BERLIN. Deutschland gehört zu den wirtschaftsstärksten Ländern der Welt – doch für viele Kinder schlägt sich dieser Wohlstand offenbar kaum in besseren Lebensbedingungen nieder. In der neuen UNICEF-Studie zum kindlichen Wohlbefinden landet Deutschland nur auf Platz 25 von 37 untersuchten Staaten. Besonders schwach fällt das Abschneiden im Bereich Bildung aus: Nur 60 Prozent der 15-Jährigen erreichen Mindestkompetenzen in Lesen und Mathematik. Die Unterschiede zwischen armen und wohlhabenden Familien sind dabei gravierend. UNICEF warnt deshalb vor langfristigen gesellschaftlichen Folgen – und spricht von „vergebenen Zukunftschancen“.

Deutschland bleibt beim Wohlbefinden von Kindern im internationalen Vergleich erneut deutlich hinter anderen wohlhabenden Staaten zurück. Das geht aus der neuen „Report Card 20“ des UNICEF-Forschungsinstituts Innocenti hervor, die die Situation von Kindern in EU- und OECD-Staaten untersucht. Im Gesamtranking landet Deutschland auf Platz 25 von 37 bewerteten Ländern – exakt wie bereits im vorherigen Bericht. An der Spitze stehen die Niederlande, Dänemark und Frankreich. Selbst Länder mit deutlich geringerer Wirtschaftskraft wie Rumänien, Ungarn oder die Slowakei schneiden besser ab.
Die Studie untersucht sechs Indikatoren aus den Bereichen körperliche Gesundheit, mentales Wohlbefinden sowie soziale und schulische Kompetenzen. Besonders problematisch fällt aus deutscher Sicht der Bildungsbereich aus. Dort erreicht Deutschland lediglich Rang 34 von 41 Ländern mit vergleichbaren Daten.
„Alarmierend ist auch Deutschlands Abschneiden im Bereich Bildung: Nur 60 Prozent der 15-Jährigen erreichen die Mindestkompetenzen in Lesen und Mathematik“, heißt es in der Studie. Besonders groß ist dabei der Abstand zwischen Jugendlichen aus privilegierten und benachteiligten Familien: Während in der sozial stärksten Gruppe 90 Prozent die Mindeststandards erreichen, sind es in der am stärksten benachteiligten Gruppe nur 46 Prozent. Im Wortlaut der Studie: „Besonders auffällig ist der Zusammenhang zwischen ökonomischer Ungleichheit und den schulischen Kompetenzen, die Kinder erwerben.“
UNICEF verweist ausdrücklich darauf, dass andere Länder zeigen würden, dass bessere Ergebnisse möglich seien. „Länder wie Irland (Platz 1 bei den Kompetenzen), Slowenien (Platz 2) oder die Republik Korea (Platz 3) zeigen, dass bessere Ergebnisse möglich sind – auch mit teils deutlich schlechterer wirtschaftlicher Ausgangslage.“ Deutschland bleibt dagegen trotz seiner wirtschaftlichen Stärke weit zurück.
„Wer heute nicht in die Teilhabe, die Bildung und die gesundheitliche Versorgung der jüngsten Generation investiert, schadet nicht nur den Kindern, sondern zahlt morgen einen hohen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Preis“
Der Geschäftsführer von UNICEF Deutschland, Christian Schneider, verbindet die Ergebnisse unmittelbar mit der sozialen Lage vieler Familien. „Die Bekämpfung der Kinderarmut muss politische Top-Priorität werden”, erklärte er. „Unser Land vergibt Zukunftschancen: Wer heute nicht in die Teilhabe, die Bildung und die gesundheitliche Versorgung der jüngsten Generation investiert, schadet nicht nur den Kindern, sondern zahlt morgen einen hohen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Preis.“
Tatsächlich beschreibt die Studie eine über Jahre verfestigte soziale Spaltung. Die Kinderarmutsquote stagniert in Deutschland seit längerem bei rund 15 Prozent. Gleichzeitig ist die Einkommensungleichheit gestiegen: Verfügte das wohlhabendste Fünftel der Bevölkerung 2012 über 4,3-mal so viel Einkommen wie das ärmste Fünftel, liegt das Verhältnis inzwischen bei 5 zu 1. Im internationalen Vergleich bewegt sich Deutschland damit zwar formal im Mittelfeld. Nach Einschätzung von UNICEF sind die Folgen für Kinder jedoch erheblich.
Die Studie beschreibt detailliert, wie sich ökonomische Ungleichheit auf den Alltag von Kindern auswirkt. Genannt werden beengte Wohnverhältnisse, fehlende Rückzugsräume, schlechtere Zugänge zu Ärzten, weniger Freizeit- und Bewegungsmöglichkeiten sowie materielle Unsicherheit im Alltag. Finanzielle Belastungen erhöhten zudem den Stress in Familien und könnten Beziehungen zwischen Eltern und Kindern beeinträchtigen. Der Bericht verweist außerdem auf Hinweise, dass benachteiligte Kinder häufiger Mobbing-Erfahrungen machten und seltener stabile soziale Beziehungen entwickelten. Auch schlechter ausgestattete Schulen und benachteiligte Stadtteile, in denen Kinderärzte, Freizeitangebote oder Spielplätze fehlen, werden angeführt.
Gesundheitlich zeigen sich ebenfalls deutliche Unterschiede zwischen armen und wohlhabenden Familien. Zwar liegt Deutschland bei der körperlichen Gesundheit mit Rang 15 von 41 Staaten im oberen Mittelfeld. Doch innerhalb des Landes klaffen die Lebenslagen weit auseinander. Während 79 Prozent der Kinder aus den einkommensstärksten Haushalten laut Studie in sehr guter gesundheitlicher Verfassung sind, trifft das nur auf 58 Prozent der Kinder aus den ärmsten Familien zu. Rund ein Viertel der 5- bis 19-Jährigen gilt zudem als übergewichtig.
Ähnliche Unterschiede zeigen sich beim mentalen Wohlbefinden. Unter Jugendlichen aus einkommensschwachen Familien berichten lediglich 61 Prozent von hoher Lebenszufriedenheit. In wohlhabenden Familien liegt dieser Wert bei 73 Prozent. UNICEF verweist in diesem Zusammenhang auf internationale Studien, die einen Zusammenhang zwischen Armut, Stress, sozialer Ausgrenzung und psychischer Belastung beschreiben. Kinder aus privilegierteren Haushalten hätten zudem häufiger stabile soziale Beziehungen und sprächen öfter mit ihren Eltern über persönliche Probleme.
„Öffentliche Mittel sollten dort priorisiert werden, wo sie wirksam die am stärksten benachteiligten Kinder erreichen“
Der Sozialverband Deutschland reagierte entsprechend scharf auf die Ergebnisse. Die Zahlen seien „katastrophal“, erklärte der Verband. „Nur Bildung kann den Teufelskreis der Armut durchbrechen.“ Zwar seien zusätzliche Mittel für digitale Ausstattung sinnvoll, notwendig seien aber vor allem mehr Lehrkräfte, kostenfreie Nachhilfeangebote sowie bessere schulpsychologische und sozialpädagogische Unterstützung.
UNICEF selbst fordert ein ressortübergreifendes Maßnahmenpaket gegen Kinderarmut, gezielte Investitionen in benachteiligte Kinder sowie eine gerechtere Verteilung öffentlicher Mittel. Als Beispiel nennt der Bericht ausdrücklich das Startchancen-Programm, mit dem Schulen in schwierigen sozialen Lagen zusätzliche Förderung erhalten sollen. „Öffentliche Mittel sollten dort priorisiert werden, wo sie wirksam die am stärksten benachteiligten Kinder erreichen“, heißt es.
Darüber hinaus fordert UNICEF einen besseren Zugang zu Ganztagsangeboten, stärkere Kooperationen zwischen Schulen und Jugendhilfe, mehr Unterstützung für Familienberatung sowie eine kindgerechtere Gestaltung benachteiligter Wohnviertel. Auch die seit Jahren diskutierte Aufnahme von Kinderrechten ins Grundgesetz greift die Organisation erneut auf. Kinderinteressen müssten bei Gesetzgebungsverfahren stärker berücksichtigt werden, heißt es.
Der Bericht warnt davor, Kinderarmut nur als individuelles Problem betroffener Familien zu betrachten. Ungleiche Lebensbedingungen wirkten sich demnach über Jahre hinweg auf Bildung, Gesundheit, soziale Teilhabe und spätere Erwerbschancen aus. Wörtlich heißt es in der Studie: „Unzureichende Unterstützung von einkommensschwachen Familien führt dazu, dass benachteiligte Kinder gesundheitlich, mental und mit Blick auf ihre schulischen und sozialen Kompetenzen deutliche Nachteile haben.“ Auf längere Sicht beeinflussten diese „ungleichen Startchancen“ die beruflichen Erfolgsaussichten und die Gesundheit bis ins Erwachsenenalter. Kinder aus armen Familien seien später häufiger „auf Unterstützung durch Sozial- und Gesundheitssysteme angewiesen“.
Gerade im Bildungsbereich sieht UNICEF eine Kettenreaktion mit langfristigen Folgen. In Ländern mit hoher Ungleichheit erreichten insgesamt weniger Jugendliche grundlegende Kompetenzen in Mathematik und Lesen. Deutschland falle hier besonders stark auf, weil der Bildungserfolg außergewöhnlich eng an die soziale Herkunft gekoppelt sei. Dass nur 46 Prozent der Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien die Mindestkompetenzen erreichen, wertet UNICEF ausdrücklich als strukturelles Problem – nicht als individuelles Versagen einzelner Schülerinnen und Schüler.
UNICEF-Geschäftsführer Schneider verbindet diese Entwicklung unmittelbar mit der Zukunftsfähigkeit des Landes. „Unser Land vergibt Zukunftschancen“, sagte er. Wie Deutschland mit benachteiligten Kindern umgehe, entscheide darüber, „wie leistungsfähig und resilient unsere Gesellschaft sein wird“. News4teachers / mit Material der dpa
Bildungsgerechtigkeit? Fehlanzeige! Deutschland im Ländervergleich Schlusslicht
Kurze Frage: Könnte es vielleicht etwas mit unserem Schulsystem, dass bereits seit Jahrezehnten (genauer: seit dem Ende des zweiten Weltkrieges, Stichwort:”Zook-Kommission”) als hoffnungslos undemokratisch, unzeitgemäß und ungerecht bewertet wird, zu tun haben?
Die Frage lässt sich vermutlich nur beantworten, wenn Sie noch präzisieren, welches der 16 Schulsysteme Sie konkret meinen.
In welchem der “16” werden denn Kinder nicht im Alter von 10 – 12 Jahren separiert?
“Besonders schwach fällt das Abschneiden im Bereich Bildung aus: Nur 60 Prozent der 15-Jährigen erreichen Mindestkompetenzen in Lesen und Mathematik.”
Es ist unbegreiflich, warum Experten und Politiker nicht endlich das Ruder rumreißen. Seit über 20 Jahren ist bekannt, dass die pädagogische Haltung und Richtung in der Pädagogik nicht stimmen. Stattdessen sorgt das Siechtum der Schulbildung für immer höhere Dosierungen des Gifts, das man ins System hineinpumpt.
Obendrein lenken immer gleichbleibende Entschuldigungen (z.B. fehlende Rahmenbedingungen) für das nicht enden wollende Desater den Blick vom Kern des Problems ab. Die Auswirkungen von wohlklingenden, aber falschen kinderpsychologischen und gesellschaftlichen Thesen müssen zwangsläufig das Kindswohl sowie die Zukunftschancen unserer jungen Menschen aufs Spiel setzen.
Offensichtlich haben Sie den Artikel nicht gelesen, jedenfalls nicht verstanden. Deshalb gerne nochmal: “Die Studie beschreibt detailliert, wie sich ökonomische Ungleichheit auf den Alltag von Kindern auswirkt. Genannt werden beengte Wohnverhältnisse, fehlende Rückzugsräume, schlechtere Zugänge zu Ärzten, weniger Freizeit- und Bewegungsmöglichkeiten sowie materielle Unsicherheit im Alltag. Finanzielle Belastungen erhöhten zudem den Stress in Familien und könnten Beziehungen zwischen Eltern und Kindern beeinträchtigen. Der Bericht verweist außerdem auf Hinweise, dass benachteiligte Kinder häufiger Mobbing-Erfahrungen machten und seltener stabile soziale Beziehungen entwickelten. Auch schlechter ausgestattete Schulen und benachteiligte Stadtteile, in denen Kinderärzte, Freizeitangebote oder Spielplätze fehlen, werden angeführt.”
Es geht um die handfesten Auswirkungen von Armut auf Bildung in einem System, das diese Auswirkungen ignoriert – nicht um postulierte “falsche kinderpsychologische und gesellschaftliche Thesen”.
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Erstaunlich dass einige Länder in der Studie bei “skills” wesentlich besser platziert sind als DE-16, in denen die untere Schicht bei PISA-2022 schlechter abgeschnitten hat als die Pendants in DE und auch der Anteil SuS höher war , die weniger als Level 2 erreicht haben.
„Besonders auffällig ist der Zusammenhang zwischen ökonomischer Ungleichheit und den schulischen Kompetenzen, die Kinder erwerben.“
Hört, hört. Das ist schon faszinierend mit diesen Studien über den besseren Erfolg bildungsnaher Kinder.
Man könnte auch Studien machen über den Zusammenhang von farbigen Licht und sich bewegenden Objekten. Verblüffenderweise scheint es einen starken Zusammenhang zwischen rotem Licht und dem plötzlichen stoppen eines Autos zu geben. Wie das wohl kommt?
Beide Phänomene sind aber doch sehr trivial. Es handelt sich um einen einfachen Ursache-Wirkung Zusammenhang.
Wir möchten, dass unsere Kinder in Mathe und im Lesen die Mindestkompetenzen erreichen und wir wissen, was dafür gemacht werden muss. Wir machen unseren Kindern nötigenfalls klar, dass der Matheunterricht nicht der geeignete Raum ist, um seine Verhaltenskreativität auszuleben. Die Kinder machen immer die Hausaufgaben. Wir erkennen, dass der Schulunterricht alleine in vielen Fällen nicht ausreicht, um die Mindestkompetenz zu erreichen. Unsere Kinder lernen daher zu Hause. Das Mathebuch, Khan Academy und Anton kosten keinen Cent extra. Nur etwas Mühe für die Kinder und manchmal die Eltern.
Wir faxen nicht unsere Gehaltsabrechnung an den Mathelehrer, die übrigens leider gar nicht so beeindruckend ist, wie das ständige Gerede von wohlhabend und privilegiert suggerieren könnte. Unsere Kinder bekommen die bessere Mathenote und mehr Kompetenzen bestätigt, weil sie aufgrund des Lernens tatsächlich diese Aufgaben korrekt lösen können. Nur dieser magische Geheimtrick führt zur entsprechenden Note, ob das jemand glauben mag, oder nicht.
Viele Eltern in meinem Umkreis finden es seltsam, dass Kinder noch zuhause etwas zusätzlich üben sollen. Die lieben Kleinen, so viel Druck! Tatsächlich fällt es den meisten dann erst beim Übertritt in die weiterführende Schule auf, dass die Mindestkompetenzen – die uns ja häufig auch keiner definiert – gar nicht vorhanden sind. Manche Dinge funktionieren nur durch Übung und auch Lernen muss man lernen. Und leider passiert das bei uns auch nur zuhause…
Was fällt der Politik dazu ein? Die einen möchten die Schulpflicht abschaffen. Angesichts der Situation in manchen Grundschulen möchte ich da sagen, müssten wir Eltern nicht arbeiten, könnten die Kinder vielleicht zuhause tatsächlich manche Dinge besser und in Ruhe lernen… die anderen fordern wieder dazu auf, die Schüler länger gemeinsam zu unterrichten, um Bildungsgerechtigkeit zu schaffen. Also alle weiter runter im Niveau. Ich schlage mal folgendes Experiment vor: Wir teilen die Kinder schon in Klasse 2 auf. Die einen dürfen dann schneller vorangehen und sich dafür an projektorientiertem Lernen versuchen. Die anderen bekommen einen höheren Personalschlüssel und werden gefördert, gefördert, gefördert. Weil das zuhause vielleicht auch niemand macht oder kann. Solange die Kinder einer Klasse so heterogen sind, wird man ihnen sonst nicht gerecht.