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Bonesmashing, rohe Eier trinken, ins Gym gehen, sich nichts von Frauen sagen lassen: Wie TikTok toxische Männlichkeit bei Jugendlichen befeuert

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BERLIN. TikTok prägt das Bild von Männlichkeit vieler Jugendlicher weit stärker, als Eltern oder Lehrkräfte oft wahrnehmen. Zwischen Fitness-Tipps, Schönheitsidealen und frauenfeindlichen Botschaften stoßen Jungen auf vermeintlich einfache Antworten auf die Unsicherheiten des Erwachsenwerdens – mit teils gefährlichen Folgen für ihr Selbstbild und ihren Umgang mit Mädchen und Frauen. Pädagogen versuchen deshalb, den Einfluss der sogenannten Manosphere nicht mit Verboten, sondern mit Gesprächen und kritischer Reflexion zu durchbrechen. Die Erfahrungen einer Berliner Schule zeigen: Solche Angebote können Einstellungen verändern – und Jugendlichen helfen, den Algorithmen etwas entgegenzusetzen.

Toxisch. Illustration: News4teachers

Fast jeden Morgen schlägt sich Elias mit einem Hammer auf seine Gesichtsknochen. Bonesmashing nennt man diesen gefährlichen Social-Media-Trend. Den Knochen sollen dabei angeblich kleine Frakturen hinzugefügt werden, mit dem fragwürdigen Versprechen, sie würden danach kantiger zusammenwachsen und dem Gesicht einen markanteren und männlicheren Look verleihen. «Am Anfang hat es weh getan, aber jetzt nicht mehr wirklich», sagt der 15-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. Elias heißt eigentlich anders. Um ihn zu schützen, wurde sein Name geändert.

Bonesmashing, rohe Eier trinken, ins Gym gehen, sich nicht von Frauen beeinflussen lassen – auf TikTok bekommen junge Männer wie Elias unablässig zu hören, was sie tun müssen, um attraktiver, stärker, männlicher zu werden. Die App ist voll mit solchen Videos von Influencern aus der sogenannten Manosphere, einem Netzwerk frauenfeindlicher Online-Communities, das sich vor allem an junge Männer richtet, stereotype Männlichkeitsbilder propagiert und Frauen als Gegnerinnen darstellt. Elias sagt, jedes dritte bis vierte Video zeige ihm solche Inhalte. Er verbringt täglich bis zu acht Stunden auf TikTok, schätzt er. «Das macht irgendwas mit mir», gibt er zu.

Workshops an Schulen sollen Jugendlichen helfen

Warum springen junge Männer auf diese Inhalte an? Wie fängt man sie auf, hilft ihnen, ein gesundes Selbstbewusstsein und ein korrektes Verhalten gegenüber Frauen zu entwickeln? Der Berliner Pädagoge Maximilian Schneider hat dafür kein Zauber-, aber ein sehr gutes Mittel: Er geht in Schulen, spricht mit Jugendlichen und hört ihnen zu.

Schneider ist Referent für politische Bildungsarbeit beim Berliner Verein «Gesicht Zeigen!». Im Rahmen des Projekts «Die Freiheit, die ich meine» begleitet er Neuntklässler ein halbes Jahr lang. Er spricht mit ihnen über Identität, Diversität, Diskriminierung, Geschlechterrollen und Männlichkeit, zwei Schulstunden pro Woche, fest im Stundenplan verankert. Er und ein Kollege sprechen mit den Jungen, zwei Kolleginnen getrennt mit den Mädchen.

Viele Jungs hätten das Gefühl, Männer würden benachteiligt und diskriminiert, auch wegen des Feminismus, beobachtet der 33-Jährige. Alte Männlichkeitsbilder funktionierten nicht mehr, das verunsichere. Auf TikTok fänden sie scheinbar einfache Antworten auf komplexe Themen. «Du bist kein Einwechselspieler, du bist der Stürmer», schreit ein muskulöser Mann einem dort entgegen. «Frauen wollen von dir dominiert werden», erklärt ein anderer, oder: «Der einzige Weg zu gewinnen, ist ein Narzisst zu werden.» Manche TikToker rufen dazu auf, die Partnerin mindestens einmal in der Woche zu schlagen, damit sie wisse, wer der Mann im Haus sei.

«Entweder bricht der Knochen oder nicht»

Viele dieser Pseudo-Weisheiten sind zutiefst frauenfeindlich und faktisch falsch – etwa, die Behauptung über Mikrofrakturen beim Bonesmashing. Das sei sehr unwahrscheinlich, erklärt der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg Jörg Wiltfang vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. «Entweder bricht der Knochen oder nicht.» Begrenzte Absplitterungen – Mikrofrakturen, wie es auf TikTok genannt wird – werden so eher nicht entstehen. Sichtbare Veränderungen im Gesicht, die direkt nach der Manipulation entstehen, sind Folge der Weichteilschwellung und nicht durch eine Veränderung der Knochenstruktur bedingt, wie Wiltfang erklärt, der Post-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (DGMKG) ist. «Die Haut und das darunter liegende Weichgewebe werden lokal geschädigt und schwellen an.» Es könnten Blutergüsse und offene Wunden entstehen, die Narben hinterlassen könnten. «Wir raten davon ab.»

Nicht stark genug, nicht reich genug, nicht diszipliniert genug

Die Inhalte aus der Manosphere vermittelten ein sehr eindeutiges Bild von Männlichkeit, erklärt Schneider. Deswegen komme das so gut bei jungen Männern an. «Der Mann ist der Ernährer, der Mann ist dominant, der Mann ist kontrolliert», fasst Schneider einige der Kernbotschaften zusammen. Die Teenager-Zeit sei eine fragile Phase, Jugendliche seien anfällig für Informationen, die vermeintlich mit sehr klaren Handlungsanweisungen versehen sind. Die Clips versprächen Lösungen für Erfolg und Anerkennung. «Und danach sehnt sich jeder Mensch. Jeder Mensch will Anerkennung bekommen.»

Oft seien es jedoch toxische Erzählungen, die mit einem defizitären Blick arbeiteten: Du bist nicht stark genug, nicht reich genug, nicht diszipliniert genug.

Mit 11 Jahren beim Fußball aufgehört – wegen TikTok

Im Schnitt verbringen Jugendliche laut einer von der EU-Kommission beauftragten Umfrage unter der Woche 4,5 Stunden und an Wochenendtagen 6,1 Stunden vor Handys, Tablets oder dem Fernseher.

Der TikTok-Algorithmus kann Jungen, die sich etwa für Fitness oder Luxusautos interessieren, verstärkt Inhalte rechtsextremer Akteure oder der Manosphere anzeigen, wie qualitative Analysen nach Angaben des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) zeigen. Diese knüpften gezielt an Gefühle wie Einsamkeit oder Frustration an.

Elias hat mit 11 Jahren aufgehört Fußball zu spielen, weil Männer auf TikTok sagten, das sei schwul, wie er erzählt. Wer stark sein und sich verteidigen wolle, müsse Kampfsport machen. Inzwischen geht er boxen. «Ich finde es auch bisschen schwer, rauszufinden, wer ich selber bin, weil ich mich auch sehr viel mit anderen vergleiche wegen TikTok und auch so in der Realität.»

Sein Mitschüler Levin stand in der siebten Klasse mal um 5.30 Uhr auf, um joggen zu gehen. «Nur weil ich das davor gesehen habe und mir dachte, ja, ich muss das jetzt auch machen und dann bin ich auch krass und gehöre dazu», sagt der 17-Jährige. «Es gibt viele Videos, die dein Denken verändern.» Beide investieren viel Zeit in ihr Aussehen, so erzählen sie es. «Aussehen ist ein sehr großer Punkt, ich bin ehrlich», sagte Levin, dessen Name ebenfalls geändert wurde. Man versuche, das Maximum aus sich herauszuholen.

Workshop hat Elias‘ Sicht auf Beziehungen verändert

Wichtig sei es, die Jugendlichen nicht zu verurteilen, um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, sagt Schneider. «Wir bewerten das nicht, wir sagen nicht, es ist schlecht, pumpen zu gehen, auf gar keinen Fall», so der 33-Jährige. «Wir wünschen uns, dass Jugendliche eine Chance bekommen, ein gesundes Selbstbewusstsein über sich selbst in Bezug auf die Beziehung zu ihrer geschlechtlichen Identität beziehungsweise den Erwartungen an ihr Geschlecht zu entwickeln.»

Die Georg-Weerth-Schule in Berlin-Friedrichshain ist eine von insgesamt drei Schulen, an denen Schneider und seine Kolleginnen und Kollegen regelmäßig Klassen begleiten. Auch Elias und Levin haben seinen Workshop ein halbes Jahr lang besucht. «Bei mir hat das bisschen meine Sichtweise auf eine Beziehung verändert, weil davor habe ich immer so gedacht, sie darf keine Jungsfreunde haben und sie darf dies und das nicht, und nach diesem Workshop ist mir das eigentlich egal», sagt Elias. TikTok sei für ihn nach wie vor Unterhaltung, aber er denke beim Schauen jetzt häufiger über den Workshop nach.

«Ich glaube, andere Jungs bräuchten das auch»

Levin hat gelernt, bestimmte Dinge häufiger zu hinterfragen, wie er erzählt. Ihm sei zum Beispiel klar geworden, dass er nicht jede Situation kontrollieren könne und müsse. Auf TikTok hätten ihm Männer erklärt, dass es wichtig sei, eine Präsenz zu haben, allen im Raum klarzumachen, der Krasseste zu sein, immer stark zu sein, egal wo man sei. Das sei Quatsch, wie er jetzt wisse.

Auch Männer, die weinen, sollten seiner Ansicht nach kein Tabu sein. «Weil manche Personen denken vielleicht, du hast kein Gefühl oder so, oder bist kalt, was ja nicht stimmt.» Mit seinen weiblichen Freundinnen verstehe er sich jetzt besser. Er sehe sie mit anderen Augen. Würde er den Workshop weiterempfehlen? Levin ist überzeugt: «Ich glaube, andere Jungs bräuchten das auch.» News4teachers / Von Mia Bucher, dpa

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13 Kommentare
Joachim Schwarz
5 Stunden zuvor

Sicher gibt es auch negative Aspekte. Insgesamt ist die Rückkehr zu mehr Männlichkeit bei den Männern aber wünschenswert und überfällig.

DerechteNorden
4 Stunden zuvor
Antwortet  Joachim Schwarz

Was ist denn Männlichkeit eigentlich genau?

Walter Hasenbrot
4 Stunden zuvor
Antwortet  Joachim Schwarz

Was soll denn „mehr Männlicheit“ sein?

Wir haben doch gerade das Gendern abgeschafft. Es gibt demnach nur noch die binäre Einteilung männlich-weiblich. Entweder Mann oder Frau, dazwischen gibt es nach den Erlassen der Bildungsisterien nichts mehr (zumindest sprachlich).

Die Forderung nach „mehr Männllchkeit“ klingt für mich nach einer Rückkehr zu antiquierten, teilweise toxischen Mänlichkeitsbildern

Schademarmelade
4 Stunden zuvor
Antwortet  Walter Hasenbrot

Aber genau da sind sie im Bereich des Probleme schaffens. Toxische Männlichkeit. Männlichkeit geht immer Hand in Hand mit toxisch. Wieso muss der Begriff unbedingt negativ konnotiert werden?
Immer wieder zu betonen wie problematisch „Männlichkeit“ ist hilft doch nicht. Das löst nicht das Problem. Das schafft verhärtete Fronten.
Männlichkeit kann auch etwas sehr positives sein. Für Männer und für Frauen.

Walter Hasenbrot
3 Stunden zuvor
Antwortet  Schademarmelade

Männlichkeit ist nicht immer toxisch, das habe ich auch nicht gesagt.

Aber „mehr Männlichkeit“ ist meistens toxisch. Auch die Rückbesinnung auf antiquierte Männlichkeitsbilder ist in der Regel toxisch.

Es hatte schließlich seine Gründe, warum dieses Männlichkeitsbild seit den 70er und 80er Jahren krititsiert wurde.

vhh
4 Stunden zuvor
Antwortet  Joachim Schwarz

Spricht das gegen dieses Programm? Einiges wäre wohl wünschenwert: Unterstützung, Gemeinschaft, Verantwortung, Grenzen kennen und freiwillig einhalten, alles Dinge, die vielen Jungen nicht automatisch einfallen. Das einfache ‚Rückkehr zu mehr Männlichkeit‘ ist schon von Tiktok usw besetzt: mit Dominanz, Muskeln, Aggression und Überlegenheitsanspruch, insofern eine sehr problematische Formulierung. Diese Männlichkeit der fünfziger Jahre ist heute eine lächerliche Karikatur dessen, was Mann sein kann, auch was Beziehungen sein können. Die größten Probleme haben die meisten dabei, sich selbst ein passendes Rollenbild vorzustellen, zu viele Möglichkeiten vs. ‚da gehörst du hin‘. Reden ist da sehr hilfreich und kein bisschen unmännlich.

Rainer Zufall
4 Stunden zuvor
Antwortet  Joachim Schwarz

Was konkret wünschen Sie sich an der „Männlichkeit“ zurück?
Was fehlt da Ihrer Meinung nach?

Schademarmelade
4 Stunden zuvor

Das ist das Endprodukt aus vielen Fehlern die wir als Gesellschaft machen.

1.Beide Eltern müssen/sollen arbeiten.

2. Keiner in der Familie hat Zeit/ Energie für die Kinder insbesondere Jungs die fordernder sind.

3. Die Kita soll die Werte beibringen. Dort sind nur Frauen. Frauen und Männer sind grundverschieden. Jungs kommen nicht klar im System. Bekommen zu hören und spüren sie sind das Problem.

3. Grundschule. Wieder viele Frauen, wenig Männer und viel still sitzen. Jungs merken mehr wie sie das Problem sind. Werden immer frustrierter und hängen nun schon am Tablet nach der Schule. Leider hat keiner mehr Interesse an Sport und Familie.

4. Weiterführende Schule. Nachdem man nun schon 12 bis 13 Jahre gehört hat wie problematisch man ist ist man sehr empfänglich für Bauernfänger die mit abstrusen Ideen von „Männlichkeit“ daher kommen.

Lösung? Keine Ahnung. Lass ein paar Workshops in der Schule machen. Am Besten von Lehrern, in irgend welchen Nebenfächern, die Null Beziehung zu den Schülern haben, in keinster Weise respektiert werden da sie Werte vertreten die nicht konform mit den medial konsumierten Werten sind und vorbei an den Bedürfnissen unterrichten.

ed840
4 Stunden zuvor
Antwortet  Schademarmelade

Viele Jungs hätten das Gefühl, Männer würden benachteiligt und diskriminiert,“

Scheint in Bezug auf Schule auch nicht ganz unbegründet zu sein.

Warum Jungen in der Schule abgehängt werden – und was sich dagegen tun ließe: Empfehlungen der Ifo-Bildungsforscher – News4teachers

Überproportional viele Jungen: Mehr Kinder an Förderschulen eingeschult – trotz Inklusion – News4teachers

usw. usw.

Rainer Zufall
3 Stunden zuvor
Antwortet  ed840

Aber bitte nichts gegen Toxische Männlichkeit unternehmen, keine Schüler*innenpartizipation, keine mordernen Inhalte, keinen Ganztag und ganz bitte keine Arbeit fü… ich meine naürlich Verantwortung für die Schulen. Das sollen Familien doch bitte in „Eigenverantwortung“ lösen… (gähn)

Fräulein Rottenmeier
4 Stunden zuvor
Antwortet  Schademarmelade

Wir benötigen in Kitas und Grundschulen mehr männliche Lehrkräfte, die durchaus Vorbilder sein können. Damit wäre schon viel geholfen.
Vielleicht sollte in beiden Professionen über männliche Gleichstellung nachdenken…..

Rainer Zufall
3 Stunden zuvor
Antwortet  Schademarmelade

Na, dann freuen Sie sich ja sicher über die oben genannten Influencer, welche „stereotype Männlichkeitsbilder propagier[en] und Frauen als Gegnerinnen darstell[en].

„Frauen wollen von dir dominiert werden“,
„Der einzige Weg zu gewinnen, ist ein Narzisst zu werden.“
Diese Leute arbeiten wie Sie daran, die „Fehler“ der Gleichberechtigung rückgängig zu machen: Dann hat die Frau wieder zu gehorchen und dard nur mit Erlaubnis des Mannes arbeiten – mit weniger Lohn versteht sich.

Bis zum nächsten Fakeaccount. Tschöö 😀

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