DÜSSELDORF. In deutschen Klassenzimmern ist Mehrsprachigkeit längst Alltag. Viele Kinder wachsen heute mit mehreren Sprachen auf – zu Hause mit der Familiensprache, in der Schule mit Deutsch. Während Pädagog*innen dies eher als Herausforderung wahrnehmen, zeigen Forschungsergebnisse: Mehrsprachigkeit kann ein Gewinn sein.

Fest steht zunächst: Mehrsprachigkeit ist keine Ausnahme mehr. Laut der Expertise „Mehrsprachigkeit an Schulen in Deutschland“ im Auftrag der Robert Bosch Stiftung sprechen in Deutschland schätzungsweise 18 Prozent der Kinder und Jugendlichen neben Deutsch mindestens eine weitere Sprache in der Familie; unter Kindern mit Einwanderungsgeschichte sind es sogar rund 48 Prozent.
Eigentlich ein Grund zu feiern, denn wissenschaftlichen Arbeiten im Bereich der Psycholinguistik zufolge, profitieren Menschen von einer mehrsprachlichen Sozialisation. „Mehrsprachigkeit ist ein riesiges Potenzial“, fasst beispielsweise Simone Plöger, Juniorprofessorin für Schulforschung und Inklusion an der Johannes Guttenberg-Universität in Mainz, die wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen.
Mehrsprachigkeit bietet viele Potenziale
In ihrem Vortrag im Rahmen der Fachtagung „Mehrsprachigkeit in der Schule – wahrnehmen, wertschätzen, weiterführen“ erklärt Plöger, dass mehrsprachige Personen häufig über deutlich tiefere metasprachliche Kenntnisse verfügen, also besser wissen, wie Sprache funktioniert, als Personen, die nur eine Sprache sprechen. Deshalb könnten mehrsprachige Personen einfacher weitere Sprachen erwerben. Hinzu komme: „Sie haben ein höheres Kreativitätspotenzial, was mit kognitiven Vernetzungen zusammenhängt, dadurch auch Problemlösekompetenzen, die die von Einsprachigen übersteigen, und insgesamt eine höhere kognitive Flexibilität. All das konnte in der Psycholinguistik durch Studien gezeigt werden.“
Trotzdem gilt Mehrsprachigkeit im Schulkontext als Problem. Juniorprofessorin Plöger führt dies auf in der Gesellschaft bestehende Vorurteile zurück. So existiere immer noch die Idee, dass Mehrsprachigkeit überfordere. Plöger kontert: „Wir wissen jedoch heute, dass das widerlegt ist. Alle Menschen haben die kognitiven Fähigkeiten, mehrere Sprachen zu lernen und das stellt keine Überforderung dar.“ Stattdessen existiere eine große Varianz beim Sprachenerwerb, auch bei einsprachig aufwachsenden Kindern. „Es gibt Kinder, die begreifen grammatikalische Strukturen schon sehr früh, andere sehr viel später und oder manche sprechen erst mal gar nicht und dann auf einmal 5-Wortsätze.“ Mehrsprachige Kinder könnten bei gutem sprachlichen Angebot genauso schnell wie einsprachige Kinder eine Sprache erwerben.
Nachteile durch Struktur des Schulsystems
Ein sich weiter hartnäckig haltender Mythos, sei der Glaube, dass Kinder möglichst viel Deutsch sprechen sollten, um die Sprache schneller zu lernen. Plöger dazu: „Für den Zweitspracherwerb wurde das allerdings widerlegt. Also im Zweitspracherwerb ist es durchaus sehr sinnvoll, die mehrsprachigen Ressourcen, die da sind, zu nutzen, weil durch eine Verknüpfung die Zielsprache, also in diesem Fall Deutsch, tatsächlich auch besser erworben wird.“
Doch obwohl Mehrsprachigkeit laut Forschung also kein Hindernis für sprachliche oder kognitive Entwicklung darstellt, schneiden mehrsprachige Schülerinnen und Schüler im deutschen Bildungssystem im Durchschnitt schlechter ab. „Das können wir uns beispielsweise bei PISA angucken und bei den anderen großen Schulleistungsstudien wie IGLU, die das immer wieder zeigen“, so Plöger. Für die Wissenschaftlerin liegt die Ursache dieses Widerspruchs weniger in der Mehrsprachigkeit selbst als in den Strukturen der Schule. So sei Schule in Deutschland traditionell darauf ausgelegt, „dass Kinder einsprachig aufwachsen, und zwar einsprachig deutschsprachig“. Materialien, Erwartungen, Prüfungen – all das richte sich an einer einsprachigen Schüler*innenschaft aus.
Forderung an Schule: mehrsprachige Ressourcen zu nutzen
Dies entspreche jedoch nicht mehr der Realität. Sowohl Plöger als auch die Expertise der Robert Bosch Stiftung plädieren daher dafür, im schulischen Kontext sprachliche Vielfalt wertzuschätzen und in den Unterricht einzubeziehen. Die Juniorprofessorin verweist auf eigene Forschungsarbeiten mit zugewanderten Schüler*innen. Diese verfügten bereits über bildungssprachliche Kompetenzen in ihrer Herkunftssprache; Grundlagen, die Lehrkräfte für den Zweitspracherwerb nutzen könnten, indem sie eine Verbindung ziehen. „Wie funktioniert das eigentlich in anderen Sprachen und wie funktioniert es dann im Deutschen? Das sind diese metasprachlichen Kompetenzen, die dann erworben werden und sprachliches Regelwerk.“
Von mehrsprachigen Ansätzen im Unterricht profitiere zudem die gesamte Klasse, wie die Expertise der Robert Bosch Stiftung ausführt. Sie könnten „die Lese- und Schreibfähigkeiten aller Schüler*innen und ihr Sprachbewusstsein fördern“. Lernende seien motivierter und beteiligten sich stärker am Unterricht. Außerdem unterstützten mehrsprachige Unterrichtsansätze die Identitätsbildung: „Schüler*innen zeigen eine gesteigerte Selbstwirksamkeit, also erhöhtes Selbstvertrauen und Befähigung, sowie eine höhere Handlungsfähigkeit.“
Vor diesem Hintergrund empfehlen die Autorinnen der Stiftungsexpertise, mehrsprachige Kindern im Unterricht beispielsweise beim Denken und Handeln in allen ihnen zur Verfügung stehenden Sprachen zu unterstützen. „So können sich Schüler*innen etwa Aufgaben zunächst in oder mit Hilfe der Familiensprachen nähern und etwa mit Kindern gleicher Herkunftssprache in Gruppenarbeit lesen und recherchieren. Im Anschluss können sie bei der Vorstellung der Lösung in die deutsche Sprache wechseln.“
Anforderungen an Lehrerinnen und Lehrer
Doch sowohl die Expertise als auch Simone Plöger machen deutlich: Der Schritt von der Wertschätzung zur konsequenten Nutzung sprachlicher Ressourcen ist für Lehrkräfte nicht trivial. Viele Lehrende nähmen die sprachliche Diversität „als Herausforderung wahr, auf die sie sich nicht vorbereitet fühlen. Das kann zur Überforderung führen“, heißt es in der Veröffentlichung der Robert Bosch Stiftung. Und Plöger erklärt mit Blick auf Lehrerinnen und Lehrer: „Was dazu gehört, ist natürlich das Aushalten von Ungewissheitstoleranz. Ich muss aushalten können, dass in Sprachen gesprochen wird, die ich nicht verstehe, dass ich Kontrolle abgeben muss und nicht mehr alles im Blick habe.“
Die Stiftungsexpertise versucht an dieser Stelle, diesen Kontrollverlust abzumildern. Sie verweist auf eine Analyse von Audio- und Videoaufzeichnungen im Unterricht, wonach „Schüler*innen Familiensprachen vor allem benutzen, um die Unterrichtsaufgaben zu lösen oder sich mit anderen Schüler*innen abzustimmen“.
Aufgabe der Schulentwicklung – und der Politik
Die Verantwortung, Mehrsprachigkeit als integralen Bestandteil von Bildungsgerechtigkeit anzunehmen, wie es Plöger beschreibt, sehen die Expertinnen allerdings nicht allein bei den Lehrkräften. Dies sei zentrale Aufgabe der Schulentwicklung. In diesem Punkt zeigen sich die Juniorprofessorin und die Autorinnen der Expertise einig.
Die Veröffentlichung der Robert Bosch Stiftung geht sogar noch einen Schritt weiter und richtet den Blick auf die Politik. Lehrerinnen und Lehrer bräuchten mehr Unterstützung, um der Realität der Mehrsprachigkeit begegnen zu können. Sie fordert daher, dass der Auseinandersetzung mit sprachlicher Vielfalt im Rahmen der Lehramtsausbildung ein höherer Stellenwert zukommen sollte. „Dafür wäre es wichtig, in der Ausbildung und Fortbildungen von Lehrkräften die Auseinandersetzung mit sprachlicher Diversität verbindlich zu verankern – als Aufgabe aller Lehrkräfte.“ News4teachers
Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats „Sprache bilden“.
Ohne Deutsch ins Klassenzimmer: Sprachdefizite belasten (nicht nur) Brennpunkt-Schulen massiv
Die These von Frau Juniorprofessorin Plöger stimmt sicherlich im Kontext Ihrer Teildisziplin, Weiß sie jedoch um von Rahmenbedingungen in einem durchschnittlichen Klassenzimmer, in der die Eltern der Kinder und Jugendliche nicht akademisch geprägt sind:
“Ich muss aushalten können, dass in Sprachen gesprochen wird, die ich nicht verstehe, dass ich Kontrolle abgeben muss und nicht mehr alles im Blick habe.“
Reflektierte Praktikerinnen und Praktiker wissen, welche Folgen dies hätte, nicht nur etwa hinsichtlich Mobbing, Beleidigungen und Grüppchenbildung.
Super, die sechs Sprachen im Unterricht realisiere ich genau wie? Die Vorbereitung mache ich wann? Haben die an der Uni schon Umsetzungswege erarbeitet oder reicht “Wertschätzung” (wie immer die aussehen soll)?
Jut. Dann her mit der Zweit-, Dritt- und Viertkraft mit türkischen, rumänischen, arabischen und polnischen muttersprachlichen Kenntnissen. Dann bin ich sofort dabei.
Deckt sich mit einer aktuellen Forderung der GEW. Der Witz ist: Die entsprechenden Lehrkräfte (mit Migrationshintergrund) wären durchaus verfügbar. Gerne hier nachlesen: https://www.news4teachers.de/2026/02/gew-fordert-mehr-erstsprachlichen-unterricht-fuer-migrantenkinder-damit-sie-besser-deutsch-lernen-koennen/
Herzliche Grüße
Die Redaktoin
= Babylonisches Sprachgewirr in den Klassen.
Die Mehrsprachigkeit ist an unserer Schule schon lange angekommen – in verschiedenen Situationen:
-bilingualer Unterricht, der verschiedene Fächer innerhalb eines Jahres ergänzt
– diverser Sprachunterricht und Sprachreisen / Schüleraustausch/ Praktika
– generell in beliebigen Sprachen Unterhaltungen und Beleidigungen, die Mitschülern oder Lehrern gelten und die nur von einem erlesenen Kreis von SuS verstanden werden (bei uns muss eigentlich immer Deutsch gesprochen werden, außer im Sprachunterricht)
Es mag sein, dass SuS mit gefestigtem und gutem Sozialverhalten und genügend positiver Motivation sich in Kleingruppen in ihrer Muttersprache (die die Lehrkraft nicht vetsteht) austauschen und tatsächlich zielorientiert mit sinnvoller Output arbeiten.
Wenn ich aber an die Mehrheit der mir anvertrauten SuS denke, so ist es bereits Glücksache, dass bei Gruppenarbeiten in deutscher Sprache etwas sinnvolles herauskommt (einer arbeitet und die anderen machen Unsinn oder starren Löcher in die Luft).
Die Muttersprache wird unerlaubterweise hauptsächlich für Ausgrenzungen und Beleidigungen verwendet, denn das kann die Lehrkraft nicht verstehen. Solange sich genügend sozialstarke SuS in der Klasse befinden, kann das Problem dann gemeinsam besprochen und evtl. gelöst werden. In manchen Klassen ist man damit nur noch am Diskutieren und Schlichten, Zeit für Fachunterricht geht verloren.
Auf der anderen Seite habe ich in Mathe und Physik SuS in ihrer Muttersprache (die ich zufällig auch beherrsche) helfen können und ihnen die Angst vor der fremden Sprache (Deutsch) nehmen können. Das ist eine unglaubliche Chance. Diese Hilfen kann man gezielt einsetzen. Es ist allerdings essentiell, nicht locker zu lassen und prinzipiell in der deutschen Sprache zu bleiben, damit man sie irgendwann beherrscht (sonst ist es eine Flucht in die wohlbekannte Muttersprache, denn das ist viel einfacher – genauso wie es einfacher ist, wenn man sich nie einem Problem selbst stellt, sondern immer wartet, bis es irgendwer erklärt).
Wichtig wäre es jedoch, die SuS nicht mit den Sprachproblemen alleine zu lassen. Eine Methode ist das Notieren jedes Wortes, das man nicht genau kennt (Nomen mit Artikel) und mit der Erklärung in der Muttersprache daneben. Wichtig ist es auch, die Aussprache und Grammatikfehler sofort zu korrigieren und diese Korrektur als positive Chance zu etablieren. Eingeschliffene Fehler kann man später nur schwer ausbügeln und dann werden zwar mehrere Sprachen gesprochen, aber keine richtig.
Bevor jemand nach einer Studie fragt, die das belegt: ich habe das im Selbstversuch ausprobiert.
Zusätzlich muss beachtet werden, dass diese Art von Hilfe Zeit beansprucht und einen engeren Betreuungsschlüssel benötigt, wenn es funktionieren soll.