Home Tagesthemen Gewalt gegen Lehrkräfte – Schulleitungen: “Mit der Entwicklung oft allein gelassen”

Gewalt gegen Lehrkräfte – Schulleitungen: “Mit der Entwicklung oft allein gelassen”

1
Anzeige

BERLIN. Die Zahl der Gewaltdelikte an Schulen steigt – und mit ihr die Sorge um die Arbeitsbedingungen von Lehrkräften und Schulleitungen. Der Allgemeine Schulleitungsverband Deutschlands (ASD) warnt vor einer Entwicklung, die längst den Kern des Bildungssystems berührt. Gewalt sei für viele Beschäftigte kein Ausnahmefall mehr, sondern Teil des beruflichen Alltags. Dabei sieht der Verband strukturelle Defizite, die seit Jahren bekannt seien, aber politisch nicht konsequent angegangen würden. ASD-Chef Winkler: „Schulen brauchen Rückhalt – und sie brauchen ihn jetzt.“

Geladen (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Der Allgemeine Schulleitungsverband Deutschlands (ASD) bewertet die aktuellen Zahlen zur Gewalt an Schulen als deutliches Warnsignal. „Gewalt an Schulen ist längst kein Randphänomen mehr. Sie gehört für viele Lehrkräfte inzwischen zum Berufsalltag – und das ist nicht hinnehmbar“, erklärt der ASD-Vorsitzende Sven Winkler. „Wenn Lehrkräfte nicht mehr sicher arbeiten können, steht die Funktionsfähigkeit unseres gesamten Bildungssystems auf dem Spiel.“

Zur Begründung verweist der Verband auf verschiedene Datenquellen. Nach Auswertungen der Polizeilichen Kriminalstatistik würden inzwischen „jährlich mehr als 25.000 Gewaltdelikte an Schulen registriert“. Gleichzeitig zeige das Deutsche Schulbarometer, „dass nahezu jede zweite Lehrkraft Gewaltprobleme an der eigenen Schule wahrnimmt“. Diese Entwicklung werde auch durch weitere Studien gestützt, die ein „deutlich angespanntes Schulklima“ beschreiben, das zunehmend durch Konflikte und Grenzüberschreitungen geprägt sei.

Anzeige

„Lehrkräfte müssen systematisch auf den Umgang mit Konflikten, Gewalt und Krisensituationen vorbereitet werden“

Besonders kritisch bewertet der ASD die Situation der Beschäftigten. „Allein im Jahr 2024 wurden über 1.200 Fälle körperlicher Gewalt gegen diese erfasst, hinzu kommen zahlreiche Fälle psychischer Gewalt“, heißt es in der Stellungnahme. Zugleich werde deutlich, dass viele Lehrkräfte sich im Umgang mit solchen Vorfällen nicht ausreichend unterstützt fühlten. „Die Schulen werden mit dieser Entwicklung oft allein gelassen. Es fehlt an Personal, an Zeit und an klaren Strukturen“, so Winkler.

Der Verband ordnet die Entwicklung ausdrücklich in einen größeren Zusammenhang ein. Gewalt an Schulen dürfe „nicht isoliert betrachtet werden“, sondern sei „Ausdruck gesellschaftlicher Entwicklungen und wachsender Belastungen bei Kindern und Jugendlichen“. In der ausführlicheren Stellungnahme wird dies weiter zugespitzt: Schulen würden zunehmend zu Orten, „an denen sich gesellschaftliche Spannungen verdichten und sichtbar werden“.

Vor diesem Hintergrund formuliert der ASD konkrete Forderungen an Politik und Verwaltung. Zentral sei die Einführung „verbindlicher Schutz- und Interventionskonzepte, die im Ernstfall sofort greifen“, einschließlich klarer Meldewege und Zuständigkeiten. Ebenso notwendig sei eine „deutliche Stärkung der personellen und finanziellen Ausstattung“, insbesondere durch den Ausbau von Schulsozialarbeit und multiprofessionellen Teams.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Qualifizierung von Lehrkräften. „Lehrkräfte müssen systematisch auf den Umgang mit Konflikten, Gewalt und Krisensituationen vorbereitet werden“, fordert Winkler. Dafür brauche es „verbindliche Zeitkontingente für Aus- und Fortbildung – und zwar als festen Bestandteil der Arbeitszeit, nicht zusätzlich on top“.

„Wenn wir jetzt nicht handeln, riskieren wir langfristige Schäden für das Bildungssystem und die Attraktivität des Lehrerberufs“

Darüber hinaus verlangt der Verband strukturelle Veränderungen über die Schule hinaus. Prävention müsse stärker institutionalisiert und die Zusammenarbeit mit Polizei und Jugendhilfe ausgebaut werden. Gleichzeitig seien „zeitnahe, transparente und nachvollziehbare“ Reaktionen der Justiz erforderlich, um Vertrauen in staatliches Handeln zu sichern. Entscheidend sei dabei nicht allein die Härte von Sanktionen, sondern ihre Verlässlichkeit im konkreten Fall.

Abschließend macht der ASD die Tragweite der Entwicklung deutlich. „Gewalt an Schulen ist ein Warnsignal. Wenn wir jetzt nicht handeln, riskieren wir langfristige Schäden für das Bildungssystem und die Attraktivität des Lehrerberufs“, warnt Winkler.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik zeigt für die vergangenen zehn Jahre einen deutlichen Anstieg der Gewalt gegen Lehrkräfte (News4teachers berichtete). Die Zahl der Fälle vorsätzlicher einfacher Körperverletzung stieg bis 2024 auf 1.283, nachdem sie zuvor zwischen 717 und 1.017 Fällen pro Jahr gelegen hatte. Auch schwere Gewalttaten nahmen zu: von 268 Fällen im Jahr 2015 auf 557 Fälle im Jahr 2024, mit einem zwischenzeitlichen Rückgang während der Corona-Jahre. Erfasst werden dabei nur Taten, die in unmittelbarem Zusammenhang mit der beruflichen Tätigkeit stehen. News4teachers 

“Sündenböcke”: Wachsende Gewalt gegen Lehrkräfte – Verbände fordern Schutzkonzepte

Anzeige
Info bei neuen Kommentaren
Benachrichtige mich bei
1 Kommentar
Inline Feedbacks
View all comments
OMG
45 Minuten zuvor

Was haben wir: Ahnungslose Dezerneten, zunehmend wie in Hessen ohne Erfahrung, selbst mal eine Schule erfolgreich geleitet zu haben. Wer keine Ahnung hat und auch sonst empathielos die Leiter nach oben gefallen ist, von dem darf niemand was erwarten.

wpDiscuz
Die mobile Version verlassen