hilflosigkeit erlebt. Keiner wusste damit umzugehen, nichts wurde besprochen“, sagt sie mit Blick auf den Suizidversuch einer Mitschülerin. Gemeinsam mit anderen Jugendlichen hat sie deshalb ein eigenes Präventionsprojekt aufgebaut: Mental-Health-Workshops für Kölner Schulen, finanziert mit 50.000 Euro jährlich aus dem städtischen Haushalt, politisch erstritten und ehrenamtlich organisiert. „Weil es eben keiner macht, wenn wir es nicht selbst machen.“
Correctiv zieht aus seinen Recherchen eine ernüchternde Bilanz. Während Diagnosen und Klinikaufenthalte deutlich steigen, stellt die Bundesregierung ausgerechnet das präventive Programm „Mental Health Coaches an Schulen“ ein. Der Titel des Berichts ist entsprechend drastisch gewählt: „Wir verlieren einen Teil der jungen Generation“. Er beschreibt eine Entwicklung, die längst nicht mehr nur individuelle Schicksale betrifft, sondern strukturelle Folgen hat – für Bildungschancen, gesellschaftliche Teilhabe und langfristig auch für den Arbeitsmarkt.
Vor diesem Hintergrund wirkt das sächsische Projekt zugleich ambitioniert und begrenzt. Es ist ein Versuch, Ordnung in ein System zu bringen, das vielerorts unübersichtlich geworden ist. Es setzt auf klare Abläufe, frühe Diagnostik und die Zusammenarbeit von Schule und Medizin. Doch es bleibt ein Projekt. Regional begrenzt, zeitlich befristet, abhängig von Stiftungsmitteln. Eine Antwort auf die Frage, wie Bund und Länder gemeinsam der wachsenden psychischen Belastung junger Menschen begegnen wollen, gibt es damit nicht. News4teachers / mit Material der dpa
